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Tacheles • Das Streitgespräch
Freitag • 18:05
20.1.2007
Wiesehügel: Merkel will kein soziales Europa
IG-Bau-Chef unzufrieden mit Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft

Klaus Wiesehügel, Vorsitzender der IG Bau (Bild: AP)
Klaus Wiesehügel, Vorsitzender der IG Bau (Bild: AP)
Der Vorsitzende der IG Bauen-Agrar-Umwelt, Klaus Wiesehügel, hat sich enttäuscht über den Auftakt der deutschen Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union gezeigt.

Wiesehügel sagte am Samstag im Deutschlandradio Kultur, in dem Programm, das Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Europäischen Parlament in Straßburg vorgestellt habe, seien die sozialen Elemente zu gering. In ihrer Rede zur geplanten EU-Verfassung habe Merkel es versäumt, eine deutliche Botschaft zu senden. Es sei auch ein soziales Europa und nicht nur ein Europa der Märkte notwendig.

Die Kanzlerin habe nur gesagt, wer die Erweiterung der EU wolle, müsse der Verfassung zustimmen. Wiesehügel dagegen erwartet, dass wer eine Verfassung wolle, auch etwas für die Menschen hineinschreiben müsse. "Diese Chance hat sie völlig versiebt". Es zeige sich schon sehr deutlich, dass Frau Merkel das rein marktorientierte Europa nicht zu einem sozialen Europa machen wolle. "Ich bedauere das außerordentlich", so Wiesehügel, der auch Präsident des Internationalen Bundes der Bauarbeiter ist.

Der Vorsitzende der IG BAU bekräftigte außerdem die Forderung seiner Gewerkschaft in der anstehenden Tarifrunde nach 5,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt. Die Situation in der Baubranche habe sich im Vergleich zu den vergangenen Krisenjahren "völlig gewandelt". Mit der niedrigen Lohnerhöhung 2006 hätten die Arbeitgeber "sich wirklich sanieren können". Auch seien die Renditen der Unternehmen gestiegen. Wiesehügel verwies darauf, dass die angestrebte Lohnerhöhung ab dem 1. April gelten solle und somit bei neuen Aufträgen einkalkuliert werden könne. Es sei durchaus gerechtfertigt, die Preise im Bau anzuheben. "Kein anderes Konsumprodukt ist über viele Jahre so preisstabil geblieben wie der Bau, weil der Wettbewerb so mörderisch war." Während früher die Angebote geringer gewesen seien als die Kapazitäten, sei nun der umgekehrte Fall eingetreten, so der Gewerkschaftsvorsitzende. "Wir haben jetzt wesentlich mehr Aufträge, die auf die Bauwirtschaft zukommen, als die Bauwirtschaft noch Kapazitäten hat."
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