WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
6.11.2004
Klugheit
Im Widerstreit von Torheit und Überheblichkeit
Von Beate Ziegs

Die Göttin Pallas Athene Der Parthenon, in dem die Göttin der Klugheit residiert, ist ein riskanter Denkort geworden. Ihrer goldenen Waffen entledigt und ganz ohne Kriegsgeschrei sucht Pallas Athene in einsamen Selbstgesprächen nach den Bruchstücken einer Klugheit, von der außer ihr niemand mehr etwas wissen will.

"Der kluge Mann baut vor."

"Klug kann nur ein guter Mensch sein."

"Klugheit beginnt und endet mit Zweifeln."

"Überheblichkeit bringt nichts als Zank und Streit."

"Der beschränkte Geist ist zu dumm für die Sünde, der überlegene Kopf zu klug für die Tugend."

"Klugheit ist oft lästig wie ein Nachtlicht im Schlafzimmer."

"Wenn die Herrschenden klug wären, könnte das Volk dumm sein; wäre das Volk klug, könnten die Herrscher getrost töricht sein."

"Unendlich ist die Schar der Toren!"

"Vieles Gewaltige lebt - aber nichts ist gewaltiger als die Torheit des Menschengeschlechts."

"Drei Dinge machen den Menschen glücklich: Menschlichkeit, Gesundheit und Klugheit."

Schiller - Aristoteles - Matthias Claudius - Salomo - Horst Geyer - Ludwig Börne - Goethe - Petrarca - Sophokles - Balthasar Gracián -

Pallas Athene: (blättert in einem Buch, murmelt dabei vor sich hin): pru-den-tia -? Ne, ne - das war anders - irgendwas mit "ph": phrrr - rrro -ne - ne, ne ---. (leicht aufbrausend) Diese Stimmen! Aus der Ferne ist das Gewirr in meinem Kopf ja ganz anregend. Ein Hintergrundrauschen. Aber aus der Nähe? Ein Gespräch mit Toten! Unmöglich - und dennoch niemals endend. Wie auch? Bin ja selbst nichts als Kopf. Ich - die sinnende Göttin, die einzige Frau unter den Unsterblichen, die selbst blickt - und nicht wie diese Schaumgeborene im Blick des Mannes ist. Also, weiter geht's! kluoc - klòk - klookki. Cluchlich. Klugen - klügeln. Klugerweise --

Sprecher: Klugheit. Im Widerstreit von Torheit und Überheblichkeit.

Pallas Athene: Wieso Widerstreit? Wo ist das Problem? Der Klügere gibt nach. So einfach ist das. Beziehungsweise: die Klügere. Hannah Arendt zum Beispiel. Wie sie Karl Jaspers schrieb, musste sie gegenüber Heidegger immer so tun, als könne sie nicht bis drei zählen. Und Heidegger selbst? Der blieb der Antisemit, der er schon immer war. Ansonsten hatte er auf seinem Schreibtisch eine Statuette von mir stehen: Pallas Athene. So wurde Hannah Arendt von Freunden genannt. Klar ist es ein ungeheurer Vorteil der Klugheit, sich dumm stellen zu können. Aber wenn die Klügere zu sehr nachgibt, ist sie irgendwann selbst die Dumme und zieht den Kürzeren. Den wirklich Klugen widerfährt eben lei-der keine geringe Torheit. Das hätte ich ihr gleich sagen können
Aber ach, was soll's ---?


Schlimm muss es um das Seelenheil der antiken Dame bestellt sein, wenn sie über eine prekäre Liebschaft sinniert, die nicht die ihre war und sich zudem in einer Zeit abspielte, die sich mitnichten durch eminente Klugheit, sondern einzig durch die politische Brutalität eines entfesselten Willens auszeichnete. Wozu die kryptischen Worte Celans derart kleinlaut aus dem Munde einer Göttin und Stadthalterin, die einst dem mächtigen Zeus so arge Kopfschmerzen zu bereiten wusste, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als sie zu gebären?

Zugegeben: Ausgerechnet im Jahre 30 nach der letzten großen Diktatur hat sich kaum Rühmliches zu ihren Füßen ereignet. Dort, wo vor 2500 Jahren Europas schönstes und klügstes Kind - die Demokratie - geboren wurde, ausgerechnet dort tobte der olympische Furor nicht nur griechischer Doping-Helden.

