Tacheles
Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
10.9.2004
Scharfe Kritik an US-Politik im Nahen und Mittleren Osten
Interview mit Jeffrey Gedmin, Direktor des Aspen-Instituts Berlin

DeutschlandRadio Berlin: Hat George W. Bush Ihrer Einschätzung nach in den letzten Jahren eine gute Politik gemacht? Lassen wir mal den Komplex Anti-Terrorkampf im Moment völlig raus, sondern reden über das, was darüber hinaus noch übrig bleibt.

Jeffrey Gedmin: Das ist wirklich schwer zu beurteilen. Meiner Meinung nach hat er ja auf jeden Fall - das räume ich sofort ein - in der Außenpolitik Fehler gemacht. In der Innenpolitik hat er aber im Großen und Ganzen - da bin ich fest überzeugt - gute Politik gemacht.

DeutschlandRadio Berlin: Aber wenn wir mal innenpolitisch bleiben: Der durchschnittliche Lebensstandard ist gesunken. Das Staatsdefizit hat er in enorme Höhe geschraubt - das ist ja keine positive Bilanz.

Gedmin: Also Ja und Nein, im Vergleich zu Deutschland sieht es bei uns ziemlich gut aus.

DeutschlandRadio Berlin: Aber im Vergleich zu den Jahren unter Bushs Vorgänger Clinton sieht es ganz schlecht aus.

Gedmin: Ja, das stimmt. Die Frage ist, und die müsste unbedingt gestellt werden: Wenn wir John Kerry wählen, was tut er denn dagegen oder dafür? Hat er wirklich etwas Konkretes anzubieten?

DeutschlandRadio Berlin: Es gibt noch ein Thema, was Ihnen als 'schwarzer Grüner' oder 'grüner Schwarzer', wie Sie gern genannt werden - also als ein Konservativer mit einem starken ökologischen Hang - sehr aufstoßen müsste, dass an dieser Ecke die Bilanz von Bush wirklich schlecht ist. Und da meinen wir jetzt gar nicht mal den Klimaschutzvertrag von Kyoto, wo die USA ausgestiegen sind, sondern auch die mangelnden Anstrengungen der USA, sich unabhängiger von Öl und Gas zu machen und mehr auf alternative Energien zu setzen.

Gedmin: Also ich finde das Problem sehr schwerwiegend. Das ist übrigens, wie Sie wissen, auch ein großes und ernst zu nehmendes Problem für Sie in Deutschland.

DeutschlandRadio Berlin: Na ja, unsere Anstrengungen sind vielleicht ein 'bisschen ambitionierter'.

Gedmin: Nehmen Sie das Beispiel Saudi Arabien, das ist ja für die Bundesrepublik Deutschland nach wie vor der größte Handelspartner.

DeutschlandRadio Berlin: Wir reden hier jetzt aber über die USA, Herr Gedmin.
Also, für uns im Westen ist das ein ernst zu nehmendes Problem. Wir sind, Gott sei Dank, nach den Anschlägen vom 11. September endlich zu dem Schluss gekommen, Öl und Stabilität - diese Kombination geht nicht mehr.
Und trotzdem werden in den USA immer noch 1,8 Milliarden Dollar in die Subventionierung der Gas- und Öl-Industrie gesteckt und nur 24 Millionen Dollar in die Förderung von Forschung im Bereich alternative Energien. Das sind doch Zahlen, die für sich stehen.

Gedmin: Das ist richtig. Hauptsache ist aber, man spricht das Thema an - in beiden Parteien, in der Presse, auf dem Capitol Hill. Ich gehe davon aus, dass das jetzt der Anfang einer langen Diskussion ist - aber unbedingt notwendig.

DeutschlandRadio Berlin: Wir haben jetzt ein bisschen über die innenpolitische Bilanz von George Bush gesprochen und wenn ich es jetzt richtig zusammenfasse, waren das eigentlich alles Negativpunkte. Was hat er denn innenpolitisch Ihrer Ansicht nach gut gemacht?

Gedmin: Auch wenn das schwer zu beurteilen ist, aber die Sicherheitslage sieht bei uns wahrscheinlich etwas besser aus. Denn vor dem 11. September haben wir entweder die meisten Probleme heruntergespielt oder einfach wegdiskutiert. Terroristen gab es bei uns genau so wie bei Ihnen und die durften vor dem 11. September relativ leicht arbeiten und operieren. Ich gehe davon aus - das kann ich Ihnen nicht beweisen - dass es für die Terroristen inzwischen zumindest etwas schwieriger geworden ist und das halte ich für wichtig.

