WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
11.12.2004
Rohstoffwunder und Nahrungsplunder
Mythen um die Biotechnik
Von Kurt Darsow

Äußerlich ein ganz normales Naturprodukt: gentechnisch veränderter Mais (Bild: AP)
Äußerlich ein ganz normales Naturprodukt: gentechnisch veränderter Mais (Bild: AP)
Pflanzen werden mit Hilfe der Gentechnik verändert, damit sie Schädlinge besser abwehren können. Damit sie Vitamine enthalten, die die Natur ihnen nicht mitgegeben hat. Pflanzen werden verändert, damit sie besser nach unseren Maßstäben funktionieren. Aber steht unser Wissen um diese Eingriffe mit der Kenntnis um die Folgen dieser Eingriffe im Einklang?

Carambole, gelbgrün und lampionförmig. Tambutan, braunborstig und kastaniengroß.
Dragon Fruit, karmesinrot und schuppenhäutig. Von Pitahaya, Curuba, Tamarillo, Durian, Cherimoya, und Kunqats ganz zu schweigen. Von wegen aus deutschen Landen! Aus Costa Rica, Kolumbien, Brasilien, Ecuador, Thai- land, Malaysia und wo der Pfeffer sonst noch wächst.

Wo braunhäutigen Naturkindern das unverfälschte Obst buchstäblich in den Schoß fällt, stellt man sich vor. Auf dass die Fruchtstände der Reichen Welt überquellen und unsere Zungen von ursprünglichen Genüssen verwöhnt werden, meint man.

Stellt man sich vor. Meint man. Als ob die Natur noch irgendwo natürlich wäre. Als ob die heile Welt nicht längst durch die geheilte oder die zu heilende ersetzt worden ist. Wie im Fall der einst in Zentralamerika beheimateten Baummelone, auch Papaya genannt:

"Seit Mai 1998 werden in Hawaii transgene Papayasorten kommerziell angebaut, die gegen das Papaya-Ringspot-Virus resistent sind. Mehrere Forschungsanstalten unter der Leitung des Pflanzenpathologen Dennis Gonsalves von der Cornell-University in den USA waren an der Entwicklung dieser Sorten beteiligt. 1998 wurden erstmals transgene Pflanzen zu Testzwecken auf der Insel Oahu angebaut: Das Ergebnis war überwältigend. Während her-kömmliche Pflanzen im Nachbarfeld durch einen Virusbefall ein-gingen, blieben die transgenen Papayas in voller Pracht auf dem Testacker stehen. Die Qualität und Quantität der Ernte waren eben-falls sehr zufrieden stellend."

Thilo Spahn und Thomas Deichmann: "Das populäre Lexikon der Gentechnik".

Der große Unterschied zwischen den USA und Europa liegt darin, dass in den USA die Gentechnik schlichtweg unter der Decke eingeführt wurde und die Menschen eigentlich gar keine Chance bekommen haben, sich damit demokratisch auseinander zu setzen - weder von der Informationspolitik her noch auch von den rechtlichen Grundlagen. Es gibt ja bis heute weder ein verpflichtendes Zulassungsverfahren noch entsprechende Kennzeichnungsregeln. Also können sich die amerikanischen Verbraucher auch nicht entsprechend wehren. In Deutschland reagiert der Verbraucher eigentlich ziemlich natürlich, der sagt nämlich: Was bringt mir das denn, ja?

Ulrike Höfken, die Grünen.

Es gibt sicherlich eine gewisse Überempfindlichkeit in Deutschland; es gibt ja den berühmten Spruch von der "german angst" sozusagen als Terminus. Ich finde es erst mal im Prinzip okay, wenn ein Verbraucher misstrauisch ist. Das Beispiel BSE hat ja gezeigt, dass immer wieder neue Gefahren auftreten können und dass den Gefahren auch nicht immer richtig begegnet wird. Also insofern ist erstmal ein gewisses gesundes Misstrauen angebracht. Woher rührt das jetzt bei der Grünen Gentechnik? Ich kann es gar nicht so genau sagen, warum nun gerade dieser Bereich so stark in Misskredit ist.

