WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
27.11.2004
"Teure Stadt"
Das Verschwinden der Vergangenheit
Von Eva Förster

Taxistau (Bild: AP)
Taxistau (Bild: AP)
Städte verkörpern Menschheitsgeschichte, sie sind Stein gewordene Erzählungen und haben ihre einzigartige Biografie. Dieses Aufgeladensein mit Geschichte und Geschichten macht sie so teuer. Sie entstehen und vergehen. Die ZeitReisen begeben sich zu ganz unterschiedlichen Städten wie zu verlassenen amerikanischen Goldgräberorten, nach Eisenhüttenstadt, Jerusalem oder Vineta.

Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass des Menschen Sohn sei? Sie sprachen: Etliche sagen, du seiest Johannes der Täufer; andere, du seiest Elia; wieder andere, du seiest Jeremia oder der Propheten einer. Er sprach zu ihnen: Wer saget denn ihr, dass ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

Petrus. Einer der zwölf Apostel. Petros: griechisch: Fels.

Fels, Stein. Hart, tragend, dauerhaft. Auf einem Mann, der wie ein Fels ist, wird eine Religionsgemeinschaft errichtet. Aus Steinen werden Mauern, fest Gebautes, Schützendes, Mächtiges, Stabiles. Aus Mauern werden Wohnhäuser, Hospitäler, Kirchen, Bordelle, Theater, Geschäfte, Stadien. Einzelne Bauten bilden im Verbund eine Stadt. Städtisches Leben wurde durch alle Zeiten verschieden bewertet. Es gab den Moloch, mit Menschen, die das Gold anbeteten und schuldig wurden, es gab die friedliche Kleinstadt und die reiche, kriegerische Stadt. Nicht zuletzt: die riesige Stadtlandschaft, die durch das Zusammenwachsen mehrerer Millionenstädte entsteht: die Megalopolis.

Auf nach Mahagonny / Die Luft ist kühl und frisch / Dort gibt es Pferd- und Weiberfleisch / Whisky- und Pokertisch.

Von der Sonne gebleichte Steckbriefe, verstaubte Spieltische, verwitterte Fassaden, verlassene Schächte erzählen von einer gesetzlosen Zeit. Im Jahre 1848 fand man in Kalifornien Gold. Die bislang unbedeutende Region wurde Ziel einer der größten Völkerwanderungen in Amerika. Glücksspiel, Whisky, Weiber, Schießereien - daran denkt jeder, wenn er vom Goldrausch hört.

Doch Glücksritter und Siedler hatten es nicht leicht. Schon die Reise durch die Wüsten Nevadas war beschwerlich. Nur wenige hatten Geld für eine Schiffspassage über das Kap Horn nach San Francisco. 1848 lebten in Kalifornien ungefähr 14.000 Menschen, vier Jahre später waren es schon 230.000. Aber da waren die Flüsse schon ausgebeutet, man musste sich in die Erde graben, um noch Gold zu finden, der industrielle Abbau des Goldes begann. Reich wurden Bergwerksbesitzer, Händler, Ladenbesitzer, Industrielle, wie Levis Strauß: der Erfinder der Jeanshose. Schon 1859 verschwanden die Menschen wieder aus den Goldgräberstädten. Ihre Hinterlassenschaft: eine stark dezimierte indianische Bevölkerung und eine zerstörte Umwelt.

Wandert man heute durch die ehemaligen Goldgräberstädte, fühlt man sich wie in den heruntergekommenen Kulissen aus einem Wildwestfilm, High noon. Zwei Männer auf staubiger Straße. Zauberhaft, unwirklich. Was hat stattgefunden? Die Verwandlung von echten urbanen Strukturen, die sich um Bodenschätze oder Industrie entwickelten, in ein Freilichtmuseum.

Der Ministerrat der DDR legte mit Beschluss vom 17.8.1950 den Standort für das Eisenhüttenkombinat und mit Beschluss vom 14.11.1950 den der Wohnstadt fest. Entscheidend für die Wahl waren (...) die guten luft-hygienischen Bedingungen, die ständige Luftzirkulation zwischen den "Kaltluftseen" der Oderniederung und dem Waldmassiv der Diehloer Berge.