DeutschlandRadio Berlin: Aber der Preis, der dafür gezahlt wird, ist natürlich, dass die bürgerlichen Rechte nicht nur für potentielle Terroristen eingeschränkt wurden, sondern unter dem berühmten 'Patriot Act', der entsprechenden Gesetzgebung, nach dem 11. September, auch für normale Bürger wie Sie und mich massiv eingeschränkt werden.

Gedmin: Ich hasse das. Ich finde es auch problematisch. Ich fliege ja sehr viel - also was man da erleben muss, an einem amerikanischen Flughafen, um ein Beispiel zu nennen, finde ich fürchterlich! Bin ich aber deshalb bereit zu sagen, dass das ja alles nicht notwendig ist? Nein! Ich stelle die Frage ich nehme das sehr ernst. Ob wir zu weit gehen? Ich weiß es nicht, aber die Frage müsste gestellt werden.

DeutschlandRadio Berlin: Es ist ja nicht nur an Flughäfen das Problem der Kontrolle, sondern es werden auch E-Mails überprüft, es werden Büchereien überprüft auf ihre Leser. Da stellt sich schon die Frage der Verhältnismäßigkeit, ohne die Intentionen in Frage stellen zu wollen. Das alles hat mit einem demokratischen Rechtsstaat nach unserer Vorstellung nicht mehr so richtig viel zu tun. Wenn etwa der Geheimdienst FBI Zugang erhält zu medizinischen oder finanziellen oder schulischen Informationen, ohne dass es dafür eines Gerichtsurteils bedarf.

Gedmin: Die Fragen halte ich für wichtig.

DeutschlandRadio Berlin: Aber beantworten mögen Sie sie nicht.


Gedmin: Haben Sie denn eine gute, eindeutige, vernünftige Antwort darauf? Es gibt schließlich in der Tat Menschen, die unseren demokratische Werte massiv ablehnen und die tragen keine Uniform, die leben bei Ihnen und bei uns, gehen am Samstag ins Kino, arbeiten - vielleicht bei Ihnen oder bei uns im Büro - und denken die ganze Zeit daran, Unschuldige, und zwar so viele wie möglich umzubringen...

DeutschlandRadio Berlin: Und überzeugen wir die vom Gegenteil, wenn wir Unschuldige verdächtigen?

Gedmin: Das ist das Problem und das ist ein Dilemma, das unbedingt ernst zu nehmen ist.

DeutschlandRadio Berlin: Also kann man die Freiheit verteidigen, indem man die Freiheit dafür aufgibt?

Gedmin: Die Antwort ist natürlich eindeutig: Ja! Das haben wir immer gemacht. Wenn ich fliege, gebe ich sofort die Freiheit auf, jedes Mal.

DeutschlandRadio Berlin: Wieso gebe ich dann Freiheit auf?

Gedmin: Da muss ich ja meinem Koffer aufmachen, das sind ja meine persönlichen Dinge.

DeutschlandRadio Berlin: Das wissen Sie aber. Sie wissen aber, zum Beispiel, nicht unbedingt, ob jetzt Ihr Arzt die Informationen über Ihre Krankheiten an den Geheimdienst weitergibt, das ist ja noch ein Unterschied. Oder dass Sie ohne Grund festgehalten werden können oder ohne richterliche Anweisung Ihre persönliche Post usw. geöffnet werden kann.

Gedmin: Aber passiert es nicht in Deutschland, dass der Nachbar die Polizei anruft, wenn etwas verdächtig in der Nachbarschaft ist?

DeutschlandRadio Berlin: Das ist ja etwas anderes, wenn ich als Privatperson etwas verdächtig finde, als wenn ich gesetzlich sanktioniert ausgeforscht werde.

Gedmin: Und was heißt denn etwas Verdächtiges? Wer bestimmt, was verdächtig ist?

DeutschlandRadio Berlin: Jetzt weichen Sie aus. Es geht doch wirklich darum, wie man einen Staat, einen Rechtsstaat umbaut, wenn man verhindern will, dass der Rechtsstaat gefährdet wird und ob dabei der Rechtsstaat nicht das Risiko eingeht, dass er irgendwann gar kein Rechtsstaat mehr ist. Also unser Rechtssystem beruht auf der Unschuldvermutung und es wird gerade umgekehrt auf die Schuldvermutung.