Dann die Hybris, mit der ein gewisser George W. Bush in einem Wahlkampfspot das Symbol der olympischen Ringe missbraucht hat. Das wird auch nicht für gute Stimmung auf der Akropolis gesorgt haben.

Norbert Bolz: Torheit und Überheblichkeit sterben natürlich niemals aus. Und sie in der Gesellschaft nachzuweisen, ist ein Kinderspiel - in allen Zeiten.

Erika Godel: Und wer heute "Kreuzzüge" meint führen zu müssen, der kann eigentlich von Klugheit, wie ich sie verstehe, noch nicht berührt worden sein.

Wolf-Dieter Narr: Menschliche Klugheit im Sinne des griechischen phronesis wäre genau, dass man eben dauernd abwägt, dass man weiß, eine Situation ist immer kompliziert. Es gibt fast nie nur Gut und Böse, sondern es gibt immer komplexe Verhältnisse.

Norbert Bolz: Selbstverständlich haben wir nicht die antiken Voraussetzungen für kluges Verhalten, wie uns insgesamt ja jeder Traditionsrahmen fehlt, um sich klug auf Herausforderungen des Lebens einzustellen. Das heißt, die Klugheit muss anders verankert werden.

Und außerdem - ja, das wird es sein: Der Parthenon, in dem die Göttin der Klugheit residiert, ist ein riskanter Denkort geworden: Die Säulen drohen wegzubrechen. Die Eule fliegt nicht mehr. Der Wind ist rauh. Ihrer goldenen Waffen entledigt und ganz ohne Kriegsgeschrei sucht Pallas Athene in einsamen Selbstgesprächen nach den Bruchstücken einer Klugheit, von der außer ihr niemand mehr etwas wissen will.

Doch bei all ihrer Unsterblichkeit: Hat sie denn noch immer nicht begriffen, dass jedes Selbstgespräch, so es den Geist erhellen soll, kluge Gesprächspartner voraussetzt?


Norbert Bolz: In der Tat haben wir größere Probleme als frühere Kulturen und frühere Gesellschaften, eine Praxis der Klugheit auszubilden, eben vor allen Dingen deshalb, weil uns die Traditionsbindungen und Traditionsvorgaben fehlen. Und weil wir von unseren Eltern fast nichts mehr lernen können.

Erika Godel: Kein Mensch wird dumm geboren. Und im Analogieschluss würde ich sagen: Kein Mensch wird klug geboren, aber man kann klug werden. Es ist eine Option, die Menschen möglich ist.

Wolf-Dieter Narr: Wie kann man denn Klugheit lernen? Lernen in einer Weise, dass man immer versucht, die innere Rationalität von Dingen, von Gesellschaften, von Einrichtungen herauszufinden und deswegen behutsam verfährt. Auch der eigene Logos, die eigene Vernunft würde dadurch wachsen, dass man dauernd als Subjekt mit anderen und anderem zu tun hat.

Erika Godel: Das ist sehr deutlich aufgeschlüsselt, das kann man eigentlich wissen: Man kann biblisch wissen, wie man klug wird. Warten Sie mal einen kleinen Moment. "Die Schlange war listiger ... (murmelt vor sich hin) ... was Gut und Böse ist." Wo ist das denn genau? Warten Sie, ach doch, 3.6 ...

Norbert Bolz: Also die Klugheit heute lässt sich nicht mehr in Katalogen aufschreiben, sondern sie ist extrem situationsgebunden. Und so bildet sich allmählich eine Art Lebensklugheit ohne philosophischen, intellektuellen Überbau heraus. Also die Klugheit entsteht mehr oder minder in den Körpern und in den sozialen Identitäten der Menschen selber und nicht so sehr in philosophischen Seminaren oder in Feuilletons.

Einen Professor im Ruhestand wie Wolf-Dieter Narr zum Beispiel, der bis 2002 politische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin lehrte. Oder Dr. Erika Godel, Studienleiterin für Interreligiösen Dialog an der Evangelischen Akademie zu Berlin.

Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaft am Institut für Sprache und Kommunikation der Technischen Universität Berlin.
Und wenn wir schon beim Thema "Körper" sind, dann fehlt nur noch --

Pallas Athene: Der Kopf!

Konrad Beyreuther: Der Gehirnteil, der hinter der Stirn ist. Wir haben sehr viel im so genannten Frontalbereich des Gehirns an Entscheidungsregionen sitzen, da kommen eben Nervenbahnen zusammen. Diese Region ist auch bei Alzheimer betroffen.


Pallas Athene: Der Sitz der Klugheit. Ein herrlicher Ort, den ich damals zum Platzen gebracht habe!

Nein, jetzt fehlt er nicht mehr in dieser Tempel-Runde: Professor Konrad Beyreuther vom Zentrum für Molekularbiologie der Universität Heidelberg. Er hat nicht nur das so genannte Alzheimer-Gen entdeckt, sondern ist außerdem Staatsrat für Lebens- und Gesundheitsschutz des Landes Baden-Württemberg.

Konrad Beyreuther: Alzheimer ist eine Demenzerkrankung. Und Demenz bedeutet Verlust erworbener Fähigkeiten. Und Klugheit ist etwas, das erwirbt man sich. Das Gehirn ist ein sehr, sehr gut abgetrenntes Organ, was die Nahrungsaufnahme betrifft. Es kommt zum Beispiel kein Glutamat aus der Nahrung ins Gehirn - beim gesunden Menschen. Und wir wissen, dass die Alzheimer-Krankheit diesen Schutz des Gehirns vor dem Eintreten von Glutamat reduziert. Es gibt eine so genannte Bluthirnschrankenstörung.

Und warum ist Glutamat ein Problem, wenn es ins Gehirn kommt? Nun, die Nervenzellen brauchen Glutamat, um die Ströme zu regulieren. Man muss sich einfach mal klar machen: Das, was der Schumacher da mit seinem roten Auto macht, die 300 Stundenkilometer im Kreis herumfahren, das machen ja unsere Ströme im Gehirn. Wir habe ja die Kommunikation zwischen den Nervenzellen: Klugheit und Gedächtnis werden ja mit Strömen bewirkt. Wir haben Sendearme, die fast eine Million Kilometer im Gehirn lang sind. Und wir haben Empfängerarme. Die Sendearme und Empfängerarme sind getrennt durch eine Art Schleuse. Wir nennen das Nervenzellenkontakt oder Synapse.

Jetzt kommt der Strom am Ende des Sendearms an - sieht aus wie ein Bananenstecker - und muss jetzt im Empfängerarm weitergeleitet werden. Jetzt wird der Strom umgesetzt in eine chemische Botschaft. Und zu diesen chemischen Botschaften oder "Schleusenwärtern" gehört zum Beispiel das Glutamat.

Und zuviel Glutamat regt die Nervenzellen so auf, dass sie halt sterben. Die werden überangeregt, kollabieren. Dann wird in der Zelle ein Mechanismus angeregt, der die Zellen in den Tod zwingt.


Pallas Athene: Wer sich zu Klugen gesellt, wird klug. - Also, treten Sie näher! Kommen Sie herein, nehmen Sie Platz! Hier darf ab sofort klug überredet werden - na ja, von mir aus auch überzeugt geschwiegen, denn nur wenige sind es wert, dass man ihnen widerspricht. - Jedenfalls lasse ich von nun an wieder mit mir reden. Wo kämen die Menschen auch hin, wenn ihnen die Stimme der Vernunft nicht mehr zuhören würde. - Logos. Nicht blinde Leidenschaft, nicht rechnender Verstand, sondern Logos. - Und schon gar nicht diese selbstbefangene Gereiztheit windschnittiger Generalisten, denen die Dinge über den Kopf gewachsen sind. Man sieht ihnen regelrecht an, wie sie das Denken einstellen, sobald sie die Stirn in Falten legen. Warum nur hat die menschliche Gattung keine Schutzmaßnahmen gegen das Vordringen der Torheit und der Überheblichkeit in die Gefilde der Macht getroffen? Wie klug es sich dann leben ließe! Doch sei es wie es sei: Hier wird dem guten, alten Logos wieder zu seinem Recht verholfen.
Also: Nur fleißig hereinspaziert!
Aber so nehmen Sie doch endlich Platz, meine Dame, meine Herren!


