WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
4.12.2004
Toleranz
Im Widerstreit von Duldsamkeit und Hemmungslosigkeit
Von Peter Zaun

Karl Popper: Voltaire fragt: Was ist Toleranz? Und er antwortet - ich übersetze frei: Toleranz ist eine notwendige Folge der Einsicht, dass wir fehlbare Menschen sind. Irren ist menschlich und wir alle machen dauernd Fehler. So lasst und denn unsere Torheiten verzeihen. Das ist das Grundgesetz des Naturrechts,

behauptete Karl Popper in einer Festrede.

Toleranz: Das Grundgesetz des Naturrechts?

Voltaires kindischer Schwulst… der pfäffische Ton,

bemerkte Stendhal. Große Denker - wie Karl Popper - unterliegen manchmal auch der Versuchung, Zitate aus der Kulturgeschichte zu verwenden, die nur den Zweck erfüllen, einen öffentlichen Anlass mit einem humanlyrischen Rahmen zu umgeben, der alle zufrieden lächeln lässt.

Toleranz - Duldsamkeit - soll die Folge von eingestandener Fehlbarkeit sein?
Sind es nur Torheiten, die wir verzeihen sollen?

Lied von Kurt Tucholsky: "Bürgerliche Wohltätigkeit 1929": Die Mark ist tausend - und tausendfach in fremde Taschen geflossen, die Dividende hat mit viel Kraft der Aufsichtsrat beschlossen. Für euch die Brühe, für sie die Mark. Für euch der Pfennig, für sie die Mark …

Im Lied von Kurt Tucholsky werden die Vorstände aufs Korn genommen.
Und Hermann Hesse schildert in seiner Erzählung "In der alten Sonne" den Absturz des Unternehmers Karl Hürli.
Dieser Mensch …

Er brachte gewisse schwungvoll großartige Gesten und nicht weniger wohl tönende Redensarten in die Kneipen mit … auf Grund derer er aber doch noch immer eine Schätzung unter den Lumpen der Stadt genoss.

Ein verschuldeter Unternehmer kommt ins Gefängnis und wird danach zu den Lumpen der Stadt gezählt, genießt aber unter seinesgleichen immer noch gewisse Anerkennung. Tatbestand und soziale Diffamierung - "den Lumpen zugehörig" - bildeten die Einheit im gesellschaftlichen Selbstverständnis.

Heute müsste man bei einer solchen verbalen Zuordnung - selbst in Form literarischer Fiktion - die juristischen Konsequenzen abwägen. Leo Kirch: "Ein Lump"? Handelt es sich um ein "strafloses Werturteil" oder nicht? Darf man Lügenbolde, raffsüchtige Vorstände und Bankmanager auch als solche bezeichnen?
In Haft wird ohnehin keiner genommen.

Und wieder bewegt sich die deutsche Gesellschaft an der Grenze zwischen dem Bekenntnis zur Wahrheit und dem Dilemma untertänigen Rückzugs.
Im Namen der Toleranz! Hemmungslosigkeit ist nicht strafbar!
Im Namen der Toleranz: Kleide deine Worte prächtig ein!

Die Elite der Bankenwelt, hochgestellte Besucher und hochkarätige Gäste, versammelten sich kürzlich auf der Fachmesse für Finanztechnologie in Frankfurt am Main.

Hochkarätige Gäste, Eliten, hochgestellt … Die Inhalte von Worten, Begriffen entleeren sich. Sie fließen aus. Bis schließlich nur ein absurder Rest in der Kultur zurückbleibt. Das Material für Schwätzer, die keine Maßstäbe kennen.
Auch beim Begriff Bildung: Einst das Strukturelement von Wissen und Charakter, heute lächerliche Chiffre, deformiert zu methodenunsicheren Ranglisten wie Pisa - oder OECD - Studien.

