Tacheles
Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
12.9.2003
Lothar Bisky, PDS-Bundesvorsitzender
Wolfgang Leonhard, Historiker und Kommunismus-Experte

Was Herr Bisky, können Sie als Vorsitzender der PDS, der Partei des Demokratischen Sozialismus, eigentlich von Wolfgang Leonhard lernen - von dem Mann also, der im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion geschult worden war, um mit der 'Gruppe Ulbricht' nach dem Krieg ein kommunistisches Deutschland aufzubauen und von dem, der dann mit dem Kommunismus gebrochen hat?

Bisky: Ich habe aus seinen Schriften manches gelernt; ich habe aus Gesprächen viel gelernt. Ich habe auch von dem scharfen analytischen Verstand von Herrn Leonhard profitiert und ich bin durchaus daran interessiert im Gespräch zu bleiben. Er hat ja eine nachgerade zu enzyklopädische Ausrichtung im Bezug auf das, was linke Parteien immer wollten, ihre Programmatik und so. Da kann man viel lernen.

Herr Leonhard, was interessiert umgekehrt Sie an dem PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky?

Leonhard: Mich interessiert seit langem, seit über dreißig Jahren, kaum etwas mehr als Menschen, die in einem kommunistischen System aufgewachsen sind, weitgehend, oft sogar fast völlig, in dem System und in der Ideologie verankert waren und zu bestimmten Zeiten kritisch wurden, die Kritik nachdenklich erweitert haben und vor allem zum System des Ostens eine Alternative zu suchen und zu finden begannen. Den Weg, den diese Menschen gehen und am allermeisten natürlich Menschen, die am 'Prager Frühling' mitgewirkt haben - und die aktivsten Leute des 'Prager Frühlings' - waren nun einmal frühere Kommunisten. Sie blieben Marxisten, vollkommen anderen, gewandelte ehemalige Kommunisten, die sich auf dem Wege zu einer Demokratie mit anderen Akzenten machten. Diese Menschen sind für mich immer interessante Gesprächspartner.

Hat, Herr Leonhard, die PDS als Nachfolgepartei der SED nur eine Vergangenheit - nämlich die SED-Vergangenheit - oder auch eine Zukunft?

B.: Ja ich muss das natürlich sagen, und sage es auch voller Überzeugung: wir haben eine Zukunft! Wir hätten keine Zukunft, wenn wir die SED verlängern würden. Sondern es bedarf einer sehr kritischen Auseinandersetzung, was ja schon auf dem Außerordentlichen Parteitag 89 begonnen hat, wo wir auch mit dem Stalinismus als System gebrochen haben. Es bedurfte einer längeren Auseinandersetzung als mancher von uns damals angenommen hat, auch um praktische politische Schlüsse zu ziehen, innerparteiliche Demokratie ernst zu nehmen, sie zu praktizieren und so weiter und so fort. Aber weil wir das getan haben und weil viele unserer Mitglieder - ich will nicht sagen, jeder einzelne vielleicht, aber viele, die überwiegende Mehrheit - sich gründlich damit auseinandergesetzt hat, haben wir eine Chance. Wenn daraus die richtigen Lehren gezogen werden...

...auseinandergesetzt aber nicht gebrochen?

B.: Gebrochen. Wenn Sie das meinen, dass wir das nie wieder haben wollen, dann haben wir gebrochen.

L.: Da ich die Wandlungsprozesse in anderen Ländern kenne, muss ich ehrlicherweise sagen, dass es in den fünf Ländern der ehemaligen DDR relativ am längsten gedauert hat und teilweise heute noch andauert und am schwierigsten ist. In Polen und Ungarn sind heute die früheren kommunistischen Funktionäre selbstverständlich demokratische Sozialisten - ohne Wenn und Aber. Da habe ich nicht das erlebt was man eben doch bei den Leuten der fünf neuen Ländern der ehemaligen DDR erlebt. Es ist ein schwierigerer Prozess, als ich es 1989 angenommen habe, vielleicht durch die Vereinigung schwieriger geworden oder aber durch ein seltsames Treuebekenntnis.

Das heißt, Sie meinen die PDS habe sich nicht so von ihrer Vergangenheit gelöst und befreit, wie es vergleichbare Parteien in anderen Ländern getan haben?

L: In den letzten zwei, drei Jahren würde ich sagen, hat sich die PDS auch gelöst, aber der Prozess war und ist unweigerlich schwieriger. Aber Lothar Bisky gehört ja zu denen, die diesen Prozess fördern wollen. Aber es gibt noch psychologische Gegenkräfte, die sind immer noch nicht überwunden.