Hartmut Wewetzer, der "Tagesspiegel".

Politik und Presse also! Beide fangen zufällig mit "P" an. Und sind für die "Akzeptanz" von technischen Innovationen zuständig, wie es Neudeutsch heißt. Indem sie dem mündigen Bürger die von Wissenschaft und Industrie ausgesandten Impulse vermitteln. Besser gesagt: zubereiten und möglichst mundgerecht auftischen. Im "Jahr der Technik" haben sie also ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.

Im berühmten sechsten Stock des größten Berliner Warenhauses summt es am frühen Nachmittag wie in einem Bienenstand. Der Geschäftsführer der Lebensmittelabteilung ist entsprechend geschäftig. Auf eventuelles Genfood in seinen Regalen angesprochen, hebt der schwitzende kleine Herrn abwehrend die Hände: "Bei uns doch nicht!"

Merkwürdig, seit dem 1. April 2004 ist das Teufelszeug laut Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rats über die Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung von aus genetisch veränderten Organismen hergestellte Lebensmitteln nämlich offiziell zugelassen.

Aber die aus gentechnisch verändertem Mais hergestellten Butterfinger sind ebensowenig zurückgekehrt wie andere Nahrungsmittel zweifelhaften Inhalts, die schon einmal über deutsche Ladentheken wanderten.

Papayas sind in dem buntscheckigen Sortiment exotischer Früchte selbstverständlich enthalten, aber sie kommen nicht aus Hawaii, sondern aus dem unverdächtigen Brasilien.

Da kann ein Risiko mit verbunden sein, letztendlich weiß es keiner, und das ist ja tatsächlich so. Es gibt ja noch ganz viele Ungewisse in diesem Spiel, und wir haben doch alles auch so, es funktioniert doch wunderbar. Wir leiden keinesfalls irgendeinen Mangel, und es schmeckt auch gut, und insofern ist da die Gentechnik als Zusatznutzen überhaupt nicht einsehbar. Und so reagieren die Leute, die sagen: "Warum soll ich da ein Risiko eingehen?"

Ulrike Höfken ist Agrar- und Verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen im Deutschen Bundestag. Die gelernte Agraringenieurin fand das reflexhafte Misstrauen der Verbraucher schon während ihrer Zeit als Nebenerwerbs-Landwirtin in Rheinland-Pfalz bestätigt:

Ich denke, die Nachteile liegen ganz eindeutig im Bereich der Freisetzung von gentechnisch-veränderten Organismen, insofern als hier die Unkontrollierbarkeit sich schon sehr schnell herausstellte. Ich glaube, ich habe schon 1988/89 auf den Feldern in der Nähe von Mainz, bei Alzey, gestanden und dort auch Diskussionen mit der chemischen Industrie geführt, und damals wurde gesagt, hier kann nie etwas passieren: Veränderte Gene können sich nicht weiter vermehren, können sich nicht auf andere Pflanzen übertragen, aber es stellte sich heraus, wir haben in dieser Beziehung sehr recht behalten.

"Während sich Mobilfunkantennen und Atomkraftwerke abschalten lassen, ist die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen ein nicht zu bremsender Selbstläufer. Tiere und Pflanzen halten sich nicht an Grenzzäune und Abstandsflächen: Es gibt zwar Versuche mit Selbstmord-Genen und Organismen, denen Sterilität einprogrammiert wird für den Fall, dass sie ausbüchsen, doch sogar der amerikanische Wissenschaftsrat hält solche biologischen Barrieren nicht für dicht. Siebzig Millionen Hektar Land sind weltweit bereits mit gentechnisch veränderten Organismen bepflanzt. Die globale Biosphäre wird längst als riesiges Experimentallabor missbraucht."

Schrieb unlängst die "Süddeutsche Zeitung."

Man muss dazu sagen, dass die Natur keine Gentechnik-Gesetze kennt und dass in der Natur so etwas auch alltäglich ist. Also in der Natur werden Gene ausgetauscht zwischen Lebewesen, und auch wir Menschen enthalten in unserem Genom eine Reihe von Viren, die sich da heimisch gemacht haben. Also der Austausch von Genen und von Erbinformationen zwischen verschiedenen Lebewesen ist durchaus nicht so weit hergeholt wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Die Natur ist kein sorgfältig sortiertes Kabinett, sondern auch dort tauscht man sich genetisch aus.

