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19.12.2004
"Licht für meine Bücher"
Zum 80. von Michel Tournier
Von Sigried Wesener

Im Pfarrhaus von Choisel, südwestlich von Paris, begann die schriftstellerische Karriere von Michel Tournier, dem derzeit namhaftesten französischen Schriftsteller. Nach Philosophie- und Germanistikstudium in Paris und Tübingen entschied der Erfolg des Romans "Freitag oder Im Schoße des Pazifik" 1967 über die Zukunft des Lektors und Publizisten, der, wie er später schrieb, vorrübergehend der Philosophie zuneigte.

Das Debüt zeigte bereits eine Tendenz an, die auch im späteren Werk prägend war: der Rückgriff auf literarische Stoffe und Mythen. Stereotypen erhielten überraschende Fassetten, alte Geschichten erzählte er neu, sie durchziehen in immer neuen Varianten sein Werk, das unter Titeln wie "Zwillingssterne", "Kaspar, Melchior & Balthasar" und "Goldtropfen" auch auf dem deutschen Buchmarkt viel Zuspruch fand.

Tournier versöhnte in seinen Büchern Philosophie und Literatur. An den außerordentlichen Erfolg seines Romans "Erlkönig", der unter dem Titel "Der Unhold" von Volker Schlöndorff verfilmt worden ist, konnte er dennoch nicht anknüpfen. Die unglaubliche Geschichte von Verführung und Verirrung des Pariser Automechanikers Abel Tiffauges, der seinen zwiespältigen Neigungen als Kinder Liebender und Tötender, als Christophorus und Oger, in einer SS-Eliteschule in Ostpreußen ausleben kann, trug dem Romancier einen der begehrtesten französischen Literaturpreise ein, den Prix Goncourt.

Seit mehr als drei Jahrzehnten gehört der Autor selbst zum auserwählten Kreis der Académie Goncourt. Tournier, der sich von Geburt an für die Germanistik bestimmt sah, ist ein geistreich-kritischer Beobachter Deutschlands und erinnert mit Witz und Hintersinn in seinem neuesten Band "Journal extime" in Notaten, Aufzeichnungen, Maximen an seine deutsch-deutschen Erfahrungen und an seinen berühmtesten Gast, Francois Mitterand.
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