B.: Sie hatten das angesprochen mit dieser Parallelität - einerseits mit der Tradition der SED brechen und zugleich deutsche Vereinigung. Das war ja für viele Menschen nicht nur eine Frage, mit einer Partei zu brechen. Es war ja auch die Situation, sich völlig neu einzuleben, in neue Verhältnisse der Bundesrepublik Deutschland.Von daher war es auch schwieriger für die Leute, die in der DDR gelebt hatten, weil natürlich viel Hilfe aus dem Westen kam - die Transfers. Es ging uns besser als im Osten. Die hatten keinen Bruder, der sie freundlich umarmte, so dass sie zu ersticken drohten. Wir kriegten gleich den 'großen Bruder', der uns gut ernährt hat und uns so freundschaftlich umarmte...

Einfach zu viel materielle Hilfe?

B.: Ich will jetzt nicht nachträglich sagen, es hätte uns ruhig etwas länger schlechter gehen können. Ich war damals für eine Konföderation, mit dem Ziel einer baldigen deutschen Einheit - aber so, dass die DDR die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit selber macht, denn jetzt ist sie viel auch aus dem Westen gemacht, was natürlich auch wieder psychologische Gegenreaktionen hervorgerufen hat. Ich denke, wir sind inzwischen an dem Punkt, wo man auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte in der PDS zu einem gewissen Abschluss gebracht hat. Jetzt beginnt eine Neuaneignung der Geschichte, in dem Sinne, dass die Geschichte ja nie fertig verarbeitet wird, sondern dass man mit neuen Fragen an die Geschichte herangeht. Das heißt für die PDS nicht, dass wir die DDR zurückhaben wollen. Das würde ich ausdrücklich so sagen! Ich kenne auch keinen in der PDS, der das will. Es heißt aber, dass wir mit neuen Fragen herangehen und vielleicht endlich, endlich zu einer differenzierten, sehr kritischen Auseinandersetzung mit der DDR kommen.

Herr Leonhard hatte ja vorhin Vergleiche angestellt mit anderen Ländern und Parteien in anderen Ländern, die sich verändert haben. Früher, zu DDR-Zeiten, war das ja einfach, denn da war die große Sowjetunion, die das Vorbild für Staat, Gesellschaft und für Partei war. Wo ist heute eigentlich das Vorbild für eine Partei wie die PDS?

L.: Das ist der Punkt, der mir doch noch Sorgen macht. Kritik am stalinistischen System, am Breschnew-System, am früheren System der DDR reicht natürlich nicht aus. Sondern es kommt sehr darauf an, positive Beispiele zu durchdenken, zu analysieren. Positive Beispiele heißt nicht, die haben alles richtig gemacht. Das gibt es in der Geschichte nicht, dass man alles richtig macht, aber positive Beispiele gibt es. Wenn Lothar Bisky längere Zeit jetzt Vorsitzender ist, hoffe ich, dann wird das geschehen...

Hat er das denn vor?

L.: Das werden wir gleich hören. Es ist jedenfalls dringend notwendig, dass man einmal betrachtet: Was geschah eigentlich, nachdem die jugoslawischen Kommunisten zur Zeit Stalins unter Führung Titos mit dem System in Moskau gebrochen haben? Oder: Die ungarische Revolution - wie haben sich die ungarischen Revolutionäre das vorgestellt? Und vor allem, das wichtigste Beispiel überhaupt in der Gesamtgeschichte des Sozialismus ist und bleibt für mich der 'Prager Frühling' als ein Beispiel, welches Vorbild man haben könnte. Das war einfach unbekannt. Selbst die höheren Funktionäre kannten nicht einmal das Programm des 'Prager Frühlings', das Aktionsprogramm vom 5. April 68 - kannten die überhaupt nicht! Die zweitausend Worte im Juli 1968 sind erst dieser Tage zum ersten Mal in der Zeitung 'Neues Deutschland' veröffentlicht worden!

B.: Ich bin froh, dass Sie das ansprechen, weil der 'Prager Frühling' zwar in meinen Kreisen mit Sympathie gesehen wurde - ich war damals Student; man hing jeden Abend am Radio - aber dann wurde uns eingeredet, dass dort eine Konterrevolution marschiert, und wir waren so dumm und haben das geglaubt! Das war ein schwerer individueller Fehler, aber auch ein Fehler der Politik. Ich meine schon, ja, Dubcek oder das Konzept 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz' - das ist ein positives Ziel. Da könnte ich mich sofort darauf verständigen. Der 'Prager Frühling' und andere Bewegungen, die aus dem kritischen Kommunismus kamen oder aus sozialistischen Traditionen heraus, die waren da. Sie sind unsere Quellen, auf sie müssen wir uns stützen.

