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Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
11.6.2004
Koch für den Ausbau des Frankfurter Flughafens
Interview mit Roland Koch (CDU), hessischer Ministerpräsident

Roland Koch (CDU), hessischer Ministerpräsident (Bild: AP)
Roland Koch (CDU), hessischer Ministerpräsident (Bild: AP)
Frage: Sie sind ein erklärter Befürworter des Ausbaus des Frankfurter Flughafens. Eine der Kernfragen, die noch im Zusammenhang mit dem Ausbau geklärt werden muss, wenn man sich für die von Ihnen favorisierte Nord-West-Startbahn entscheidet, ist, was mit dem Chemiewerk Ticona bei Kelsterbach passiert. Sie haben relativ markig - ich weiß nicht ob spontan oder geplant - gesagt: notfalls müssen wir das Ding enteignen.

Roland Koch: Nein, das ist ja ganz normal ...

Ganz normal? Das wäre ja auch eine Kostenfrage, das könnte zum Beispiel eine Milliarde Euro kosten.

Nein, das wird es sicherlich nicht kosten, sondern es wird das kosten, was eine solche Anlage wert ist und das ist deutlich weniger.

Sehen das die Betreiber auch so?

Möglicherweise ist es ein Motiv der Betreiber, zu schauen dass diese Frage des Wertes möglichst intensiv diskutiert wird. Ich glaube, da muss man einigermaßen gelassen bleiben, insbesondere wenn man die Mitverantwortung für eine Genehmigungsbehörde hat. Das bedeutet man muss zuerst die Frage klären, welche Einwirkungen oder welche Wechselwirkungen hat diese Landebahn und das Werk heute, denn es wird heute intensiver überflogen als in Zukunft, was bedeutet das bei genauer Prüfung dessen, was die Störfall-Kommission in ihrem Gutachten geschrieben hat ...

... die es als 'essentiell gefährlich' ansieht.

Die es als unter den obwaltenden Umständen als nicht vereinbar mit der Landebahn angesehen hat. Wie gesagt, das muss man sich anschauen. Stimmt es, was die Störfall-Kommission sagt? Unterstellen wir mal für einen Augenblick, es würde stimmen, dann kennt unser Recht in dieser Frage ganz einfache Regelungen. Und die bedeuten, dass man feststellen muss, ob der Flughafen, diese neue Landebahn, von öffentlichem Interesse ist. Wenn das der Fall ist - davon gehe ich aus, sonst gibt es sowieso keine Genehmigung - wenn das öffentliche Interesse besteht, dann besteht im Plan-Feststellungsbeschluss ganz normal auch das Recht, die Eigentumsrechte anderer einzuschränken. Dazwischen gibt es viele Möglichkeiten, ob man sich doch arrangieren kann, ob man das Werk verlegen kann. Aber fest steht, am Ende ist ein Chemiewerk auf der Einflugschneise einer Landebahn kein Hindernis, das die Landebahn verhindert.

Selbst wenn der TÜV Rheinland-Pfalz sagt, einmal in zehntausend Jahren könnte etwas passieren? Man weiß ja nicht wann in diesen zehntausend Jahren?

Das ist richtig, dass natürlich all diese Fragestellungen auch damit zu tun haben, wie beurteilt man Risiken. Ich glaube nur, da muss man sehen, wenn ich nach Berlin komme, fliege ich, bevor ich hier landen kann, über sehr, sehr viele Häuser. Wir haben die Einschätzung, dass Flugverkehr unter solchen Bedingungen verantwortbar ist und geplant werden kann, an jeder Stelle.

Ein Chemiewerk ist etwas anderes als ein Einfamilienhaus.

Dann weise ich dann vorsichtig darauf hin, dass dieses Risiko, dass Menschenleben zu Schaden kommen bei dem Flug über die Zivilbevölkerung von Berlin sicherlich ein sehr, sehr viel höheres im Vergleich zu dem ist, was bei einem Chemiewerk theoretisch geschehen würde, so wie es die Störfall-Kommission gesehen hat. Ich sage trotzdem, wir wollen in der Frankfurter Diskussion am Ende keinen Streit, der sozusagen sich darauf konzentriert, was mit dem Chemiewerk ist. Wenn es dort Zweifel gibt, wie die Störfall-Kommission sie geäußert hat, die wir sicher vorher in der Beurteilung so nicht gesehen haben und die auch viele andere in Europa so nicht sehen - aber wenn es da Zweifel gibt, dann wird Sicherheit ein sehr hohes Kriterium im Genehmigungsverfahren sein. Nur, das ist keine Frage, ob der Flughafen ausgebaut wird oder nicht, sondern das ist eine Frage ob das Chemiewerk da bleiben kann oder nicht.

