WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
13.11.2004
Apparatewunder und Einsamkeit
Mythen um die Medizintechnik
Von Birgit Kolkmann

Apparate in einem Operationssaal (Bild: AP)
Apparate in einem Operationssaal (Bild: AP)
Die High-Tech-Medizin kann kleine und große Wunder vollbringen und sie verschiebt die Grenze zwischen Leben und Tod. Aber nicht immer ist das, was machbar ist, auch wünschbar und ethisch vertretbar. Den Blick auf den Menschen, auf den Patienten zu richten, heißt seine Wertenormen anzuerkennen - heißt aber auch: von seinen Werten und Wünschen zu wissen.

Manfred Kluge, 53 , seit 7 Jahren Dialysepatient: Die Maschine ist mein Leben, wenn die nicht wär', dann wär' ich nicht mehr hier auf der Erde, so würde ich das sehen - so ist es auch . Ich bin froh, dass es das gibt, dass es dies Verfahren gibt.

Prof. Rita Kielstein, Nephrologin UNI-Klinikum Magdeburg: Mit der Dialyse kann ich keinen Menschen gesund machen, ich kann die Werte so senken, dass ein Patient einigermaßen damit leben kann. Wie der Patient damit zu Recht kommt, auch psychisch und körperlich, ist eine ganz individuelle Sache.

Manfred Kluge, Dialysepatient: So, und wenn ich denn nun jetzt abgeschlossen werde, fühle ich mich erst mal kaputt, schlapp, das geht 'ne Weile so. Ich fühle mich erst wieder so einigermaßen - gesund kann man ja nicht sagen - erst am andern Tag, dass ich dann meinen Lebensrhythmus wieder finde - dann muss ich schon wieder hierher, ja.

Prof. Rita Kielstein: Es ist ganz wichtig, dass der Patient richtiges Umfeld hat, es ist ja auch für diesen Patienten hier, der im besten Lebensalter ist, auch von der Psyche her eine unerträgliche Situation, dass er von der Maschine abhängig ist, vom Personal abhängig, und zu Hause geht die Abhängigkeit weiter - damit muss man umgehen lernen oder man wird depressiv.

Die Ärztin und ihr Patient - Prof. Rita Kielstein und Manfred Kluge. Die Nephrologin betreut den 53jährigen seit 7 Jahren. Blutwäsche dreimal die Woche, eine Nierentransplantation hielt nicht lange, Manfred Kluge lebt mit der Maschine, die 4-6 Stunden Blut und Medikamente durch seinen Körper pumpt. So, wie bei den anderen Patienten im hochmodernen Dialysezentrum der Magdeburger Uni-Klinik. 8 Männer und Frauen liegen in einem Raum, um sie herum das Pflegepersonal, vor der Tür warten die Taxifahrer - das Team ist seit Jahren eingespielt, es herrscht eine freundliche, gedämpfte, fast familiäre Atmosphäre.

445 Kilometer westwärts. Das Klinikum der Technischen Hochschule Aachen. Ein moderner Komplex aus den 70er Jahren, ein wuchtiger Quader mit vielen Aufzugsschächten, Innenhöfen, innen bunt und poppig - im Foyer 2 Rolltreppen - es herrscht Flughafenatmosphäre. Cafeteria, Bankfiliale, Dependancen der Krankenkassen, Fahrkartenautomat. Ärzte, Patienten, Medizinstudenten, Besucher und Angestellte bevölkern Eingang und Gänge - das Klinikum wirkt wie ein Kongresszentrum - eine hochtechnisierte medizinische Fabrik, eine Klinik-Maschine. Ein "Krankenhaus der Maximalversorgung" mit angegliederter Lehre und Forschung. In einem Labor im Westteil des Klinikgebäudes verbirgt sich in Petrischalen eine Weltsensation.

