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Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
4.2.2005
Europäischer Gewerkschaftsbund fordert mehr Investitionen in Bildung und Qualifizierung
Interview mit Rainer Hoffmann, stellvertretender EGB-Generalsekretär

Rainer Hoffmann, stellvertretender EGB-Vorsitzender (Bild: Europäischer Gewerkschaftsbund)
Rainer Hoffmann, stellvertretender EGB-Vorsitzender (Bild: Europäischer Gewerkschaftsbund)
DeutschlandRadio Berlin: Herr Hoffmann, von Seiten der Gewerkschaften hört man immer wieder die Forderung an die Regierenden Regierenden, mehr zu investieren - und zwar im großen Stil, eher klotzen als kleckern, ganz egal, ob dabei der Schuldenstand und die Neuverschuldung der öffentlichen Hand steigt.

Hoffmann: Ich würde nicht sagen, ganz egal, ob der Schuldenstand steigt…

DeutschlandRadio Berlin: Aber das nähme man dafür in Kauf. Wenn das Geld nicht da ist, muss man es ja irgendwoher nehmen.

Hoffmann: Ja, man kann ja auch durch intelligente Umschichtung von Haushalten möglicherweise das Eine oder Andere erreichen. Wenn man sortiert, wird man mit zwei Dingen konfrontiert. Natürlich steht zurzeit die Reform des so genannten Stabilitäts- und Wachstumspaktes in der Diskussion. Wir als Gewerkschaften, als Europäischer Gewerkschaftsbund, haben uns seit einigen Jahren für seine Reform ausgesprochen, weil dieser viel zu unflexibel ist und den wirtschaftlichen Besonderheiten und den Unterschieden, die es in der Europäischen Union gibt, überhaupt nicht Rechnung trägt.

DeutschlandRadio Berlin: Es geht eben genau darum, dass Sie die Regierungen, die öffentliche Hand in die Lage versetzen wollen, mehr ausgeben zu können, dass also das Defizit-Kriterium in gewisser Weise aufgeweicht wird. Etwa nach dem Muster, statt drei Prozent machen wir dann mal zehn Prozent, wenn die Zeiten schlecht sind.

Hoffmann: Also keiner kann mir ökonomisch sinnvoll begründen, warum wir eine Defizit-Grenze von drei Prozent haben oder ein Inflationsziel von zwei Prozent, und auf diesen Streit sollten wir uns überhaupt nicht einlassen. Wir als Arbeitnehmervertreter wissen, welche Funktion Preisstabilität hat, weil Preisstabilität am Ende die Kaufkraft der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sichert. Deshalb haben wir überhaupt gar kein Interesse an einer möglichen Inflation. Wir haben allerdings Interesse daran, dass die Mitgliedstaaten der Europäischen Union gerade unter den Bedingungen von einem schwachen wirtschaftlichen Wachstum ihre Handlungsfähigkeit behalten und beispielsweise in solchen Phasen auch eben eine Ausgabenpolitik betreiben, die Nachfrage schafft und hier in ganz gezielten Bereichen investiert, wo es Bedarf und Defizite gibt…

DeutschlandRadio Berlin: Sie haben gerade gesagt 'die Handlungsfähigkeit erhalten' - nun beklagen doch viele Politiker genau das Gegenteil, dass sie aufgrund der hohen Schulden, allein um die Zinsen zu tilgen, nicht mal die Schuld, im Grunde genommen keine Handlungsfähigkeit mehr haben. Wenn jeder zehnte, jeder fünfte, jeder dritte Euro für den Schuldendienst drauf geht, dann ist doch die Handlungsfähigkeit extrem eingeschränkt.

Hoffmann: Deshalb sind wir auch nicht grundsätzlich gegen diesen Stabilitätspakt. Wir sind aber der Meinung, dass eine Rückführung der Staatsverschuldung in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums erfolgen sollte. Dies ist in der Vergangenheit nicht gemacht worden, und wir sind der Meinung, dass dieser Stabilitätspakt wesentlich wirkungsvoller zur Anwendung kommen soll, wenn es etwa Mitgliedsstaaten mit einem wirtschaftlichen Wachstum von drei, dreieinhalb Prozent gibt, wo die Staatsverschuldung deutlich abgebaut werden kann, auch um sich auch vorzubereiten auf die nächste wirtschaftliche Flaute um die Handlungsfähigkeit zu erreichen.