Herr Koch, Sie haben dieser Tage eine Diskussion angestoßen, in der man sich gefragt hat, warum muss sie zu diesem Zeitpunkt sein? Wiedereinstieg in die Kernenergie. Was hat Sie da getrieben? Provokation oder eine tatsächliche Not?

Ich befinde mich ja durchaus in guter Gesellschaft vieler, die das in den letzten Wochen wieder zum Thema gemacht haben, zum Beispiel auch meine beiden Parteivorsitzenden Edmund Stoiber und Angela Merkel. Wir sehen, dass wir durch eine falsche Energiepolitik inzwischen Arbeitsplätze verlieren. Das kann man im Augenblick ganz praktisch sehen, wenn man die Aluminium-Werke in Hamburg betrachtet. Wir haben einen steigenden und im Maßstab zu unseren europäischen Nachbarn zu hohen Energiepreis und deshalb müssen wir relativ frühzeitig, auch bevor es einen Regierungswechsel in Deutschland geben wird, über die Frage reden, wie gehen wir strategisch mit diesen Fragen um.

Sie wissen doch, dass es eine gesellschaftliche Mehrheit dafür im Moment nicht gibt, dass selbst auch die Energiekonzerne sehr zögerlich sind. Da ist doch tatsächlich die Frage 'warum machen Sie das jetzt?

Also ich glaube zunächst, dass Politiker nicht die Ausführungsgehilfen von Meinungsumfrage-Instituten sind, sondern mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung den Bürgerinnen und Bürgern das vorlegen müssen, was sie für richtig halten. Und insofern glaube ich, dass viele große Entscheidungen in Deutschland, die Menschen in der Politik getroffen haben, immer aktuell keine Mehrheitsabstimmungen überstanden hätten. Aber zwischen Westbindung und Deutsche Einheit gäbe es wenig heute, wenn das das einzige Kriterium wäre. Deshalb muss die Gesellschaft diese Diskussion aushalten. Man wird sie sicherlich auch aufspalten. Es wird eine Frage geben, schaltet man politisch motiviert Kraftwerke ab, was derzeit die Gesetzlage ist oder ändert man die dahin, dass es für die Frage, wie lange ein Kraftwerk betrieben wird, ausschließlich der neueste Stand von Wissenschaft und Technik und Sicherheit ist.

Es geht Ihnen also im Grunde um die Verlängerung der Restlaufzeiten?

Das ist das, was auch ganz großer Konsens in der Union ist, dass wir in dieser Frage sagen, wir werden zur Normalität und nicht zu politischen Laufzeiten zurückkommen. Es macht für mich keinen Sinn, solange die Wirtschaft so reflexartig reagiert, wie das jetzt auch wieder ist: Um Himmelswillen wir stellen keinen Antrag. Sie ist von der Politik in den letzten zwanzig Jahren bei diesen Genehmigungsverfahren - gebe ich auch zu - ziemlich verletzt worden, verletzt auch in Form von sehr viel Geld, das eingesetzt haben und am Ende nicht nutzen konnten. So lange diese Lage ist, wird die Politik nicht einen Konflikt zuende führen, ein Recht schaffen, das niemand haben will. Aber dass das zum Nachteil der Bundesrepublik Deutschland ist und dass die Strategie der Energieunternehmen, die das ja alle genauso sehen, ist, wir schauen, dass diese Kernkraftwerke an der Grenze der Bundesrepublik Deutschland, ob in Tschechien oder in Frankreich oder jetzt wie den nordischen Staaten, mit dem neuen Kernkraftwerk, das jetzt in Finnland gebaut wird, um dann nach Deutschland liefern. Da muss man wissen, das mag für die Vorstände der Energieunternehmen extrem bequem sein, weil sie wenig Ärger in Deutschland und trotzdem günstige Strompreise haben, aber es ist teurer für Deutschland, als wenn es in unserem Land gemacht würde und es kostet Jobs in Deutschland.