Dr. Stefan Jockenhövel, Herzchirurg, Projektleiter: Was wir herstellen, sind Herzklappen aus körpereigenem Gewebe, und unser großes Ziel ist halt, eine Herzklappe für Kinder zu erzielen, die halt mitwachsen kann. Was sich dadurch erübrigt, sind Wiederholungsoperationen, die Kinder im Laufe ihres Wachstums durchschreiten müssen, wenn sie einen angeborenen Herzklappenfehler haben. Also, es ist sicher eine Revolution in der Medizin-Technik und es ist vor allen Dingen ein Schritt weg von mechanischen, unflexiblen, sich dem Körper nicht anpassenden Prothesen hin zu Biotechnologien, zu mitwachsenden körpereigenen Gewebeersatzstoffen.

Der Herz- und Gefäßchirurg Dr. Stefan Jockenhövel leitet das Projekt - er ist seit 1998 Herr über die zugleich künstlichen und "natürlichen" Herzklappen und Blutgefäße, die auf textilem Gewebe gezüchtet werden. So müssen bei Bypass-Operationen keine Adern im Körper verpflanzt werden, Abstoßungsreaktionen im Körper sind nicht mehr zu erwarten - die "Prothesen" bestehen ja aus körpereigenem Material. Mehrere Wochen werden sie in einem Bioreaktor-System den natürlichen Blutdruck-Bedingungen im Körper angepasst, quasi wie in einem Fitness-Center. In 10 Jahren werden die revolutionären neuen Methoden im klinischen Alltag verfügbar sein - fühlen sich die Forscher da manchmal wie der liebe Gott?

Dr. Stefan Jockenhövel, Thorax-, Herz, und Gefäßchirurgie Klinikum RWTH Aachen: Na ja, (Lachen) - so wild ist es noch nicht. (Lachen). Wir haben, denke ich, oft viele Ideen, die wir auch weiterentwickeln wollen. Also nicht nur Herzklappengefäße, sondern natürlich auch den Traum, die Vision, einmal Herzmuskulatur zu kultivieren, Herzschrittmacherzellen zu kultivieren, so dass man keinen Herzschrittmacher mehr auf konventionelle Weise implantieren muss. Das sind alles natürlich sehr spannende Fragen und man muss sich oft am Riemen reißen, um sich auf die Kernfragen zu konzentrieren.

Die Entwicklung der Technik ist für Wissenschaftler wie Laien faszinierend, für Kranke DIE Hoffnung. Ist längst machbar, ersetzbar, was vor Jahrhunderten und Jahrzehnten noch ein sicheres Todesurteil bedeutete? Und werden in Zukunft die Krankenhäuser und Medizinlabors immer mehr zu Reparaturwerkstätten schadhaft gewordener Körperteile?

"Die Technik ist auf dem Wege, eine solche Perfektion zu erreichen, dass der Mensch bald ohne sich selbst auskommt."

Der polnische Lyriker Stanislaw Jerzy Lec, er verstarb 1966. Sind wir seiner Vision tatsächlich schon näher, als wir glauben?

Prof. Dr. Rüdiger Autschbach, Lehrstuhl Thorax-, Herz-, und Gefäßchirurgie Klinikum der RWTH Aachen: Der Mensch ist einfach viel zu komplex, als dass wir die Vorstellung, den Menschen durch Ersatzteile reparieren zu können, wie man ein Automobil repariert, dauerhaft weiter verfolgen können. Es werden immer wieder neue Fragen aufgeworfen, es gibt auch immer wieder neue Erkrankungen, die uns beschäftigen - von daher ist das sicher eine schöne Vision, aber es wird eine Vision bleiben.

Prof. Dr. Rüdiger Autschbach leitet die Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie am Klinikum der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule Aachen. Das Herzklappen-Labor gehört zu seinem Institut - ein interdisziplinäres Projekt. Dort arbeiten Mediziner mit Biologen, Maschinenbauern, Elektrotechnikern und einem Feinmechaniker zusammen - mit den medizinisch- und biologisch-technischen Assistentinnen.

Sorgen jetzt Ingenieure zunehmend für den Fortschritt in der Medizin, macht die Kooperation verschiedener technischer Disziplinen erst Entwicklungen möglich, die die Medizin allein nicht schaffen könnte?Die Rahmenbedingungen an der Technischen Hochschule Aachen scheinen dafür ideal zu sein.