DeutschlandRadio Berlin: Das ist doch Wunschdenken. Es ist in der Tat bisher selten passiert, das wird dann eher für Steuergeschenke genutzt.

Hoffmann: Aber es macht doch keinen Sinn, dass man jetzt beispielsweise Frankreich oder der Bundesrepublik in Aussicht stellt, dass aufgrund des Stabilitätspaktes wegen der Verfehlung der Begrenzung der Staatsverschuldung auf drei Prozent möglicherweise Sanktionen auferlegt werden, finanzielle Sanktionen auferlegt werden, die in Phasen wirtschaftlicher Flaute oder geringem wirtschaftlichen Wachstum keinen Sinn machen.

DeutschlandRadio Berlin: Aber nun hat Deutschland dreimal hintereinander die Drei-Prozent-Hürde gerissen und fünf Millionen Arbeitslose.

Hoffmann: Aber auch da sollten wir eben nicht in zu engen Zeiträumen denken. Der Zeitraum von zwei, drei Jahren ist zu kurz gesprungen. Wir müssen uns Konjunktur-Zyklen anschauen und die Konjunktur-Zyklen haben eine Dauer von zehn bis zwölf Jahren. Wenn wir uns gegenwärtig in der Phase eines moderaten wirtschaftlichen Aufschwungs bewegen, der nicht zusätzlich Impulse erhält - beispielsweise auch über die Geldpolitik - laufen wir Gefahr, dass dieses schwache wirtschaftliche Wachstum im Keim erstickt wird.

DeutschlandRadio Berlin: Nun haben die EU-Staats- und Regierungschefs beim Gipfel von Lissabon im Jahre 2000 in der Tat in größeren Zeiträumen gedacht, zumindest mal in zehn Jahren. Man hat sich vorgenommen, bis zum Jahre 2010 die dynamischste Wirtschaftsregion der Welt werden zu wollen. Jetzt hat man sich in dieser Woche prompt zumindest von dem zeitlichen Ziel verabschiedet. Es ging bei der sog. Lissabon-Strategie immer darum, dass es nicht nur eine starke Wirtschaft geben soll, die dann auch neue Arbeitsplätze generieren soll, sondern auch darum, dass man nachhaltig im sozial- und ökologischen Sinne wirtschaften will. Sie haben dieses Ziel als Gewerkschaften unterschreiben können, glauben aber die meisten Regierungen auf dem Holzweg in Richtung auf dieses Ziel hin. Gibt es denn im Moment keine Regierung EU-weit, die das richtig macht?

Hoffmann: Das ist falsch. Es gibt positive Beispiele…

DeutschlandRadio Berlin: Nennen Sie doch mal ein Beispiel.

Hoffmann: Schweden.

DeutschlandRadio Berlin: Schweden macht es richtig?

Hoffmann: Schweden hat eine Erwerbsquote von über 70 Prozent, eine Frauen-Erwerbsquote, die deutlich über sechzig Prozent liegt und damit die in Lissabon gesetzten Ziele bereits heute erfüllt - bei einer sozialen Regulierung der Arbeitsmärkte, bei soliden Systemen der sozialen Sicherung und bei einer hohen wettbewerbsfähigen Wirtschaft.

DeutschlandRadio Berlin: Und einer enorm hohen Steuerlast.

Hoffmann: Und einer enorm hohen Steuerlast, die gesellschaftlich akzeptiert ist. Der schwedische Regierungschef Persson doch gerade in seinem Kabinett noch im Vorfeld der Wahlen diskutiert, eine weitere Steuererhöhung nicht auszuschließen. Normalerweise gehen ja Regierungen in Wahlkämpfe mit der deutlichen Ansage Steuern zu entlasten.

DeutschlandRadio Berlin: Wobei die Arbeitslosigkeit in Schweden nicht vorbildlich niedrig ist.

Hoffmann: Die ist im europäischen Vergleich vorbildlich.

DeutschlandRadio Berlin: Aber weit weg von der Vollbeschäftigung, die Sie ja anstreben.

