Tacheles
Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
20.6.2003
Adolf Muschg
Schriftsteller und Präsident der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg

FRAGE

Herr Muschg, was macht einen überzeugten Europäer, wie Sie sich ja selbst gern bezeichnen, aus?

ANTWORT

Ja, das ist furchtbar, schon die Wortbildung 'überzeugter Europäer' ist fast schon fast so schlimm wie ein 'guter Amerikaner'. 'Überzeugter Europäer' heißt eigentlich, es hat einen eingebauten Kippschalter, das heißt, man ist auch bereit, seine Überzeugungen in Frage zu stellen. Unter anderem gehen die nach seinem Europäertum, denn für mich ist Europa der Kontinent, auf dem gefragt werden darf, gefragt werden muss, seit Sokrates. Es ist eine Kultur der Frage.

Sie definieren Europa philosophisch und nicht etwa geographisch oder politisch?

Geographisch lässt sich das nicht definieren, und zwar hat Havel eine ganz schöne Definition, die ein bisschen pathetisch klingt: Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft. Das klingt nach Soap Opera, aber es hat was. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, das heißt, eine Geschichte mit wenig Gemeinsamkeit, wir mussten Gemeinsamkeit in den Niederlagen entdecken und wenn es überhaupt ein Kollektiv mit einem Prozess gibt - das kann man sich echt fragen - aber wenn man aus der Geschichte etwas lernen kann: wo, wenn nicht da?

Sie sind Schweizer, hat das für Sie als Schweizer dieses europäische Thema eine besondere Bedeutung? Ist das in der Schweiz ein Thema, das ganz klar politisch kodiert ist, ist europäisch sein 'links' in der Schweiz?

Links nicht, das hat sich alles ein bisschen geändert. Die Linke ist auch nicht mehr so pro-europäisch, wie sie war. Es ist irgendwo ein Komödienstoff geworden weil, es ist ein Kerngebiet Europas, es ist sogar in der Zusammensetzung seiner Nationalitäten, seiner Mini-Nationalitäten könnte es in mancher Hinsicht ein Modell sein. Ich sage nicht, ein Vorbild, aber da ist viel gelungen und es hat einfach etwas nicht stattgefunden in der Schweiz, nämlich der Weltuntergang. 1945 ist für die übrigen Europäer eine Welt untergegangen, auch für die Siegermächte und die Schweiz hat Recht gekriegt und Rechthaber lernen nichts. Das ist das Schlimme und wenn sie das Gefühl haben, es hat sich ja gelohnt die Neutralität, draußen zu bleiben, dann wird es sich auch weiter lohnen und das ist eine stehen gebliebene Haltung, die die Schweizer zu - sagen wir mal - ungeschickten und unbegeisterten Europäern macht.

Ist das nicht eine gefährliche Verlockung für die Europäer, sich in dieser Weltlage, in der wir sind, die Schweiz zum Modell zu nehmen und zu glauben, man könne sozusagen als die 'Weltschweiz' sich aus Konflikten raushalten?

Ich habe von einem Schweizer Banker gehört, der natürlich nicht genannt werden will, dass diejenigen, die am meisten interessiert dran sind, dass die Schweiz nicht in die EU kommt, bestimmte Finanzmarkt-Größen des EU-Raumes sind. Die haben gern ein Dienstleistungszentrum, das nicht EU-Regulationen unterworfen ist, in ihrer Mitte. Ich weiß, dass ich die Integration der Schweiz in Europa, die politische, nicht erleben werde,seit ich weiß, dass die Banker dagegen sind. Aber das andere, da sprechen zwei Seelen, mindestens zwei Seelen aus meiner Brust. Ich möchte kein eigenes Europa, kein Europa der Enthaltsamkeit, dazu ist es ja auch Kraft seiner Größe zu etwas anderem verurteilt. Ich stelle mir vor - jetzt aus meiner heimischen Erfahrung - zwischen der UNO als dem Versuch, die Weltgesellschaft zu zivilisieren und dem 'Sandkasten Schweiz', wo diese Zivilisation verschiedener Gruppen ganz ordentlich gelungen ist, muss es eine intermediäre Größe geben, die sich sozusagen als Vorkämpfer der Zivilgesellschaft auf der Welt, und zwar der supernationalen ohne Nationalismus, einübt und ich glaube, das geht, wenn man gemeinsame Projekte hat - es muss nicht nur die Währung sein -, dann geht das. In der Schweiz ist es auch gegangen.