Prof. Rüdiger Autschbach, Klinikum RWTH Aachen: Es ist in der Vergangenheit sicherlich so gewesen, dass sich Ingenieurwissenschaften mit einer anderen Thematik beschäftigt haben, insbesondere der Automobilbau ist hier zu nennen. Mehr und mehr haben wir aber in den letzten Jahren die Entwicklung von neuen Medizinprodukten in den Vordergrund stellen können. Auch da ist das Interesse seitens der Ingenieurwissenschaften extrem groß und die Zusammenarbeit wächst von Tag zu Tag. Ich denke, in den nächsten Jahren wird einiges Neues auf uns zukommen.

Die Zukunft hat schon begonnen, das medizinische Wissen verdoppelt sich alle 5 Jahre - längst geht ohne High-tech nichts mehr. Endoskopische Eingriffe, Operationen quasi durchs Schlüsselloch - längst gehört das zum Standard, wofür der "Vater der Mikrotherapie", der Bochumer Prof. Dietrich Grönemeyer, noch Ende der 80er Jahre angefeindet worden war.
Er erinnert sich an seine aufregendste Operation in den USA.

Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer, Institut für Mikrotherapie, Uni Witten-Herdecke: Das war der erste Eingriff, den ich überhaupt an einem Kernspintomographen weltweit durchgeführt habe 1989. Dort hab- ich eine Tumorpatientin mit einem Laser operiert. Ich hab die Lasersonde gesehen, ich hab' gesehen, wie der Laser den Tumor erwärmt hat und vernichtet hat - das war spektakulär, weil, bis zu dem Zeitpunkt war das überhaupt nicht denkbar, dass Operateure je durch den Körper hindurchsehen können, und sehen, was sie dort in der Tiefe machen, dass man alles transparent vor sich liegen sieht, die Nerven, die Gefäße, den Darm - das war für mich ein herzergreifendes Erlebnis. Ich war im Moment ganz aufgeregt - aber dann auch ganz viel Ruhe, weil ich begriffen habe, dass das, was ich mir theoretisch vorgestellt habe, aufgeht, und dass das auch in der Zukunft der Medizin die Grundlage für alle Operationstechniken wird.

An seinem Institut für Mikrotherapie an der Universität Witten-Herdecke behandelt er Krankheiten und Gebrechen aller Art nicht nur mittels winzigster Sonden und Zangen sondern zugleich mit den größten medizinischen Geräten, die für ihn die faszinierendsten Innovationen in der Medizintechnik darstellen.

Prof. Dietrich Grönemeyer, Uni Witten-Herdecke: Das ist die Kernspintomographie, die Möglichkeit, in den Körper ohne Strahlen hineinzugucken, wir können auch in die Zelle hineingucken und auf der anderen Seite auch Emotionen sichtbar machen im Gehirn. Das ist in einem einzigen System eine unerhörte Chance für die Menschheit. Es ist eine phantastische Möglichkeit, zu diagnostizieren und auf der anderen Seite therapieren zu können. Ich nutze den Kernspintomograph als Brille.

Und zwar zur Früherkennung. Behandlung klein halten, wenn möglich überflüssig zu machen und die moderne High-Tech-Medizin mit Naturheilverfahren und Methoden der traditionellen chinesischen Medizin zu einer Medizin mit menschlichem Antlitz zu machen, das ist Grönemeyers Credo. Von manchen Kollegen der Schulmedizin wird das skeptisch betrachtet.
Er will nichts weniger als den ausufernden Medizinbetrieb mit immer noch mehr Untersuchungen, Eingriffen, Therapien vom Kopf wieder auf die Füße stellen. Er will vor allem den Menschen im Zentrum sehen, High-tech ist für ihn dabei Mittel, nicht Zweck.