Gedmin: Ich bin ja auch im Grunde dafür, dass wir Freiheit niemals beschränken. Punkt. Schluss. Aus. Und dann kommt eben die Realität.

DeutschlandRadio Berlin: Und dann kommen die Ausnahmen und dann ist eben die Frage, wie lang man diese Liste mit den Ausnahmen macht.

Gedmin: Richtig. Welche Ausnahmen, wann, unter welchen Bedingungen? Und gibt es eine Antwort darauf? Nein. Das ist eine lange komplizierte Diskussion.

DeutschlandRadio Berlin: Und das Interessante ist, dass es in den USA relativ wenig diskutiert wird im Moment, außer von bestimmten Kreisen.

Gedmin: Das stimmt nicht. Das wird ja heftig diskutiert, das ist bei uns ein Thema.

DeutschlandRadio Berlin: Aber es wird von der Administration selbst nicht als problematisch hingestellt. Wenn ich Herrn Ashcroft, den Justizminister höre, dann gibt es gar keine Zweifel.

Gedmin: Vorsicht, Vorsicht! Was heißt denn bei der Administration? Bei Colin Powell oder John Ashcroft? Don Rumsfeld oder Condoleeza Rice? Es gibt ja unterschiedliche Positionen - genauso wie bei Ihnen zwischen Joschka Fischer und Otto Schily. Oder gibt es in der Bundesregierung eine einheitliche Position zu gewissen Fragen?

DeutschlandRadio Berlin: Herr Gedmin, kommen wir mal auf den Wahlkampf zu sprechen.Im November wird ja gewählt in den USA. Uns würde mal interessieren, gibt es für Sie in einem Wahlkampf Grenzen des guten Geschmacks, die man nicht überschreiten sollte und wenn ja, wo liegen die?

Gedmin: Ja, wissen Sie, ich habe ja da meine Probleme mit der Politik im Allgemeinen. Es sollte Grenzen geben, aber man überschreitet sie immer. Das ist ja nicht eine Sache der Republikaner oder der Demokraten und nicht nur in diesem Wahlkampf. Wir, die Amerikaner, haben in den letzten 200 Jahren immer im Wahlkampf ziemlich schmutzig gearbeitet. Ich bedauere das.

DeutschlandRadio Berlin: Stößt es Sie nicht mehr als 'normal' ab, wenn die Terroropfer vom 11. September auf eine Art und Weise ins politische Kalkül strategisch mit einbezogen werden, dass sich doch unter Unterständen da doch leicht die Nackenhaare sträuben?

Gedmin: Wer tut das?

DeutschlandRadio Berlin: Das tun die Republikaner ganz extrem. Auch die Demokraten haben den 11. September in ihrem Parteitag x-mal erwähnt.

Gedmin: Also beide Seiten. Könnte das aber nicht bedeuten, dass das Thema für uns eben von höchster Bedeutung ist?

DeutschlandRadio Berlin: Ja, aber wie man es sozusagen 'bearbeitet', das ist dann vielleicht doch eine Frage des Geschmacks.

Gedmin: Wie tut man das?

DeutschlandRadio Berlin: Indem man zum Beispiel bei den Republikanern schon die Menschen, die zum Parteitag kommen, einstimmt durch entsprechende Bilder vom 11.September in den Gängen, indem man mit sehr viel Pathos und Anspielungen auf Emotionen diesen Tag versucht, in Erinnerung zu rufen, von dem man genau weiß, dass es da die Momente der höchsten Zustimmung für den amerikanischen Präsidenten gab. Das ist das, was wir meinen. Es geht nicht, darum dass der Tag wichtig ist, dass man darüber redet.

Gedmin: Ich finde das bedauerlich. Genauso wie es bei John Kerry bedauerlich ist, wie er das Thema Vietnam anspricht, genauso wie es Gerhard Schröder bedauerlich war, wie er das Thema Irak damals ansprach. Ich finde das bedauerlich, aber ich habe auch damit gerechnet. Aber, okay - bedauerlich.

DeutschlandRadio Berlin: Aus europäischer Sicht ist auch diese sogenannte Negativ-Werbung eine Geschmacksfrage - sprich, dass der gegnerische Kandidat geradezu beschimpft wird und übel verleumdet wird. Das stößt ja hierzulande komisch auf.

Gedmin: Das will ich hier nicht verteidigen, aber wir haben uns leider daran gewöhnt. Also das macht man, das ist normal im Wahlkampf, man attackiert. Man greift den Gegner an - und zwar scharf.

