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Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
15.10.2004
Nike Wagner: Kultur muss zum Staatsziel werden
Interview mit Nike Wagner, Intendantin des Weimarer Kunstfestes

Nike Wagner, Urenkelin Richard Wagners (Bild: AP Archiv)
Nike Wagner, Urenkelin Richard Wagners (Bild: AP Archiv)
Nike Wagner: Ich wurde einfach gebeten, nach Weimar zu kommen. Da gab es keine Bewerbung und keine Kandidatur. Die (Aufgabe schien mir) ungeheuer reizvoll, in der Tat, (aber) kontaminiert ist Weimar in vielerlei Hinsicht. Das ist ja der gesamte Klassikkomplex, ist der gesamte Kulturkomplex. Das Wort kontaminiert passt aber wohl besser auf die politische jüngere Vergangenheit von Weimar, die durchaus mit der ähnlich braunen Vergangenheit des anderen kleinen Städtchens Bayreuth zu vergleichen ist. Da passt das Wort kontaminiert natürlich sehr gut. Aber schauen Sie, gerade der Zusammenhang oder Zusammenmissklang - Zusammenklang kann man schlecht sagen - dieser beiden Komplexe von Kultur und Politik, der hier so stark ist, der auch in Bayreuth sehr stark ist, natürlich ist der ungeheuer attraktiv. Wobei das Bessere an Weimar, würde ich sagen, ist eben die Vielfalt des Kulturkomplexes. In Bayreuth haben Sie, auch weil man andere Traditionen leicht vergisst - wir haben Markgrafentradition, wir haben 18. -Jahrhundert-Tradition, wir haben Jean Paul usw. - in Bayreuth vergisst man immer alles, weil der dicke, große, fette Wagner-Komplex da ist. Während hier in Weimar spaltet sich ja doch der Kulturkomplex auf in wunderbare Zeiten und Epochen und in die Vielfalt.

Meine erste Erfahrung mit dem Osten, mit Weimar war etwa 1995. Da bat man mich zu einem Vortrag über Nietzsche herzukommen, Nietzsche und die Musik. Das habe ich sehr gerne gemacht. Aber Sie wissen, wenn man nach Weimar reinkommt, ist das so ein kleiner Exquisit-Komplex. Man hat ja gar nicht gleich da Gefühl, dass man im Osten ist. Es hat mir einfach sehr gut gefalle. Die nächste Erfahrung war dann in der Tat erst im Winter 2002, als ich gebeten wurde, mir das hier anzuschauen, hier anzutreten, vorzusprechen, was ich mir unter meinem Kunstfest vorstellen würde. Und erst dann kamen langsam ein paar Osterfahrungen. Es ist ja mehr eine Begegnung mit den Menschen. Man merkt es ja nicht gleich. Es sieht ja alles so aus wie im Westen, vor allem in Weimar. Und dann wird es aber erst interessant in den Begegnungen mit den Menschen, wie sie gehen, wie sie stehen, wie sie reagieren, wie sie anders reagieren. Und in meinem Büro, das ein kleines Büro ist, mein Kunstfest-Büro, ist etwa die eine Hälfte Ost und die andere Hälfte ist West. Da habe ich dann über das Jahr schon Erfahrungen machen können in den anderen Reaktionsweisen, wie doch sehr viel mehr in vorgedachten Strukturen gearbeitet wird. Dann, was auch sehr viel netter, anders ist, ist dieses Zusammensitzen, Zusammenglucken, so das Kleinteilige.

DeutschlandRadio Berlin: Aber Glucken hat ja auch so was Komisches. Ein bisschen Piefig klingt es schon.

Nike Wagner: Ja, so das Kaffeekränzchengefühl ist schon sehr deutlich da. Sie sind alle ruhiger. Sie sind langsamer. Ob mich das nun persönlich gerade rasend macht oder nicht, weil ich immer sehr eilig und sehr schnell bin...

DeutschlandRadio Berlin: Macht es Sie rasend?

Nike Wagner: Schon bisweilen, schon. Ja, es ist ein anderes Tempo, grundsätzlich anderes Lebenstempo und Arbeitstempo, was den Vorteil auf der Gründlichkeitsseite hat durchaus, aber auch ein paar Nachteile. Wie gesagt, das sind alles so kleine Alltagserfahrungen, die mich interessieren, weil mich Menschen interessieren, die anders sozialisiert worden sind, und weil es ein bisschen schade ist, dass ich zur Zeit, als der Osten noch rot war und als es den Osten hier noch gab, keine direkten Erfahrungen hatte. Aber weil ich keine direkten Erfahrungen hatte, interessiert es mich einfach.
Nun weiß ich, gute Sachen machen, auch laut darüber reden, genügt noch nicht. Es muss Spektakel irgendwie dabei sein. Das gehört zu unserer Mediengesellschaft. Das ist das Gesetz, unter dem die armen Intendanten heutzutage antreten. Vielleicht bin ich nicht spektakulär genug. Das kann schon sein. Aber es geht mir um die Sache in der Tat. Und ich hoffe, dass Weimar selber schon spektakulär genug ist.

DeutschlandRadio Berlin: Kommen wir zum Geld. Sie haben vorhin gesagt, dass Sie natürlich da jetzt neue Quellen auftun müssen. Wo sind die denn aufzutreiben jenseits von Bund und Land?