Prof. Dietrich Grönemeyer Uni Witten-Herdecke: Vor vielen tausend Jahren wurde in China, oder auch in Persien dann der Arzt bezahlt, wenn er Krankheiten verhindert hat. Dass heißt, der Arzt, der der persönliche Berater, Familienarzt ist, der den Patienten sehr genau kennt. So könnten wir sicher die großen Volkskrankheiten eindämmen, wenn wir das ernst nehmen würden. Auf der anderen Seite - große Operationen können kleiner gemacht werden, vor allem dann, wenn man frühzeitig einen Schaden erkennt. … Und wenn man große Operationen vermeiden kann, dann ist das eine Revolution in der Medizin.

Im Konzept von leicht nach schwer scheint vieles machbar zu sein - doch gerade in der Krebstherapie ist die teure Technik unverzichtbar. Nicht jeder kann durch Bestrahlung gerettet werden, aber rund die Hälfte der Patienten wird geheilt. Das ist Anspruch und Ziel der Strahlentherapeuten.

Prof. Michael Eble, Klinik für Strahlentherapie, Klinikum Aachen: Die Behandlung lebt natürlich auch von gewissem Optimismus, was nicht heißt, dass man jetzt grundsätzlich einen falschen Optimismus erzeugen sollte. Die Maschine stellt für mich ein wesentliches Mittel zum Zweck dar, ein hochtechnisiertes Mittel, aber der eigentlich zentrale Punkt in der Arbeit ist eigentlich der onkologische Gesichtspunkt am Patienten.

Prof. Michael Eble leitet die Klinik für Strahlentherapie am Klinikum in Aachen. Über viele Wochen werden die Krebspatienten hier bestrahlt, sein Oberarzt Bernd Gagel ist mit ihren Sorgen und Ängsten täglich konfrontiert.

Oberarzt Dr. Bernd Gagel, Strahlentherapie Klinikum Aachen: Die Maschine ist unser Freund und Helfer - wir sind darauf angewiesen, dass wir diese technischen Möglichkeiten haben - ( Piepsen Pager, Pause) - so dass wir zum einen auf die Maschinen angewiesen sind und auch demgegenüber sehr positiv stehen. Für den Patienten ist es sicherlich schwieriger. Der Patient wird ganz einfach aus seiner Umgebung gerissen, wird mit diesen großen, komplexen Maschinen konfrontiert und das innerhalb kürzester Zeit bei manchen Patienten, und das ist für den Patienten sicher extrem schwer.

Roswitha Oslender, 64, Brustkrebspatientin: Ich werde jeden Tag an 5 Stellen bestrahlt und das sind jeweils nur 5-6 Sekunden pro Stelle. Als die erste Bestrahlung war, ja, da kommt man sich irgendwie komisch vor, weil man sieht nix, man merkt nix, und es tut sich doch was oder man hofft doch, dass sich was tut - das ist so'n bisschen unheimlich - Aber da denke ich schon mal, werden auch wirklich DIE Stellen getroffen, die wichtig sind, oder wo was sein könnte. Andererseits hat der Arzt mir ja gesagt, dass es genau auf meinen Körper berechnet wird (…) auf die Anzahl der Metastasen - in der Lunge sind noch Metastasen - also ich kann es eben immer wieder nur hoffen, dass es eben auch hilft.

Roswitha Oslender ist eine agile, schlanke Frau, der man ihre 64 Jahre nicht ansieht. Vor einem Jahr erkrankte sie an Brustkrebs. Sie hat eine reelle Chance auf Heilung. Kein ganz schwerer Fall, auch in der Behandlung nicht. Denn auch in der Strahlentherapie ist die Behandlung manchmal sehr belastend für die Patienten, wie Prof. Michael Eble einräumt.

Prof. Michael Eble, Institut für Strahlentherapie, Klinikum Aachen: Es gibt sicherlich Techniken, die für den Patient auch in seiner Einschränkung der Person, des Körpers 'nen quälenden Effekt haben. Die meisten Patienten werden bestrahlt, indem sie frei, ruhig, ohne eingeschränkt zu sein auf dem Behandlungstisch liegen - auch keinen Kontakt mit dem Gerät haben, die Bestrahlung selbst wie eine Röntgenaufnahme empfinden. Aber es gibt auch Techniken, wo der Patient bei einer Hochpräzisionsbestrahlung durch eine Maske am Kopf maximal fixiert wird. Oder, wenn wir das am Körper einsetzen, in ein Gerüst eingespannt ist und auch in der Atmung eingeschränkt wird um eben diese Präzision zu erreichen.