In Hessen selbst hätten Sie jetzt nicht gern ein neues, nettes, kleines Kernkraftwerklein?

Ich habe im Augenblick eine Situation, dass durch die Kernkraftwerke im Land Hessen sechzig Prozent des in Hessen verbrauchten Stroms produziert werden. Ich habe den Energieunternehmen immer gesagt, dass ich erwarte, dass sie zunächst mal darüber nachdenken, ob man diese Kraftwerke nachrüstet und weiter betreibt bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine andere Diskussion möglich ist. Und ich kann sehr gut damit umgehen, dass sechzig Prozent des Stroms in Hessen mit Kernkraftwerken produziert werden - auch in Zukunft.

Lassen Sie uns vielleicht auf ein weniger 'belastetes' Terrain noch kommen, ein ureigenes hessisches. Weil wir uns vor zwei Wochen für das Gespräch an dieser Stelle mit Herrn Stoiber vorbereitet haben und uns angeguckt haben, was er in seinem Lande an Strategien für die Konsolidierung des Haushalts hat, kam uns das jetzt in der Vorbereitung auf dieses Gespräch sehr vertraut vor: Verwaltungsreform, Konzentration von Verwaltungsstandorten, mehr Arbeit für weniger Geld für Landesbediensteten, Einsparungen von Stellen im öffentlichen Dienst - ist das eine Art konzertierter Aktion von Hessen und Bayern?

Na gut, wir waren ein bisschen früher als die Bayern. Wir finden es nicht ehrenrührig, dass viele Dinge, die heute in Bayern diskutiert worden sind, einige Monate zuvor Entscheidungen der hessischen Landesregierung waren. Es ist ja auch nicht so, dass nur wir beide das machen, sondern wenn Sie sehen, was mein Kollege Christian Wulff in Niedersachsen an Konsolidierungen macht und machen muss, dann sehen Sie, dass es in der Tat, wenn man zu dem Prinzip kommt, Schulden für die Dauer nicht zu akzeptieren, sondern auch in einer schwierigen Wirtschaftskrise zu versuchen will, Strukturen zu verändern, dass es dann nun so schrecklich viele unterschiedliche Antworten nicht gibt. Der Unterschied liegt in der Frage, ob man die Kraft, die Überzeugung der Notwendigkeiten, vielleicht am Ende auch den Mut hat, diese Entscheidung auch umzusetzen und ob eine politische Mehrheit, nämlich auch die eigene politische Mehrheit in den jeweiligen Reihen hat - in Hessen haben wir eine Stimme Mehrheit, das ist ja nicht sehr üppig - ob die Mehrheit bereit ist, in einer so schwierigen, nicht populären, nicht nach Meinungsumfragen orientieren Weise, Politik mit zu machen.

Sie tun es ja auch in beiden Bundesländern nicht ohne Murren - und zwar deutlich hörbares Murren. Sie fühlen sich überfahren, sie finden vieles von dem was da gemacht wird, instinktlos.

Politiker werden nicht dafür bezahlt permanent 'everybody's darling' zu sein, sondern um das Notwendige zu tun, was sie auf ihrem Informationsstand mit ihrer Verantwortlichkeit und mit den Prinzipien, die sie gesagt haben, für richtig halten. Ich bin davon überzeugt, dass eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler diese Politik unterstützt. Nur, dass das kein bequemer Weg ist, das glaube ich, kann man sicher sagen.

Aber Herr Koch, in zwei Punkten kommen Sie doch mit Ihren eigenen Zielvorstellungen, für die Sie auch gewählt wurden, in Konflikt: das eine ist Bildung. Das ist eines Ihrer Hauptthemen gewesen. Sie haben neue Lehrer eingestellt, jetzt stehen Sie bei den Sparmaßnahmen vor dem Fakt, dass Sie wieder Leute entlassen müssen. Die Verwaltungsreform erfordert, dass auch an dem Bereich gespart wird und der andere große Bereich ist Sicherheit. Auch das ist etwas, das Sie sich immer auf die Fahnen geschrieben haben. Und auch da werden von den Fachleuten, die in den Bereichen arbeiten, deutliche Stimmen laut, die sagen, die Form von Stelleneinsparungen, die dort jetzt ansteht, ist nicht mehr mit dem Sicherheitsmaßstab vereinbart, den Sie selbst angelegt haben.

