WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
20.11.2004
Krieg und Technologie
Zwischen Computer und Kalaschnikow
Von Nana Brink

Ein US-Soldat nimmt in der iraksichen Stadt Falludscha einen Widerstandskämpfer gefangen (Bild: AP)
Ein US-Soldat nimmt in der iraksichen Stadt Falludscha einen Widerstandskämpfer gefangen (Bild: AP)
Wenn es eine Gewissheit gibt, dann diese: Der klassische Krieg - Staat gegen Staat, Armee gegen Armee, Panzer gegen Panzer - ist passé. Die Realität im Irak ist der asymmetrische Krieg: High-tech-Waffen gegen selbstgebastelte Bomben, Computer gegen Kalaschnikow. Einer der Fehler der US-Armee: Sie hat ihren Gegner unterschätzt und war auf die Taktik der irakischen Guerilla nicht vorbereitet.

Ausschnitt aus ZDF-Sendung: Um 7 Uhr 15 gibt Georg W. Bush den Angriffsbefehl. Der Enthauptungsschlag beginnt. Das Militär zieht alle Register und mobilisiert das ausgefeilteste und teuerste Gerät aus seinem Arsenal

Ausschnitt aus ZDF-Sendung: High-tech blockiert irakische Radarsysteme, fängt den Funkverkehr ab und vermittelt Echt-Zeit-Bilder über das All an Kommandozentralen in alle Welt. Die fortschrittlichste Technologie der Welt wird eingesetzt, um einen Tyrannen im Schlaf zu töten.

Der Tyrann versteckt sich, als die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre "Koalition der Willigen" am 20. März 2003 in den Irak einmarschieren. Die Garden des Saddam Hussein haben der Operation "shock and awe" wenig entgegenzusetzen.

"Schock und Ehrfurcht": Amerikanische Präzisionsbomben zerstören in einer Nacht die irakische Luftabwehr; in nur drei Tagen stoßen die Spitzen der 3. amerikanischen Infanteriedivision 500 Kilometer weit in das Land vor. Nach zwei weiteren Tagen stehen die Angreifer mit ihren Panzern am äußeren Verteidigungsring von Bagdad. 15 Tage und 29.000 Bomben später sind die Hauptstadt und alle Ölfelder erobert.

"Shock and awe" - nur der gehasste Tyrann entwischt der High-tech-Armee. Festgenommen wird er dann mit der einfachsten Waffe der Welt: Ein Informant verrät den Amerikanern das Erdloch, in dem sich Saddam Hussein verkrochen hat. 18 Monate nach Beginn des Krieges sind der Diktator gefasst und das Land besetzt, - und doch sind die USA weit davon entfernt, den Krieg gewonnen zu haben.

Amerikanischer Soldat: There ist always trouble......(Es gibt immer Reibereien, egal in welcher Art von Konflikt man sich befindet, in diesem Fall gibt es Ärger, weil wir den schwer fassbaren Feind inmitten der Bevölkerung suchen.)

Die hoch gerüstete amerikanische Armee, die in nur drei Wochen die irakischen Truppen besiegt hat, sieht sich plötzlich einem neuen Feind ausgesetzt. Ein Feind, der ihren Präzisionswaffen trotzt, sich aus dem digitalen Schlachtfeld stiehlt, sich zwischen Kindern und Frauen verschanzt und mit einer Fahrradklingel eine Bombe hochgehen lässt. "Shock and awe" - nur diesmal umgekehrt. Die stärkste Armee der Welt scheint verwundbar. Für den Irakspezialisten bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, Benjamin Schreer, kommt das nicht überraschend:

Man muss natürlich sehen, dass Hochtechnologie und diese Art der Kriegführung im Bereich des counter ensurgency warfare, also Bekämpfung von Aufständischen, seine Grenzen hat, denn diese Art der Operationsführung seitens der Aufständischen zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass man den Amerikanern nicht in einer offenen Schlacht gegenüber tritt, sondern dass man sich unter die Bevölkerung mischt, dass man Sprengfallen baut, dass man kleine gezielte Nadelstiche gegen die Koalitionstruppen durchführt und in diesem Konfliktumfeld haben Sie Schwierigkeiten, ein umfassendes Lagebild herzustellen, also ich würde sagen, dass man sich bewusst sein muss, dass man in allen Konfliktlagen und militärischen Operationsformen so eindeutig dominiert, wie das in der ersten Kampfphase gegen die irakische Armee der Fall war.


