WortSpiel - WerkStatt
WortSpiel • WerkStatt
Dienstag • 19:05 | Sonntag • 0:05
4.1.2005
Der Sizilianische Karren
Eine literarische Reise
Von Maike Albath

Corleone, Sizilien (Bild: AP Archiv)
Corleone, Sizilien (Bild: AP Archiv)
"Italien ohne Sizilien macht kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem", hält der Weimarer Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe am 13. April 1787 in seiner Reisebeschreibung fest. Plötzlich wird die Jahrhunderte lang von Fremdherrschaft gebeutelte Insel mit ihren antiken Bauwerken, pompösen Villen, kargen Landschaften und üppigen Gärten in ganz Europa berühmt.

Seume geht zu Fuß bis nach Syrakus, Wagner vollendet in Palermo seinen Parzival, die internationale Haute volée entdeckt Taormina als Winterquartier, und von Giovanni Verga über Pirandello bis zu Vitalino Brancati erneuern die sizilianischen Schriftsteller die italienische Literatur.

Nur der einheimische Adel verharrt in nobler Passivität. Den historischen Moment der italienischen Einigung hatten die sizilianischen Fürsten verspielt, wie es Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem Untergangsroman "Der Leopard" so großartig schildert. Als verarmter Abkömmling eines palermitanischen Adelsgeschlechts stellt er selbst ein Exemplar jener aussterbenden Spezies dar, verbringt seine Tage lesend im Café, ohne jemals zu arbeiten und rafft sich erst mit über Fünfzig zu literarischen Aktivitäten auf.

Eine andere Form von sicilianità findet Ausdruck in dem Werk des großen Aufklärers Leonardo Sciascia, der als erster das Phänomen der Mafia benennt. Bis in die Bücher von Roberto Alajmo, Vincenzo Consolo und Andrea Camilleri setzt sich seine Lektion fort. Bis heute kann Sizilien mit seinen gesellschaftlichen Widersprüchen, den mafiösen Verstrickungen und dem atemberaubenden kulturgeschichtlichen Erbe als Schlüssel für Italien und sogar Europa gelten.
-> WortSpiel - WerkStatt
-> weitere Beiträge