WortSpiel - ZeitReisen
WortSpiel - ZeitReisen
Samstag • 19:05
15.12.2001
Labor und Persönlichkeit
Der Physiker Ernst Schmutzer, Universität Jena
Rainer-Kurt Langner

Sience fiction habe ich in den letzten zehn Jahren meist durchs Fernsehen mir angesehen. Aber wenn ich dann merke, dass wissenschaftlich unqualifizierte Dinge hochgespielt werden und als Wissenschaft ausgegeben werden, dann bin ich schockiert. Also diese ganze Welle, mit den Zeitreisen in die Vergangenheit, der Enkel sieht vor sich, wie sein Großvater aufgewachsen ist... diese Dinge haben mich abgestoßen, dass ich jetzt, bis auf Ausnahmen, darauf verzichte...

Prof. Ernst Schnutzer, empfängt mich freundlich. Ungefähr dort, wo Napoleon vor knapp 200 Jahren die Schlacht bei Jena für sich entscheiden konnte: im Cospedaer Grund - eine steil ansteigende Straße, längst schon eingemeindet in die Stadt. Der stramme Anstieg, den ich hier herauf bewältigen muß, macht irgendwie Sinn; ohne Anstrengung ist die Frontlinie der theoretischen Physik nicht zu erreichen.

Bitte verstehen sie mein hartes Urteil nicht falsch. Alles was wissenschaftlich motiviert ist, oder zu sein scheint, unterstütze ich natürlich, denn ich muß ja auch vor meiner Tür kehren, ich spekulierte ein halbes Jahrhundert über die fünfte Dimension, wofür es auch keine empirischen Direkterfahrungen gibt. Die Dinge, die entweder falsch verstandene Naturgesetze oder mit Absicht falsch verstandene Naturgesetze nimmt zum Aufbau eines SF-Filmes, wo dieser Blödsinn herauskommt, dies muß ich natürlich als Wissenschaftler ablehnen.

Ich nehme an, dass alle Materie, daraus die Kugeln, die zu unserer Sonnenwelt gehören, alle Planeten und Kometen, bestehen, im Anfange aller Dinge, in ihren elementarischen Grundstoffen aufgelöset, den ganzen Raum des Weltgebäudes erfüllet haben, darin jetzo diese gebildeten Körper herumlaufen. Immanuel Kant. Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels. 1775

Anders konnte sich der deutsche Aufklärer Immanuel Kant die Entstehung des Universums nicht denken. Was er jedoch dachte, war revolutionär genug: einen dauernden Entwicklungsprozeß des Universums ohne göttliches Zutun. Die moderne Kosmologie hat Gott gestürzt, die uralten Fragen aber sind unbeantwortet geblieben, noch immer. Was geschah am Anfang aller Dinge und wie? Und wie wird das Ende aller Dinge sein und wann?

Ich bin nicht der Meinung - und das ist mir seit meiner Jugend ein Dorn im Denken gewesen -, den Urknall als letzte Erklärung unserer Existenz zu sehen. Deshalb mein Suchen nach neuen Erklärungsmöglichkeiten.

In Anwendung auf ein mechanisches Kontinuum geht aus dem lokalen Erhaltungssatz die allgemein-relativistische Bewegungsgleichung eines Kontinuums hervor - Riemanscher Krümmungstensor aus dem metrischen Tensor aufgebaut - Energietensor der Materie - Einsteinsche Gravitationskostante - Kosmologische Konstante ...

1930 geboren, in Böhmen, beginnt für Ernst Schmutzer die Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, in der Schule.

Mein Physiklehrer hat mir, im Alter von etwa 13 Jahren, in meiner damaligen Gymnasialstadt Mies, in Böhmen, gesagt, ich brauche jemand, der früh, wenn ich ankomme, im Physikunterricht, mir die Geräte aus dem Kabinett aufgebaut hat. Und ich möchte sagen, dass du das machst. Offensichtlich aus meiner Mitarbeit am Unterricht. Und ich hab das gemacht, und bin eigentlich dadurch so hineingekommen in die physikalische Denkweise, dass ich immer wieder neue Freuden hatte, wenn ich gesehen hab, das die Kugel auf der schiefen Ebene läuft, wie das Galilei vorausberechnet hat. Das war für mich eine Begeisterung und diese Begeisterung ging dann auch durch meine Oberschulzeit in der Oberpfalz und später dann in Waren-Müritz, wo ich 1949 mein Abitur machte.

Dann das Physik-Studium in Rostock. Das Diplom 1953. 1957 die Promotion. Danach wissenschaftlicher Assistent am Institut für theoretische Physik an der Universität in Jena. 1958 Habilitation. Der Werdegang eines Wissenschaftlers. Nichts aufregendes, ein Stück Normalität. Jedenfalls nach außen.