Udo Lampey, 52, Prostatakrebspatient: Die Maschinen, mich interessiert da nich' so, wie die funktionieren. Der Raum sieht wirklich aus wie ein Maschinenpark - wenn da nicht noch die netten und freundlichen Schwestern wären, dann wäre es ganz schlimm, aber die sind dann also immer - ich sag mal, mehr als höflich. Aber Angst vor den Maschinen nicht, weil man ja auch immer denkt, die Maschine hilft dir letztlich. Man hat zwar da manchmal so Zweifel, weil gerade bei der Bestrahlung, man spürt nichts, man sieht nichts man hört nur was und das soll dann helfen. Also dazu gehört schon eine Portion Glauben. Und wenn man weiß, wie hier Prostatakrebs, wenn man weiß, wie klein das ist und dann so ein Riesenteil, und man sieht überhaupt nichts, ob die das genau treffen.

Udo Lampey ist 52, auch sein Prostatakrebs hat gute Heilungschancen. Wie Roswitha Oslender spricht er sehr offen über seine Erkrankung, aber die Skepsis, die unterschwellige Angst vor einer Krankheit, die tödlich sein kann, schwingt mit und auch ein Gefühl von Einsamkeit.

Roswitha Oslender, 64, Brustkrebspatientin: Ich hab eigentlich immer sehr gut schlafen können - aber seitdem ich krank bin, habe ich doch schon mal, dass ich nachts wach liege und dann denke, na ja, wirst Du's schaffen oder gehörst Du zu denen, die es nicht schaffen. Aber ich hoffe, dass ich es schaffe - (Lachen). Ich mein', das sind viele Frauen, die dasselbe haben. Dass es eben ne Krankheit ist wie jede andere. Man muss da durch und das alleine. Man lässt es über sich ergehen und hofft.

Hoffen darauf, dass die Ärzte das Richtige und das angemessen tun werden. Das richtige Maß zu finden, alle Möglichkeiten auszuschöpfen und trotzdem nicht zuviel zu tun, den Patienten nicht überzutherapieren - das geht nur in enger Abstimmung mit ihm und allen Ärzten der Fachgebiete, die ihn mitbehandeln.

Verzicht auf Therapie, wenn die ärztliche Kunst am Ende ist. Immer noch ein Tabu in der Medizin und das umso mehr, als immer mehr Technik, immer spektakulärere Innovationen ungeahnte Möglichkeiten eröffnen und die Grenzen von Leben und Tod verschoben werden.
Der Anspruch des Heilens in einer Gesellschaft, deren Ideal es ist, leidensfrei zu sein und zu bleiben, kollidiert aber mit der Wirklichkeit. Der Respekt vor der Endlichkeit und Verletzlichkeit der menschlichen Existenz ist reduziert oder partiell ausgeblendet.

"Im Zeitalter der Hochleistungs-, fast sogar Allmachtsmedizin müssen alle Beteiligten, also erneut sowohl die Ärzte und das Pflegepersonal als auch die Patienten und ihre Angehörigen, nicht zuletzt Politiker und Medien jenes wieder lernen, was man lieber verdrängt: eine Kunst des Sterbens, die die Endlichkeit des Menschen existentiell, in der eigenen Lebensführung und Lebenserwartung, anzuerkennen versucht."

Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe plädiert vor diesem Hintergrund für eine am individuellen Wohl des Patienten orientierte Behandlung anstelle einer Maximalversorgung, die immer die Gefahr der Übertherapie in sich berge. Und das laufe insgesamt auf eine Schlechterbehandlung hinaus. Die Grenzen der maximalen Therapie sind da gesetzt, wo sie für den Patienten nicht mehr optimal ist. Wo Lebensverlängerung über Lebensqualität gestellt wird. Wo der Arzt nicht aufhören kann, weil er auch nicht weiß, was der Patient möchte.
Dessen Werte, sein Lebensziel müssten viel mehr in die Behandlung gerade am Lebensende einfließen, sagt Prof. Rita Kielstein in Magdeburg.