Aber Herr Bisky, Herr Leonhard, der 'Prager Frühling' damals war auch die Hoffnung auf einen sogenannten 'Dritten Weg', ist das heute noch ein Modell?

B.: Der 'Prager Frühling' war eine Sache, das war eine Hoffnung für manche die sagten, wir wollen Sozialismus mit Demokratie, mit menschlichem Antlitz - und dann kam Allende in Chile. Allende war dann sozusagen ein Schlag für uns im Osten. Wir haben immer gedacht, Sozialismus muss auch demokratisch möglich sein und dann wurde mit Allende der einzig demokratisch gewählte Präsident, ausdrücklich mit Hilfe der westlichen - oder mit Duldung - der westlichen Mächte ermordet! Und das war ein Schlag zurück! Aber das ist keine Entschuldigung für uns. Ich will Allende aber dennoch mit denken, weil er für mich ein großes Vorbild ist. Das ist ein außerordentlich mutiger Mensch gewesen. Er hat auch gezeigt, es ist möglich, auf demokratischem Wege in Richtung Sozialismus zu gehen. Es ist gescheitert. Aber auf nicht demokratischem Wege zum Sozialismus zu gehen, ist viel gründlicher gescheitert!

Aber das ist die Beurteilung der Vergangenheit. Jetzt die Frage: was lehrt uns das für die Gegenwart oder die Zukunft? Sind nicht alle Überlegungen eines dritten Weges heute obsolet oder sind sie nach wie vor aktuell?

L.: Ich glaube der Begriff 'Dritter Weg' hat heute seine ursprüngliche Bedeutung verloren. In den 50er, 60er und 70er Jahren war das etwas wirklich Lebendiges. Es bedeutete erstens die absolute Blockfreiheit. Eines der schlimmsten Dinge, bedauernswertesten Dinge ist, dass die Menschen in der DDR sich kaum mit Blockfreiheit befasst haben, obwohl die Blockfreien die Mehrheit in der UN haben und hatten. Blockfreiheit heißt, weder das östlich-diktatorischen-stalinistischen System noch das westlich-kapitalistische, sondern einen eigenen Weg, ein eigenes System zu suchen, in dem versucht wird, positive Aspekte aus beiden Systemen in Ost und West zu übernehmen und natürlich eine unabhängige Außenpolitik - weder Warschauer Pakt noch NATO. Was ich mir von der PDS einmal wünschen würde, wäre eine kurze, präzise Charakterisierung des von Ihnen bestrebten demokratischen Sozialismus.

Können Sie die geben?

B.: Demokratischer Sozialismus ist keine Gesellschaft die wir fest im Kopf umrissen haben, nach einem festen Plan errichten wollen. Das will ich nicht wieder. Ich will eine Gesellschaft, bei der der Weg dort hin zum demokratischen Sozialismus gehört. Der Weg muss nämlich demokratisch sein. Man muss Mehrheiten gewinnen. Das Ziel besteht darin, eine sozial gerechtere, solidarische, friedliche Gesellschaft zu errichten, in der soziale Chancengleichheit herrscht - Zugang zu Bildung, zur Kultur.

Keine Partei würde Ihnen da widersprechen!

B.: Doch, alle. Alle würden mir widersprechen. Sagen Sie das doch mal der CDU!

Die will doch auch eine gerechtere Gesellschaft.

B.: Die will das doch ganz anders! Und dann - das mit der friedlichen Welt meine ich schon ernst! Wir sind im Moment als Anti-Kriegspartei nicht zu übertreffen - eindeutig. Und was soziale Gerechtigkeit anbelangt, muss man das definieren. Da haben Sie Recht. Ein paar Schlagworte reichen nicht. Aber 'sozial gerecht' - wir sind gegen eine 'über-große Koalition' im Deutschen Bundestag! Wir sind die einzigen, die diesen Reformweg nicht mitgehen, der darin besteht - siehe Agenda 2010 - immer nur unten, bei den Schwachen zu kürzen. Den gehen wir als einzige nicht mit, weil wir soziale Gerechtigkeit anders definieren. Wir definieren auch Chancengleichheit anders als andere. Insofern sind wir in unserer Andersartigkeit deutlich erkennbar weg von der CDU und die SPD übergibt uns jetzt ja den demokratischen Sozialismus, oder seinen Rest aus ihrem Programm!