Der kleine Ausflug in die heimatlichen Gefilde jenseits der Bluthirnschranke hat unserer Göttin offensichtlich gut getan.

Konrad Beyreuther: Das ist die Motivation.

Sie scheint tatsächlich zur Vernunft zurückgefunden zu haben. Wurde ja auch Zeit, schließlich ist Klugheit die einzige Tugend, die den Besitz der Vernunft anzeigt - wenn nicht gar voraussetzt. Einsicht. Ausgleich. Kompromiss. Die vernünftige Lösung, die gefunden werden muss.

Konrad Beyreuther: Mangelnde Motivation: das ist der Anfang vom Ende. Dann verlieren wir Nervenzellenkontakte, weil nichts Neues hinzukommt. Nervenzellenkontakte, die nicht gebraucht werden, werden eliminiert. Und wenn da sehr viele Nervenzellenkontakte - eine Nervenzelle kann bis zu 10.000 Kontakte machen - eliminiert werden, stirbt die Nervenzelle weg.

logos - eine eigentümliche griechische Wendung, für die es keine adäquate Übersetzung gibt, denn sie bedeutet zweierlei: "Vernunft" und "Wort". Mit einer Vernunft begabt sind also jene Menschen, die sowohl mit einander sprechen als auch auf einander hören können. Vernunft wäre demnach das Medium der Gemeinsamkeit, in der die Menschen einander begegnen können. Der Sitz des eigentlich Humanen.

Konrad Beyreuther: Sehr wichtig: Immer wieder Neues ans Gehirn lassen! Immer diese W-Fragen stellen: Warum? Wieso? Weshalb? Was heißt das? Was bedeutet das? Weshalb ist das so und so?

Schön, dass die Göttin der Klugheit bereit ist, ihren Tempel in einen Ort zu verwandeln, wo Menschen wechselseitig ihre Rede vernehmen können. In einen Salon vielleicht, wie ihn zum Beispiel Rahel Varnhagen führte - die übrigens, wie Hannah Arendt, ebenfalls von ihren Freunden "Pallas Athene" genannt wurde. Merkwürdige Vergleiche sind das. Die Salonière als Göttin: Das mag ja noch angehen. Aber die Göttin als Salonière: Ob das gut geht?

Norbert Bolz: Man sollte die Klugheit nicht da erwarten und da erhoffen, wo sie sich früher mal platziert hat. Das waren die alten, schönen, geradezu idyllisch anmutenden Orte klugen, lebensklugen Handelns auch. Die Salons beispielsweise, wo es eine Kultur auch des Zuhörens gab. So etwas wird man heutzutage nirgendwo mehr finden. Selbst in Talkshows, die ja eigentlich Diskurse sein sollten, dominieren längst auch in der Politik diejenigen, die den anderen gerade nicht zuhören, sondern das Wort ergreifen, behalten und sich selber dort mehr oder minder aggressiv durchsetzen.

Wolf-Dieter Narr: Es ist die Arroganz der Leerheit. Wenn sie klug wären, würden sie die Gosche halten.

Norbert Bolz: Eigensinn vermarktet sich sehr viel besser als alltägliche Lebensklugheit.

Erika Godel: Deshalb ist es wahrscheinlich auch eine Tugend, die in diesem Sinne von gar nicht so vielen erstrebt wird. Denn wir sind ja wahrscheinlich alle eher darauf ausgerichtet, schnelle Erfolge zu haben, auch materialisierbare Erfolge zu haben.

Norbert Bolz: Das entspricht der Logik der Massenmedien selbst und der Logik von massendemokratischen Öffentlichkeiten. Man will natürlich keine Charaktere mit Ecken und Kanten, aber man will Skandalisierungsfähige Figuren, die ein sehr starkes Profil haben, um sie, sei es in den Himmel loben, sei es in die Hölle verbannen zu können.

Wolf-Dieter Narr: Die Klugheit ist offenbar etwas, was nicht automatisch sich ergibt, wenn wischen Zielen und Ergebnissen die Kluft zu groß ist, solange genügend Positionen und Geld da sind. Die denken immer noch, sie könnten regieren, ohne dass sie darüber nachdenken - und lassen den kleinen Mann oder die kleine Frau das dann bezahlen. Aber wie auch immer.

