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15.2.2005
Literarisches Leben in Deutschland und internationale Literatur 1955
Vor 50 Jahren
Von Ursula Escherig und Fritz Jochen Kopka

War 1955 noch ein junger, aufstrebender Autor: Günter Grass (Bild: AP)
War 1955 noch ein junger, aufstrebender Autor: Günter Grass (Bild: AP)
Vor 50 Jahren
"Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume"
Literarisches Leben in Deutschland 1955
Von Ursula Escherig

Mitte der fünfziger Jahre erhebt eine Autorengeneration ihre Stimme, die über Jahrzehnte das literarische Gesicht der Bundesrepublik Deutschland prägen wird: Günter Grass liest zum ersten Mal Gedichte vor der Schriftstellervereinigung "Gruppe 47", Martin Walser erhält 1955 den Preis der "Gruppe 47" für seine Erzählung "Templones Ende" und veröffentlicht im selben Jahr seinen ersten Band mit Kurzgeschichten.

Aber immer noch ist die Erfahrung des Krieges, von Leid und Hunger Gegenstand der Literatur: bei Heinrich Böll in der Erzählung "Das Brot der frühen Jahre" oder bei Hans Scholz in seinem Nachkriegspanorama Berlins "Am Grünen Strand der Spree". Doch allmählich rücken andere Themen in den Vordergrund: Hans Erich Nossack und Walter Jens beschäftigen sich in ihren Romanen mit der Existenz des Künstlers, Max Brod erinnert an die letzten Lebensjahre des römischen Staatsmannes Cicero in seinem Roman "Armer Cicero".

Siegfried Lenz zeichnet in "So zärtlich war Suleyken" ein humorvolles Bild seiner masurischen Landsleute. Von Gottfried Benn erscheint 1955 der altersmelancholische Gedichtband "Apréslude", in Günter Eichs Schaffen dominiert die Naturlyrik in dem Band "Botschaften des Regens".

"Anti-Helden braucht die Welt"
Internationale Literatur 1955
Von Fritz Jochen Kopka

Im April stirbt Albert Einstein, im August Thomas Mann. Die Heroen einer vergehenden Epoche verschwinden von der Bildfläche. Man sucht nach den Ergebnissen des Tauwetters und findet nichts. Kein großer Freiheitsroman im sozialistischen Block. Der Warschauer Pakt wird abgeschlossen, und in Los Angeles öffnet Disneyland die Pforten zum totalen Spielbetrieb.

Klassenbewusstsein wird durch Stilbewusstsein abgelöst. Der Mensch ist stärker auf sich gestellt als je. An die Stelle des Helden tritt der Anti-Held. Der Roman des Jahres stammt von dem in Amerika lebenden Exilrussen Vladimir Nabokov und breitet die Bekenntnisse des zärtlichen Perversen Humbert Humbert aus. Andere Anti-Helden sind Patricia Highsmith' eleganter Mörder Tom Ripley, Alain Robbe-Grillets Handlungsreisender Mathias, der vermuten muss, einen Mord begangen zu haben, und Graham Greenes naiver Patriot Alden Pyle, der stille Amerikaner, der wie ein rettender Engel an den Brennpunkten des Weltgeschehens auftaucht und alles nur schlimmer macht. Es gibt mehr Gespenster als gewöhnliche Menschen. Eine neue Moral, die die Abgründe schließt, wird vermisst, aber kaum gesucht.


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