Toleranz: Einst Kulturziel mit normativem Anspruch, heute Sedativum, um den Zorn des Bürgers zu beruhigen - Indikator politischer Ohnmacht.
Sei tolerant, auch wenn du siehst, dass selbstsüchtige Interessen unter der Maske der Menschenliebe vertreten werden.
Toleranz: Kopftuch - Lehrerinnen reklamieren den Begriff ebenso für sich wie die Anwälte von Mördern, die ihr Auto als Waffe benutzen.

Der ideengeschichtliche Begriff der Toleranz ist marktstrategisch deformiert: Political tolerance ... gemessen am Maßstab der Rezeptionsgeschichte des Toleranzbegriffes ist das eine Rückentwicklung.
Auf dem "Internationalen Tag der Toleranz" im letzten Jahr referierte der Philosoph Rainer Forst:

Rainer Forst: In der Geschichte der Toleranz ist die Toleranz zunächst als Duldsamkeit der Mächtigen verstanden worden, die bestimmten Minderheiten, die groß oder relevant genug waren, Freiräume gewährten. Das Kalkül dabei war strategischer Art. Es ist aber diese Art von Toleranz - die Toleranz der Mehrheit oder der Mächtigen gegenüber der Minderheit, die dem Begriff Toleranz auch seinen schlechten Ruf eingebracht hat … wie Goethe einst sagte in den "Maximen und Reflexionen": Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie muss zur Anerkennung führen, Dulden heißt beleidigen".

Hierarchische Toleranz auf Dauer - das Gönnerische: "Lasst sie doch gewähren" mündet in
Beleidigung, weil eine machtstrategische Überlegung dahinter steht, keine wirkliche Akzeptanz anderer Lebensentwürfe etwa.
Was sollte also an die Stelle der hierarchischen Toleranz treten?

Rainer Forst: Solange Bürger und Bürgerinnen in Gruppen eingeteilt - sagen wir in religiöse Gemeinschaften - über wesentliche Dinge des gesellschaftlichen Lebens nicht einer Meinung sind - und das erleben wir in unserer Gesellschaft täglich - solange brauchen wir die Tugend der Toleranz in dem Sinne der horizontalen Toleranz unter Bürgern und Bürgerinnen.

Lied von Georg Kreisler "Wenn du mich liebst": Wenn du mich liebst, kriegst du von mir zum Weihnachtsfest eine Panzerfaust samt Munition…
Wenn du mich liebst, kriegst du von mir das Allerbeste, einen riesengroßen Skorpion,
auch ein paar Kilo Dynamit sein deine…wenn du nur dich mir gibst…
ein Fläschchen Pflanzenschutz du süßer Schnuckiputz…
wenn du mich liebst.


Bürger und Bürgerinnen, horizontale Toleranz! Vernehmen wir Sonntagsreden - Toleranz?
Hierarchische - horizontale Toleranz. Was ist Toleranz? Welche Gründe sprechen dafür, Duldsamkeit wenigstens zu trainieren?
Es sind offenbar weit weniger, als wir vermuten. Rainer Forst wies dabei auf den Punkt hin:

Ton Rainer Forst: Die Gründe für Toleranz sind dann am stärksten, wenn wir in einer pluralistischen Gesellschaft das Anliegen von Minderheiten mit Gerechtigkeitsgründen stützen können.

Gerechtigkeit! Nicht nur in Bezug auf das Anliegen von Minderheiten! Wenn Toleranz mit Gerechtigkeit verknüpft wird, erhält Toleranz die Qualität einer logischen Konsequenz und löst sich vom gefühlsseligen Gutmenschentum.
Und das ist der Schlüssel zum Dilemma unserer Zeit - überall wird Toleranz eingefordert, und die Gerechtigkeit ist fern. Und mit der abwesenden Gerechtigkeit wird dann auch die Wahrheit, die unmissverständliche Aussage, der Bericht über Tatsachen in ein Manipulationsfeld gezogen.

Die Koordinaten der Zivilisation sind Toleranz und Gerechtigkeit! Und wenn diese Koordinaten wackeln, gegeneinander verschoben werden, ändert sich die Plattform des Menschlichen.