Hoffmann: Weit weg von der Vollbeschäftigung. Aber wichtig ist, wenn man sich Schweden anschaut, nicht nur die absolute Zahl der Arbeitslosen zu sehen, sondern auch den Anteil der Langzeit-Arbeitslosen. Das sind die, die mehr als zwölf Monate arbeitslos sind. Und die ist in Schweden deutlich geringer als im europäischen Durchschnitt, wo wir fünfzig Prozent der Arbeitslosen heute mittlerweile als Langzeit-Arbeitslose verzeichnen müssen. Das machen die Schweden wesentlich besser, hier greifen wirklich Aktivierungsstrategien, dass die Menschen nach drei, vier, fünf Monaten spätestens wieder neue Beschäftigung bekommen.

DeutschlandRadio Berlin: Nun haben Sie gerade gesagt, in Schweden ist das akzeptiert, dass die Steuerlast so hoch ist. Das ist also ein Modell, was für Schweden oder für den nordeuropäischen Raum möglicherweise Vorbildcharakter hat, was aber wahrscheinlich Schwierigkeiten haben dürfte - also Deutschland liegt auch noch ziemlich im Norden - eingeführt zu werden oder sagen wir gar in Spanien oder in Tschechien?

Hoffmann: Wir können das Europa oder auch die Bundesrepublik Deutschland nicht zum Null-Tarif zum wettbewerbfähigsten Wirtschaftsraum der Welt machen. Und genau das ist, was die Skandinavier auch nicht machen. Die Ausgaben für Bildung und Qualifizierung, gemessen am Bruttosozialprodukt, sind in Schweden doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik Deutschland. Dies sagt nichts Anderes, als dass den Bürgerinnen und Bürgern das Gut Bildung und Qualifizierung einiges wert ist, wofür man bereit ist, auch hohe Steuern zu bezahlen. Den Schweden ist es einiges wert, vernünftige Infrastrukturen zu haben und vernünftige soziale Sicherungssysteme zu haben, die im übrigen ja in Schweden nicht beitragsfinanziert sind wie bei uns, sondern steuerfinanziert sind.

DeutschlandRadio Berlin: Aber auch zunehmend privatisiert werden. Man denke an die Altersversorgung.

Hoffmann: Es gibt diese dritte Säule und ich glaube, da haben wir als Gewerkschaften auch schon Fehler gemacht, dass wir nicht frühzeitiger über Tarifvereinbarungen diese dritte Säule mit weiter ausgebaut haben. Das hätte deutliche Entlastung bringen können und über tarifvertragliche Regeln sozusagen über eine Beteiligung der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die Rentensysteme flankieren können.

DeutschlandRadio Berlin: 'Dritte Säule' sagen sie vornehm und meinen 'private Vorsorge'.

Hoffmann: Private Vorsorge. Richtig.

DeutschlandRadio Berlin: Herr Hoffmann, Sie sind ja Vize-Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes, das heißt, Sie müssen unter einen europäischen Hut bekommen Gewerkschaften von Ländern, die in ganz unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungsprozessen sind. Da gibt es ganz reiche - Deutschland sicher immer noch, Schweden, wir hatten es gerade - es gibt aber immer aber auch ganz arme, die gerade erst den Schritt von der Agrar-Gesellschaft in die Industrie-Gesellschaft machen. Wie lässt sich das zusammen vertreten? Also wie können Sie für alle die mit einer Stimme sprechen?

Hoffmann: Dies ist überhaupt gar kein einfacher Prozess, zum Teil auch widersprüchlich, zum Teil auch mit Spannungen verbunden. Wir haben aber beispielsweise sehr frühzeitig auf die europäische Einheit, die zum 1. Mai letzten Jahres realisiert wurde, reagiert, indem wir bereits Anfang der 90er Jahre die mittel- und osteuropäischen Gewerkschaften an den Europäischen Gewerkschaftsbund herangeführt haben. 1996 wurden die mittel- und osteuropäischen Gewerkschaften Vollmitglieder des Europäischen Gewerkschaftsbundes...

DeutschlandRadio Berlin: Das ist strukturell sicher ganz wichtig, wir fragten eher - und das ist das, was wir im Moment wirklich spannender finden - wie man es inhaltlich organisiert, weil die die Bedürfnisse und die Problemlage natürlich extrem unterschiedlich ist.