Zunächst mal glaube ich das Wichtige ist, dass wir auch in diesen Zeiten des sehr heftigen Sparens an den Prinzipien und an den Maßstäben, die wir uns gesetzt haben, auch in den Schwerpunkten der Politik, eben nichts verändert haben. Aber wenn wir die Frage beantworten müssen, wie kommen wir mit geringeren Personalkosten aus, dann kann man in der allgemeinen Verwaltung an Regierungspräsidien, zum Beispiel, einfach sagen, 'gut, da werden wir auch unsere Leistungen etwas verringern, da werden wir bestimmte Tätigkeiten nicht mehr oder nicht mehr so schnell ausführen, weil wir nur noch weniger Menschen haben'. In der Schule kann man nicht sagen, 'da lassen wir einfach Stunden ausfallen'. Deshalb wird am Ende dieser Operation 'Sichere Zukunft' bei dem Bereich des schulischen und des polizeilichen Arbeitens die Zahl der Arbeitsstunden pro Woche, die zur Verfügung stehen durch unsere Mitarbeiter größer sein als vorher. Richtig ist, es werden diese Arbeitsstunden von weniger Menschen geleistet. Wir haben einen Teil dessen, was an Opfern notwendig ist und was viele gesellschaftliche Gruppen in Hessen gebracht haben, auch auf dem Rücken der Beamtinnen und Beamten des Landes gelegt, die den Vorteil eines sicheren Arbeitsplatzes, der in dieser Zeit ja auch etwas wert ist, haben und die sicherlich ein relativ großes Opfer mit einer regelmäßigen 42-Stunden-Woche bringen. So ist es möglich, dass wir auch in Bildung und Sicherheit Geld einsparen, aber es mehr Stunden in der Schule gibt im nächsten Schuljahr als im letzten Schuljahr. Es steigen die Stundenzahlen und es wird mehr Arbeitsstunden von Polizisten und mehr Polizeistreifen geben als es jemals in Hessen vorher gegeben hat, weil wir diese Arbeitszeit eben mobilisieren.

Ich möchte noch mal zu der Kritik aus den eigenen Reihen zurückkommen. Da werden Defizite in der Kommunikation solcher Maßnahmen, wie Sie sie jetzt hier geschildert haben, beklagt. Es wird ein Mangel an politischem Instinkt beklagt, weil man einerseits Geld für neue Möbel für die Staatskanzlei ausgibt und andererseits spart. Und es gibt immer wieder auch den Vorwurf - wie gesagt aus den eigenen Reihen, so ist es zu lesen - im Grunde ist es wie bei Stoiber auch so, dass da einer einen Parforce-Ritt in der Konsolidierung des Landeshaushaltes macht, um sich hauptsächlich für Aufgaben auf anderer Ebene, auf Bundesebene zu empfehlen.

Abgesehen davon, dass ich das aus den eigenen Reihen bisher nicht gehört habe...

... aber lesen haben Sie es können.

... aber wenn es diese Diskussion dort gäbe, muss man immer sagen, was heißt Parforce-Ritt? Der hessische Landeshaushalt ist zu sicherlich aller Bedauern immer noch in einer Verschuldungssituation, die unsere Verfassung zu normalen Zeiten nicht zulassen würde, sondern die nur zulässig ist in einer solchen Krisenzeit, wie wir im Augenblick sind. Wir machen bedauerlicherweise das Minimum dessen, was man machen muss, wenn man ein Bundesland hat, das zukunftsfähig bleiben muss unter dem Gesichtspunkt, genug Geld jedes Jahr zu haben und das nicht in Zinsen investieren und gleichzeitig immer noch in der Situation ist, dass 45 Prozent des deutschen Länderfinanzausgleiches zu bezahlen sind. Und insofern bedauere ich leider sagen zu müssen, das ist das Mindeste, was wir machen müssen und es ist die Verantwortung eines Ministerpräsidenten - ob in Hessen oder in Bayern - das in diesen Tagen zu tun. Dass das Bürger als manchmal zu schnell gehend, sie zu belastend empfinden - das ist bedauerlich Weise eine der Folgen davon, auf die man nicht an allen Stellen Rücksicht nehmen kann.