DeutschlandRadio Berlin: Man macht ihn lächerlich - und zwar nicht unbedingt politisch, sondern in seiner Persönlichkeit.

Gedmin: Stimmt, das ist richtig. Das ist vielleicht auch ein wesentlicher Unterschied zwischen den USA und der Bundesrepublik Deutschland, und das mag ich überhaupt nicht. Richtig, es geht nicht nur um politische Fragen, sondern auch um persönliche und Fragen, die eigentlich gar nichts mit der Politik zu tun haben.

DeutschlandRadio Berlin: Sie würden dem Befund nicht zustimmen, dass wir doch da eine neue Drehung haben, eine neue Zuspitzung? Wenn man dem von außen zuschaut und zuhört, hat man wirklich fast das Gefühl, es handelt sich um einen 'Kampf der politischen Kulturen'. Da muss man sich dann schon fragen, was ist nach dem Wahlkampf, wenn man sich so sehr in die jeweiligen Schützengräben begeben hat?

Gedmin: Ja, also Kampf der Kulturen, das ist nicht zum ersten Mal bei uns.

DeutschlandRadio Berlin: Aber das gab es doch lange nicht mehr - in den 60er Jahren vielleicht.

Gedmin: Ja und Nein, vergessen Sie aber nicht, die Republikaner haben Bill Clinton wirklich gehasst. Das war ja auch eine Art 'Kampf der Kulturen'. Und wir haben es mit einer neuen Lage zu tun. Ich denke, es handelt sich letztendlich darum: wir sind angegriffen worden, wir suchen nach Antworten. Die Antworten sind inzwischen noch nicht gefunden worden und die sind ja auch nicht leicht zu finden. Das bedeutet, es gibt eine heftige, ernsthafte, zugleich komplizierte Diskussion. Der 11. September hatte ja für uns wirklich große Bedeutung.

DeutschlandRadio Berlin: Man könnte ja sagen, ein Argument von Ihnen sozusagen fortführend, im Grunde genommen sind es die Terroristen, die diese Wahl entscheiden. Wenn es jetzt einen großen Anschlag geben würde, sagen wir mal Ende Oktober, dann wird Bush garantiert gewinnen. Zur Erklärung: Sie haben nämlich über Spanien im März nach den Anschlägen gesagt, da hätten die Terroristen die Wahl entschieden.

Gedmin: Das habe ich gesagt. Also, ich weiß es nicht, ganz ehrlich gesagt. Ich frage mich das auch. Wenn die Terroristen angreifen würden, das würden die meisten Amerikaner denken? Würden sie denken' George W. Bush, 'he will keep us save' - oder genau das Gegenteil?

DeutschlandRadio Berlin: Er konnte es nicht verhindern.

Gedmin: Er konnte es nicht verhindern, wieso denn nicht? Man überschätzt ja manchmal, was der Bundeskanzler oder der amerikanische Präsident machen kann und nicht machen kann.

DeutschlandRadio Berlin: Ja, aber mit dieser Überschätzung spielen die Politiker doch auch.

Gedmin: Ja.

DeutschlandRadio Berlin: Aber ich es gibt noch einen anderen Punkt im Zusammenhang mit der Sicherheitsfrage: Solange die Amerikaner sich in einem akuten Bedrohungszustand empfinden und befinden, werden bestimmte Themen - nämlich die, wo Kerry möglicherweise punkten könnte - die Ökologie, es kommt sicherlich noch Gesundheitssystem dazu, vielleicht auch die Wirtschaft - einfach keine Rolle spielen.

Gedmin: Ja, das wäre zu erwarten. Bei uns gibt es ja nach wie vor in diesem Wahlkampf eigentlich nur zwei Themen: das erste Irak, Sicherheit, Terrorismus und das zweite ist die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit. Und es gibt ja sicherlich andere wichtige Themen, die jetzt nicht angesprochen werden, und das ist sehr bedauerlich. Viele - nicht alle, denken in erster Linie an Sicherheit.

DeutschlandRadio Berlin: Das ist natürlich auch irgendwo erschreckend, wenn man es zuende denkt welchen Einfluss diese Terroristen, die wir ja mit allen Mitteln bekämpfen wollen, mittlerweile auf die internationale Politik haben.

Gedmin: Die hatten Einfluss in Spanien, die haben Einfluss bei uns. Die sind gut bewaffnet, die haben ja Geld, die denken und planen strategisch.