Wenn Sie die SPD ansprechen, die jetzt darüber diskutiert, ob sie den Begriff demokratischer Sozialismus streichen soll aus ihren programmatischen Zielen und Ihnen sozusagen Begriffe preisgibt, wie werden Sie diese besetzen? Was heißt denn konkret für Sie 'demokratischer Sozialismus' - in Abgrenzung zur SPD?

B.: Ich gehöre nicht zu denen, die alles abgrenzen wollen. Sondern ich sage, es gibt auch einen Teil von Annäherungen, weshalb man auch gemeinsam Politik betreiben kann - etwa in Berlin oder in Mecklenburg-Vorpommern. Aber in Bezug auf die Friedensfrage: wir sind eindeutig gegen die militärische Lösung politischer Konflikte. In Bezug auf soziale Gerechtigkeit: wir wollen in bestimmten Gebieten - etwa Gesundheit, Bildung - da wollen wir sozusagen die 'Herrschaft des Profitmotivs' eindämmen. Und auf jeden Fall wollen wir nicht, dass auch Rüstungsproduktion auf der Grundlage des Profitmotivs geschieht - also nicht alle Bereiche der Gesellschaft dürfen durch das Profitmotiv beherrscht werden. Und dann gibt es auch noch Differenzen in einzelnen Fragen, etwa was soziale Chancengleichheit anlangt. Wir sind das Land, wo beinahe eine Klassenbildung wieder typisch wird, wie PISA zeigt. Da sind wir strikt dagegen. Und nicht zuletzt wollen wir Zugang zur Kultur für alle.

Herr Leonhard; Sie hatten Herrn Bisky um eine Definition gebeten, was konkret 'demokratischer Sozialismus' heute heißt - sind sie mit seinen Ausführungen einverstanden?

L: Ich würde sagen, nach dem Stand vom Jahre 2003, bin ich damit zufrieden - aber ausdrücklich auf diesen kurzen Zeitraum beschränkt. Ich würde erwarten, dass eine Partei des Demokratischen Sozialismus genauer formuliert, was in der angestrebten Gesellschaftsordnung, dem demokratischen Sozialismus, in einer neuer Gesellschaftsordnung auf keinen Fall vor sich gehen wird, ganz kurz: keine Zensur der Presse. Freie Wahlen unterschiedlicher Strömungen - wenn nicht Parteien, aber geheime Wahlen. Ein Parlament oder ein adäquates Gremium, in dem ungehindert freie Diskussionen stattfinden. Die eindeutige Idee der Gleichberechtigung von Parteien und Organisationen - keine führende Rolle einer. Keine Anweisungen an Schriftsteller und Künstler, wie und was sie zu schreiben haben. Und wenn schon ein Geheimdienst - wahrscheinlich wird man nicht umhinkommen - dann einer, der sich nur und ausdrücklich gegen ausländische Spionage richtet, aber nicht Meinungen der eigenen Bürger kontrolliert! Eine absolute Religionsfreiheit. Das Recht, Atheist zu sein, das Recht, jeder beliebigen Religion anzugehören. Zusätzlich würde ich dann eben sehr gerne eine Diskussion über die Art der anzustrebenden Gesellschaft haben. Es gibt da interessante Materialien dafür, die leider überhaupt noch nicht diskutiert werden. Es gibt ein Buch von August Bebel 'Die Frau und der Sozialismus', in dem auf sechzig Seiten die zukünftige, seinerzeit von August Bebel erstrebte zukünftige Gesellschaft bis ins Detail beschrieben wird. Das war etwa 1878 - hat heute also weitgehend historische Bedeutung - aber: veröffentlichen und dann diskutieren! Wie würden diese Gedanken für heute, für ein Jetzt in unserer Zeit verändert werden müssen? Aber auch: was bleibt dabei?

Deshalb lassen Sie uns vielleicht noch einmal präzisieren, was gemeinsam mit der und was in Abgrenzung von der SPD passiert. In dem Programmentwurf warnt die PDS vor, ich zitiere: 'Sozialdemokratisierung'.