Sie hat in einem Forschungsprojekt mit dem Kennedy-Institut in Washington zusammen mit dem Medizinethiker Hans-Martin Sass Modelle für detaillierte Patientenverfügungen und Betreuungsvollmachten entwickelt, die eine individuelle und menschenwürdige Therapie am Ende des Lebens ermöglichen. Überraschend für die Nephrologin: Die Bandbreite der persönlichen Wünsche ist groß und manchmal auch für den Arzt schwer nachvollziehbar.

Prof. Rita Kielstein, Magdeburg: Eine knapp 80-jährige Dialysepatientin hat das auch ausgefüllt und die sagte: Ich würde alles akzeptieren an therapeutischen Maßnahmen was die Wissenschaft und die Medizin hergibt und wenn es nur eine Stunde weniger wäre, die ich unter dieser Erde liegen müsste. Und diese Frau war Witwe seit vielen Jahren, der Sohn lebte hier in Magdeburg, hatte seine Mutter seit knapp 10 Jahren nicht besucht und man hatte eigentlich das Gefühl, diese Frau müsste doch vom Leben enttäuscht sein - und das hat mich sehr erstaunt. Und ich hab dann diesen Wunsch auch erfüllt gegen den Widerstand meiner Kollegen - ich habe ihr das versprochen und ich mache das! Und da habe ich zum ersten Mal entdeckt, dass Patientenwünsche überhaupt keine Rolle spielen - selbst wenn es um maximale Therapie ginge. Die Ärzte die behandeln, entscheiden nach ihrem Eindruck.

Und liegen häufig daneben. 75 % meinen zum Beispiel, Patienten wünschten eine künstliche Ernährung per Magensonde - tatsächlich wollen das nur 20 Prozent.
Und auch Ärzte als Patienten wollen für sich etwas anderes, als sie ihren Patienten zumuten - wie möchte Strahlentherapeut Bernd Gagel versorgt werden?

Dr. Bernd Gagel, Strahlentherapeut Aachen: Das ist ne sehr offene Frage. Ich persönlich würde sicher erst mal wünschen eine Behandlung in einer familiären Umgebung. Man muss es sicherlich dann auch vom Krankheitsbild abhängig machen, das muss man sehr differenziert sehen, was man sich dann selbst an Therapieoptionen vorstellt, wünscht oder auch in Kauf nimmt.

Prof. Dietrich Grönemeyer: Ich glaube, wir Ärzte und Therapeuten wollen alle immer helfen, wollen heilen, wollen immer zeigen, dass wir alles im Griff haben. Da kann ich mich selbst sicherlich auch nicht von frei machen. Aber der Respekt des Endes, der Respekt des Todes, der macht wiederum ruhiger und besonnener. Das habe ich aber erst begriffen durch den Tod meines Bruders bzw. auch durch den Tod meines Vaters vor einem Jahr, dass ich dieses Pflänzchen Leben mit begleiten kann, dass ich als Arzt Lebensqualität schaffen muss.
Ich glaub', dass ist eine Riesengefahr in unserer Gesellschaft, dass Technik überbewertet wird, Technik zum Selbstzweck wird.


Zu welchen Exzessen das führen kann, hat Rita Kielstein in Magdeburg erlebt, als ihr ein Patient aus dem Umland zur Dialyse überwiesen wurde.