Hoffmann: Um damit umzugehen - deshalb habe ich darauf hingewiesen - brauchen wir diese Strukturen. Wir brauchen diese Gewerkschaften aus den unterschiedlichen Ländern vereint unter einem europäischen Dach, um dann zu gemeinsamen Positionen und Vorstellungen zu kommen. Und hier gibt es durchaus unterschiedliche Interessen, beispielsweise im Hinblick auf Arbeitsplatzverlagerungen. Natürlich sind die tschechischen, die polnischen Kollegen für jeden Arbeitsplatz dankbar, der sich im Zweifelsfall auch aus Unternehmensverlagerungen oder eben auch aus direkten Investitionsstrategien der Unternehmen heraus ergeben. Völlig legitim. Diese Widersprüche haben wir ja nicht nur im europäischen Raum, diese Widersprüche haben wir schon in der Bundesrepublik Deutschland, wo wir durchaus auch Verlagerungen vom Norden in den Süden oder vom Westen in den Osten kennen.

DeutschlandRadio Berlin: Nun, nehmen wir das Beispiel Opel. Die Konzernleitung kann Eisenach gegen Bochum ausspielen.

Hoffmann: Aufgabe der Gewerkschaften ist ja immer, den Wettbewerb zwischen Arbeitnehmern auszuschalten, also den Wettbewerb um Arbeitsplätze, den Wettbewerb um geringere Arbeitskosten…

DeutschlandRadio Berlin: Das war ja genau die Frage. Wie verhindern Sie, dass die Arbeitnehmer gegeneinander ausgespielt werden?

Hoffmann: Ich denke, uns ist bisher zumindest gelungen, dass wir nicht in die Falle eines Niedriglohn-Wettlaufs hinein treten, sondern uns darüber im Klaren sein müssen, dass es nachholende Aufholprozesse gibt, die wir mit unterstützen müssen. Das ist sehr abstrakt, aber auf der europäischen Ebene macht es Sinn, dass es eine neue Arbeitsteilung zwischen Ost und West geben wird. Es werden zwangsläufig Produktionsstandorte in den mittel- und osteuropäischen Ländern entstehen müssen, nur darüber werden wir auf mittelfristige Sicht auch ein Lohn-Dumping verhindern können. Wenn es dort keine wirtschaftliche Entwicklung und Dynamik gibt, dann wird der Wettbewerb um billige Arbeit umso schärfer werden.

DeutschlandRadio Berlin: Das ist natürlich sehr intellektuell abgehoben und theoretisch. Wie können das Ihre Mitglieder, deren Job gerade gen Osten wandelt, akzeptieren?

Hoffmann: Das ist der Spagat, den wir aushalten müssen. Da gibt es überhaupt gar keine Alternative dazu. Gesamtwirtschaftlich sprechen die Zahlen ja bis jetzt noch für uns, weil die Bundesrepublik Deutschland Gewinner dieser europäischen Vereinigung ist. Das lässt sich deutlich ablesen an den Handelsbilanzen, das heißt, wir exportieren mehr in die neuen Mitgliedsländer der Europäischen Union als diese neuen Mitgliedsländer in die Bundesrepublik hinein exportieren. Das heißt, über unsere Exporte sichern wir, zum Teil schaffen wir Arbeitsplätze. Der Arbeitsplatz-Effekt ist positiv.

DeutschlandRadio Berlin: Gut, das erklären Sie mal dem einzelnen Opel-Arbeiter…

Hoffmann: Das ist außerordentlich schwierig zu erklären. Ein Bespiel: Die keramische Industrie in Bauschenwald ist mehr oder weniger pleite. Es gibt kaum noch Arbeitsplätze in der keramischen oder in der Porzellan-Industrie in Bauschenwald, die sind alle abgewandert nach Tschechien…

DeutschlandRadio Berlin: Jetzt droht General Motors Opel, den Saab nicht in Rüsselsheim sondern in Trollhättan, im schönen, teuren Schweden produzieren zu lassen. Und der Betriebsrat von Opel in Bochum sagt, 'wir wollen die Produktion aus dem spanischen Saragossa in die Pfalz holen - also es geht gar nicht nur mehr um Ost-West.