Um das aufzunehmen, was Sie gesagt haben, könnte man ein bisschen zynisch formulieren, ein Hoch auf die Katastrophe, denn sie lehrt uns etwas, und könnte man weiter sagen, ein Hoch auf den Irak-Krieg, denn er hat uns möglicherweise einiges beschert: zum Einen so was wie eine Art europäische Öffentlichkeit, jedenfalls wenn man dem Philosophen Jürgen Habermas an dem Punkt folgt, dass diese grenzübergreifenden Anti-Kriegs-Demonstrationen im Februar ein Indiz dafür sind, und sie hat uns Engagement der europäischen Intellektuellen beschert, die in einer gemeinsamen Aktion sich für eine Neu-Definition, eine Neufindung Europas eingesetzt haben Ende Mai - Sie waren einer dieser Intellektuellen, die da geschrieben haben. Bedarf es tatsächlich der Katastrophe, brauchen wir erst mal Krieg damit wir sozusagen aus den Puschen kommen, also uns wirklich engagieren und auch öffentlich mit dem Thema Europa und wo soll es hingehen, auseinandersetzen?

Ich glaube, bei aller Fragwürdigkeit, der Übertragbarkeit kollektiver Biographien auf individuelle, jeder für sich selbst kann das beantworten, er ist eigentlich nur durch Krisen gewachsen. Lernprozesse sind kritisch und 'immer weiter so' ist keine Form von Zivilisation. Ich fürchte, ja, der Mensch muss nicht nur an seine Grenzen stoßen, auch der organisierte Mensch muss in irgend ein Loch fallen, um sich nicht nur zu berappeln, sondern auch seine Wege neu zu wählen.

Gilt das auch für sie selbst?

Ganz sicher, ja, soweit ich mich selber beurteilen kann. Ich habe den Stachel gespürt nach dem Irak-Krieg, auch eine gewisse Hilflosigkeit, war dankbar für die Initiative von Habermas, obwohl ich gar nicht in allem mit ihm überstimme, wohl darin übereinstimme, dass wir beide keine Anti-Amerikaner sind. Wir weigern uns, die Bush-Administration als den einzigen Ausdruck Amerikas - wir haben einen anderen erlebt - zu akzeptieren. Aber wahr ist, dass eine ganz entscheidende Weichenstellung passieren könnte, die auch die künftigen Administrationen - selbst wenn sie anders orientiert sind - fahren muss. Und dass man sich dagegen wehrt, dass man diesen Reflex spürt, das habe ich auch als Wohltat empfunden.

Aber ist das Wehren nicht ein bisschen wenig, wir haben ja auch gesprochen von dem Lernen aus den europäischen Katastrophen, kann man nicht aus diesen Katastrophen auch Schlüsse ziehen die zu einer aktiveren Politik - wie auch immer die dann aussieht - die muss ja nicht Krieg sein in Richtung auf Demokratisierung, Veränderung des Status Quo hinausläuft?

Natürlich. Aber Sie wissen, man braucht Anstöße. Richard Rorty hat als Amerikaner ja teilgenommen - als einziger Amerikaner - an dieser Übung der europäischen Intellektuellen und hat geradezu die Europäer beschworen, Amerika an die andere Komponente seiner Geschichte zu erinnern: 'Tut uns den Gefallen nicht, jetzt der Liebedienerei und der Kuscherei vor den Tatsachen, denn wir brauchen ein Europa, das opponiert'. Das darf man ihm als Nicht-Amerikaner eigentlich nicht nachsprechen, aber ich bin sehr dankbar, dass es diese Stimme gibt. Man muss da einfach geweckt werden. Ich sehe die Habermas'sche Aktion in diesem Sinne als das Anwerfen eines Motors, der noch nichts sagt über die Reiseroute, sondern nur dafür sorgt, dass wir uns überhaupt wieder bewegen, und wir haben so viele Gründe uns zu bewegen, scheint mir. Ich habe in der Schweiz drei Jahre an einer Verfassungskommission teilgenommen, aus der Verfassung ist nichts geworden, ich sehe mit großer Bewunderung, mit großem Erstaunen, wie ein auf dem Papier viel unbeholfeneres politisches Kollektiv für Europa in nützlicher Frist so was hinkriegt. Das ist gewaltig.

