Tacheles
Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
21.3.2003
Gary Smith
Direktor der American Academy Berlin

Gary Smith, sind Sie im Moment, wenn Sie Diskussionen über den Irak-Krieg führen, eigentlich eher Amerikaner oder ein Regierungskritiker?

Ich bin Demokrat - aus Texas übrigens - und gehöre zu den 46 Prozent, die in Texas nicht für George Bush gestimmt haben. Es ist so, wenn ich im Sommer zu Hause in Austin bin, dann werde ich als ein sehr europäisierter Amerikaner empfunden. Ich fühle mich schon als ein Zwitterwesen, das in beiden Welten heimisch ist aber gleichzeitig nicht. Das heißt, ich kritisiere schon einiges, aber ich muss sagen, trotz der groben diplomatischen Ungeschicklichkeiten der Bush-Regierung, hat sie viel mehr richtig als falsch gemacht. Ich wünsche mir nach wie vor Richard Holbrooke als Außenminister, da hätten wir diese diplomatischen Fehltritte nicht gehabt.

Irritiert Sie die große Koalition, die sich in Deutschland in der Ablehnung dieser Politik der Bush-Regierung gebildet hat? Meiner Meinung nach hat es das in der Weise noch nicht gegeben: von Trittin bis Gauweiler sind sich alle einig in der Ablehnung sowohl der Ziele wie auch der Mittel der Bush-Regierung. Wie empfinden Sie das als jemand, der hier vermittelt?

Ich versuche, die Leute dazu zu bringen zu differenzieren. Das heißt, es stört mich nicht mehr als die unreflektierten Demonstrationen damals gegen den ersten Golfkrieg, als so viele Scud-Raketen auf Israel gerichtet waren. Das fand ich einfach grotesk. Jetzt haben natürlich die Kriegsgegner manche guten Argumente und manche schlechten Argumente, und ich wünsche mir, sie würden sich auf die guten Argumente konzentrieren.

Was sind denn die guten Argumente?

Man soll sich schon darum sorgen, welche außenpolitischen Imperative und Ideologien hinter der Politik stehen. Es gibt in Amerika - übrigens seit einem Jahr - eine sehr kritische Auseinandersetzung um diese Doktrin der präventiven Kriegsführung, des vorbeugenden Krieges...

Glauben Sie, dass man auch gegen Saddam Hussein aus anderen Gründen vorgehen könnte, ohne dieses Argument "Präventiv-Krieg"?

So ist es. Ich finde, der Krieg ist an sich gerechtfertigt. Ich war gegen den Krieg wegen der Kollateral-Schäden, das heißt der Schaden für die Vereinten Nationen, den Sicherheitsrat, manche internationalen Koalitionen ist sehr groß. Das ist nicht unbedingt eine Kritik an der Bush-Regierung, denn ich könnte die französische Position viel schärfer kritisieren, denn sie ist eine rein von Interessen geleitete Position, wie auch die russische.

Aber die amerikanische ist auch eine von Interessen geleitete. Hier gibt es andere Interessen, aber man kann, glaube ich, nicht sagen, dass sie weniger von Interessen geleitet ist als die der anderen.

Ich glaube nicht, dass Sie das wirklich glauben. Wenn Sie die außenpolitischen Sorgen der amerikanischen Regierung betrachten - nicht nur dieser, auch der letzten, der Clinton-Regierung - und die Rolle, die der Irak gespielt hat, sogar seit dem ersten Golfkrieg, wenn Sie das Problem Irak betrachten, in den neunziger Jahren, als sie die Inspektoren rausgeschmissen haben, die Exilierung von vier Millionen Irakis, die Ermordung einer Million Irakis - das ist das einzige Terror-Regime in der Welt, das biologische und chemische Waffen verwendet hat, und sogar gegen die eigene Bevölkerung. Das darf man nicht vergessen.

Man darf nicht vergessen, wer die zum Teil geliefert hat.