Hoffmann: So ist es. Unsere Aufgabe ist es, diese Konflikte so gut wie möglich zu minimieren. Wir werden sie nicht ausschließen können,…

DeutschlandRadio Berlin: Wie können Sie diese Konflikte minimieren?

Hoffmann: Opel hat gezeigt, dass wir über das Instrument des Europäischen Betriebsrates eben keine Strategie verfolgt haben, wo die Gewerkschaften in Schweden, Spanien und Deutschland gegeneinander kämpfen, sondern die europäischen Betriebsräte sich gemeinsam auf den Weg gemacht haben, eine Sanierungsstrategie für General Motors vorzuschlagen, die in Teilen angenommen wurde, was nicht heißt, dass da nicht einige Arbeitsplätze vernichtet werden. Aber es ist gelungen, dass dieser Standortwettbewerb begrenzt wurde, dass es bis jetzt keine betriebsbedingten Kündigungen gibt und das ist, denke ich, schon eine ganze Menge unter diesen schwierigen Bedingungen.

DeutschlandRadio Berlin: Aber nehmen Sie doch noch mal ein anderes Stichwort: Die Gewerkschaften sind dafür, dass es eine Steuer-Harmonisierung innerhalb der EU geben soll, damit es kein Unternehmens-Steuer-Dumping geben kann. Das wird den Einen, die relativ hohe Steuern auf Unternehmensgewinne haben, sehr recht sein. Aber die Anderen, die osteuropäischen EU-Neuzugängen ist das zum Beispiel ein Standortvorteil, ein Wettbewerbsvorteil. Denen kann es natürlich überhaupt nicht recht sein.

Hoffmann: Ja, aber das ist doch eine Schimäre, zu glauben, dass wir aufgrund geringerer Steuern die wirtschaftliche und soziale Situation in diesen Ländern verbessern werden. Wenn es nicht gelingt, Nachholprozesse beispielsweise über Investitionen in die Infrastruktur bewältigt zu bekommen - und dieses geht nur auf der Basis von Einnahmen, von Staatseinnahmen, und dieses sind bekanntermaßen Steuern…

DeutschlandRadio Berlin: Oder Gelder aus den Strukturfonds Brüssel...

Hoffmann: Ja, aber die Gelder die aus Brüssel kommen, sind ja so begrenzt und da denke ich, ist diese Diskussion auch sehr kleinmütig. Als Gewerkschafter erinnere ich immer gern daran, wer war denn der Nutznießer von der so genannten Marshall-Plan-Hilfe und wer konnte von dieser Marshall-Plan-Hilfe nicht partizipieren? Das waren die Bürgerinnen und Bürger und die Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten.

DeutschlandRadio Berlin: Nach dem Zweiten Weltkrieg.

Hoffmann: Nach dem Zweiten Weltkrieg. Der wirtschaftliche Aufschwung ist zu einem wesentlichen Anteil über externe finanzielle Hilfe erfolgt und ich denke, es gibt hier auch so etwas wie eine gesellschaftliche Verpflichtung des reichen Westens gegenüber dem Nachholen im Osten. Und deshalb halte ich die Diskussion für absolut verkürzt, wenn wir die Mittel für die Europäische Union - wie das unter anderem die Bundesregierung unter Kanzler Schröder vorschlägt - auf ein Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts begrenzen wollen und uns damit wegen der nur relativ bescheidenen Mitteln der Strukturfonds-Hilfe der Möglichkeit berauben, Aufbauarbeit dort auch zu leisten. Dass diese Aufbauarbeit natürlich positive Effekte hat für die Arbeitsplatzentwicklung dort und möglicherweise den einen oder anderen Arbeitsplatz hier in Frage stellen wird, dieser Widerspruch ist nicht aufzulösen. Wir können ihn aber gestalten, weil sich solche Prozesse nicht von heute auf morgen vollziehen, sondern über Zeiträume von zwei, drei, vier und mehr Jahren. Und unsere Aufgabe wird darin bestehen, bei uns auf Dauer hier Ersatz-Arbeitsplätze zu entwickeln, auf der Basis von neuen Produkten, neuen Produktionsverfahren mit Hilfe qualifizierter, gut ausgebildeter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Darin liegt unsere Aufgabe. Es liegt nicht darin unsere Aufgabe, unsere Märkte abzuschotten, zu schützen und jegliche Entwicklung in den neuen Mitgliedsländern der Europäischen Union damit zu blockieren. Dieses wäre eine völlig kurz gegriffene, fahrlässige Strategie.