Norbert Bolz: Politiker haben nicht nur gemerkt, dass sie celebrities sein müssen, um erfolgreich zu sein. Sondern sie haben auch gemerkt, dass der Kranz der klassischen bürgerlichen Tugenden keinen Erfolg mehr verspricht. Die werden gewissermaßen wie Monstranzen herumgetragen.

Wolf-Dieter Narr: Also mit anderen Worten: die systematische Täuschung, die auch bei uns die Politik betreibt. Die Unehrlichkeit der gegenwärtigen Politik - beim Bush natürlich im Extrem - ist eines der emphatisch unklugen Phänomene. Die lügen sich ja krumm! Wobei sie die Lügen ja vielleicht selber glauben, das spielt dabei keine Rolle.

Norbert Bolz: Also weder Bush noch seine Gegenspieler sind im Grunde Ideologen, sondern sie benutzen Werte, um Menschen zu täuschen und sie in Massen hinter die Fahnen der eigenen Sache zu bringen. Kein Mensch führt um irgendwelcher Werte einen Krieg. Das tun weder die Amerikaner noch die islamischen Fundamentalisten. Diese Werte werden nur in großen Schaufenstern ausgestellt, um die Menschen zu verblöden: sei es der Wert der freien westlichen Welt, sei es der Wert des radikalen Islam.

Wolf-Dieter Narr: Was mir am meisten Angst macht - und zwar nicht erst neuerdings: dass es eine Form von Kriegen als gewalthaftes Weltsystem geben wird, das für unsere Kinder und Kindeskinder noch schlimmer wird als es für uns schon war. Wenn man sieht, wie massiv die Problemkontur international, aber auch national ist - Ungleichheit nimmt zu, die Unfähigkeit der Menschen, zu verstehen, was passiert mit ihnen, nimmt zu. All das ist natürlich etwas, was zu einer politischen Erneuerung führen müsste.

Norbert Bolz: Die Schwierigkeit der Klugheit heute besteht im wesentlichen darin, dass die Gesellschaft sich in einem Blindflug in die Zukunft befindet. Dass sie also nicht einen großen Entwicklungsplan hat, den sie versucht zu erfüllen, sondern dass wir heute nicht wissen, wohin wir morgen steuern. Und dass wir unsere Klugheit im Grunde darauf konzentrieren müssen, bei diesem Blindflug keine Bruchlandung zu erleiden. Und das ist eine der großen Klugheitsregeln unserer Gegenwart: dass es in allererster Linie darum gehen muss, Bedrohungen zu überstehen, Untergänge "heil zu durchschreiten", wie Goethe mal schön gesagt hat.

Erika Godel: Wissen Sie, noch so einen ganz anderen Zusammenhang von Klugheit finde ich eigentlich weiterführend. Das spielt eine Rolle in unseren Bestattungsliturgien. Da wird gerne der 90. Psalm gebetet, der damit endet, zu sagen: "Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." Da wird noch mal ein bisschen deutlich von dem Geist der Klugheit, sein Leben so zu führen, dass man nicht mal den Tod fürchten muss. Das hätte eben eine lebenszugewandte Seite des Glaubens: dass man daran gemessen wird, wie man sein Leben in seiner sozialen Umgebung führt. Und insofern ist diese Art biblischer Klugheit, die immer auf die Gemeinschaft ausgerichtet ist, auf ein soziales Miteinander - die ist sicherlich gefährdet bei der zunehmenden Vereinzelung von Menschen.

Norbert Bolz: Das Sich-Durchwursteln, das wir überall beobachten, ist selber - nüchtern betrachtet - eine Form von moderner Lebensklugheit.


Erika Godel: Klugheit bewährt sich nur, wenn sie anderen erfahrbar ist. Sie können sich nicht selber für klug halten. Das ist, glaube ich, etwas Dummes. Insofern ist sie wirklich auf Beziehungen ausgerichtet, und die kann man nicht für sich alleine haben. Nehmen Sie nur das, was wir als höchstes Gebot nennen: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Das wäre wahre Klugheit, wenn es uns gelänge, allen Menschen so viel Gutes zu tun, wie man sich selber tut.