... die durch den dialektischen Materialismus staatlich vorgegebenen Dogmen standen ja nun in einem beachtlichen Bereich im Widerstand zu den neusten Erkenntnissen des 20. Jahrhunderts. Und dass das zu beachtlichen Streit führen mußten, wahr klar, und ich war ja selber in diese Diskussionen mit einbezogen. In Lenins "Materialismus und Empirokritizismus", in der Lenin sich das erste Mal versuchsweise mit Erkenntnissen der Relativitätstheorie auseinandersetzt, da wurde natürlich die vierte Dimension als spiritistisch verschrien, aus dem sozusagen seriösen dialektisch-materialistischem Philosophiegespräch entfernt. Nun haben wir Physiker wiederum in den Vorlesungen die vierte Dimension nach Einstein ausführlich gewürdigt, und das mußte schon zu Konflikten führen.

Auszug aus einem Informationsbericht der SED-Kreisleitung vom 26. März 1958: Schmutzer, als er 1957 nach Jena kam, erklärte schon eindeutig, dass er mit der 'harten' Hochschulpolitik nicht einverstanden sei, man habe ihn auch in Rostock nicht überzeugen können. Obwohl er Mitglied des Lehrkörpers ist und wir dringend an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät Kräfte brauchen, die der Partei nahestehen, sollte man den politischen Schaden berücksichtigen, den Schmutzer anrichtet.

Schlimm wurde es mit der 3. Hochschulreform, da war in der Diskussion, von Jena zwei Gebiete wegzuprofilieren, das war die relativistische Physik unter meiner Leitung und die Astrophysik. Wir haben schwer protestiert und auch internationale Beziehungen eingeschaltet, damit der bürokratische Mißgriff verhindert wurde, und das ist dann auch später, etwa zwei Jahre danach korrigiert worden. Zur Zeit der Wende hatte mein Wissenschaftsbereich etwa 10 feste Stellen und 5 Diplomanden- und Doktorandenstellen.

Über seine Kosmologie wolle er sprechen, sagt mein Gegenüber, nicht in der Vergangenheit herumspazieren. Also reden wir nicht mehr über die Karriere eines Wissenschaftlers, nicht über das Jahr 1980, als er zum 100. Geburtstag Albert Einsteins den 9. Internationalen Gravitationskongreß in Jena organisierte, auch nicht über jene Jahre, in denen Ernst Schmutzer Rektor der Friedrich-Schiller-Universität zu Jena war - 1990 bis 1993. Drei Jahre, die nicht immer gute Jahre waren, belastet von der Umstrukturierung der Wissenschaftslandschaft und von persönlichen Anfeindungen.

Die Kosmologie ist unwahrscheinlich kompliziert. Wir haben heute, durch die modernen Meßmethoden, dem Hubble-Telsekop und Satelliten, eine Möglichkeit, unwahrscheinlich genau und weit zurückzublicken in die Vergangenheit des Kosmos und da gibt es noch viele, viele ungelöste Probleme. An diesen Dingen arbeite ich nun sehr intensiv seit nunmehr fünf Jahren auf der Basis meiner fünfdimensionalen Physik.

Mein Konzept ist so: Ich stehe voll auf dem Boden der Einsteinschen Allgemeinen Relativitätstheorie, bin aber der Meinung, dass man vorsichtig sein sollte, diese Theorie in Anwendung auf die Kosmologie, über ihre Gültigkeitsgrenzen hinaus, auf die Entstehung unserer Welt anzuwenden. Wenn man das tut, dann kommt man zum Urknall und zur Weltexpansion und all den Dingen, die man fast jede Woche im Fernsehen und im Radio hören kann. Ich bin der Meinung, dass viele ungelöste Fragen sehr vorsichtig bewertet werden sollten, aus der Sicht anderer Theorien beurteilt werden sollten. Und meine Theorie, ich habe sie 'Projektive Einheitliche Feldtheorie' der Physik genannt, kommt ausgehend von einem fünfdimensionalen Physikkonzept zu einer Kosmologie ohne Urknall... und ich bin in der Lage, relativ genau Voraussagen zu machen über wichtige beobachtete Erscheinungen wie Größe, die sogenannte Hubble-Konstante, die die Expansion beschreibt, oder auch andere Dinge, das Weltalter, anzugeben.