Wenn es eine Gewissheit gibt, dann diese: Der klassische Krieg - Staat gegen Staat, Armee gegen Armee, Panzer gegen Panzer - ist passé.

Joschka Fischer, deutscher Außenminister: Wenn wir auf die Sicherheitslage blicken, dann erkennen wir jetzt, dass im 21. Jahrhundert weniger die Konfrontation Macht gegen Macht in staatlicher Form das prägende Element sein wird, sondern wir werden es mit Herausforderungen zu tun haben, die man asymmetrisch nennt, die sich terroristischer Mittel bedienen.


Wenn der deutsche Außenminister von "asymmetrischem Krieg" spricht, dann beschreibt er nichts weiter als die neue Unübersichtlichkeit auf den Schlachtfeldern dieser Welt. Der andauernde Konflikt im Irak ist das beste Beispiel dafür: Nach dem "high-intensity conflict", der heißen Phase des Krieges, in dem die US-Armee mit Präzisionsbomben und Aufklärungsdrohnen ihre technologische Übermacht demonstrierte, folgte die Phase der Guerilla-Anschläge, die - wie jetzt in Falludscha zu sehen - die amerikanischen GI in einen klassischen Verteidigungskampf zwingt: Haus für Haus, Mann gegen Mann - wie in den letzten Apriltagen 1945 in Berlin. Oder im ersten Golfkrieg 1990/91, den Nigel Dunkley als Major der Britischen Armee in einem Panzer an vorderster Front miterlebte:

Die mussten richtig raus aus den Mannschaftstransportwagen und haben dann feindliche Positionen unter Feuer gestürmt, man vergisst heutzutage, weil der Krieg sehr kurz und sehr intensiv war, dass wir auch Verluste hatten, dass auch diese schmutzige Art von Kriegführung gemacht werden musste, die Infanterie musste richtig hart kämpfen. Die Laptops sind einfach nur ein Werkzeug, wir hatten auch Laptops zum aller ersten Mal im Golf-Krieg, wir haben, wenn alles andere nicht funktionieren wollte, die zwei vordersten Brigaden per E-Mail gesteuert, aber Laptops können helfen, aber die können nicht den ganz normalen Infanteristen ersetzen, Infanterie werden wir immer haben müssen.


Knapp 14 Jahre später im zweiten Golfkrieg ist die Situation ähnlich. Auch die Ausrüstung und Waffen sind nicht wirklich neu, nur ausgefeilter: Sogenannte "smart bombs", die bis zum Ziel ferngesteuert werden können oder 1000-Kilo-Bomben, die sich in zehn kleinere Bomben aufteilen können. Eine Armada von Himmelspionen - unbemannte Drohnen - schickt Bilder in Echtzeit auf die Bildschirme, die in jedem Panzer, in jedem Gefechtsstand flimmern. Ein eigenes Internet und Chat-System ermöglicht die direkte Kommunikation zwischen den Kampfeinheiten auf dem Boden. Und - als Herzstück - das "Global Command and Control System", eine Art Rechenzentrum, dass die Amerikaner in Qatar aus dem Boden gestampft haben: 65 Server nehmen alle Daten der eingesetzten Flugzeuge, Schiffe, Panzer bis zum einzelnen Soldaten auf. Das eigentlich Neue an diesem Krieg verbirgt sich in dem militärischen Schlagwort "network centric warfare", netzwerkgestützte Kriegführung.

Im Jahr 2001 wurde die netzwerkgestützte Kriegführung zum bestimmenden Prinzip in der amerikanischen Armee. Das Kernstück der neuen Technologie bildet die elektronische Vernetzung und Steuerung der unterschiedlichen Waffengattungen. Ziel ist es, die Zeit zwischen dem Erkennen eines militärischen Ziels und dessen Ausschaltung möglichst kurz zu halten und die verschiedenen Waffensysteme optimal einsetzen zu können.

