Tacheles
Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
19.11.2004
"Zwei Frauen unter 30 afghanischen Regierungsmitgliedern sind nicht genug."
Interview mit Dr. Massouda Jalal, ehemalige afghanische Präsidentschaftskandidatin
Moderation: Annette Riedel

Riedel: Dr. Massouda Jalal, Sie sind Ärztin. Wann und warum haben Sie entschieden, Politikerin zu werden?

Jalal (Übersetzung): Als die internationale Gemeinschaft vor drei Jahren nach Afghanistan kam und dann in den Regionen die Delegierten zur großen Ratsversammlung, der Loya Jirga, gewählt wurden, haben ich auf Wunsch meiner Patienten und der Menschen in meinem Umfeld kandidiert, und wurde zu ihrer Repräsentantin gewählt. Nach diesem Erfolg haben mich die Menschen aufgefordert, bei den Präsidentschaftswahlen zu kandidieren. Sie haben daran geglaubt, dass mit mir als Präsidentin Afghanistans viele ihrer Leiden und Schmerzen vorbei wären. Sie haben mir vertraut, weil ich als Ärztin alles, was ich nur konnte, für die Menschen getan habe, um ihnen zu helfen - vor allem den Armen. Ich habe mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht, einmal genug Macht zu haben, um das Leben der Menschen positiv verändern und die Macht in den Dienst der Menschen, vor allen der Armen stellen zu können, um ihre Leiden zu mindern.

Riedel: Sie haben jedenfalls als einzige Frau unter 18 Kandidaten für das Amt des afghanischen Präsidenten Geschichte geschrieben. Sie wurden Fünfte, haben rund 1,2 Prozent der Stimmen bekommen. Entsprach das Ihren Erwartungen?

Jalal: Also, ich habe ungefähr 93.000 Stimmen bekommen, aus allen Teilen des Landes, von allen Ethnien, von allen gesellschaftlichen Schichten. Ich hatte aber mehr erwartet. Ich hatte erwartet, dass ich gewinnen würde oder Zweite würde - jedenfalls wenn es wirklich faire, freie und demokratische Wahlen gewesen wären.

Riedel: Was sie nicht waren?

Jalal: Ich wäre mit jeder Anzahl von Stimmen zufrieden gewesen, wenn die Wahlen tatsächlich frei, fair und demokratisch gewesen wären - ohne Einfluss von außen, ohne Bestechungen, Unaufrichtigkeiten und Betrügereien. Und wenn die Wahlkommission und die amtierende Übergangsregierung unparteilich gewesen wären. Und wenn das Ergebnis der Wahlen dem freien Willen des afghanischen Volkes entsprochen hätte, denn ich arbeite nicht für mich selbst. Ich arbeite für die Demokratie; ich arbeite für die Bevölkerung.

Riedel: Also Sie sagen, die Präsidentschaftswahlen in Afghanistan waren nicht frei, unparteilich, demokratisch?

Jalal: Die Menschen auf der Straße sagen mir, wenn man all die Stimmen für die Kandidaten, die vor mir waren, herausnähme, die diese entweder wegen ihres Geldes, oder durch Bestechung, oder durch Missbrauch von Macht, oder durch andere Ungesetzlichkeiten bekommen haben - wenn man all diese Stimmen nicht mitzählen würde, dann hätten Sie nicht annähernd so viele 'saubere' Stimmen bekommen wie ich. Das sagen mir die Menschen auf der Straße

Riedel: Ich weiß, dass Sie keine Waffen haben, kein Geld, keine Partei hinter sich, nicht mal ein halbwegs funktionales Wahlkampf-Büro mit einem Computer - wie also haben sie eigentlich Wahlkampf gemacht?

Jalal: Ich habe eine sehr klassische Kampagne gemacht - mit meinen Möglichkeiten eben. Die Menschen wollten, dass ich kandidiere. Ich habe nur unter der Bedingung zugesagt, dass sie mir durch den ganzen Prozess hindurch helfen würden. Und genau das haben sie gemacht - Menschen aus allen sozialen Schichten. Ich bin selbst zu den Leuten gegangen, in allen Teilen des Landes.

Ich war präsent; ich sprach mit ihnen. Ich habe sie ermutigt, am politischen Leben, an den Wahlen teilzunehmen, sich als Wähler registrieren zu lassen - Männer Frauen, Alte, Junge - aktiv zu sein und ihr eigenes Schicksal in ihre eigenen Hände zu nehmen. Und sie vertrauen mir.

Riedel: Immerhin 40 Prozent derjenigen, die sich als Wähler registrieren ließen, waren Frauen. Aber es gibt auch Informationen, etwa von Human Rights Watch, dass in manchen Regionen Druck auf Frauen ausgeübt wurde, nicht wählen zu gehen.

Jalal: Ja, das ist vorgekommen, vor allem im Süden des Landes. Und doch war es natürlich ein Erfolg, dass in einem derartig traditionellen, rückständigen Land so viele Frauen gewählt haben - und das vor dem Hintergrund, dass wir in manchen Landesteilen mehr als 87 Prozent Analphabeten haben.

Riedel: Was erwarten Sie realistischer Weise von der neuen Regierung unter Präsident Karsai, die in Kürze im Amt sein wird? Wo sollte sie inhaltliche Prioritäten setzen?