Norbert Bolz: Wir machen doch alle mehr oder minder die Lebenserfahrung, dass es das Beste ist, was uns passieren kann, von großen Ideen und Visionen verschont zu bleiben. Also insofern setzt sich auf der alltagspragmatischen Ebene so etwas wie Kleinteiligkeit immer mehr durch, auch wenn dadurch jede philosophische Überhöhung unseres Tuns ausgeschlossen ist. Man kann keine tolle Geschichte über das Sich-Durchwursteln schreiben. Aber diese Tugend, sich überall zurechtfinden zu können, mit unüberschaubarer Komplexität und immer neuen Überraschungen des Lebens geistesgegenwärtig umgehen zu können: diese Tugend ist eine Klugheit.

Erika Godel: Wir haben ja diese Klugheit, die Eva womöglich anstrebte, denn wenn Sie sich erinnern: Sie ist rausgegangen und hat diese Mühsal der Orientierung in einer unbekannten Umgebung auf sich genommen.

Pallas Athene: (zornig) "Sich durchwursteln"? Soweit kommt's noch!
Und wer ist diese Eva? Habe ich die etwa eingeladen?
Raus hier! Alle Mann raus! - Raus, raus, raus!


Die Ärmste. Jetzt sind ihr die Geister, die sie nicht rief, doch noch zu Kopf gestiegen!

Erika Godel: Ich weiß gar nicht, was Sie der abgewinnen können. (lacht etwas) Das disqualifiziert sie ja wirklich in meinen Augen, dass sie eine Kopfgeburt eines Mannes ist.
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Vielleicht tut sie mir leid?

Erika Godel: Ja, das könnte ich gut verstehen, dass man da ein gewisses Mitleid hat, weil sie so etwas - wir würden es heute wahrscheinlich "Fremdbestimmtes" nennen - hat. Also: Pallas Athene hat diesen griechischen Zug des Höher-Weiter-Besser und des Machbaren vor allen Dingen, wohingegen in der Tradition der Eva ist auch das Überraschungsmoment oder auch die Möglichkeit des Scheiterns viel mehr angelegt.


Was hat die Möglichkeit des Scheiterns mit Klugheit zu tun?


Erika Godel: Eva aß vom Baum der Erkenntnis in der Absicht, davon klug zu werden. Und so kann man etwas scherzhaft fast sagen, dass die Klugheit in die Welt kam dadurch, dass die Eva Übertretungen vorgenommen hat, die ihr den Genuss der Klugheit brachten. Sie hat sich die sozusagen genommen. Ursprünglich war es eine göttliche Tugend, und dann hat Eva sie den Menschen beschert. Und das wird eben als problematischer Ablösungsprozess geschildert in dem Schöpfungsmythos. Aber vom Ergebnis her profitieren wir alle davon.

Wir profitieren vom Sündenfall? Von der Vertreibung aus dem Paradies?

Erika Godel: Das, was wirklich tadelnswert in diesem so genannten Sündenfall ist, ist diese Selbstüberschätzung des Menschen. Das ist aber nicht dieses Streben nach Klugheit, sondern aus der Klugheit jetzt gleich wieder eine Methode zu machen und quasi Gottes Stelle einnehmen zu wollen. Wohingegen diese Klugheit, die Eva anstrebte, viel mehr auf die Menschen ausgerichtet war und nicht auf den Wunsch, alles zu beherrschen, sondern sehr vieles zu gestalten. (lacht etwas). Und das unterscheidet sie von Pallas Athene: Deren Art, die Welt zu erobern, blieb doch ganz stark in den Mustern männlicher Eroberungspolitik verhaftet.

Und auch mit dem, was sie aus dem Paradies mitgenommen hat - das müssen Sie sich vorstellen: Die waren da nackt und bloß und glücklich, waren versorgt und - ich stelle es mir irgendwie langweilig vor, wie sie gelebt haben. Spannend wurde die biblische Schöpfungsgeschichte, wo die Menschen auf sich selber angewiesen waren und Frauen in besonderer Weise noch mal hervorgehoben wurden durch ihre Gebärfähigkeit. Der Adam wollte ja da bleiben, der wollte sich nicht bewegen. Die Eva ist gegangen. Oder hat sich so verhalten, dass sie gehen musste. (lacht etwas) Pallas Athene in ihrer Freiheit als Göttin bleibt auch immer eine Art von Gegenüber. Das können wir zwar bewundern, aber so können wir nie werden! Wohingegen einer Eva können wir schon in die Fußstapfen treten.


