Tacheles
Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
20.8.2004
Mühlstein: Streit um Flick-Kunstausstellung produktiv
Interview mit Jan Mühlstein, Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland

Frage: Herr Mühlstein, es hat ja Konflikte gegeben zwischen dem Zentralrat der Juden in Deutschland und Ihrer Union progressiver Juden in Deutschland - über den Inhalt des Konfliktes sprechen wir gleich noch - vorweg die Frage: Das ist ja doch ziemlich ausgebreitet worden in den deutschen Medien, haben Sie dabei auch so einen Beiklang von Schadenfreude vernommen?

Jan Mühlstein: Eigentlich wenig. Also ich müsste sehr, sehr lange suchen, um einen solchen Anklang zu finden. Wir haben eine recht objektive Berichterstattung vorgefunden. Wir haben sicherlich eine Berichterstattung, die den Kleinen - also uns - ein Stück mehr Sympathie entgegen bringt.

Dann sollten wir da auch nicht suchen, es gibt genug zu beklagen. Lassen Sie uns stattdessen versuch, auf den Punkt zu bringen, wo der Konflikt zwischen Zentralrat und Ihnen ist. Woran reiben sich die progressiven Juden in Deutschland - ihrer ungefähr 3000 an der Zahl - so heftig am Zentralrat der Juden in Deutschland, die Interessenvertretung von über hunderttausend Juden in Deutschland?

Ich muss dazu sagen, das Judentum ist keine Kirche. Es gibt keine zentralistischen Strukturen im Religiösen. Eigentlich ist es das Recht eines jeden Juden, seine eigene Gemeinde mit anderen zu gründen, sie zu unterhalten.

Wie Sie es ja auch gemacht haben.

Genau das haben wir gemacht. Nur in Deutschland gibt es eine andere Tradition, schon seit der Kaiserzeit. In Deutschland gibt es die Institution der Einheitsgemeinde, um die Gleichstellung mit den christlichen Kirchen zu erreichen - das ist der Zusammenschluss aller Juden, jeder Denomination in einer Gemeinde. Diese war in sich bis zum Nationalsozialismus eine pluralistische Einrichtung. Die Einheitsgemeinde unterhielt mehrere Synagogen, stellte, wenn sie konnte, mehrere Rabbiner ein und unter dem Dach der Einheitsgemeinde konnten die Synagogen eigenständig arbeiten.

Diesen Zustand würde der Zentralrat der Juden in Deutschland heute auch für sich in Anspruch nehmen.

Dieses Modell ist nach dem Krieg nicht mehr praktiziert worden, weil die Menschen, die die Gemeinden gebildet haben, aus einem anderen Hintergrund kamen. Dieses Modell ist in Deutschland praktisch nur noch in Berlin aufrechterhalten worden. Nur in Berlin gab und gibt es mehrere Synagogen, mehrere Rabbiner.

Also orthodoxe, liberale, progressive - verschiedene Richtungen.

Verschiedene Richtungen. Sonst hat es für uns Liberale - oder sagen wir 'für nicht orthodoxe Richtungen' - nur in einigen wenigen kleinen Gemeinden Chancen gegeben. In dieser Situation sind wir entstanden und wir standen quer zu den Strukturen des Zentralrates. Wir haben den 'Fehler' - wenn ich das in Anführungsstrichen sagen darf - gemacht, dass wir nicht um Genehmigung angesucht haben beim Zentralrat, uns zu organisieren. Wir haben es getan. Wir haben uns um die Struktur nicht gekümmert und natürlich sind unsere Bedürfnisse gewachsen und wir sind in Konflikt mit diesen Strukturen geraten, Strukturen, die auch für die öffentliche Förderung maßgeblich sind.

Aber Strukturen, in die Sie jetzt auch hinein wollen - wegen des Geldes? Oder gibt es auch den Wunsch der liberalen Juden, Einfluss zu nehmen auf das religiöse und kulturelle Leben?