Nike Wagner: Es werden mehr oder weniger die alten Quellen sein, das heißt, die entsprechenden Kulturstiftungen, die für die einzelnen Projekte infrage kommen. Die Einzelnen fördern ja nur Medienprojekte, die anderen fördern nur junge Komponisten, die nächsten fördern nur die alte Musik. Das geht ja spartenspezifisch sozusagen. Ich werde von Stadt, Bund und Land, glaube ich, nichts dazu kriegen. Das ist auch nicht vorgesehen. Ich habe ja noch nicht einmal die Finanzierung für 2006 von den offiziellen Stellen genehmigt.

DeutschlandRadio Berlin: Aber Sie haben im August diesen Jahres, habe ich zumindest gelesen, mal auf die Nachfrage, wie finden Sie denn die deutsche Kulturpolitik, gesagt: "Ja, ziemlich gut." Aber jetzt sagen Sie, eigentlich ist 2006 noch nicht gesichert. Wie kann denn die deutsche Kulturpolitik so gut sein?

Nike Wagner: Ja, deutsche Kulturpolitik insgesamt ist auch wieder ein anderer Komplex als jetzt sozusagen diese Bundeskulturstiftung, von der ich was erhalten könnte. Ich muss ja schauen, in welche Töpfe so ein Kunstfest hineinkommt. Was ich damals meinte, war, glaube ich, eher, dass sich ja nach den Erfahrungen der, sagen wir mal, 60er, 70er Jahre, wo man immer auf den Staat geschimpft hat und der Staat eigentlich der Buhmann war für die Künstler - ich rede jetzt ausschließlich vom Verhältnis Kunst und Staat -, hat sich das heute umgedreht. Wir haben eine hochintelligente, künstlerisch kenntnisreiche Bundeskulturstaatsministerin erstens mal. Und wir haben eine Bundeskultur, zumindest von der Förderungslinie her, für die die Künstler heutzutage froh sind, dass es sie gibt. Denn nach allen Erfahrungen mit Privatstiftungen, mit Privatiers, mit Sponsoren und Mäzenen kommt man eigentlich immer sozusagen mit aufgehaltenem Hut, aufgehaltener Hand immer gern wieder zum Staat zurück, weil die Auflagen des Staates einfach angenehmer sind. Oder sagen wir mal, es sind ja keine in dem Sinn, dass man dann ein Firmenlogo irgendwohin hinkleben muss oder dass man besonders populär sich gebärden muss. All diese Verrenkungen sind ja von Staats wegen in dem Sinne nicht angebracht.
Da, wo Kultur als freiwillige Leistung eingestuft wird, das ist ja vor allem auf Länder- und Kommunenebene so, da wird in Zeiten finanzieller Bedrängtheiten herumgestrichen, wie es gerade kommt. (Aber) wie kann man diesen Prozess aufhalten, denn das Wort von der einmaligen Kulturlandschaft in Deutschland stimmt ja - wir müssen immer die anderen europäischen Länder auch dazu addieren im Blick - das stimmt ja. Aber die Frage ist, wie sie erhalten? Und da fällt einem irgendwann nichts Besseres ein, sozusagen, um der herrschenden Willkür irgendwie vielleicht doch einen Riegel vorzuschieben.

DeutschlandRadio Berlin: Was würde das konkret bedeuten? Wie muss man sich das vorstellen? Wäre dann Kulturförderung zum Beispiel einklagbar?

Nike Wagner: Zumindest kann man es nicht sozusagen durch Federstriche stillschweigend auf dem entsprechenden Büroschreibtisch vollziehen. Man kann da Hemmschuhe einbauen, man muss Rechenschaftspflichten, Informationspflichten (schaffen); das müssen dann die Juristen ausarbeiten, wie man das im Einzelnen zumindest erst mal zur Diskussion stellen muss. Ich beklage ja nicht, man kann ja einsparen, man muss einsparen, selbstverständlich. Und auch in der Theaterlandschaft kann eingespart werden. Dieses Abrutschen in den letzten Jahren ist ja nur gekommen, weil es so willkürlich und so kurzfristig immer gemacht wird. Damit können Theaterbetriebe nicht umgehen. Und da wird dann wirklich Schaden angerichtet, während mit - das klingt jetzt ein bisschen langweilig, ein bisschen banal, aber in der pragmatischen Realität ist es so - längerfristigen Sparplänen jeder Kulturschaffende oder jede Kulturinstitution umgehen kann.

DeutschlandRadio Berlin: Das klingt so wahnsinnig einfach. Das sagen eigentlich viele Leute, Theaterleute, Museumsleute. Warum passiert so was eigentlich nicht?

Nike Wagner: Fragen Sie mich nicht, ich bin ja kein Politiker. Ich weiß es eigentlich auch nicht. Aber es ist wie bei Robert Musil. Die berühmte Überschrift in "Mann ohne Eigenschaften" heißt: "Seinesgleichen geschieht". Seinesgleichen geschieht eben. Nur hinterher werfen sie alle die Hände zum Himmel.


DeutschlandRadio Berlin: Wird denn in der Enquetekommission, in der Sie ja sind, also da ging es um das Kulturstaatsziel, darüber auch debattiert? Denn es bringt ja nichts, wenn wir hier im stillen Kämmerlein, also so still ist das Kämmerlein DeutschlandRadio zwar nicht, aber darüber diskutieren. Und so ein Ort ist ja da auch Podium, um so was zu debattieren. Passiert da was?

Nike Wagner: Ja natürlich wird darüber debattiert. Selbstverständlich wird darüber gesprochen. Das Ziel der Enquete ist es ja dann, Handlungsanweisungen zu geben an den Bundestag.


Das Gespräch wurde geführt von Astrid Kuhlmey und Marie Sagenschneider:
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