Eine Stadt entsteht am Reißbrett. Begonnen wurde mit umfangreichen Rodungen. Schon 1951 wurde der erste Hochofen angeblasen. DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl war dabei. Ein Theater, ein Kulturhaus, Sportstätten - damals noch "Stätten des Massensports" genannt, natürlich Kindergärten und Krippen, ein Krankenhaus, ein Museum, ein Heimattiergarten, eine Schwimmhalle und eine große Anzahl von Plastiken im öffentlichen Raum sollten zur Attraktivität der ersten Stadtgründung der DDR beitragen, die zunächst Stalinstadt hieß.

Hartmut Häußermann: ... die moderne Stadt, die moderne Wohnung ist ja sozusagen eine Kopfgeburt aus der Zeit der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, vor allem in Konfrontation mit der alten Stadt. Gegen die kapitalistische Stadt, die während der Gründerjahre während der Industrialisierung entstanden ist mit vielen schlechten Häusern, unheimlich dicht bebaut, Hinterhöfe usw. (...) und die Befreiung aus diesen Verhältnissen, die wohnt jetzt in den Plattenbauten als Gedanke: Licht, Luft, Sonne, Gleichheit.

Hartmut Häußermann ist Professor für Stadtsoziologie an der Humboldt-Universität Berlin. Um die Kosten für solche Wohnungen niedrig zu halten, mussten sie standardisiert hergestellt werden. Ein Unterschied zu solchen Plattenbausiedlungen in Westeuropa, in Schweden, Frankreich, war, dass dort verschiedene Träger für die Bauten verantwortlich waren und Fehler immer wieder korrigierten. Die DDR jedoch war kein lernendes System.

Häußermann: Es ist auch so, dass dieses Wort von der sozialistischen Lebensweise, ich hab immer versucht, das Wort zu verstehen; eine Vorstellung, die damit verbunden ist, ist die, dass ... das gesellige Leben kollektives Leben ist. Es findet im Betrieb statt, Kultur, Freizeit in vorgegebenen Großorganisationen, die Wohnung ist wirklich nur der Ort fürs Private, für die kleine Familie und mehr soll da auch nicht stattfinden.

Wenn de in unsre Kaufhalle: Rentner raus rufst, bleibt keener übrig.

Kein Witz. 54 Jahre nach Gründung ist alles anders in Eisenhüttenstadt. Abwanderung, Überalterung.

Weißwasser in Sachsen. Einstmals eine Stadt, in der die Menschen gebraucht wurden. Glasindustrie, Braunkohletagebau und das Kraftwerk Boxberg. Seit der Wende verlor die Stadt 14.000 Einwohner. Bis 2010 sollen 5000 Wohnungen zerstört werden. Warum konnten die sozialistischen Wohnstrukturen nicht auch nach der Wende vital bleiben?

Häußermann: Es gibt immer wieder Stadtgründungen, die am Anfang, die Gartenstadtbewegung zum Beispiel in England, als Genossenschaften funktionierten - eine Weile geht so was gut, solange der spirit oder das was die Leute als Idee mitbringen, weiterlebt, die Kibbuzim in Israel zum Beispiel, aber dann verändert sich die Gesellschaft und wenn sich dann das Gehäuse, was sich diese Idee gebaut hat, nicht anpassen lässt, dann kommen solche Städte oder solche Siedlungen in Krisen.

"Burg: 12. September 1959. Vorige Woche waren wir in Hoyerswerda (...) H. ist überwältigend, das Kombinat von einer Großartigkeit, dass ich den ganzen Tag wie besoffen herumlief. ... Lehmann fuhr uns ... in der Neustadt herum; ich war bezaubert von den bunten Wohnblöcken, von dem gewaltigen Bauvorhaben begeistert. Eine schöne, moderne Stadt wächst hier ..."

Aus dem Tagebuch von Brigitte Reimann, die dort in der Produktion arbeiten, schreiben und sich bald sehr kritisch äußern wird. Über die Verlogenheit der Funktionäre, über die Schwierigkeiten im Kombinat, über den Personenkult um Ulbricht, den sie schleimig und widerlich nennt. Was hieß Platte einst für die Mehrzahl der Bevölkerung: zentralbeheizte, bequeme Behausungen. Behausungen, die nicht gerade zu überbordendem Individualismus aufforderten. Zweckmäßig. Genormt. Sie wurden scherzhaft Arbeiterschließfächer genannt. Waren aber Symbol für den vermeintlichen Sieg des Sozialismus. Heute sind andere Bewertungen im Umlauf: Armut, Dummheit, Rechtsradikalismus, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und nicht zuletzt: Leerstand.