Es gibt zwei Wünsche. Der erste ist, wir wollen unsere Religion so praktizieren, wie wir es für richtig halten. Das ist der primäre Wunsch. Der sekundäre Wunsch ist natürlich, dies in möglicher Übereinstimmung mit der großen jüdischen Welt in Deutschland zu tun, denn wir wollen für jeden erreichbar sein. Wir wollen den Menschen, die hier leben, die zum großen Teil ihre jüdische Orientierung erst suchen, erreichbar sein und das ist man als Außenseitergruppe sicherlich schwerer als eine Gruppe, die sozusagen drin im System ist. Um ganz konkret zu sein: Wenn in München die liberale Synagoge eine von den Synagogen der Gemeinde wäre, wäre es für manchen russischsprachigen Juden einfach, den Weg zu uns finden, so wie es in Berlin die Realität ist. Der dritte Grund ist natürlich, wir wollen Einfluss nehmen. Wir wollen, dass sich der Zentralrat mehr um innerjüdische Angelegenheiten, um jüdische Bildung und jüdische Inhalte kümmert. Da sehen wir Defizite und wir sehen auch Defizite in Transparenz nach innen und außen.

Kurzer Nachtrag zum Stichwort 'Geld': Es geht dabei um den Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und dem Zentralrat der Juden in Deutschland, wonach der drei Millionen Euro im Jahr bekommt. Sie möchten daran auch partizipieren und Geld bekommen für Ihre Integrationsprojekte, zum Beispiel für russischsprachige Zuwanderer.

Wir wollen an der öffentlichen Förderung, zu der ja auch der Staatsvertrag zählt, partizipieren - nicht nur zur Förderung der Integrationsprojekte. Da ist auch die Förderung der Jugendarbeit für uns ein sehr, sehr zentrales Thema, wo wir auch sehr erfolgreich sind.

Nun ist es ja so, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland sich jetzt bereit erklärt hat, Sie zu unterstützen, bzw. diese Projekte zu unterstützen.

Das ist ja das Neue, was wir erreicht haben. Der Konflikt ist ja durch den Staatsvertrag eskaliert, der betraf nicht nur die Finanzierung auf der Bundesebene, sondern betrifft auch die Fragen, wie die Gemeinden vor Ort an den Finanzierungen durch die Landesregierungen partizipieren. Es geht nicht nur um Finanzen. Es geht zum Beispiel auch darum, dass unser Religionsunterricht genau so anerkannt ist, wie der Religionsunterricht anderer jüdischen Gemeinden. Der Konflikt eskalierte und was wir jetzt erreicht haben, ist eine Zwischenlösung. Beide Seiten streben eine Integration der liberalen Gemeinden in die Strukturen des Zentralrates an.

Dann verlieren Sie doch aber Ihre Identität.

Das glauben wir nicht. Der Zentralrat ist keine Religionsinstanz. Der Zentralrat kann den Gemeinden nicht vorschreiben, welcher Religionsrichtung sie angehören. Wir werden auch unsere Zusammenarbeit in der Union nicht aufgeben, wir streben aber die Integration an. Für die Zwischenzeit hat uns der Zentralrat zugesagt, dass wir an seinen Programmen und seiner Förderung beteiligt werden. Wir sind dabei, eine Lösung des Konflikts zu finden. Wir haben noch nicht die Lösung, denn die Lösung wird erst dann erreicht sein, wenn wir tatsächlich integriert sind - und zwar als erkennbar selbständige Einheiten, entweder als Landesverbände, die von liberalen Gemeinden gebildet werden oder als liberale Gemeinden, die Teil der Landesverbände sind.

Herr Mühlstein, jetzt wechseln wir mal radikal das Thema: Meinen Sie, dass sich die jüdischen Organisationen in Deutschland zur Politik Israels zu äußern haben?

Ich bin sehr zweifelnd, wie weit sich jüdische Gemeinden zur Politik überhaupt äußern sollen und zwar deshalb, weil die jüdischen Gemeinden andere Aufgaben haben. Die jüdischen Gemeinden haben die Aufgabe, die jüdische Religion zu pflegen. Aber so einfach lässt sich das natürlich nicht trennen.

Nein, denn der Zentralrat und auch die Union sind natürlich politische Vertretungen und Interessenvertretungen.

Ich bin überall dort sehr zurückhaltend, wo ich weiß, dass es unterschiedliche Meinungen zu politischen Themen gibt. Ich bin zurückhaltender als es zum Beispiel Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrats, ist. Ich würde mich nicht über die unterschiedlichen Meinungen in meinen Gemeinden hinweg setzen, um eine politische Stellungnahme abzugeben. Was außer Zweifel steht - und das gehört zur Aufgabe einer jüdischen Gemeinde - ist die Solidarität mit Israel als der Heimat von Juden.

Aber auch die kritische Solidarität, im Sinne von kritischer Begleitung der Politik in Israel?