Prof. Rita Kielstein: Wir hatten einmal eine fast 100-jährige Dialysepatientin, die ein Gallenblasenkarzinom hatte und Metastasen im ganzen Körper, und die kriegte ein Nierenversagen und ein auswärtiges Krankenhaus schickte sie zu Dialyse. Sie lag aber schon seit 20 Jahren im Pflegeheim gelähmt. Und als ich den Kollegen fragte, was - es bringt doch dieser Frau nichts und da sagt er: Ich spiele mich doch nicht als Gott auf! Und ich habe gesagt: Genau das tun Sie jetzt! Die Kunst des Unterlassens ist vernachlässigt, aber man muss wissen, wo Schluss ist. Und es kann nicht sein, dass ein Patient, der vielleicht beim Diabetes seine Beine verloren hat, der blind ist und an die Dialyse kommt, dass der betteln muss zum Beispiel: Ich will nicht dialysiert werden!

Gibt es allerdings keine eindeutige Willenserklärung des Patienten, sind die Ärzte mit letzten Entscheidungen allein. Und der über Jahrhunderte befolgte Anspruch, Leben um jeden Preis zu erhalten, verhindert oft die Auseinandersetzung mit dem Tabu des Todes und des Sterbens - dem Punkt, an dem jedes Apparatewunder und jegliche Kunst des Arztes an ihre Grenze stoßen.

Prof. Rita Kielstein, Magdeburg: Ich denke auch, dass viele Ärzte sich mit dem Tod, mit ihrem eigenen, nicht genug auseinandergesetzt haben und sich in manchen Situationen die Frage stellen, wenn sie was anordnen, würde ich das für mich wollen, wenn meine Kinder das jetzt machen würden, würde ich das wollen, oder würde ich das mit meinen Eltern tun, was ich jetzt tue? Und ich glaube, diese Sensibilität muss noch weitergefördert werden.

"Die ethische Forderung einer patientenorientierten Medizin in einer pluralistischen und vom individualistischen kantischen Freiheitsbegriff geprägten Gesellschaft ist sehr einfach: Behandle Patienten individuell und nach ihren Wert- und Wunschbildern, Hoffnungen, Ängsten, Lebenszielen und ihrer je eigenen Definition von Lebensqualität. Diese individualisierte Behandlung und Betreuung ist jedoch in der praktischen Durchführung deswegen so schwierig, weil es häufig an Zeit und Interesse fehlt, dem "Wertbild" des Patienten eine ebensogroße Aufmerksamkeit zu widmen wie dem "Blutbild" oder dem "Röntgenbild".(…)Nur allzu oft bleiben dabei die Patienten (…)im wahrsten Sinne des Wortes "auf der Strecke".

Um zu ändern, was für den Medizinethiker Hans-Martin Sass und seine Forschungskollegin Rita Kielstein gängige Klinikpraxis ist, gilt für den Patienten - wer seinen Willen nicht fixiert, für den kann der Segen der Apparatemedizin zum Fluch werden.

Prof. Kielstein: Die Ärzte sind ja nun nicht allwissend, selbst, wenn sie noch so viele Laborbefunde, CT-Befunde, MRT-Befunde zur Verfügung haben, es hilft ihnen am Ende nicht weiter, und sie stehen vor der Entscheidung: Ist das jetzt gut, was ich mache oder ist das nicht gut. Und genau wie Ärzte sollten sich auch die Menschen anstrengen sich zu überlegen, was sie möchten.. Ärzte sind keine Hellseher. Und wenn jemand bestimmte Vorstellungen hat, wie sein Lebensende aussehen soll, dann soll er das bitte fixieren und wer sich nicht festlegt, der muss auch ertragen, dass Dinge mit ihm passieren, die er nicht möchte. Ich kann die Verantwortung nicht allein auf die Ärzte schieben, das geht nicht.

Literaturempfehlung:

Hans-Martin Sass und Rita Kielstein "Patientenverfügung und Betreuungsvollmacht", LIT-Verlag, 2. Aufl., Münster-Hamburg-London, 2003

Prof. Dietrich Grönemeyer: Mensch bleiben. High-Tech und Herz - eine liebevolle Medizin ist keine Utopie. Herder-Verlag, Freiburg 2003. Service-Telefon Grönemeyer-Institut Bochum: 0137/8551661 (0,49 Euro/pro Anruf aus dem deutschen Festnetz)



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