"Die Mitgliedstaaten der EU verlangen von der Agrarfirma Monsanto eine genauere wissenschaftliche Untersuchung ihres Gentechnik-Maises Mon 863 auf mögliche gesundheitliche Risiken. Erst wenn neue und umfangreiche Analysen vorliegen, soll abermals über eine mögliche Marktzulassung der insektenresistenten Pflanze beraten werden, hieß es am Montag in Brüssel. Deutschland und Frankreich hatten Bedenken vorgebracht, nachdem Wissenschaftler nach Fütterungsversuchen an Nagern Hinweise auf gesundheitliche Schäden entdeckt hatten."

Hieß es in einer Agenturmeldung vom 21. September.

Immer wieder kommt es bei Fütterungsversuchen mit gentechnisch veränderten Pflanzen zu medizinischen Anomalien. Arpad Pusztai, ein aus Ungarn stammender Pflanzenphysiologe, wollte in den 90er Jahren im Rowett-Forschungsinstitut zu Aberdeen Kartoffeln gegen Insekten immunisieren.

Schon seit 1973 können den Zellen Gene mit Hilfe sogenannter "molekularer Scheren" entnommen und über Artgrenzen hinweg verpflanzt werden. Die auf diese Weise entstandene "transgene Kartoffel" produzierte einen Eiweißstoff namens Lektin, der schädliche Insekten fernhielt. Allerdings bereitete die Kunstkartoffel auch höheren Lebewesen Schwierigkeiten.

Fütterungsexperimente mit Ratten wiesen laut Pusztai auf eine Beeinträchtigung des Wachstums und eine Schwächung des Immunsystems hin. Die Übertragung von Genen über die Artgrenzen hinweg ist wohl doch keine so normale Angelegenheit, wie der Wissenschaftsjournalist Wewetzer meint, sondern mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden.

Arpad Pusztai glaubte sogar beweisen zu können, dass die Giftwirkung des Kartoffellektins erst durch die Genübertragung selbst entstanden war. Was zwar von den Fürsprechern des Genetic Engineering unter Hinweis auf methodische Mängel prompt bestritten wurde, aber die Unschädlichkeit der sogenannten "Killerkartoffel" konnten sie auch nicht beweisen. Nichts Genaues weiß man nicht!

Pflanzen sind normalerweise nicht darauf erpicht, dass sie von anderen Lebewesen gegessen werden. Normalerweise versuchen Pflanzen, sich davor zu schützen mit ihren eigenen Waffen. Nehmen Sie die Dornen der Rose oder nehmen Sie irgendwelche Bitterstoffe, die in den Pflanzen drin sind. Oder sogar irgendwelche Gifte, die dann später vom Menschen medizinisch genutzt wurden, aber an sich sind Pflanzen nicht dazu bestimmt, vom Menschen gegessen zu werden: Sie wehren sich dagegen, und das ist ja ein Teil unserer Manipulation gewesen, dass wir die Pflanzen genießbar gemacht haben.

Im Bereich der gesundheitlichen Bewertungen gibt es nur sehr wenige Langzeitstudien. Es gibt auch eigentlich keine Fütterungsversuche, die diesen Namen verdienten und über lange Jahre liefen, und es gibt immer wieder Ergebnisse, die zu großer Sorge Anlass geben. Das sind eben einerseits die Kartoffelversuche, die in Frankreich durchgeführt wurden und entsprechende Gesundheitsschädigungen der Versuchstiere zur Folge hatten. Oder aber auch z.B. ein Fall eines süddeutschen Bauern, der beklagte, dass seine Kühe durch den Verzehr von gentechnisch verändertem Mais gestorben seien. Alle diese Versuche bedürfen meines Erachtens der Verifizierung, aber wenn in einer Maispflanze ein Gen verändert wurde und diese Maispflanze nun durch ihren eigenen Stoffwechsel ein Pestizid produziert, dann darf man Zweifel haben, ob das eine gesundheitsfördernde Aktion ist.