B:: Ich will zunächst noch einmal auf das reagieren, was Herr Leonhard gesagt hat: Das, was er fordert, ist in dem neuen Programmentwurf drin! Ich kämpfe dafür, dass das angenommen wird. Da ist alles da: da sind die Freiheitsrechte, da ist die Verbindung zwischen Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und sozialer Gleichheit. Und dafür streite ich auch! Das ist präzise beschrieben, was Sie gesagt haben. Ich denke, dass das alles drin ist. Wenn nicht, bin ich für jeden Hinweis dankbar, denn das muss sein! Zur SPD: Wir wollen die Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie und folglich sage ich, es gibt in Bezug auf die Arbeitsmarktpolitik, es gibt in Bezug auch auf bestimmte Fragen der Sozialpolitik, der Bildung, Bereiche, wo wir nahe zusammen sind. Wo wirklich die großen Unterschiede sind, das sind die großen Bereiche wie Außen- und Sicherheitspolitik und Einsatz von Militär. Es gibt dann auch große Unterschiede, weil wir glauben, dass die Sozial- und Gesundheitsreform zu Lasten der Versicherten geht. Das wäre mit uns nicht machbar. Ich muss als Sozialist wenigstens fragen, ob die Pharma-Industrie mit diesen gigantischen Gewinnen, die die haben, ob nicht die Pharma-Industrie mindestens beteiligt sein darf an einer Reform! Wenn nur die Versicherten das zu zahlen haben, dann sage ich: das ist etwas, wo ich strikt dagegen bin.

Also sagt der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky: wir kriegen natürlich nicht unser Programm hundertprozentig durch - das kriegt keine Partei - aber wir machen kleine Schritte und versuchen wo es geht, in die Regierung zu kommen, einen Zipfel der Macht zu ergreifen, um etwas durchzusetzen.?

B.: Nicht um des Machtzipfels willen. Das ist das, was ich fürchte als Sozialist. Wenn man um der Macht willen an eine Regierung geht, ist es schwierig. Wir müssen um inhaltlicher Ziele willen an die Regierung gehen und deshalb sage ich, im Osten, wo wir stark sind, können wir nicht einfach sagen: 'bitte wählt uns, aber dann sind wir nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. Wir haben jetzt in Berlin eine Situation, wo gezeigt wird, dass wir auch bereit sind Verantwortung zu übernehmen, wenn es ganz schwer wird, wo wir über Fragen der sozialen Gerechtigkeit mehr theoretisch nachdenken können, denn es ist kein Geld da in dieser Berliner Kasse. Wir sind uns nicht zu schade und werden nur regieren, wenn die Kassen voll sind. In Koalitionen aber kann man nicht die Parteiprogramme pur verwirklichen. In Koalitionen schicken wir unsere besten Leute hin und zu denen habe ich so viel Vertrauen, dass sie das rausholen, was möglich ist im Sinne unserer Zielvorstellung. Sie müssen eine Politik betreiben, wo die Richtung stimmt zu mehr sozialer Gerechtigkeit, wo sie aber auch hier und da auf den Koalitionspartner Rücksicht nehmen. Sonst wäre es ja keine Koalition. Die Partei als Ganzes muss sich allerdings deutlich artikulieren - und da bin ich in Beratung, wir werden das noch in diesem Monat entscheiden, auch mit den Regierungen bei uns. Wir müssen deutlich machen, was die Partei als Ganzes will und dann, was in Koalitionen jeweils realistisch umgesetzt werden kann. Verwirklicht werden kann, wo man auch gesunde - ich sage: gesunde - Kompromisse eingehen muss, denn sonst gäbe es keine Koalition.

L.: Man darf auch Sozialist sein in Deutschland, wenn man unbedingt auf dem Boden der Verfassung steht - keine Putsche, keine bewaffneten Barrikadenkämpfe, keine terroristischen Sachen, sondern auf einem verfassungsmäßigen Wege diese eigenen Auffassungen vorbringt. Das Schicksal der PDS hängt meiner Meinung nach von Folgendem ab: Erstens: Praktischer Politik in den Landtagen, in Kreistagen, in Städten. In den jetzigen Diskussionen, welche Reformen und wie, ist das etwa die Hälfte der politischen Arbeit und das Andere ist langfristig, grundsätzliche Zielsetzungen. Wenn eine Partei eine andere Gesellschaftsordnung will, dann muss sie sich viel mehr, als das bisher geschieht, mit diesen langfristigen Zielsetzungen befassen. Und das Dritte ist eine Abkehr von manchen negativen Methoden, die es bei den Linken gab - das erscheint mir wichtig - in der Kommunikation. Die Linken haben natürlich immer übertrieben. Übertreibung ist das Dümmste, was man überhaupt machen kann! Es gibt genug kritikwürdige Dinge in der Welt, als dass man heute Übertreibungen brauchte! Am besten wäre, nur nachweisbare, kritische Dinge zu tun und dann in einer moderneren ansprechenderen Form. Nicht dieses Verkniffene, sondern mehr nachdenklichere Losungen haben. Die PDS hat schon einiges getan aber ich hoffe es wird noch mehr sein.