Auszug aus einem von Ernst Schmutzer in den Schriften der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste 1998 publizierten Beitrag: Die Projektive Einheitliche Feldtheorie ist, zusammen mit der vor mir vorgenommenen Interpretation, ein ersonnenes und deshalb wissenschaftlich-spekulatives Gedankengebäude, für dessen Konstruktion keine empirischen Zwänge und auch keine suggestiven Fingerzeige vorlagen. Es wurde allein aus meinem inneren philosophischen Drang nach Einheit der Natur in höherer Harmonie, tiefgründiger Schönheit und übergeordneter Einfachheit - nach dem Prinzip "So einfach wie möglich, so kompliziert wie nötig" - geboren.

Es heißt, Aristoteles habe als erster die Welt nach physikalischen Kriterien durchmustert. Die nach ihm kamen - Galilei, Kepler, Kopernikus, Newton - sahen, wie der Grieche, den Kosmos in einem absoluten 3-dimensionalen Raum gefangen, der eine von der in ihm enthaltenen Materie unbeeinflußbare Existenz hat. Auch die Zeit fließt von der Materie unbeeinflußt dahin.

c = Lichtgeschwindigkeit im Vakuum - etwa 300.000 km/s. Vom Mond zur Erde braucht das Licht 1 Sekunde, von der Sonne 8 Minuten, vom dem uns nächsten Fixtern, Alpha Centauri, 4 Jahre. Von den Sternen des Großen Bären 150 Jahre, vom Zentrum der Milchstraße 30.000 Jahre, vom Andromedanebel, unserer benachbarten Galaxie, 1,8 Millionen Jahre.

Spätestens mit Albert Einstein wissen wir, das der absolute Raum so nicht existiert. Unsere Wahrheiten, Jahrhunderte hindurch akzeptiert, wurden von seiner Relativitätstheorie zerstört.

Wahrheit ist natürlich immer eine relative Wahrheit aber nicht mit Relativismus verbunden, mit der Negation der Wahrheit. Wahrheit kann keine absolute sein, wenn man die Gültigkeitsgrenzen von Naturgesetzen anerkennt. Und meine Lebenserfahrung und meine historische Erfahrung einer zweitausendjährigen naturwissenschaftlichen Erkenntnis ist eigentlich die, dass immer eine höhere Theorie eine vorangehende anerkannte Theorie abgelöst hat, die vorangehende als Spezialfall in der höheren enthalten ist. Die Naturkonstanten auf die wir bauen und die unzweifelhaft sind bis heute , im lokalen Bereich, sind: Vakuumlichtgeschwindigkeit, die Plancksche Wirkungskonstante, die elektrische Elementarladung und die vierte die Newtonsche - oder wenn sie es umrechnen - dazu äquivalent, die Einsteinsche Gravitationskonstante.

Nicht eben viel - vier Bausteine, aus denen wir das Universum erklären wollen. Manche nennen die Kosmologen in ihrem Bemühen, den Anfang aller Dinge zu beschreiben, hoffnungslose Gläubige, anmaßend zudem;. ihre Suche nach der einen großen Weltformel die moderne Spielart der Suche nach dem Stein der Weisen. Immer neue Hypothesen werden in die Welt gesetzt und verschwinden wie in Schwarzen Löchern.

Ich hab ja nun wirklich über ein halbes Jahrhundert Erfahrung. Meine Erfahrung ist die, dass es Modeerscheinungen gibt, die etwa eine Periodendauer von sieben bis fünfzehn Jahren haben, dann taucht eine neue Idee auf und dann stürzen sich viele darauf... Jede Erkenntnis ist in der historischen Erfahrung ein Sprung ins Neuland gewesen. Und dieser Sprung ins Neuland wird bei dutzenden von Sprüngen nicht gelingen. Und wird im Einzelfall gelingen, wo es durchaus sein kann, dass es noch im stillen Kämmerlein echte Fortschritte gibt.

Aus dem stillen Kämmerlein im Cospedaer Grund ist Ernst Schmutzer via Internet mit den Globalplayers der theoretischen Physik vernetzt, mit der Flut von Daten und Gedanken. Er kennt die Wege und die Sackgassen moderner Kosmologen und ist sich sicher, dass seine Projektive Einheitliche Feldtheorie eine Straße ist.

Die 5. Dimension steht auf der Raum-Zeit senkrecht, wobei der Abstand des jeweiligen raum-zeitlichen Aufpunktes vom Ursprung des Projektiven Raumes räumlich und zeitlich veränderlich ist.

Sinnlich aber ist diese fünfte Dimension nicht erfahrbar, ihre Existenz nur faßbar im Spiel mathematischer Gleichungen.

Das einzige Werkzeug, das verläßlich arbeitet und gestattet, in diese Bereiche der Existenz der Welt vorzudringen, ist die Mathematik.