Ein Marktplatz in einer beliebigen Kleinstadt: Da, die gerade frisch gestrichene Front des schmucken Rathauses aus der Renaissance. Gleich nebenan ein schlichtes Wohnhaus aus den fünfziger Jahren. Um die Ecke, dort, wo der Tourist nicht hinkommt, zerbrochene Fensterscheiben, Leerstand, Baustellen, die schon lange keine Arbeiter mehr gesehen haben. Jeder Laie kann an einem solchen Ort lesen: Wie alt ist die Stadt, wurde sie durch Kriege beschädigt, welche architektonischen Vorlieben hatten die jeweils Herrschenden, wie voll oder wie leer ist die Stadtkasse. Auch die Profis, die Archäologen nehmen zunächst einen Ort in Augenschein. Die Bewertung des Gesehenen hat sich über die Jahrhunderte jedoch sehr verändert.

Stefan Altekamp: Heutzutage ist es aber eher so, dass in der praktizierten Archäologie der Aspekt der Masse des Materials (...) hervortritt und das bedeutet, dass sich Geschichte dezentral lokalisiert und fragmentiert ereignet, das heißt, da ist dieser Aspekt des Gebrochenen, des Ausschnitthaften (...) schon in der Praxis sehr stark verankert und es wird immer schwieriger, da größere Linien zu ziehen.

Stefan Altekamp vom Winckelmanninstitut in Berlin ist klassischer Archäologe. Schon lange arbeitet die Wissenschaft von der Vergangenheit mit dem Foucaultschen Ansatz für Geschichte. Früher sah man zu, dass man die Funde in die geraden Linien der Überlieferungen einordnete. Inzwischen ist klar, diese Linien gibt es nicht. Die Experten müssen sich mit den Diskontinuitäten, den Brüchen in der Geschichte auseinandersetzen.

Nun hat sich ungefähr zur gleichen Zeit in den Disziplinen, die man Ideengeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Philosophiegeschichte, Geschichte des Denkens und auch Literaturgeschichte nennt (...) in jenen Disziplinen, die trotz ihres Namens zum größten Teil der Arbeit des Historikers und seinen Methoden sich entziehen, im Gegenteil die Aufmerksamkeit von den großen Einheiten, die man als "Epochen" oder als "Jahrhunderte" beschrieb, zu Phänomenen des Bruches verlagert. - Michel Foucault: Archäologie des Wissens.

Geisterstädte stehen für ein: Es ist gewesen. Filmstädte stehen für ein: Lasst uns etwas imaginieren. Potemkinsche Dörfer stehen für die Täuschung. Utopische Städte entstehen im Kopf der Dichter und Philosophen, sind Träume von einem angenehmeren Miteinander der Menschen. Modellstädte wie in Bertolt Brechts Stück "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" zeigen, was passiert, wenn Menschen nur Fressen, Saufen, Glücksspiel und Hurerei im Sinne haben.

Es gibt viele Beispiele für Städte, die für die Hybris der Menschen bestraft werden, die in ihnen wohnen.

Hybris: griechisch: frevelhafter Übermut.

Der Turm von Babylon ist das Symbol für irdischen Größenwahn, für die Anmaßung des Menschen gegenüber Gott.

"Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Sinear und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder."

"Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!"

Der Forscher, Architekt und Archäologe Robert Koldewey begann 1896 die von Kaiser Wilhelm II. geförderten Grabungen in Babylon. Zunächst wurde das Ischtar-Tor ausgegraben, das man im Berliner Pergamon-Museum bewundern kann. Das Hauptziel der Grabungen aber war der Turm. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts gelang es, seinen Standort zu erfassen. Als das Grundwasser absank und eine Grabung möglich wurde, war nur noch ein Rest des Fundaments zu finden. Umwertung der Werte: das Bauwerk war verfallen oder bewusst entfernt worden, um die Ziegel an anderer Stelle zu vermauern. So ist der Turm in Form seiner Bestandteile in vielen Häusern in der Umgebung von Babylon aufgehoben. Der Turmbau zu Babel - eine Einheitstat der Menschen, die Gott nicht dulden konnte. Bei Bertolt Brecht wird der Untergang der Stadt Mahagonny säkularisiert. Hier ist nicht Gott der Zerstörer, sondern der Mensch selbst.