"Auf der Suche nach dem goldenen Reiskorn", "Das Korn der Hoffnung", "Wir können Millionen Menschen retten", "Werden wir so mit der Unterernährung fertig?" - Schlagzeilen aus besseren Tagen.

Endlich konnten auch die Befürworter der Gentechnik mit einem Paradebeispiel aufwarten. "Goldener Reis" machte der "Killerkartoffel" den Platz in unseren Köpfen streitig.

"Mit der Präsentation des 'Goldenen Reises' gelang zum Millenniumswechsel der Eintritt in eine neue Ära: Zwei deutschen Genforschern war es nach jahrelanger Arbeit gelungen, in Reis mehrere Gene einzuschleusen. Zwei davon stammen aus den gelb blühenden Osterglocken, das dritte aus einem Mikrobakterium der Gattung Erwinia. Der neue Reis weist einen hohen Gehalt des Provitamins Beta-Carotin auf, welches nach dem Verzehr im menschlichen Körper in Vitamin A umgewandelt wird. Der Verzehr von 300 Gramm des 'Goldenen Reises' soll genügen, um den täglichen Vitamin-A-Bedarf eines Erwachsenen abzudecken."

Ein aus meiner Sicht eigentlich gelungenes Beispiel ist der Reis mit dem höheren Vitamin-A-Gehalt, dieser sogenannte Goldene Reis. Biotechnisch gesehen war das schon eine kleine Meisterleistung, diesen Reis sozusagen mit Vitamin A anzureichern, da der Reis normalerweise eben nicht sehr viel Vitamin A enthält, und in vielen Ländern Grundnahrungsmittel ist. Dort kann es dann natürlich schon dazu kommen, dass Mangelzustände auftreten. Mangel an Vitamin A eben kann zu kann zu entsprechenden Störungen führen, vor allem Sehstörungen bis hin zur Erblindung. Und wenn diese Leute jetzt mehr Vitamin A in ihrem Reis bekommen, dann wird das sicherlich gesundheitlich zuträglich sein.

Das ist ein ziemlich verlogenes Argument; eine ganz normale Ernährung, ein ganz normaler Zugang dieser Menschen zur Produktion von Lebensmitteln, zum Gesundheitswesen würde natürlich diesen Menschen viel eher und auch billiger helfen als ein künstlich vitaminisierter Reis. Es ist aus ernährungsphysiologischer Sicht vollkommen verrückt, Menschen zwangsweise zu medikamentieren mit Nahrungsmitteln. Das kann auch im Fall von Vitaminen - auch gerade im Vitamin-A-Bereich - zu Gesundheitsschädigungen führen, und insofern ist das Ganze eine Konstruktion der Propaganda, aber nicht etwa eine Möglichkeit, armen Menschen im Bereich der Hungerbekämpfung zu helfen.

"Während die Befürworter der Gentechnik blühende Landschaften in der Wüste ausmalen, warnen Kritiker vor einer weiteren Abhängigkeit der armen Länder von der landwirtschaftlichen Marktmacht des Nordens. Der Streit spitzte sich zu, als Sambia, Mocambique und Zimbabwe im Sommer 2002 während einer Dürreperiode Hilfslieferungen des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen zurückwiesen. Dessen größter Geber sind die Vereinigten Staaten, und dort wird schon seit Jahren in großem Stil gentechnisch veränderter Mais angebaut."

Was die "Frankfurter Allgemeine" aus Afrika berichtet, ist kein Einzelfall.

Offenbar finden die Argumente gegen gentechnisch veränderte Organismen weltweit Anklang: Der Austausch ihres Erbmaterials mit dem naturbelassenen Anrainer führe zu Superunkräutern und zusätzlichem Artenschwund.

Ihr Verzehr löse beim Menschen Allergien aus. Sie könnten ihre Eigenschaften auf Bakterien übertragen und dabei Resistenzen hervorrufen. Einmal ausgebracht, seien sie so gut wie nicht mehr aus der Umwelt zu entfernen. Die immer wieder behaupteten wirtschaftlichen und ökologischen Vorteile könnten nicht belegt werden.