Ja, aber der Ministerpräsident hat an anderer Stelle ja auch gerne Geld ausgegeben. Da wird ein Schloss gekauft, da wird eine neue teure Buchhaltungs-Software eingeführt. Das ist das, was ich meine, wenn ich sage, man kann es 'instinktlos' nennen.

Ja gut, da muss man schauen, es gibt natürlich auch in Zeitungen Leute, die keine Ahnung haben, worüber sie reden. Das ist aber keine seriöse Diskussion, die auch nicht im Parlament geführt wird. Wir werden das erste deutsche Bundesland sein, das im Jahre 2008 nicht mehr mit der alten rückständigen Rechenweise des Staates, dass er überhaupt nicht guckt, was seine Gegenstände wert sind, was er zu deren Unterhalt braucht, sondern mit der normalen betriebswirtschaftlichen Buchhaltung arbeiten. Dazu gehört, dass wir SAP R 3, so heißt das dann am Ende, das inzwischen Standard jedes deutschen Unternehmens ist, auch endlich in der öffentlichen Verwaltung einführen. Und das tun wir mit der Größenordnung von einem bis zwei Prozent unseres Landeshaushaltes. Jedes private Unternehmen wird drei oder vier Prozent davon ausgeben. Wenn wir das nicht machen, werden wir immer rückständiger, haben immer mehr Probleme unsere Aufgaben und unsere Finanzen im Griff zu halten. Und wenn ich gefragt werde ob ich im Odenwald in einigen Jahren wieder neue Wirtschaftsfördermittel reinschieße, weil der Tourismus kaputt gegangen ist, weil einer der Hauptträger des Tourismus dort nicht mehr vorhanden ist, sondern irgendwo in der Welt versteigert worden ist, für irgend jemand mit Kunstschätzen, die wir nie wieder zusammenbekommen oder ob ich diese Kunstschätze und dieses Objekt für das Land Hessen und seine Bürger sichere, dann ist das kein Spaß von irgend wem.

Herr Koch, ehe wir uns jetzt in den regionalen Gefilden verlieren, gehen wir nicht an Ihren Möglichkeiten vorbei, wenn wir uns nur im landespolitischen mit Ihnen unterhalten? Eigentlich haben Sie doch auch mal den Kopf für Größeres gehabt.

Ach, was heißt den Kopf für Größeres gehabt. Der Ministerpräsident hat eine unglaublich spannende politische Aufgabe im deutschen System...

Seltsam, irgendwie wussten wir, dass Sie das jetzt sagen werden.

... weil er das alles regional machen kann, was Sie gesagt haben und damit gleichzeitig aufgrund der Rolle der Länder im deutschen Föderalismus und auch der Rolle, die die Ministerpräsidenten dabei haben, immer ein Mitspieler der nationalen Politik ist.

Aber Sie wollen sich doch nicht so weit zurücknehmen, wie Sie es im Moment tun? Sie werden sich doch wohl wieder mehr einschalten?

Ich erlaube mir immer, es so zu tun, wie ich es aktuell für notwendig halte. Das habe ich in der Vergangenheit getan. Das werde ich auch in der Zukunft tun. Aber ich habe auch allen ganz klar gesagt, dass über die Dinge, die Sie gesprochen haben, mit all dem was in einem Land passiert, was Sie ja richtig darstellen, das Land den Anspruch hat, dass der Ministerpräsident sich da in diesen Tagen ziemlich intensiv drum kümmert. Da gibt es Zeiten - wie Vermittlungsausschussverfahren und Steuerdiskussion im letzten Jahr - da gibt es einen Schwerpunkt, da muss man sich national beteiligen, wie auch bei einem Teil der nationalen ökonomischen Diskussion. Und ein Ministerpräsident, so wie ich es jedenfalls verstehe, kann die nicht führen, indem er nur sagt, hier ist mein Land und alles andere sehe ich nicht. Wir haben ein Interesse daran, was in der Bundesrepublik Deutschland gemacht wird. Ich habe auch ein Interesse was in meiner Partei gemacht wird.

Aber wie sehen Sie denn zurzeit Ihre Rolle in der Union auf Bundesebene? Verändert? Oder ist das nur wieder diese schäbige öffentliche Wahrnehmung, die da Kaffeesatz-Leserei betreibt?