Seit Beginn des Krieges fährt in den Straßen von Bagdad der 19 Tonnen schwere "Stryker": Das gepanzerte Fahrzeug, das ein bisschen aussieht wie ein futuristisches Mondauto, ist vollgestopft mit modernster Technik. Außenkameras filmen Tag und Nacht; das Navigationssystem peilt auf mehrere Kilometer Entfernung jedes Ziel. Die Besatzung des Strykers mutet an wie das Personal eines Sciencefiction-Films: Männer in sandfarbenen Tarnanzügen, deren Gesichter in Integralhelmen verschwinden, mit Antennen an ihren schusssicheren Westen.

Besatzung eines "Strykers", US-Soldat: Wir können per Satellit in Echtzeit verfolgen, wann wer welchen Standort hat, in den Straßen....früher hätten wir uns zusammengesetzt und eine richtige Landkarte nehmen müssen, mit dieser Version in dem "Stryker" können wir kommunizieren über große Entfernungen.


Der "Stryker" und seine Besatzung sind sichtbare Symbole des "network centric warfare". Kleine, mobile, vernetzte Einheiten, - universell einsetzbar, ob in den Straßen von Bagdad oder an jedem anderen Ort der Welt. Schon jetzt gilt der Irakkrieg als Beginn einer neuen Ära der Kriegführung. Was im ersten Golfkrieg begann, fand im zweiten seinen vorläufigen Endpunkt: Die Transformation der amerikanischen Armee. Doch hinter dem Begriff "Transformation" verbirgt sich mehr, als nur der Einsatz modernster Technik, so der Irakspezialist Benjamin Schreer.

Benjamin Schreer, Stiftung Wissenschaft und Politik: Die Transformation der Streitkräfte aus amerikanischer Perspektive begreift sich als eine neue Kombination aus Einsatzdoktrin, Organisationsformen und Waffentechnologien, um künftig Streitkräfte schneller, effizienter und wirkungsvoller zum Einsatz zu bringen; im Kern der Streitkräfte-Transformation geht es um die Nutzung von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien.

Kurz gesagt: Mit besserer Technik weniger Soldaten effizienter einsetzen. Was banal klingt, gleicht einer Revolution. Die vom amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld maßgeblich vorangetriebene Doktrin hatte vor allem zum Ziel, einen nach dem 11. September 2001 geplanten Krieg mit möglichst geringen eigenen Verlusten zu führen. High-tech statt Menschenmassen: Der Krieg am 19. März 2003 begann mit einer Armee aus 100.000 Soldaten. Im ersten Golfkrieg bot die Großmacht USA noch 540.000 Mann auf. Ähnliches galt für die Waffensysteme:

Benjamin Schreer, Stiftung Wissenschaft und Politik: Es gibt ganz interessante Zahlen, die zeigen, dass die Gesamtzahl der eingesetzten Präzisions- und Abstandswaffen im ersten Golfkrieg noch ungefähr 8 Prozent aller eingesetzten Bomben und Raketen betragen hat, im Kosovo waren wir bei 30 bis 40 Prozent und jetzt im Irak waren 80 Prozent aller eingesetzten Waffen präzisionsgesteuert, d.h. die Amerikaner haben in einer sehr kurzen Zeit mit sehr geringen eigenen und auch gegnerischen Verlusten diesen militärischen Feldzug für sich entschieden.

Die amerikanische Armee hat den Feldzug zwar für sich entschieden, - aber den Krieg nicht gewonnen. Die Zahl der Todesopfer unter der irakischen Zivilbevölkerung schwankt zwischen 13.000 und 180.000; seit März 2003 starben über 1.000 amerikanische Soldaten; im ersten Golfkrieg waren es 149. Bis heute sind US-Soldaten wie in Falludscha in verlustreiche Bodengefechte verwickelt, kämpfen gegen eine Guerillamacht, die sich mit Handybomben in Moscheen versteckt. Computer gegen Kalaschnikow - der asymmetrische Krieg lässt sich nicht digital steuern. Trotz aller militärischen Anfangserfolge, die selbst Kritiker nicht leugnen, ist die neue Doktrin der Transformation an ihre Grenzen gestoßen. Superwaffen, superschnell, superpräzise...