Ich weiß nicht ---.

Konrad Beyreuther: Bewegung ist wichtig. Sie schützt das Gehirn. Sie werden es nicht glauben: Wir haben 80 Kilometer Blutgefäße im Gehirn! Und die müssen funktionieren. Denn die Nervenzellen verbrauchen viel Energie. Viel Energie heißt: Es entsteht viel Schlacke. Und die muss raus. Und diese Blutgefäße sind zum Teil so dünn, dass da eine Blutverdickung, wie sie durch geringe Bewegung kommt, durchaus eine Katastrophe sein kann. Das kann der Beginn von Alzheimer sein.

Pallas Athene: Okay. Vamos. Let's go.

Wie bitte?

Pallas Athene: Der Parthenon - dieses Jungfrauengemach - ist zwar nicht das Paradies. Aber langweilig ist es auch hier. Und da Göttinnen wie ich ebenso wie der eine Gott Ideen des menschlichen Geistes sind, Geschöpfe des Menschen also - und nicht umgekehrt! - könnten wir es zur Abwechslung wirklich mal dieser Eva gleichtun: und uns in Bewegung setzen.

Wohin sollen wir denn gehen?

Pallas Athene: Auf die "Wiese der Ate", wie bei uns die Erde genannt wird: das Reich der Torheit.

Ate?

Pallas Athene: (packt ein paar Sachen in einen Koffer)
Die Göttin des Wahns, der Verblendung und des Unheils. Sie macht ihre Opfer unfähig zu vernünftigen Entscheidungen und zettelt mit Vorliebe Kriege an. Der Trojanische geht übrigens auch auf ihr Konto, nicht auf meines. Zeus, unser gemeinsamer Vater, hat sie dazu verdammt, unter den Menschen zu leben. Und da leistet sie ja auch zurzeit ganze Arbeit. Mit Lessings Klugheit und Nathans Toleranz wäre es eben besser um die Welt bestellt.


Ate ist deine Schwester?

Pallas Athene: Ja, die ältere. Aber was macht das schon? Wir sind nur Grundmodelle menschlichen Handelns. Geistige Kunstgriffe, um sich vor der Verantwortung zu drücken. Du und ich, wir wissen es besser: dass nicht eine göttliche Fügung, nicht das Schicksal das Pferd in die Stadt gezogen hat, sondern der menschliche Wille. (klappt den Koffer zu)
So. Das war's. Lass uns gehen.


Und wer oder was bin ich?

Pallas Athene: Du? Du bist meine Freundin! Was denn sonst? - Aber nun komm schon. Und vergiss das Obst nicht! Und auch nicht den Wein und die guten Öle mit den wunderbar ungesättigten Fettsäuren, auf dass nichts Ungewolltes unsere Bluthirnschranke durchbreche! Das Leben auf Ates Wiese ist nämlich extrem ungesund für kluge Köpfe wie wir sie sind. Du weißt schon Glutamat, Cholesterin, Zucker, Aspartam, E 173, E 520, E 559 --.

Erika Godel: (liest wieder vor sich hin) Sprüche Salomos, 7. Kapitel: "Sprich zur Weisheit: Du bist meine Schwester, und zur Klugheit: Das ist meine Freundin." Also, es ist so ein Ansporn. Die Schwester ist das Vertraute sozusagen, mit dem man ein Stück gemeinsame Geschichte hat, die man nicht ablegen kann. Aber eine Freundin - das ist ja eine Wahlverwandtschaft. Darum muss man sich bemühen, die muss man pflegen, der muss man Gutes tun, will man auch Gutes tun. Ihre Schwester haben Sie Ihr Leben lang, aber Ihre Freundin können Sie sehr wohl durch Ihr Verhalten verlieren. Und insofern finde ich das ein wunderbares Bild!

Ja, das finde ich auch.


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