Es ist so, dass ich natürlich alle modernen Meßergebnisse durch die Satelliten anerkenne, bin auch der Meinung, dass die irrsinnig großen Energiekonzentrationen, in Quasaren usw. natürlich Realität sind. Aber daraus die Schlußfolgerungen zu ziehen, dass es Schwarze Löcher im Sinne mathematische Singularitäten gibt, oder angewandt auf die Kosmologie, unser Weltall aus einem mathematischen Punkt, aus einer Punktsingularität entstanden ist... diese Schlußfolgerungen würde ich nicht so ohne weiteres mit tragen wollen. In meiner Theorie werden diese Singularitäten geglättet. Für mich ist das physikalisch viel befriedigender.

Im Klartext heißt das auch, dass in der Kosmologie von Ernst Schmutzer für den großen Knall am Anfang aller Dinge kein Platz ist.

Ich habe dafür den Begriff "Urstart" geprägt. Es ist also nicht ein explosionsartiges Anschwingen mit einer unendlich großen Energieabgabe, sondern für mich ist es ein sanfter Start, der sich aufgeschaukelt hat zu diesen großen Energien, zu denen wir natürlich stehen müssen, weil sie empirisch nachgewiesen sind. Ich habe in meiner Theorie auch nicht das Problem mit dem Alter des Universums. Meine Berechnungen ergeben etwa 17 bis 18 Mrd. Jahre seit dem Urstart und damit bin ich auch im Einklang mit den empirischen Befunden... Mineralogie usw.

Fünf Jahrzehnte entwirft Professor Ernst Schmutzer die Linien seiner Projektiven Einheitlichen Feldtheorie, verwirft, fügt hinzu, streicht, stellt um, rechnet immer wieder nach... ein Stück Besessenheit gehört zur Arbeit eines theoretischen Physikers.

Ich glaube nicht, dass jemand, der keine Begabungen in dieser Richtung hat, diesen Stress durchhalten kann - wieder neue Gedanken zu entwickeln, zu explizieren. Jede Idee bedeutet ja, Monate und länger darüber zu sitzen bis man einsieht, ob sie auf fruchtbaren Weiterentwicklungsboden fällt oder ob sie verlassen werden muß. Hin und her, zwei Schritte vorwärts und zurück, das ist schon eine harte Sache, und das ein Leben lang, und da gehören schon eine ganze Reihe von Charaktereigenschaften dazu, um so etwas durchzuhalten.

Den Cospedaer Grund steige ich herunter und überlege die Reihe der Charaktereigenschaften, die notwendig sind, fünf Jahrzehnte durchzuhalten. Fleiß und noch mehr Ausdauer, die Fähigkeit, aus Niederlagen zu lernen, gewiß Askese im Denken, der unbedingte Wille zur Erkenntnis, auch die Last einer rund 2000jährigen Geschichte der Wissenschaft zu ertragen - Ernst Schmutzer, denke ich, wird solche Last nicht spüren, dagegen das Glück, Teil dieser Geschichte zu sein. Später fällt mir ein Bekenntnis des Schriftstellers Alfred Döblin in die Hände. 1917 kaufte er sich eine von Albert Einstein geschriebene gemeinverständliche Darstellung seiner Relativitätstheorie:

Das Büchlein wollte möglichst exakte Einsicht in die Sache jenen vermitteln, die sich vom 'allgemeinen wissenschaftlichen Standpunkt' dafür interessieren, ohne den mathematischen Apparat der theoretischen Physik zu beherrschen. Es begann scheinbar populär; nach einigen Seiten brachen die Formeln los, die infamen kabbalistischen Zeichen der Mathematik: Ich scherze ganz und gar nicht. Ich hörte von allen Seiten, hier würden Dinge verhandelt, die zu den allerwichtigsten für die denkenden Menschen gehören. Vorstellungen würden hier evident gemacht, die eine Umwälzung des gesamten Weltbildes nach sich zögen. Sagte man. Was hier, in der Relativitätslehre, vorgebracht würde, sagte man, sei den Entdeckungen des Kopernikus, Galilei, gleichzustellen. Aber Kopernikus und Galilei verstehe ich ... Diese neue Lehre aber schließt mich und die ungeheure Menge der Menschen, auch der denkenden, auch der gebildeten, von der Erkenntnis aus!

Solange der Mensch denken kann und richtig denken kann, solange ist er in der Lage, immer mehr von der Welt zu erkennen, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, und wenn er nicht den Fehler macht, zu verabsolutieren und über die Gültigkeitsgrenzen hinaus zu gehen, dann wird er nicht in Widerspruch geraten, sondern Freude daran haben.
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