Oberst Ralph Thiele, Zentrum für Transformation der Bundeswehr: Aber alleine das löst keine Konflikte, mit Präzisionswaffen kann man Bunker ausschalten, aber am Ende braucht man immer noch Menschen, auch auf dem Boden, die dort präsent sind.


"Boots on the ground” - frei übersetzt: Soldaten auf dem Boden - so umschreibt der amerikanische Militärjargon das Defizit. Oberst Ralph Thiele, der sich bei der Bundeswehr mit dem Thema "Transformation der Streitkräfte" beschäftigt, sieht noch andere Schwachstellen.

Oberst Ralph Thiele, Zentrum für Transformation der Bundeswehr: Die Frage der Vernetzung, - wenn Sie in die Kommunikation gehen, sehen Sie, dass die Amerikaner trotz einer guten Vorbereitung in ihren Informationen ersoffen sind, die Briten hatten Schwierigkeiten, integriert zu werden, weil sie eben noch nicht weit genug mit ihrer Transformation waren, so dass sie im Grunde außen vor gelassen werden mussten, es gibt Tausende von Lehren, die man aus dem Irak ziehen kann.


Und eine davon heißt: Aller Schwächen zum Trotz werden die Amerikaner weiter das Tempo bestimmen. Die Transformation der Streitkräfte ist unumkehrbar, so jedenfalls verlautet es aus dem Pentagon. Die Europäer müssen sich den neuen Standards anpassen. Die wichtigste Waffe in diesem Prozess ist: die Information. Die Briten scheiterten im Irakkrieg an ihrer mangelnden Kommunikationsfähigkeit, - sie erreichten ihre amerikanischen Verbündeten einfach nicht. Selbst innerhalb Europas kann man sich anscheidend nicht so ohne weiteres unterhalten, wie General Friedrich Riechmann schildert, der bis vor kurzem das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam leitete, das für alle deutschen Auslandseinsätze zuständig ist.

General Friedrich Riechmann, Einsatzführungskommando der BW: Alle diese Mitspieler haben ihre eigenen Informationssysteme, die untereinander in der Regel nicht interoperabel sind, zuletzt als Folge davon betreiben wir in Potsdam mehr als 50 unterschiedliche Informationsübertragungs- und Bearbeitungssysteme. Man erkennt daran, dass die Zeit rein nationaler Entwicklung vorbei sein muss.

Auch die Bundeswehr hat die technische Revolution namens "network centric warfare" eingeläutet - zumindest auf dem Papier. Auf Bundeswehrdeutsch nennt sich die neue Militärdoktrin "vernetzte Operationsführung". Oberst Ralph Thiele leitet das Zentrum für Transformation der Bundeswehr, in dem deutsche Strategen den amerikanischen High-tech-Krieg studieren.

Oberst Ralph Thiele, Zentrum für Transformation der Bundeswehr: Ja die Amerikaner machen das so, wie das Michael Schumacher lange in der Formel 1 gemacht hat, sie fahren munter vorne her, und die andere schauen hinten in die Röhre; von daher ist schon wichtig, dass man mit Blick auf moderne Kommunikationsmittel Schritt hält mit den Schrittmachern und das ist ja nicht nur Amerika, in Schweden gibt es mittlerweile 2 Parlamentsbeschlüsse, die in diese Richtung laufen, die Briten, neuerdings auch in Frankreich, auch in Signapore und in Australien, wir können da nicht den Kopf in den Sand stecken, wir müssen uns den internationalen Standards anpassen.

Am 1.Juli 2004 macht der deutsche "Infanterist der Zukunft" seine ersten Schritte in der Öffentlichkeit. Zehn olivgrüne Marsmännchen mit Panzerwesten, Kopfhörern, winzigen Mikrophonen und einem Okular auf dem Helm stehen auf einem Übungsplatz im fränkischen Hammelburg vor ihrem General und ein paar Dutzend neugierigen Besuchern. Ihre Gesichter sind dunkel verschmiert und auf Befehl demonstrieren sie zackig ihre 30-Kilo-schwere Ausrüstung, das beste, was die Bundeswehr derzeit zu bieten hat: Laserentfernungsmesser, Wärmebildgerät, Digitalkamera und das "Navipad", ein Minilaptop, mit Navigationssystem und Kommunikationssoftware. Der General strahlt und sagt: Die Zukunft hat begonnen. Immerhin: 150 Ausrüstungsmodule der Marke "Infanterist der Zukunft" gehen an die Truppe im afghanischen Kundus. Ein Symbol, nicht mehr als der Anfang der Transformation à la Bundeswehr.