In meiner politischen Rolle in Berlin gibt es glaube ich keine wesentliche Veränderung. In dieser Kaffeesatz-Leserei gibt es Veränderungen. Aber ich glaube, dass ich Einfluss habe in der CDU Deutschlands. Den möchte ich auch haben. Das ist auch meinem Lande und meinem Landesverband, denke ich, angemessen. Ich habe eine Möglichkeit, die Themen, die ich auf die Tagesordnung setzen möchte, auf die Tagesordnung zu setzen. Ich habe kein Recht, das alles so gemacht wird, wie ich es will, sondern ich bin ein, vielleicht nicht ganz - 'kraftloser' Beteiligter der Unionspolitik in Deutschland und als Ministerpräsident auch der Politik in Deutschland.

Ist es denn richtig, dass Sie im Hintergrund schon auch über ein Schattenkabinett reden und Sie durchaus auch für ein 100-Tage-Programm, so denn der Regierungswechsel kommt, Pläne haben, in denen Sie selbst eine ganz gewichtige Rolle spielen?

Ich denke nicht, dass irgendjemand mit Sinn und Verstand über 'Schattenkabinette' redet, jedenfalls kenne ich niemanden.

... aber über ein 'Team der Besten', wie Stoiber es tut.

Ganz sicherlich können Sie davon ausgehen, dass ein Ministerpräsident, der weiß, dass er zu den ersten, mit meinem Freund Christian Wulff in Niedersachsen zusammen, gehört, die nach der Bundestagswahl 2006 wieder Landtagswahlen haben werden und die deshalb sozusagen die kürzeste Frist haben, um von Regierungsarbeit und Stringenz von Regierungsarbeit und Erfolg zu profitieren, dass die ein hohes Interesse daran haben und Kapazität dafür verwenden, dafür zu sorgen, dass die Union im Jahre 2006 - spätestens oder früher - gerade für die ersten Tage einer Regierung so vorbereitet ist, dass es einen Unterschied gibt zur jetzigen Regierung.


Roland Koch: Geboren am 24. März 1958 in Frankfurt/Main. Nach dem Abitur (1977) Jura-Studium in Frankfurt. Bereits als Schüler hatte er sich in der Jungen Union politisch engagiert. Mit 20 Jahren wurde er zum Kreisvorsitzenden der CDU im Main-Taunus-Kreis gewählt (bis 1990). Daneben war Koch 1983-1987 auch stellvertretender JU-Bundesvorsitzender. Berufstätig wurde Koch als selbstständiger Anwalt in der Kanzlei seines Vaters. 1987 in den Hessischen Landtag gewählt, betätigte sich Koch ab 1989 als umweltpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Im Dezember 1990 wurde Koch trotz seines jungen Alters (32 Jahre) zum Vorsitzenden der Landtagsfraktion gewählt, blieb es zunächst auch nach der Landtagswahl vom Jan. 1991. Drei Monate nach der rot-grünen Regierungsbildung durch Ministerpräsident Eichel (SPD) trat Koch vom Fraktionsvorsitz zurück und begnügte sich nach der Wahl Kanthers mit der Stellvertreterfunktion. 1993, nach Kanthers Wechsel ins Bundesinnenministerium, übernahm K.och erneut den CDU-Fraktionsvorsitz in Wiesbaden. Nach der Landtagswahl im März 1995, bei der die rot-grüne Regierung von Hans Eichel bestätigt wurde, wählte ihn die CDU-Fraktion wieder zu ihrem Vorsitzenden. Er profilierte sich 1997 als Chef der Riege von CDU-Nachwuchspolitikern, den so genannten "Jungen Wilden". Nach dem definitiven Rückzug von Kanther aus der hessischen Landespolitik wurde Koch im Januar 1998 zum neuen Parteichef und später zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im Februar1999 gewählt. Mit einer umstrittenen Unterschriftenaktion gegen die von der Bundesregierung anvisierte doppelte Staatsbürgerschaft konnte Koch die CDU wider Erwarten zur stärksten Partei im Landtag machen. April 1999 wurde Koch mit den Stimmen von Koalitionspartner FDP als jüngster deutscher Landeschef zum hessischen Ministerpräsidenten gewählt. April 2003: Wiederwahl zum Ministerpräsidenten mit absoluter Mehrheit.
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