In den USA haben die Untersuchungen ergeben, dass die Pestizideinspritzungen zugenommen statt abgenommen haben, dass die ökonomischen Ergebnisse durchaus nicht besser geworden sind. Das ist auch in Indien zu betrachten, wo es große Ausfälle gegeben hat, und die neuesten Ergebnisse sind eigentlich aus Argentinien, wo also ziemlich dramatische Konsequenzen festzustellen sind. Dort geht es um herbizidresistente Sojapflanzen. Das Herbizid, das dort gespritzt wird ist ein Glyphosat. Von diesem Herbizid werden jährlich die Aufwandmengen quasi erhöht. Da sind die Zahlen schon dramatisch. Selbstverständlich sind da welche, die daran verdienen, das sind aber nicht gerade die Armen dieser Welt.

Wir greifen ja massiv in die Natur ein an vielen Stellen, und verglichen mit den anderen Eingriffen ist die Gentechnik vergleichsweise ein subtiler Eingriff. Denken wir eben an die Industrialisierung, an Autos, Luftverkehr und so weiter. Denken Sie daran, wie wir als Menschen sozusagen die Natur manipulieren, indem wir künstliche Befruchtung machen, indem wir die Natur austricksen. Wir sind ständig dabei, die Natur zu unserem Vorteil zu überlisten.

So ist das mit dem technischen Fortschritt: Die einen betrachten ihn als Normalfall, und die anderen erklären den Ausnahmezustand. Die einen malen den Teufel an die Wand, und die anderen rufen das Goldene Zeitalter aus. Den einen kann er nicht schnell genug gehen,
und die andern beschreiten den Rechtsweg.

Nach ganz langen Auseinandersetzungen über die Jahre hinweg, wo die rotgrüne Regierung sehr manifest die Standpunkte auch des Verbraucherschutzes nach vorne getragen hat, gelten eine Reihe neuer EU-Gesetze. Man muss sagen, sie sind im Verhältnis zu dem, was wir vorher hatten eine riesige Verbesserung. Wir haben deutlich verbesserte Kennzeichnungs-Vorschriften, und wir haben die Freisetzungs-Richtlinie. Das sind gesetzliche Grundlagen, auf denen jetzt auch gentechnisch veränderte Lebensmittel gehandelt oder eingeführt werden dürfen. Allerdings muss man dazu sagen, die Akzeptanz der Verbraucher ist außerordentlich gering.

"Alles in mechanischer Konstruktion ist reversibel. Strukturelle Änderungen im Organischen sind irreversibel. Praktisch ergibt sich daraus, dass konventionelle Ingenieurskunst jederzeit ihre Fehler korrigieren kann, sowohl im Planungs- und Teststadium als auch danach; selbst die fertigen und vermarkteten Erzeugnisse, z.B. Automobile, können zur Behebung von Mängeln in die Fabrik zurück-beordert werden. Nicht so in biologischer Technik: Ihre Taten sind unwiderruflich in jedem ihrer Schritte. Wenn ihre Ergebnisse sichtbar werden, ist es für Berichtigungen zu spät. Was getan ist, ist getan."

Meint der Philosoph Hans Jonas in seinem Buch "Technik, Medizin und Ethik". Die so genannte Grüne Gentechnik bestätigt ihn auf lehrbuchhafte Weise. Erst recht die auf medizinischem und pharmazeutischem Gebiet tätige Rote Gentechnik.

Ein Zukunftsszenario, das unlängst unter Federführung der "Gesellschaft für chemische Technologie und Biotechnologie" entworfen wurde, zählt einige der Veränderungen auf, die unserem Gesundheitssystem bevorstehen.

Schon jetzt ist die gentechnische Diagnostik danach in der Lage, bestimmte Krankheitsrisiken vorgeburtlich zu erkennen. Die Medizin erhält auf diese Weise die Möglichkeit, präventiv gegen sie vorzugehen. Bald wird man sich den Gang zum Arzt gänzlich sparen können. Man führt dann zur Freude der Krankenkassen die erforderlichen Bioanalysen am heimischen Computer selbst durch. Eine Privatisierung mehr!