Wenn du mich liebst, dann …

Klare Worte sind verpönt. "Die Welt hat ein Zwiegespräch nötig", bemerkte Albert Camus, weil…

… das Gegenteil eines Dialogs ebenso gut Lüge heißt wie Schweigen.

Doch die politische Dialogferne der Zeit zieht sich schnell auf den Kernbegriff der pauschalen Diffamierung zurück, um der Gerechtigkeit zu entfliehen: Populismus!

Populistisch ist alles, was nicht im Strom weichspülender, katzbuckelnder Diplomatie mitschwimmen will. Gerechtigkeit! Bewährungsstrafe für den Automörder von Karlsruhe zu Beginn dieses Jahres! Die "Toleranzbombe" des Jahres - im traurigen Wortsinn. Denn diese Form der Toleranz bildet den Nährboden für den Radikalismus von rechts.
Mord im Prozess abwägender Interessen … Toleranz!

Immer wieder werden auf Verkehrsrichtertagen Vorschläge verworfen, älteren Autofahrern einen Sehtest verbindlich zu verordnen. (In Dänemark ist so ein Test zum Beispiel seit Jahren unwidersprochene Praxis). Prinzipieller Täterschutz zum Wohl der Autoindustrie, oder Merkmal der Toleranz gegenüber der altersbedingten, naturgemäß zunehmenden Schicksalsunsymmetrie in unserer Gesellschaft?

Bedienen wir uns heute vielleicht nur noch einer mythischen Begriffsform … Toleranz … die schließlich sogar kontrazivilisatorisch wirkt? Ist das intensive Engagement für eine universelle Weiterentwicklung des Toleranzgedankens als romantisches Bemühen zu werten, das der tief - darwinistischen Natur des Menschen widerspricht?
Die Zeitmoral verlorener Hoffnung - aus moderner Sicht - spricht aus den Worten des Philosophen Bertrand Russell vor 45 Jahren:

Bertrand Russell: Ich möchte noch immer, und ich hoffe noch immer, für früher oder später, für den einzelnen Menschen oder die Gemeinschaft dieselben Dinge erreicht sehen, die ich für gut gehalten habe, als ich jung war. Ich glaube, ich sollte an erste Stelle setzen: Sicherheit vor der ungeheuren Katastrophe, wie sie uns in einem modernen Krieg droht.
Als ein Ergebnis von Sicherheit und wirtschaftlichem Wohlstand eine allgemeine Zunahme von Toleranz und freundschaftlichen Gefühlen …
Bis dahin aber lebt die Menschheit in einem Chaos organisierter Hassgefühle und Drohungen mit gegenseitiger Vernichtung.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen früher oder später, diese ungemein unbehagliche Art zu leben nicht müde werden sollen.


Sie werden nicht müde. Viele sind hellwach bei der Organisation der Drohpotentiale, basteln an der Symbiose von Wirtschaft und Gewalt.
Toleranz: Eine Illusion? Ist die Duldsamkeit ein Phänomen defensiv geprägter politischer Visionen? Toleranz als Chiffre, im Namen der Humanität inmitten der anderen Realität?

In unserer Gesellschaft wird der Begriff Toleranz überstrapaziert und missbraucht.
Die hierarchische Toleranz, die Duldsamkeit im Bewusstsein, den " längeren Arm" zu besitzen, hat sich zur erzwungenen Toleranz entwickelt.
Erzwungene Toleranz: Das ist aufgesetzte, verordnete Nächstenliebe. Sie wird durch diplomatisches Kalkül stimuliert. Daraus resultiert ein serviles Verhalten in der Gesellschaft.
Der Begriff der Duldsamkeit mutiert zum Mythos.
Im Sinn einer Botschaft, die keine Distanz zum Darzustellenden - zur Realität - wahrnimmt.