Ich denke, dass Juden, die sich mit Israel auseinander setzen, automatisch kritisch sind. Wenn wir die Auseinandersetzungen im Land Israel verfolgen, wissen wir ja immer, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Es ist nicht unsere Aufgabe - und ich empfinde das immer stärker - den Israelis und den Palästinensern gute Ratschläge zu geben, wie sie den wirklich tragischen Konflikt lösen können. Ich komme mir dabei immer vor wie jemand, der auf dem sicheren Strand spazieren geht und zwei Ertrinkenden zurufen möchte, was sie denn tun sollen, um sich zu retten. Mir ist der Glaube an Lösungen für den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern in den letzten Jahren gründlich abhanden gekommen. Mich stört überhaupt nicht, wenn man Israel kritisiert. Mich stört an israelischer Politik auch sehr vieles. Mich stört aber an Kommentatoren einerseits die relative Unbekümmertheit, die Realität dort zur Kenntnis zu nehmen, zu glauben, sie von außerhalb Israels nachempfinden zu können. Zum zweiten stört mich das Ausblenden der Geschichte. Das Wissen, was vor zwei, drei, vier oder zehn oder zwanzig Jahren passiert ist, scheint mir auch bei manchem Kommentator gründlich abhanden gekommen zu sein. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Man hat, wenn es um palästinensische Staatlichkeit geht, manchmal den Eindruck, dass viele vergessen haben, dass die heute von Israel besetzten Gebiete bis 67 unter arabischer Verwaltung standen. Wenn es also der arabischen Welt um die palästinensische Staatlichkeit geht, hätten sie längst ein Palästina gründen können.

Das war jetzt schon eine inhaltliche Antwort, was Sie zu dem Konflikt sagen. Aber noch mal zu der schwierigen Frage, ob jüdische Organisationen in Deutschland sozusagen verpflichtet sind, zur Politik Israels öffentlich Stellung zu nehmen. Sie sagen, Sie sind da sehr zurückhaltend, die Gemeinden sind nicht politisch. Gut, die Gemeinden sagen zum Beispiel auch nichts zu Hartz IV. Auf der anderen Seite sagen Sie, selbstverständlich gibt es eine Solidarität Israel gegenüber. Der Publizist Chaim Schneider sagt zum Beispiel, die Loyalität der Juden gegenüber Israel verlangt, Stellung zu beziehen. Oder haben Sie eher den Eindruck, dass Sie da vollkommen ungerechtfertigt in eine Art Generalhaftung genommen werden, weil Sie ja deutscher Staatsbürger sind und nichts mit dem Staate Israel in diesem Sinne am Hut haben?

Wir haben keine Verpflichtung, Handlungen der Regierung, die man für falsch halten kann, kritisieren zu müssen. Ich glaube wir haben mehr Verpflichtung, zu Hartz IV Stellung zu beziehen, denn soziale Gerechtigkeit ist eine der Grundfeste des Judentums und das Judentum hat zur sozialen Absicherung eine ganze Reihe von sehr konkreten Forderungen gestellt. Wir hätten also mehr Grund zu Hartz IV Stellung zu beziehen, als etwa zu der Frage des Sicherheitszauns in Israel. Ich denke, wir haben auch nicht die Aufgabe, Kritiker Israels zu kontrollieren, ob sie zu Recht oder zu Unrecht kritisieren. Wir haben uns sicherlich dort zu melden, wenn wir die Grenze überschritten sehen, die das Existenzrecht Israels in Frage stellt. Aber wir sind nicht die Außenposten Israels. Dass wir trotzdem ein ambivalentes Verhältnis zu diesen Fragen haben, ist klar. Wir kritisieren einerseits, wenn wir in Haftung genommen werden, setzen uns andererseits mit Vehemenz für Israel ein. Aber das eigentlich Unvereinbare zu fordern, ist eine gute jüdische Eigenschaft.

Herr Mühlstein, noch ein strittiges Thema: Es wird in Berlin über kurz oder lang - ob nun am 22. September, wie zunächst noch geplant oder später - eine Ausstellung des Kunstsammlers Friedrich Christian Flick geben. Er ist der Enkel des Rüstungsindustriellen und verurteilten Kriegsverbrechers Friedrich Flick. Werden Sie in diese Sammlung, in diese Ausstellung gehen, als Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland? Oder als privater Kunstinteressierter?

Da erwischen Sie mich mit einer schwierigen Frage. Ich werde als Vorsitzender nicht hingehen. Ich tue sehr wenige Dinge als Vorsitzender, ich bin Privatperson.

Und die geht hin?