B.: Richtig. Wir hatten auch schon mehr Freundlichkeit in den Gesichtern und nicht immer die geballte Faust, die uns aus den Gesichtern und aus harten Texten manchmal so entgegenschreit. Das möchte ich auch schon ändern, und da möchte ich auch wieder die Heiterkeit finden, die wir zu Beginn einmal hatten, um Menschen auch zu gewinnen und nicht immer mit so ganz schrecklichen Texten zu erschlagen, in dem Sinne, was Sie gesagt haben, Herr Leonhard, echt zurück zu Marx, was verschiedene Dinge wie Grundgesetz oder anderes anbelangt - nicht indem man sozusagen ihn wieder überinterpretiert für irgend welche Dinge, die er nie geschrieben hat, sondern einfach Emanzipation, also Freiheitsrechte. Und was ganz wichtig ist: auch Demokratie und zurück auch zu etwas Dialektik mit der Kategorie der 'Aufhebung'. In der Bundesrepublik Deutschland muss ich nicht alles beseitigen um sie zu verbessern. Ich kann auch sagen, was ich aufheben will - im Sinne dieser Kategorie von Hegel. Die demokratischen Rechte, die sind in Ordnung, rechtstaatliche Prinzipien müssen bleiben. Hier oder da muss etwas verändert werden, aber man kann auch das, was gut ist, aufheben. Ich möchte, dass wir für einen demokratischen Sozialismus stehen, wo die Leute nicht das Gefühl haben, wir wollten alles zerschlagen, alles wegnehmen, sondern wir wollen mehr soziale Gerechtigkeit, und das aufheben, verbessern, was in der Bundesrepublik Deutschland zu verteidigen ist - ich sage das bewusst: was hier zu verteidigen ist. Das ist vielleicht die schwerste programmatische Hürde, die vor der PDS liegt. Ich bin aber sicher, dass wir diese Hürde nehmen würden.

An Sie Beide die Frage: Bleibt das sozusagen das Kernproblem, sich im politischen Machtkampf durchzusetzen, dass die PDS in Ostdeutschland Ihre Basis hat, dass Sie an manches anknüpfen kann, manches weiter entwickeln kann, aber dass die Westdeutschen vielleicht immun sind gegen Ihre Ideen?

B.: Ich habe großes Vertrauen in die Westdeutschen und sage mal: Die denken doch auch darüber nach, warum dort, wo der Sozialismus war, ausgerechnet die PDS stark ist. Und darüber denken sie nach und wer darüber nachdenkt und auch prüft, der wird möglicherweise feststellen, dass die Leute es auch schwerer hatten mit der Vereinigung und dass sie durchaus nicht zu denen gehören, die immer alt denken oder orthodox denken. Und ich hoffe darauf, dass man im Westen sich auch stärker mit dem Osten beschäftigt, auch intensiver damit auseinandersetzt und versteht, dass es nicht gut ist, wenn es dem Osten schlecht geht, dass der Westen immer dann Geld hier rüber schiebt. Da ist viel geleistet worden, was sie auch anerkennen. Aber jetzt geht es darum, dass im Osten auch eine selbsttragende wirtschaftliche Entwicklung eingeleitet werden muss. Es ist nicht Politik der PDS nun zu sagen, wir wollen die Vorteile für den Osten rauskloppen - trickreich, listenreich. Nein. Die Zukunft der PDS besteht darin, sozusagen aktiv mitzugestalten für mehr soziale Gerechtigkeit - in ganz Deutschland, auch im Bayerischen Wald und nicht nur in Dresden.!

L.: Man sieht immer wieder Plakate mit der Aufschrift 'PDS' und drunter steht 'DKP'. Dann renne ich weg! PDS würde mich interessieren, aber DKP nicht. Ich bin da sehr typisch für die Westdeutschen - also für eine deutliche Trennung: PDS ist eine Partei des demokratischen Sozialismus, dann, glaube ich, könnte schrittweise - angesichts der doch ernstzunehmenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung - schrittweise die PDS eine zunehmend wichtigere Rolle in einer parlamentarischen Demokratie spielen.
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