DeutschlandRadio Berlin: Wobei die spanische Regierung wegen ihrer Fehler in der Informationspolitik abgewählt wurde und nicht wegen der Anschläge selbst. Aber es ist ja, um es sozusagen zuzuspitzen, doch die Frage, worüber spricht man in dem Wahlkampf? Über Krieg oder über Krankenversicherung?

Gedmin: Man spricht über Krieg, das bedauere ich auch aber das kann ich ja auch verstehen.

DeutschlandRadio Berlin: Die Vorgänge in Beslan, die schrecklichen Vorgänge um die Schule, die von Terroristen überfallen wurde, sind natürlich auch ein Punkt, der sich auf der Liste derjenigen finden wird, die sich hauptsächlich auf den Kampf stürzen. Zeigen aber nicht diese Vorgänge in Beslan letztendlich auch, dass man den Terrorismus rein militärisch nicht wird beikommen können?

Gedmin: Man braucht immer - und das weiß man in Europa und das weiß man in den USA - eine Kombination von Mitteln - diplomatische, wirtschaftliche und militärische Mittel soll man natürlich auch nicht ausschließen. Es stimmt aber - mit militärischen Mitteln alleine geht es überhaupt nicht.

DeutschlandRadio Berlin: Aber die anderen Mittel sehen wir noch nicht so recht. Lee Hamilton, der demokratische Abgeordnete, der der stellvertretende Vorsitzende des Terrorismus-Ausschusses im Kongress ist, der hat gesagt' wir, die Amerikaner, können uns oft gar nicht vorstellen, in welchem Maße unsere Politik Zorn in der muslimischen Welt auslöst'. Also er wirft im Grunde genommen den USA vor, dass sie ihre Politik machen und sich überhaupt gar keine Gedanken darüber machen, wie das bei anderen ankommen könnte und ich habe nicht den Eindruck, dass die USA jetzt irgendwie ihre Strategie geändert hätten.

Gedmin: Wir haben ja gerade das Regime in Bagdad beseitigt. Das ist ja schon ein Wechsel.

DeutschlandRadio Berlin: Dass das jetzt zu einer größeren Beliebtheit der USA in der arabischen Welt geführt hat, wollen Sie doch aber jetzt nicht behaupten?

Gedmin: Nein, ganz und gar nicht. Unser Probleme in der Region ist ein anderes: Es gibt 21 arabische Staaten, die ja alle ohne Ausnahme Diktatoren sind. Wir haben diplomatische Beziehungen zu fast allen - mit Ausnahme Irans. Die Frage ist, was tut man denn eigentlich dagegen? Wie geht man mit diesen Regimen um?

DeutschlandRadio Berlin: Eben.

Gedmin: Natürlich sind wir unbeliebt, wir unterstützen Diktatoren.

DeutschlandRadio Berlin: Unbeliebt ist ja gar kein Ausdruck. Die USA sind doch verhasst in der arabischen Welt.

Gedmin: Kann ich ja auch verstehen. Wir unterstützen ein fürchterliches Regime in Saudi Arabien. Das sind Verbrecher.

DeutschlandRadio Berlin: Meinen Sie das ist der Grund, warum die USA verhasst sind?

Gedmin: Das ist ein wichtiger Grund. Es gibt ja bestimmt verschiedene Gründe dafür, aber das ist auf jeden Fall ein wichtiger Grund.

DeutschlandRadio Berlin: Vielleicht ist auch die USA nur ein Symbol für das, was die Menschen in der Region empfinden, nämlich eine Form von Demütigung, eine Form von Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Und solange es Menschen gibt - und zunehmend Menschen gibt, die solche Gefühle hegen, werden die Terroristen rekrutieren können. Und das ist das größte Problem und damit kommt man eben mit militärischer Stärke und der Betonung dieses Aspekts nicht weiter.

Gedmin: Ja, aber die meisten Menschen denken ja nicht daran, Unschuldige umzubringen. Das ist die überwiegende Mehrzahl in der arabischen Welt - auch wenn die uns vielleicht hassen, auch wenn die Israel hassen, auch wenn sie in Armut leben, die werden ja nicht Terroristen. Nein, das ist ja nach wie vor Gott sei Dank eine kleine Minderheit.