Ich habe mir diese Frage noch nicht gestellt. Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass man der Kunst den Kunstsammler anrechnen kann. Würde ich danach gehen, ich weiß nicht, was ich alles in Deutschland nicht machen könnte.

Verstehen sie denn zumindest den Streit? Es wird von den Kritikern gesagt, die Kunstsammlung ist zum Teil erworben worden mit Geldern, die in Zusammenarbeit mit Zwangsarbeit und Sklavenarbeit in der Nazizeit stehen?

Ich verstehe diesen Streit und denke ich auch, ich würde mir viele Gedanken machen, wenn ich in diese Ausstellung gehen müsste. Ich halte sehr viel von bewusster Auseinandersetzung. Wir haben in München in dem Haus, das mal von Hitler benutzt wurde, eine jüdische Tagung durchgeführt - das ist heute die Hochschule für Musik und Theater in München - und wir haben das getan. Wir haben gesagt, wir nehmen diesen Ort ganz bewusst an.

Aber es ist doch etwas anderes. Wie beurteilen Sie denn den Streit entlang? Welcher Linie entlang würden Sie argumentieren? Man kann einmal sagen, man kann jemanden nicht in eine Art Familienhaftung nehmen für etwas, was ein Vorfahre, der Großvater in diesem Fall, getan hat.
Man kann natürlich auch sagen, das ist eine Art Blutgeld mit der Besitz erworben wurde, der jetzt öffentlich zur Schau gestellt wird.


Erwarten Sie von mir nicht mehr Wissen als die Schwester des Sammlers oder ein anderer Sammler, Bergruen, selber Jude, großer Sammler, der zu der Ausstellung geraten hat. Die Schwester hat davon abgeraten?

Wir verlangen von Ihnen nichts als Ihre persönliche Meinung dazu.

Ich habe zu vielen Fragen eindeutige Meinungen. Hier bin ich selbst im Zwiespalt. Ich denke, dass es sicherlich problematisch ist. Der Name dieser Ausstellung ' 'Flick-Sammlung', hätte besser ein neutraler Name sein können und es hätte sicherlich mehr Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte geben können. Ich überschätze meine Möglichkeiten aber nicht, dass ich mir zu jeder Frage eine Meinung bilden kann. Ich billige Herrn Korn, Vizepräsident des Zentralrats, Architekt, und Architektur-Historiker, der sich mit der Frage des Gedenkens viel mehr auseinander gesetzt hat, dazu eine prononcierte Meinung zu haben. Ich billige mir dieses Wissen nicht zu. Aber was ich positiv finde, ist die Auseinandersetzung an sich. Wir holen hier eine Auseinandersetzung nach und deshalb werden uns solche Konflikte noch lange verfolgen. Es ist vieles an Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht geschehen, was uns bei passenden und unpassenden Gelegenheiten wie diese Ausstellung, immer wieder ereilen wird. Das ist das Produktive an der ganzen Geschichte. Es ist entscheidend, dass man sich so vermutlich mehr mit der Frage der Sklavenarbeit, der Ausbeutung von Menschen beschäftigt hat.


Das Gespräch wurde geführt von Annette Riedel und Susanne Führer, DeutschlandRadio Berlin.


Jan Mühlstein: Geboren am 3.7.1949 in Brüx (Most), CSR, in einer deutsch-jüdischen Familie, die seit mindestens drei Generationen dem liberalen Judentum angehört. 1967 Abitur in Liberec (Reichenberg). 1967 bis 1969 Studium der Physik an der Karlsuniversität Prag, aktive Teilnahme am Prager Frühling (Mitglied der Studentenvertretung). September 1969 Emigration nach Deutschland. 1970 bis 1975 Studium der Physik an der Ludwig-Maximilian-Universität München. 1975 bis 1977 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Theoretische Physik der LMU München. 1977 Promotion in theoretischer Quantenoptik an der LMU München. 1977 bis 1981 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Projektleitung Energieforschung in Jülich. 1977 bis 1981 ehrenamtliches Mitglied im Bundesvorstand von amnesty. Seit 1982 Fachjournalist für Energiewirtschaft. 1995 Mitbegründer der Liberalen jüdischen Gemeinde München Beth Shalom. 1995 bis 2002 Zweiter Vorsitzender der Liberalen jüdischen Gemeinde München Beth Shalom, seit 2002 Erster Vorsitzender der Liberalen jüdischen Gemeinde München Beth Shalom. Seit 1999 Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland.
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