"Schlimm ist der Hurrikan / Schlimmer ist der Taifun / Doch am schlimmsten ist der Mensch."

Atlantis, Vineta. Hunderte von Geschichten ranken sich um diese sagenhaften, versunkenen Städte. Träumer und Abenteurer machen sich immer wieder daran, deren Existenz nachzuweisen ...

Altekamp: In der Regel sind diese Interessenten eher fachfremd. Und da gibt es auch bestimmte Spannungen. Die Archäologie reagiert dann teilweise auch gar nicht mehr darauf. Da spielt dann eine andere Figur rein, die Figur des Außenseiters. (...) Das beflügelt solche Unternehmungen auch. Der klassische Vertreter des Außenseiters ist Heinrich Schliemann. Der hat sich eben noch eine Schriftquelle genommen und gesagt, diese Schriftquelle hat ein materielles Äquivalent, (...) einen historischen Ort, den ich aufsuchen kann.

"Vineta war einst eine reiche Handelsstadt an der Ostseeküste. Sie soll sogar Konstantinopel vergleichbar gewesen sein."

"Wollin, polnisch Wolin, Stadt an der pommerschen Ostseeküste. Ursprünglich im 10. Jahrhundert reiche Stadt, wohl das der Sage nach vom Meer verschlungene Vineta. Ab 1934 teilweise bis sechs Meter unter der heutigen Stadt freigelegt. Brockhaus , 1994"

Gibt man im Internet Vineta ein, findet man den Artikel: "Vineta ist in Barth." Demnach liegt die frühmittelalterliche Prunkstadt Vineta weder vor der Insel Wollin, noch vor Usedom, wie einst angenommen, sondern vor Barth im Bodden.

Diese Vermutung der Autoren Günter Wermusch und Klaus Goldmann ging durch die Medien. Die Stadtväter von Barth ließen den Namen "Vineta" sogleich beim Patent- und Markenamt als Markennamen registrieren. Das in Barth wiederentstandene Museum wurde zum Vineta-Museum und am Hafen wurde ein "Vinetablick" errichtet. Seit 1999 werden Vineta-Festtage veranstaltet. Das Interesse der Menschen an Archäologie ist immer groß. Was die Fachfremden jedoch interessiert, entspricht den jeweils herrschenden Moden, dem Zeitgeist, wie man sagt.

Altekamp: Heute sind es eher Alltagsthemen, die das Interesse an Archäologie befördern, also wie hat man in der Vergangenheit gelebt. Und da gibt es dann so bestimmte Muster, entweder, es war doch sehr ähnlich wie heute oder es war eben total anders als heute. Man kann sagen, Themen wie Ausstattung, (...) wie Wohnen, privates Leben, Luxus, Reisen, das sind Themen, die man in der Vergangenheit wiederzufinden sucht, entweder als Kontrast oder als Bestätigung, die weitestgehend das Interesse an Archäologie tragen.


Wo liegt Atlantis? Manche sagen, da, wo auch Troja zu finden ist. Manche sagen, Atlantis und Troja seien dasselbe. Manche sagen, es ist an der Nordsee zu finden, manche denken, es sei in Spanien oder in der Türkei. Der Insel, die nach Platon im Atlantischen Ozean gelegen haben soll, wurde ihre Dekadenz und schließlich ein Erdbeben zum Verhängnis.

Anders als mit Vineta und Atlantis verhält es sich mit den Städten Pompeji und Herkulaneum. Beide sind -mit Sicherheit- vom Ascheregen bzw. Lavastrom des Vesuvs begraben worden. Wer Pompeji und Herkulaneum kennt, weiß, wie gut es dort gelingt, sich in den römischen Alltag hineinzuversetzen. Gassen, Läden, Häuser und Bäder beleben sich, wenn man lange genug verweilt. Man vermeint, die Rufe der Händler zu hören, das Wispern der Mädchen, das Rollen der Wagen. Jedoch auch hier kann man einer Täuschung erliegen. Leicht vergisst man, dass die Einwohner in Panik waren, dass sie zusammenrafften, was sie in die Hände bekamen. So blieben Geld und Nahrung an Orten liegen, wo die fliehenden Menschen von der Asche oder der Lava überrascht wurden und nicht dort, wo sie unter normalen Bedingungen gelegen hätten.