Toleranz ist dann nicht mehr als eine Art geistiger Hilfskonstruktion zur Interpretation und Erschließung der Wirklichkeit. Und diese mentale Grunddisposition unterscheidet sich - gemäß der Definition des Mythologischen - radikal vom wissenschaftlichen Vorgehen.
Toleranz als nicht gelebtes, lebensverzerrendes Wort wird so zum Merkmal dessen, was Martin Heidegger beschrieb als: "Die Flucht des Daseins vor sich selbst in die falsche Beruhigung".

Lied von Georg Kreisler: "Tauben vergiften". Kann s geben im Leben ein größeres Pläsier als das Tauben - Vergiften im Park.
Der Hansel geht gern mit der Mali, denn die Mali zahlts Zyankali.
Die Herzen sind schwach und die Liebe ist stark - beim Tauben - Vergiften im Park.
Nimm für uns was zum Naschen in der anderen Taschen, gehn wir
Tauben - Vergiften im Park.


Die Flucht in die falsche Beruhigung, aus der sich ein Toleranzverständnis im Sinn geheuchelter Humanität entwickelt, wird politisch genutzt. Wenn die Gesellschaft darauf eingeschworen wird, Toleranz als zornglättendes Mittel zu verinnerlichen, ersterben ihre Reaktionen gegenüber sozialwirtschaftspolitischen Turbulenzen.
Herbert Marcuse sprach von "Repressiver Toleranz".

Wenn sich das Spektrum der Duldsamkeit so weit auffächert - innerlich, inhaltlich der Quell von Widersprüchen ist - wenn zwischen hierarchischer, horizontaler, erzwungener, strategischer, repressiver Toleranz unterschieden wird … kann man vielleicht nur vermuten, was wahre Toleranz sein sollte.

Wahre Toleranz, kulturproduktive Toleranz ist mit den Menschenrechten verbunden. Und diese Verbindung versuchen die Vereinten Nationen mit praktischem Leben zu erfüllen.
Toleranz ist dann wieder ein Kulturziel mit normativem Anspruch. Eine universelle Tugend verknüpft mit der Evolution des Humanismus. Der Begriff Toleranz bündelt den Glauben an eine Weltvereinbarung im Sinne der Idee Kants von der Geschichte als "weltbürgerliche Absicht".
Duldsamkeit soll der Name für ein Dach der Kulturen sein, unter dem die Gemeinde der Sich -selbst - Erduldenden und Sich - untereinander -Verstehenden versammelt ist.

Aber, wir kennen die Hürden. Überregionale, normative Toleranz - ohne die Nähe zur erzwungenen, verordneten Duldsamkeit - ist nur die Formel für ein Aufbauprojekt.

Wahre Toleranz ist dann gegeben, wenn das Mentalitätsbarometer verschiedener Kulturen denselben Druck anzeigt - ohne Zwang! Und dies bedeutet etwa, dass Begriff und Inhalt von Menschenrechten überall auf der Welt gleich rezipiert werden.
Solche Toleranz - jenseits von Verträgen - ist eine Folge der Wahrnehmung und Anerkennung - vielleicht auch Bewunderung - des "Anderen", nicht aber deren Voraussetzung. Wahre Toleranz resultiert aus einem tiefen Erstaunen über die Merkmale des Lebens, die in anderen Kulturen anders umgesetzt werden als bei uns. Sie hat mit geschichtsphilosophischer Achtung zu tun und gleicht keinem Pachtvertrag, der mit dem christlich-jüdischen Kulturkreis allein geschlossen wurde! Es handelt sich um einen langfristig geistig-seelischen Prozess, einer inneren Auseinandersetzung mit dem Anderen - niemals einer verordneten Aneignung des Fremden. Der Philosoph Alain Finkielkraut:

Alain Finkielkraut: Auch mit dem zeitgenössischen Multikulturalismus verhält es sich sehr paradox. Unsere Gesellschaft tendiert in der Tat dazu, alle Kulturen zu akzeptieren. Sie macht es sich zur Aufgabe, die Anerkennung sämtlicher Minderheiten zu erwerben. Sie erkennt dann, dass die Wirklichkeit weit davon entfernt ist ideal zu sein. Und sie geißelt alles, was in ihr selbst dem Prinzip der Anerkennung entgegen steht oder es gar verhindern will. So schafft sie einen merkwürdigen Ethnozentrismus oder Patriotismus … .Und an diesem Punkt verkehren sich die besten Absichten in ihr genaues Gegenteil.
Das heißt auch, dass wir unsere Logik dem heute so verbreiteten Problem oder auch der Haltung der Reue zuwenden. Wir pflegen heute Reue wegen der Vergangenheit. Aber die Reue nährt auch unsere Arroganz. Wenn die Vergangenheit ausschließlich das ist, dessen wir uns zu schämen haben, dann haben wir auch keinen Grund mehr auf Distanz zu unserer Gegenwart zu gehen. Die Vergangenheit ist keine Quelle mehr, sondern ausschließlich Mittel zur Distanzierung. Und so werden wir durch Reue zur Arroganz getrieben.


Wahre Toleranz: Ein kompliziertes, mentales Kulturprojekt, das die Geschichte der Ethnien nicht gewaltsam glätten und aufeinander projizieren darf.
Die Verschränkung einer so verstandenen, universellen Toleranz mit der politischen Realität und geheuchelter Toleranz weist diese wahre Toleranz vermutlich in den Bereich utopischer Zielvorstellungen.

Der Frankfurter Soziologe Karl Otto Hondrich behauptete, dass die westliche Ethik Distanzen zwischen Kulturen grundsätzlich überwinden will.

Ist das richtig?
Versucht der Westen nicht seine kulturellen Identitäten eher durch Abschirmung zu gewinnen, als durch Umarmung aller Menschen? Die Propagierung des Eigenständigen - das Einschwören auf regionale Identifikationen - steht nach wie vor im Mittelpunkt der europäischen Völker. Auch und gerade weil nationalstaatlich determinierte Abgrenzungen verschwinden. Vor allem aber - und dies ist das wesentliche Argument gegen die Mär, westliche Ethik wolle prinzipiell Distanzen überwinden - vor allem fungiert das Prinzip Ausgrenzung und Abgrenzung als Triebfeder des wirtschaftlichen Alltags. Es dominiert den Preis des Baugrundstücks, die Miethöhe - die gute, schlechte Lage, es richtet über die Verelendung von Stadtteilen..... in den USA, in Frankreich ein noch stärkeres Migrationsmotiv als in Deutschland. Abgrenzung, Konkurrenz bestimmt den Wert einer Bildungsinstitution, den Ruf einer Universität …

Separation und Konkurrenz sind säkular geweihte, erste Prinzipien des Westens - sie stabilisieren den Blutkreislauf der so genannten westlichen Zivilisation!
Das ist der größte, systembedingte Widerspruch innerhalb der westlichen Kultur: Unter dem Mantel interkultureller Toleranz die Randbedingungen der Ausgrenzung zu perfektionieren.
Solange dieser Widerspruch - etwa durch die verharmlosenden Begriffe Freier Markt, Wettbewerb oder Globalisierung umarmt wird, führt die Toleranz als humanes - und damit auch Herzensgebot - ein Schattendasein.

Es liegt in der Logik, dass Duldsamkeit dann auch nur noch ein werbetechnisches Wort ist - im Dienst des beliebigen Zwecks!
"Anything goes", der Slogan - die Haltung - der Postmoderne. Beliebigkeit ohne Wertvorstellungen als Prinzip. Dies beinhaltet auch die Option auf Toleranz! Ich verfahre, wie es mir gefällt. Wenn es meinen Zwecken dient: Warum nicht? Ich gebrauche die Toleranz als moralische Münze.