DeutschlandRadio Berlin: Sie fänden es natürlich am schönsten, wenn auch in Polen und Rumänien deutsche Löhne gezahlt werden würden - im Sinne der Arbeiter dort und außerdem gäbe es dann nicht mehr die Versuchung, Standort aus Kostengründen dahin zu verlagern…

Hoffmann: Aber bis dort deutsche Löhne gezahlt werden können, werden mindestens noch dreißig, wenn nicht mehr Jahre ins Land ziehen. Auch hier sind wir als Gewerkschafter, glaube ich, wesentlich realitätstüchtiger als solchen Träumereien romantischer Art zu verfolgen.

DeutschlandRadio Berlin: Trotzdem. Also wir kennen ja das Argument für die Erweiterung der EU: Je reicher diese Länder werden und unsere Sozialstandards übernehmen, desto besser für uns alle. Trotzdem noch mal konkret: Ich habe es noch nicht verstanden, wie positioniert sich der Europäische Gewerkschaftsbund, wenn VW Arbeitsplätze von Wolfsburg nach Bratislava verlagert? Sagen Sie dann, 'das ist aber schön, denn die Slowaken haben es viel nötiger'? Oder sagen Sie, 'das geht uns nichts an, das soll VW entscheiden'? Was sagen Sie dann?

Hoffmann: Es ist ja nicht so, dass diese Produktionsstandorte dort ausschließlich vor dem Hintergrund geringerer Arbeitskosten aufgebaut werden. Es geht um Marktzugang, um Markterschließung und das hat positive Effekte für die Bundesrepublik Deutschland.

DeutschlandRadio Berlin: Das ist dem Einzelnen, der seinen Job verliert, mit Verlaub, egal und Sie vertreten diesen Einzelnen.

Hoffmann: Wir müssen diesen Einzelnen vertreten und wir vertreten ihn so, dass wir diesen Konkurrenzkampf versuchen zu minimieren. Wir können ihn nie völlig ausschließen. Wir haben diesen Spagat zu begehen. Aber es ist beispielsweise gelungen, dass es auch bei VW im Rahmen des Europäischen Betriebsrates zu einem Interessensausgleich kommt, dass die Kollegen aus den unterschiedlichen Standorten miteinander darüber nachdenken, wie stellen wir uns nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland auf, sondern wie stellen wir uns europäisch auf. Und als Europäer hilft mir nicht ein verkürztes Orientieren auf die Situation in der Bundesrepublik Deutschland. Uns hilft nur europäisch Denken, europäisch Handeln - auch wenn dieses mit Widersprüchen verbunden, diese können wir nicht auflösen. Wir müssen dem einzelnen Kollegen, der einzelnen Kollegin Alternativen aufzeigen. Und das können wir nicht, wenn wir alles meinen blockieren zu wollen.

Das Gespräch wurde geführt von Annette Riedel und Susanne Führer.

Reiner Hoffmann ist im Mai 1955 geboren und hat eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann absolviert, bevor er an der Bergischen Universität/Gesamthochschule Wuppertal Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert hat. Als Diplom-Ökonom war er zunächst befristet als Assistant beim Wirtschafts- und Sozialausschuss der EG in Brüssel beschäftigt (1982). Danach übernahm er eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bergischen Universität/Gesamthochschule Wuppertal. Von 1983 bis 1994 arbeitete er bei der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf, und war dort zuletzt Leiter der Abteilung Forschungsförderung. Von Oktober 1994 bis Oktober 2003 war er Direktor des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (EGI) in Brüssel. Auf dem 10. ordentlichen Kongress des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB) im Mai 2003 (Prag) wurde er zum stellvertretenden Generalsekretär des EGB gewählt. Seine Hauptarbeitsgebiete sind: Europäische Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik, Struktur- und Industriepolitik, Arbeitnehmerpartizipation und Arbeitszeitpolitik.
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