Altekamp: Hinzukommt, dass die Ortsverlagerung als solche ein Sehnsuchtstopos ist, man möchte woanders hin, in eine Welt, die anders ist, das wird zunehmend uninteressanter, weil fast alle Welten sehr leichtzugänglich sind, (...) so dass zu diesem Aspekt der geografischen Entfernung (...) dann die zusätzliche Komponente der zeitlichen Entfernung aus dem eigenen Alltag kommt.
Heute kann jeder, selbst wenn er nicht reich ist, weit reisen. Der Ortswechsel, die große Distanz hat an Faszination verloren. Dagegen ist die Reise in die Vergangenheit voller Geheimnisse. Welch ein Gefühl muss es für einen Taucher sein, im Meer vor Alexandria Sphinxen, Säulen, Pflastersteine zu entdecken, die von Kleopatras Lebenswelt sprechen.

Altekamp: Ein sehr schönes Beispiel aus der Antike wäre die Abfolge verschiedener Siedlungsschichten in Karthago, der klassischen Rivalin der aufsteigenden Mittelmeermacht Rom. Die Überlieferung sagt, die Römer haben Karthago dem Erdboden gleich gemacht - aber das geht gar nicht, man kann eine Stadt nur unter unvorstellbaren Anstrengungen dem Erdboden gleichmachen und so ist es mit Karthago nicht passiert. Die Stadt ist in Brand gesteckt worden, die Wohnungen und die öffentlichen Einrichtungen sind in ihren Funktionen gestört worden, aber als Reste übriggeblieben und die Römer haben gewaltige Plattformen errichtet, die die alten Strukturen abdeckten, in Hohlräumen versiegelten und darüber dann ihr öffentliches Zentrum, das Forum errichtet.

Die Archäologen wissen, dass es unmöglich ist, eine Stadt dem Erdboden gleich zu machen. Eine Stadt kann nicht verschwinden. Das heißt nicht, dass es wieder und wieder versucht wurde.

Dresden. 13. Februar 1945: Gegen 21.50 Uhr erreichen 244 britische Lancaster-Bomber die Innenstadt. Die Angriffsziele werden für die nachkommenden Flieger mit Leuchtbomben erhellt. Kurz nach 22 Uhr beginnt die Bombardierung. Zwanzig Minuten später steht die Innenstadt Dresdens in Flammen. Ein irrsinniger Feuersturm fegt durch die Straßen. Fensterscheiben schmelzen, Menschen brennen. Halbwüchsige Jungen werden ausgeschickt, Leichen zu bergen. Sie sehen Beine, Arme aus den Trümmern ragen. Verschüttete, Tote.

Eine Stadt wird in Schutt und Asche gelegt. Dem Erdboden gleichgemacht nicht. Später werden die Steine abgeklopft, erneut verbaut. Wenige Gebäude werden so wiederhergestellt, wie sie waren. Zum Beispiel die Frauenkirche: nummerierte Steine kommen an ihre alte Stelle, gestützt von neuem Material. Das Gotteshaus wird Zeichen für Versöhnung. Das Kreuz auf der Kuppel ist von einem britischen Goldschmied, dem Sohn eines Bomberfliegers.

Jerusalem. Hebräisch Jeruschalajim, arabisch El-Kuds. Erwähnt schon im 19. Jahrhundert vor Christus als Hauptstadt der Jebsuiter, um 1000 von David erobert, 587 vor Christus von Nebukadnezar II. zerstört. Wieder zerstört von Titus, aufgebaut von Hadrian, von Arabern, schließlich von Kreuzfahrern erobert ...

Erobern, zerstören, im Sinne der eigenen Macht und Religion wieder aufbauen oder alte Tempel schleifen und eigene Gotteshäuser darauf errichten, die Geschichte Jerusalems, eine der symbolträchtigsten Städte überhaupt, liest sich wie ein Krimi. Seit dem Mittelalter in vier Viertel aufgeteilt, in das der Muslime, der Christen, der Armenier und der Juden, ist sie eine reiche Mischung aus Baustilen und Besitzverhältnissen.

Städte sind Gehäuse für Menschen und zeigen, was ebendiese Menschen denken und tun. Sie sind Seismographen des Zustandes einer Gesellschaft - und Gegenstand immer neuer Utopien.


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