Welche Bedeutung die Amerikaner der Entwicklung der Waffentechnologie beimessen, demonstrieren diese Zahlen: Der US-Verteidigungsetat für 2004 beträgt rund 400 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Die erweiterte EU mit 25 Mitgliedern kommt gerade mal auf Militärausgaben von 160 Milliarden Euro. Seit dem 11. September boomt der Rüstungsmarkt in den USA. Die drei größten Waffenschmieden der Welt sind amerikanisch, gefolgt von den Briten und Franzosen. Der größte deutsche Rüstungshersteller, die Rheinmetall AG, die das Waffensystem für den deutschen Kampfpanzer Leopard baut, liegt weltweit an 21. Stelle.

Auch rüstungspolitisch sind die Amerikaner Unilateralisten. Sie schotten ihren Rüstungsmarkt ab wie keine andere Nation; Kooperationen mit europäischen Partner sind eine absolute Seltenheit. Viele Wehrexperten drängen deshalb auf europäische Zusammenarbeit, nicht nur bei Großprojekten wie dem Eurofighter. Dessen Entwicklung hat immerhin über 20 Jahre gedauert; die deutsche Luftwaffe testet gerade die ersten Maschinen. Entscheidend bleibt die Frage, ob die Europäer mit dem alles bestimmenden System des "network centric warfare", der vernetzten Kriegsführung, Schritt halten können. Joachim Rohde, Rüstungsexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, sieht Europa bei weitem noch nicht am Ziel, - aber auf dem richtigen Weg.

Joachim Rohde, Stiftung Wissenschaft und Politik: Wollen wir ähnliche Fähigkeiten besitzen wie die Amerikaner, ich glaube, das ist die entscheidende Frage, und ich denke, wenn man das künftige Einsatzspektrum, das sich die Europäer selber vorgenommen haben, betrachtet, dann kann man schon sagen, dass das Einsatzspektrum und die militärischen Fähigkeiten, die die Europäer beschaffen wollen, sehr ähnlich sein werden, geringe eigene Verluste, geringer Kollateralschaden, möglichst mit wenigen Kräften politische Wirkung zu erzielen, das gilt für die Amerikaner wie für die Europäer, also glaube ich, dass das Thema Transformation in Europa in ähnlicher Form angegangen werden muss.

Die Spitzen der Bundeswehr sprechen jetzt bei jeder Gelegenheit von den Segnungen der "vernetzten Operationsführung". Reden kostet bekanntlich nichts und für besondere Anschaffungen fehlt das Geld. Ein Punkt, der die deutsche Wehrindustrie besonders ärgert. Zum Beispiel die Rheinmetall AG, die den deutschen Exportschlager Leopard - angeblich der beste Panzer der Welt - mit Waffen bestückt. Rheinmetall hat viel Geld in die Entwicklung von Drohnen investiert. In der Konzernzentrale in Düsseldorf sähe es der Vorstandsvorsitzende Klaus Pottmeyer gern, wenn man künftig nicht nur die Bundeswehr als Kunden haben könnte. Ohne Exporte habe die deutsche Wehrindustrie, die in den letzten 12 Jahren zwei Drittel ihrer Arbeitsplätze verloren hat, keine Chance.

Klaus Pottmeyer, Vorstand Rheinmetall AG: Wirtschafts- oder gar außenpolitische Erwägungen sind uns bei Entscheidungen über Rüstungsexporte fremd. Hier setzt die Kritik unseres Industriezweiges an. Es kann nicht angehen, dass in einem immer enger zusammenrückenden Europa unterschiedliche Wettbewerbsbedingungen für den Export von Rüstungsgütern bestehen. Harmonisierung, nicht nur der rechtlichen Bestimmungen, heißt das Gebot der Stunde.