Biochips, die in handelsüblichen Datenträgern zur Anwendung kommen, machen es möglich: Man gibt einfach seine Speichelprobe auf eine CD und lässt sie von einem Biosensor auf Veränderungen durchchecken. Ein Analysezentrum, dem man seine Daten per Internet übermittelt, entscheidet dann von Fall zu Fall, welche Medikamente angezeigt sind.

Ähnlich punktgenau wird es nach Ansicht der Biotechnologen auch im Bereich der Ernährung zugehen. Functional Food lautet die Zauberformel, die den Konsumenten hier einen zusätzlichen Nutzen verspricht: Sie werden nicht nur satt, sondern tun auch noch etwas für ihre Gesundheit!

Mit Omega-3-Fettsäuren angereichertes Brot zum Beispiel nimmt ihnen das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ab. Margarinesorten mit Phytosterolen senken ihren Colesterinspiegel. Pro-biotische Bakterien oder Hefen in Nahrungsmittel und Kosmetika bewahren sie vor Haut- und Schleimhauterkrankungen.

Auch die fortschrittsbewusste Landwirtschaft hat sich für die Zukunft einiges vorgenommen, das ihr lädiertes Image aufbessern könnte. Zwar sind in der EU bisher nur rund dreißig gentechnisch veränderte Lebensmittel und Organismen zugelassen, aber das hält sie nicht davon ab, Pflanzen und Tiere für die Produktion von Arzneimitteln zuzurichten.

Raps und Erbsen werden dann neben ihren angestammten auch noch Enzyme für die chemische Industrie liefern. Kühe geben nicht nur banale Milch, sondern fügen ihr gleichsam im Nebenberuf auch noch Krebsmedikamente hinzu. Wird der Landwirt etwa zum Zulieferer für die pharmazeutische Industrie?

Aus der Rede Gerhard Schröders:

"Berlin, den 27 Oktober. Bundeskanzler Gerhard Schröder hat die Deutschen zu mehr Offenheit im Umgang mit der Gentechnik aufgefordert. Es gebe in Deutschland keine Technikfeindschaft, aber eine enorme Zurückhaltung bei der Umsetzung der Bio- und Gentechnologie. im Unterschied zu den Amerikanern dächten die Deutschen zuerst an Risiken, dann an Chancen. Er wolle zwar auch auf diesem Gebiet keine amerikanischen Verhältnisse, doch

wünsche er sich, dass aus der Mitte der Gesellschaft heraus ein neues Bewusstsein für die Möglichkeiten der Gentechnik wachse, sagte Schröder bei einer Festveranstaltung des Konvents für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien (acatech)."


Die Hauptzielsetzung, die wir verfolgen als Grüne, die ist, die Koexistenz - so heißt der Begriff - auch ernst zu nehmen und den Schutz der gentechnikfreien Produktion dann auch zu verankern. Das bedeutet, es muss gewährleistet sein, dass sowohl gentechnikfreie wie auch gentechnisch veränderte Produktion stattfinden kann. Und die am meisten bedrohte Form des Anbaus ist natürlich die gentechnikfreie Produktion, weil wir inzwischen wissen, wie schnell sich gentechnisch veränderte Produkte in die Nachbarfelder einschleichen.

Vier Wochen Wind und Wellen! Vier Wochen Ferien vom Ich, samt allem, was dazu gehört. Und dann kommt das böse Erwachen: Rotglänzende Tomaten im Gemüsefach! Irgendwie alterslos, was da in der Hast des Aufbruchs zurückgelassen wurde.

Savour flavour, wie die Amerikaner sagen. Auch der technische Fortschritt hat anscheinend seine blinden Passagiere. Ob da jemand die Kennzeichnungspflicht missachtet oder die Rückverfolgbarkeit überlistet hat. Die Zukunft der Gentechnik hat schon begonnen. Ob wir es wollen oder nicht. Wir sind drin!

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