Was aber im übrigen erstaunlicherweise oder bezeichnenderweise die Europäer nicht so sehr bewegt hat wie die ganze Kriegs-Diskussion. Der EU-Konvent, der ein öffentliches Ereignis sein sollte, der sehr demokratisch und für alle für Beteiligung auch offen durchgeführt werden sollte und auch wurde, es wurde ja gar nicht in dem Maße angenommen, hat die Leute nicht mobilisiert. Es hat ihnen eigentlich nicht klargemacht, wie existenziell das ist, was da besprochen wird, nämlich eine gemeinsame Verfassung.

Verfassungsarbeit ist nie spektakulär, das habe ich erfahren. Dies kann man im Grunde nicht so veröffentlichen, dass den Leuten der Atem stockt. Wohl tut er das bei einem Kriegs-Szenario, da läuft jeden Tag was. Aber ich glaube, die langfristige Wirkung, eine Verfassungsdiskussion, die geht sehr viel tiefer. Man wird sich an diese Arbeit in Brüssel noch erinnern, weil ihre Folgen dann ja gesetzförmig werden, weil sie tatsächlich auch in Gewohnheit übergehen, in Regulationen, in Spielregeln sage ich lieber, in Regulationen fürchtet man sich ja sofort. Ich glaube, dass diese Verfassungsarbeit etwas absolut Revolutionäres ist in den Folgen.

Nützt es denn der Akademie der Künste, wenn ihr Präsident derartig sich politisch auch öffentlich und auch relativ lautstark, zumindest lesbar, hörbar einmischt?

Ich bilde mir ein kein ganzer Lehrling zu sein, wo es um Europa geht, denn ich komme aus einem europäischen Land. Ich bin aber sehr wohl ein Lehrling wenn es um Berlin-Brandenburg geht. Es geht um die Dinge, die jetzt existenziell als die 'bread-and-butter-things', 'Brot-und Butter-Sachen' für die Akademie sind. Da muss ich ganz einfach sehr viel lernen. Ich muss die Atmosphäre dieser Stadt kennen lernen, ich kann ja hier nicht agieren, ohne zu wissen, wer meine Ansprechpartner sind, was sie sich erwarten, erhoffen. Was getrau ich mich, dagegen zu halten, wo halte ich mit Sachkompetenz dagegen. Das sind Dinge, für die ich jetzt wohl ein Jahr brauche. Da bin ich einfach Lehrling. Es liegt mir sehr daran, dass diese Akademie in dieser Stadt ist, aber dazu gehört, dass diese Stadt in Europa liegt, und diese zweite Sorge ist sozusagen jetzt diejenige, wo ich unmittelbar etwas tun kann. Das andere ist mein persönliches Pflichtenheft.

Sie übernehmen die Akademie zu einem Zeitpunkt, wo sie einen Umzug zu bewerkstelligen hat, der in dieser Weise auch symbolisch ist, sie zieht an den prominentesten Platz in der Stadt, direkt ans Brandenburger Tor. Direkt neben dem Adlon werden Sie an einer edlen Adresse dort Veranstaltungen demnächst durchführen können. Ist das auch eine symbolische Veränderung, werden Sie die Akademie anders in das Gespräch dieser Stadt zwischen Bund und Berlin einbringen wollen, haben Sie da schon Vorstellungen?

Es muss uns sehr viel einfallen. Es ist ja immer noch nicht sicher, ich habe dem Bausenator einen Brief geschrieben und gesagt 'nennen Sie uns bitte ein Datum, wo wir sicher einziehen können'. Die Antwort auf diesen Brief habe ich noch nicht, offenbar kann es der Bausenator selbst nicht geben. Ich hoffe, wir können aus der Not eine Tugend machen und können sagen, der Platz, der für die Ewigkeit steht, vom Brandenburger Tor angefangen, renoviert, alles durchpoliert, durchgestylt, dass wir da in gewissem Sinn nicht nur eine gläserne Fassade, eine durchsichtige sind, sondern auch ein dauerndes Provisorium, ist nicht nur falsch. Also, das Schöne am Hanseatenweg, alles schon ein bisschen vergammelt...