Da es noch keine universelle Kultur gibt …da es sie auch in Zukunft nur dann geben wird - wenn Welttotalitarismus durch Finanz - oder Militärmacht Wirklichkeit geworden sein sollte, da es keine universelle Kultur gibt, wird die Toleranz mit einem welthaltigen Korsett verkleidet. Das heißt: Sie wird ohne Bewusstsein um kulturelle Differenzen politisch verordnet. Und das bedeutet:
Es gibt eine internationale Vertragstoleranz, nicht aber eine Toleranz über das Herz. Der Grad gegenseitiger Duldsamkeit resultiert aus der Situation der Aktenlage.
Daran ändert nichts, dass emotionale, wahre Toleranz in vielen Einzelfällen: Familien, Sportgemeinschaften, internationalen wissenschaftlichen Projekten selbstverständlich und bedeutend ist.

In Deutschland wird die Vertragstoleranz durch ein romantisch anmutendes Wollen überprägt. Der Deutsche möchte mehr. Er ist harmoniesüchtig, bewundert und pflegt die internationale Gemeinschafts-Rhetorik, will Toleranz ins Weltgeschehen werfen.
Aus dem Geist des Aufarbeitungsfanatikers von Geschichte wird Duldsamkeit nicht im defensiven, Verständnis suchenden Sinn verstanden, sondern als Auftrag, als Mission. Die Toleranz wird mit einer Lichterkette geschmückt. Duldsamkeit impliziert Sendungsbewusstsein.

So, wie sich der Mythos nicht scheute, den Ursprung der Zivilisation durch den prometheischen Raub des Feuers zu erklären, so segnen wir abermals die Welt!
Und verwandeln Duldsamkeit zum operativen Wort.

Auch die wahre Toleranz erweitert das Spektrum der political tolerance.

Gibt es eine optimistische Vision, um den Lügenkreis der falschen Duldsamkeit zu verlassen?

Wenn die Gerechtigkeit - im erweiterten Sinn einer akzeptierten Rechtsempfindung - mit der Praxis des zu Erduldenden untrennbar verbunden wird - dann ja! Duldsamkeit muss im kollektiven und individuellen Gespür wie selbstverständlich da sein. Das ist nur denkbar, wenn die überstrapazierte Toleranzkapazität des Menschen - die der inneren Verrohung und Polarisierung der Gesellschaft Vorschub leistet - wenn das Übermaß des zu Erduldenden eben auf das Maß, das geistig und konstitutionell verträgliche Maß, zurückgeführt wird.

Dazu gehört ein politischer Wille, der in Deutschland nicht erkennbar ist.

Erduldet werden muss zum Beispiel die ästhetische Verwüstung der Landschaft durch immer mehr Sendeanlagen, Straßen.
Erduldet werden muss die Veränderung der Versorgungsstruktur, die Konzentration auf große Verkaufsflächen - die nur mit dem Auto zu erreichen sind. Ältere Menschen sind hilflos.
Erduldet werden muss eine reformnaive Bundes- Bildungspolitik ohne kulturbezogene Verantwortung. Sie schreckt nun nicht einmal davor zurück, Universitäten finanziell zu ködern, damit sie weiche, neue Studienabschlüsse einführen.
Erduldet werden muss die Ignoranz der Medien gegenüber Verbrechen. Achtlos lebt die Gesellschaft dahin, wenn …

200.000 sexuell missbrauchte Kinder pro Jahr in Deutschland registriert werden, und dies Signal des Zerfalls marginal von Zeit zu Zeit hilflose Erwähnung findet: Dann wird diese tolerante Ignoranz zur Bedrohung!

Das in den letzten einhundert Jahren vergeblich gesuchte Konzept eines "aktiven Nihilismus"… endlich hat man es gefunden. In einem "Staat ohne Eigenschaften".
Toleranz ausüben heißt nun: Nichtstun.
Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" lehnte sich wenigstens auf:
"Gegen dieses wehrlose Hinnehmen von Veränderungen und Zuständen, die hilflose Zeitgenossenschaft"
Gegen " das planlos ergebene, eigentlich menschenunwürdige Mitmachen der Jahrhunderte..."

Wir sind anarchisch tolerant … mehr nicht.
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