DeutschlandRadio Berlin: Die Zahl nimmt aber erschreckend zu. Ein deutscher Sicherheitsbeamter hat ganz schön gesagt 'solange eine Mutter zu ihrem letzten überlebenden Sohn sagt, gehe los und räche die ermordete Familie' und solange sie nicht sagt, 'gehe in die Hauptstadt und studiere und werde Ingenieur und komm zurück und hilf das Land aufzubauen', solange ist nichts gewonnen.

Gedmin: Wir haben doch einen anderen Weg ausprobiert, und zwar in der Clinton-Zeit. Wir haben ja da nicht von Militär geredet. Damals war die Rede von Entwicklungshilfe, die Diplomatie klappte wunderbar. Und trotzdem kam in den letzten zehn Jahren das Terrorismus-Problem auf und amerikanische Botschaften wurden in Afrika attackiert, ein Schiff in einem Hafen von Aden, amerikanische Soldaten in Saudi Arabien. 1993, das erste Mal wurde das World Trade Center in New York angegriffen. Also, Diplomatie, kritischer Dialog, Entwicklungshilfe - hat ja auch nicht geholfen.

DeutschlandRadio Berlin: Die Frage ist ja nur, ob es mit diesem anderen jetzt verstärkt beschrittenen Weg, der auf das Militärische setzt, besser geworden ist?

Gedmin: Kann es ja nicht sein, dass das Problem hauptsächlich nicht die amerikanische Außenpolitik ist, nicht die Politik der EU ist, nicht Gerhard Schröder ist, nicht Jacques Chirac ist, sondern die Diktatoren, die die eigene Bevölkerungen unterdrücken?

DeutschlandRadio Berlin: Aber warum richtet sich dann der Terror nicht gegen die, sondern gegen die Amerikaner, ist doch dann die Frage. Osama Bin Laden greift ja nicht das Königshaus in Saudi Arabien an.

Gedmin: Doch, er greift in Saudi Arabien an, natürlich hat er...

DeutschlandRadio Berlin: Gut, greift er auch an aber es ist nicht sein Hauptziel.

Gedmin: Natürlich hat er vor, dass dieses Regime zerbrechen soll und dass er oder seine Leute endlich an die Macht kommen können. Und schauen Sie sich an, was heute im Irak passiert, das halte ich für interessant. Die Terroristen und die Saddam-Anhänger, die greifen jeden Tag an - und nicht nur Amerikaner. Die greifen Iraker an, die greifen Studenten an und Richter und Journalisten und Wissenschaftler. Die greifen sogar Mitglieder Hilfsorganisationen an, die aus Ländern kommen, die den Krieg abgelehnt haben. Wieso denn das?

DeutschlandRadio Berlin: Eben.

Gedmin: Eben. Das ist ein Problem.

DeutschlandRadio Berlin: Und lediglich draufschießen löst es nicht.

Gedmin: Ja, das stimmt.


Das Gespräch wurde geführt von Annette Riedel und Susanne Führer, DeutschlandRadio Berlin.


Die Karriere von Jeff Gedmin, Jahrgang 1958, begann völlig unpolitisch: als Chorleiter im State Department. Ursprünglich war die Musik sein Metier. Sie führte ihn auch für ein Studienjahr nach Salzburg. Bei Reisen Ende der 70er Jahre und mehreren monatelangen Aufenthalten in den 80er Jahren in der DDR, wo er auch studierte, begann er sich zunehmend für Politik und speziell für osteuropäische Länder zu interessieren. Von einem Studenten - Nebenfächern Deutsche Sprache und Literatur - der "links, links, links" war, entwickelte er sich zum "antikommunistischen Kreuzritter". So mutierte er vom Musik-Studenten (Hauptfach Klavier) zum Außenpolitiker. Während er als High-School-Lehrer jobbte, promovierte er an der Georgetown University. Dann kamen die Jahre im American Enterprise Institute für politische Forschung in Washington. Als Direktor der New Atlantic Initiative, einem Interessenverbund internationaler Institute, Politiker, Wirtschaftsleute oder Journalisten und hatte Gedmin enge Kontakte etwa zu Henry Kissinger, Margaret Thatcher, Donald Rumsfeld, Madeleine Albright, Benjamin Netanyahu oder Vaclav Havel. Seit Dezember 2001 ist Gedmin Leiter des Aspen-Instituts in Berlin, gegründet 1974 mit dem Ziel, als unabhängige und überparteiliche Organisation an der Verbesserung der transatlantischen Beziehungen mitzuwirken. Gedmin verfügt über sehr gute Drähte zur US-Regierung unter George W. Bush.

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