Im Tiergarten gelegen - für Nicht-Berliner - also ein Stückchen jenseits der Peripherie.

Am anderen Ende eigentlich, man geht durch den Tiergarten von einem Arbeitsplatz zum anderen. Zum Pariser Platz zurück: dass er uns eine ganz bestimmte repräsentative Rolle aufdrängt, gibt uns die Chance, mit dieser Rolle zu spielen, sie zu unterlaufen, nicht nur was das Provisorium angeht sondern auch was den hauptstädtischen Anspruch angeht. Der hauptstädtische Anspruch kann ja nicht nur erhoben werden, er muss gelebt, unterwandert, umspielt, darf nicht monumental geäußert werden. Und da sehe ich die Möglichkeit eines Gegenspiels, das nicht frivol, nicht zynisch, nicht hämisch, sondern witzig sein soll. Wie das dann aussieht, ob uns der Bausenator Gelegenheit gibt, noch ein Jahr in einer Ruine zu spielen, das weiß ich noch nicht, aber wir müssen aus weniger mehr machen.

Herr Muschg, Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles auch ziemlich nichts. Im Moment geht es um die Frage, inwieweit der Bund in die Finanzierung einsteigen wird der Akademie oder des Neubaus. Wie viel Bund hätten Sie denn gern, denn die Sache hat natürlich auch immer ein bisschen eine Kehrseite, jemand der Geld gibt, möchte möglicherweise auch gern ein Wörtchen bei Veranstaltungen, bei Ausstellungen, bei Konzepten mitreden. Wäre Ihnen das lieb?

Ja nur gilt das natürlich genau so, wenn eine Akademie in der Zuständigkeit des Landes ist. Das heißt, der Bund, gerade die deutsche Bundesrepublik, ist für mich kein sozusagen von vorn herein zum Misstrauen, zu größerem Misstrauen stimmender Partner, nur weil sie eine andere staatliche Ebene ist. Meine Bedenken, besonders bei der - ich möchte fast sagen - bis zur Selbstverleugnung betriebenen Vorsicht der Macht in diesem Land gegenüber sich selbst, also fast alle Gesprächspartner - in leitenden Stellungen - die ich antreffe, kommen längst, bevor ich dieses Bedenken anmelden kann, kommen selbst mit der Beschwichtigung an, 'das bedeute noch nichts'.

Der Bundespräsident lässt keine Gelegenheit verstreichen, um Heinrich Heine als Modell für den Intellektuellen hinzustellen.

Natürlich. Ich habe eine andere Sorge - wie viel ich mir davon abgewöhnen muss, weiß ich noch nicht - ich sehe mit großem Staunen, wie leicht eine Stadt, ein Land, ein Ort sozusagen bereit ist, aus finanz- und budgetpolitischen oder aus Sparsamkeitsgründen sich etwas wie eine Akademie sozusagen entgehen zu lassen.

Na vielleicht sagen sie, es bedarf ihrer nicht in diesen Zeiten, es war eine Sache, die in Preußen vielleicht ganz sachdienlich war, aber heute haben wir so viele kulturelle Einrichtungen, vielleicht ist das, was nicht ausgesprochen aber irgendwo im Hinterkopf spukt?

Aber dazu muss einer Hauptstadt mit Verlaub mehr einfallen. Es genügt nicht, die Geschichte, die die Akademie so sehr teilt mit der intimen Geschichte dieser Hauptstadt, bis eben auch in die Verirrungen hinein, dass diese Identifikation etwas sein müsste, was ich mir, wäre ich Bürgermeister dieser Stadt, nicht entreißen oder entgehen ließe. Für mich ist das eigentlich keine budgetpolitische Frage, es werden mir zu viele Dinge heute auf dieser Ebene entschieden. 'Können wir uns das leisten, ja oder nein?' Die Frage, können wir uns leisten, das nicht zu haben, wird bei kulturellen Institutionen weniger gefragt.

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