Ja, wissen Sie, das sind solche Argumente, die ich wirklich verurteile. Die Amerikaner haben den kleinsten Teil - weniger als fünf Prozent - dieser Waffen geliefert. Das macht sie nicht weniger schuldig. Aber wenn man sieht, was die Deutschen und die Franzosen geliefert haben, dann sollten sie ruhig sein. Das heißt, nehmen Sie wirklich die guten Argumente und lassen Sie die schlechten Argumente beiseite. "Krieg für Öl" - das ist ein schlechtes Argument. Internationale Bündnisse, internationale Gesetzgebung, das ist ein gutes Argument. Und ich sage nur noch eines: Amerika hat sich verändert seit dem 11. September. Das ist nicht nur eine starke psychologische Veränderung, das ist vielleicht etwas wie, dass einem die Augen geöffnet werden, und natürlich haben wir unsere Augen geöffnet. Was mir diese Krise zeigt ist: Als der Kalte Krieg vorbei war, haben wir vieles schleifen lassen, wir haben immer gesagt, über die NATO muss neu nachgedacht werden, über Europa muss neu nachgedacht werden, vielleicht müssen die UNO und der Sicherheitsrat neu überholt werden, aber wir haben das nicht gemacht. Wir haben das nicht ernst genommen, weil die Krise nicht da war, die uns gezwungen hat, das zu machen.

Also ist diese Krise auch eine Chance?

Diese Krise halte ich für eine große Chance.

Warum sehen die Europäer das anders als die Amerikaner? Warum fühlen die sich nicht in gleicher Weise gefährdet? Die naheliegende Erklärung - Sie haben es angesprochen - ist der 11. September. Aber kann das wirklich diesen Unterschied der Wahrnehmung erklären?

Es gibt eine Reihe von Gründen. Erstens: es gibt nicht DIE Europäer, das sehen wir ganz eindeutig und man sieht deutlicher denn je, dass Europa nur ein Wort ist, Europa ist nur eine Währung, aber es ist kein Bewusstsein. Es hat nicht nur keine gemeinsame Sicherheitspolitik, es wird lange Zeit keine gemeinsame Außenpolitik haben. Und als Pragmatiker, auch als Demokrat, muss ich sagen: Warum soll der Rest der Welt, der manche Krise bewältigen muss, darauf warten, dass die Europäer ihre Identität finden? Wir haben immer darauf gewartet, dass die Deutschen ihre Identität finden. Die werden sie nie finden, außer, sie finden sie in Europa. Der 11. September hat in Amerika die politische Klasse und auch die Bevölkerung dafür sensibilisiert, dass man manche Gefahren in der Welt nicht schleifen lassen kann, dass man sie ernst nehmen muss. Und eine Gefahr ist - egal, wie schlecht die Bush-Regierung das vermittelt hat - eine Gefahr ist die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, von ABC-Waffen. Und wenn Sie dieses Problem ernst nehmen, dann müssen Sie das Problem Irak ernst nehmen.

Nun ist der Eindruck entstanden, das die UNO von der amerikanischen Regierung sehr instrumentell gesehen wird, dass sie also sagt: Wenn ihr nicht genau das macht, was wir wollen, dann seid ihr irrelevant. Nützt ihr uns, seid ihr gut, nützt ihr uns nicht, dann geben wir keinen Cent drauf.

Es gibt sehr viele verschiedene Stimmen innerhalb der Bush-Regierung, es gibt verschiedene Stimmen innerhalb der rot-grünen Regierung und innerhalb Deutschlands und Europas. Es gibt viele rhetorische Entgleisungen auf beiden Seiten und man soll nicht nur das hören, was die eigene Kontra-Position fördert. Jeder seriöse amerikanische Politiker - egal welcher Couleur - weiß, dass weder Europa irrelevant ist noch die UNO, noch der Sicherheitsrat. Das heißt nicht, dass sie nicht glauben, dass die UNO und der Sicherheitsrat und die NATO überdacht werden müssen; das heißt nicht, dass sie nicht furchtbar böse auf Deutschland sind. Zu sagen, "Deutschland ist irrelevant", ist ein Fehler, dass ist keine Diplomatie - und das hat natürlich die deutsche Position verhärtet. Ein Land mit achtzig Millionen Leuten, mitten in Europa, ist nicht irrelevant, das sieht jedes Schulkind in Amerika.
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