Jalal: Die Afghanen erwarten von der neuen Regierung, dass sie von aus Spezialisten besteht. Demokraten, die das Volk lieben, sollen das Land führen. Die Menschen erwarten ein repräsentatives Kabinett, in dem alle sozialen Schichten und ethnischen Gruppen vertreten sind, so dass sie sich wiederfinden, repräsentiert fühlen können. Die Menschen wollen das Gefühl, dass sie die 'Besitzer' der Regierung sind. Und sie wollen ein nicht diskriminierendes Kabinett - zusammengesetzt aus allen Bevölkerungsgruppen, aus Männern und Frauen.

Riedel: Zwei Frauen unter 30 Ministern wie jetzt wäre nicht genug?

Jalal: Natürlich ist das nicht genug! Wir haben viele gebildete Frauen wie mich. Das 'Neue Afghanistan' sollte von Männern und Frauen Hand in Hand aufgebaut werden. Hätte ich die Präsidentschaftswahlen gewonnen, wäre das meine Programm gewesen.

Riedel: Würden Sie denn im neuen Kabinett einen Posten akzeptieren - und, wenn ja, welchen? Oder würden sie jedes Angebot ausschlagen, wenn eines käme?

Jalal: In der letzten Regierung hatte ich ein Angebot ausgeschlagen. Aber diesmal würde ich meine Wähler fragen, ob es ihnen lieber wäre, dass ich ihre Stimme in der Opposition bleibe, oder ob sie es vorzögen, dass ich ihnen im Rahmen der Regierungsarbeit diente. Wenn es also eine Anfrage gäbe, würde ich die Menschen Frage.

Riedel: Sind Sie eigentlich froh, dass Sie eine Frau sind?

Jalal: Natürlich! Ich bin in erster Linie ein Mensch, ein sehr erfolgreicher Mensch. Ich wollte niemals ein Mann sein. In meinem Wahlkampf habe ich auch nie die Frauen gebeten für mich zu stimmen, weil ich eine Frau bin. Das wäre irreführend gewesen und es hätte die Frauen nicht dazu gebracht, auf die richtige Art und Weise zu denken. Ich habe die Geschlechterfrage nie benutzt.

Riedel: Ist die Geschlechterfrage kein Thema?

Jalal: Natürlich ist sie ein Thema! Überall auf der Welt, besonders in Dritte-Welt-Ländern, besonders in Afghanistan, mit seiner großen Gerechtigkeitslücke zwischen den Geschlechtern. Wir müssen alle daran arbeiten, diese Lücke zu überbrücken.

Riedel: Was ist ihre Hoffnung für die Zukunft der Frauen von Afghanistan? Sollte das ultimative Ziel Selbstbestimmung sein? Oder Gleichheit? Oder Freiheit? Oder eine Kombination aus all dem?

Jalal: Die neue Verfassung Afghanistans geht ausdrücklich auf diese Frage ein. In der neuen Verfassung haben Männer und Frauen die gleichen Rechte vor dem Gesetz. Das heißt, sie müssen auch die gleichen Chancen bekommen. Das heißt auch, dass bestimmte negativen traditionellen Praktiken durch die konsequente Umsetzung der Verfassung gestoppt werden müssen - wie Zwangsehen, Kinderehen...

Riedel:...die es noch gibt?

Jalal: Ja! Und sie müssen gestoppt werden. Mädchen und Frauen sollten als vollwertige Menschen angesehen werden.

Riedel: Wie erreicht man das? Mit Gesetzen, mit der neuen Verfassung, die es seit Januar gibt, die angewendet werden muss. Aber es muss sich auch ein bestimmtes Bewusstsein entwickeln - nicht zuletzt bei Männern.

Jalal: Diese Praktiken könnten aber von einem Tag auf den anderen verboten werden.

Riedel: Und das ist nicht passiert?

Jalal: Nein! Seit drei Jahren haben wir die ganze Welt hier, aber diese Praktiken gibt es noch immer! Frauen und Mädchen werden noch immer weitgehend diskriminiert.

Riedel: Geht es zu langsam?

Jalal: Wir können ja mal aufzählen, inwiefern die Frauen profitiert haben: Sie können zur Schule gehen, können arbeiten gehen, können sich in bestimmten gesicherten Bereichen fast frei bewegen. Das hatten wir auch alles schon mal vor den Taliban! Ich bin vor den Taliban Ärztin geworden, habe an der Universität unterrichtet und konnte mich fast frei bewegen, und mit mir Hunderttausende anderer Frauen auch. Das ist nichts Neues! Wir sind also heute lediglich wieder da, wo wir schon mal waren. Die afghanischen Frauen haben mehr erwartet! Wir haben heute noch immer keine Frauen in den entscheidenden Ämtern, die das politische und gesellschaftliche Leben bestimmen, die die nationalen politischen Strategien entwerfen. Wir haben keine Frauen in den Medien, in der Geschäftswelt, im Handel, in der gesamten Ökonomie. Es gibt keine gleichberechtigte Teilhabe für Frauen im politischen Leben.

Dr. Massouda Jalal!! ist 41 Jahre alt, Kinderärztin, verheiratet und hat drei Kinder. Während der sowjetischen Besatzungszeit in Afghanistan studierte sie Medizin. Neben ihrer Arbeit als Ärztin lehrte sie an der Universität Kabul. Nachdem 1996 die islamistischen Taliban an die Macht gekommen waren, musste sie ihre Praxis schließen und wurde, wie alle Frauen, unter den Ganzkörperschleier, die Burka, gezwungen. Anfang des Jahres gab sie ihren Beruf vorübergehend auf, um sich ganz der Politik zu widmen. Sie war die einzige Frau unter 18 Kandidaten zu den Präsidentschaftswahlen in Afghanistan im Oktober.
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