Während Schlagwörter wie "network centric warfare" die Illusion von einem digitalen Krieg mit Präzisionswaffen und Infanteristen der Zukunft nähren, kämpfen die amerikanischen GI in den Straßen irakischer Kleinstädte gegen einen Feind, den kein Nachsichtgerät erfasst. Der Sprengsatz detoniert genau in dem Moment, wo die Stryker vorbeifahren. Bislang gibt es keine Technik, die vor solchen Angriffen schützt.

In dem ZDF-Film "Der perfekte Krieg” sieht man Soldaten, die von ihrem zwei Millionen Dollar teuren Fahrzeug "Stryker" springen, ihre hochmodernen Gewehre im Anschlag und daneben ein zerstörtes Fahrrad mit einem Sprengsatz - in der Klingel.


Aus dem ZDF-Film "Der perfekte Krieg": Was hast du gesehen, verdammter Lügner ... die Bombe ging auf der linken Seite hoch, als wir vorbeigefahren sind, sie zielte auf unsere Fahrzeuge.

Das ist die Realität. Der asymmetrische Krieg: High-tech-Waffen gegen selbstgebastelte Bomben, Computer gegen Kalaschnikow. Einer der Fehler der US-Armee nach dem siegreichen Feldzug gegen die irakische Armee war: Sie hat ihren Gegner unterschätzt und war auf die Taktik der irakischen Guerilla nicht vorbereitet. Keiner lernt so schnell, wie derjenige, der beschossen wird. Skrupellos riskieren die aufständischen Kämpfer auch das Leben der Zivilbevölkerung. Dabei setzen terroristische Organisationen auch noch auf andere Mittel, wie Frank Umbach von der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik warnt.

Frank Umbach, Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik: Wir haben bei El-Kaida in Afghanistan eben auch gefunden, dass diese Terrorgruppierungen zunehmend an ABC-Waffen arbeiten und damit experimentieren und es nur eine Frage der Zeit ist, wann solche ABC-Waffen dann auch eingesetzt werden; da muss man sich vielleicht noch mal daran erinnern, dass man 1995 in Japan mit der Aum-Gruppierung, einer religiösen politischen Sekte, den Präzidenzfall hatte, dass erstmals eine terroristische Gruppierung chemische Waffen eingesetzt hat zum Sturz der japanischen Regierung, damals in der Metro mit 12 Toten und mehreren tausend Verletzten, ein Anschlag, der übrigens durch sehr glückliche Umstände nicht noch zu weitaus höheren Opferzahlen geführt hat.

Der asymmetrische Krieg zwischen Präzisionsbomben und Häuserkampf wird weiterhin die Strategie bestimmen. Die Amerikaner haben ihr militärisches Selbstverständnis eindeutig bekannt: "warriors first, specialists second". Der US-Soldat ist zuerst Kämpfer und dann Spezialist. Letzteren allerdings hätte man im Irakkonflikt als Stabilisierungsfaktor früher gebraucht. Dies könnte nun die Aufgabe der Europäer werden; für die Bundeswehr, so Oberst Thiele vom Zentrum für Transformation, geht es schon jetzt darum...

Oberst Ralph Thiele, Zentrum für Transformation der Bundeswehr: ... den Focus wieder auf das zu lenken, was unsere Einsätze ausmachen, wir haben ja bis zu 10.000 Soldaten zeitgleich im Stabilisierungseinsatz gehabt und Stabilisierungseinsätze werden unsere Zukunft bestimmen, da müssen wir etwas können.

Und die richtigen Waffen haben: gepanzerte Fahrzeuge, modernste Gewehre, einheitliche Kommunikationssysteme. Den Frieden sichert man nicht allein mit Präzisionsbomben. Auch rüstungstechnisch können sich die Deutschen - nach der Euphorie für den amerikanischen High-tech-Krieg - auf das konzentrieren, was möglich ist, - zum Beispiel den "Infanteristen der Zukunft". Zur Erinnerung: Kein Nachtsichtgerät erspähte das Erdloch, in dem Saddam Hussein sich verschanzte, sondern - ein Informant verriet es.
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