WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
15.1.2005
Bewährtes mit Zukunft: "Unter Dach und Fach"
Die Zukunft der Wohnungen
Von Paul Stänner

Kann man sich in den Wohnungen der Zukunft entspannt zurücklehnen? (Bild: AP)
Kann man sich in den Wohnungen der Zukunft entspannt zurücklehnen? (Bild: AP)
Wie wird es aussehen, das Wohnen der Zukunft? Werden verschiedene Einkommensgruppen in abgeschotteten Vierteln leben? Bevorzugen Paare das "living-apart-together"-Prinzip? Wird es gemischte Wohnmodelle für alte und jungen Menschen geben? Das Feature befragt Architekten und Soziologen.

Herr Jordan macht sich Gedanken. Es geht um seine Wohnung. Herr Jordan ist Mitte 40 und er hat einen Arbeitsplatz bei einer Behörde, der ihm mutmaßlich bis zu seiner Rente erhalten bleiben wird. Seine wilden Jahre, denkt Herr Jordan, hat er hinter sich. Das Hin- und Hergespringe von einer halbfertigen Wohnung in die nächste halbfertige Wohnung, vom Punk-Loch ins Grufti-Mausoleum, all diese wüsten Phasen hat Herr Jordan hinter sich. Er ist gesetzt und könnte und möchte sich niederlassen. Eine Wohnung muss her.

In Berlin-Mitte, umgeben von Achtung gebietenden Hochhäusern, entsteht ein Ein-Familien-Haus. Eigentlich gehört so ein Haus aufs flache Land oder zumindest in die Vororte, hier wirkt es völlig deplatziert. Doch das Gegenteil ist der Fall: die T-Com baut sich ein Musterhaus. Hier entsteht die schöne neue Welt der Telekommunikation. Jürgen Will, Sprecher der T-Com:

Da sind in etwa fünf bis sechs Kilometer Kabel drinnen, denn wir haben jeden Raum entsprechend angeschlossen, von jedem Raum gibt es die Steuerungsmöglichkeiten, Lichtsteuerung, Telekommunikationssteuerung, ich hab in jedem Raum Telefon, ein schnurloses, und ich habe in jedem Raum den Bildschirm, der ja angesteuert werden muss, und darum gibt es hier an jeder Wand unglaublich viele Auslässe und diese doch große Anzahl von Kabeln.

Bedient werden alle diese Funktionen: der Türöffner, das Telefon, die Filmauswahl aus dem Internet, die Videoüberwachung
über eine einzige Steuerungseinheit, die - wie eine Schusswaffe zur Selbstverteidigung - immer "am Mann" bleibt.

Will: Das ist eine Bedienkonsonle, im Grunde genommen ist es ein Handy, das aber nicht wie ein normales Handy überall funktioniert, sondern in den so genannten hot spots. Wir bauen deutschlandweit Stationen auf, wo ich mich mit meinem Notebook, also mit einem transportablen PC einloggen kann ins Internet und diese Stationen nutzen wir auch, um dieses haus von Ferne zu steuern. Das heißt in meinem Büro habe ich so einen hot spot, habe ich so eine Möglichkeit einzusteigen und ich weiß schon, zu Hause habe ich ja tagsüber die Temperatur im Haus gedimmt und wenn ich jetzt nach Hause komme, möchte ich aber komfortable 22 Grad Temperatur im Haus haben, dann kann ich das von der Ferne einschalten, also ich kann meine Temperatur von Ferne regeln.

Auf jeden Fall wird deutlich, dass man ohne fundierte Englischkenntnisse am zukünftigen Leben nicht wird teilnehmen können. Trotzdem - wir befinden uns nicht im Orwell-Land. Vieles von dem, was im T-Com-House eingebaut wird, ist heute schon Standard. Weiteres wird in wenigen Monaten zu vernünftigen Preisen auf dem Markt sein. Die elektronische Zukunft im Bausektor hat bereits begonnen. Und da es so viele elektronische Helfer im Angebot gibt, trifft es sich gut, dass immer mehr Menschen auf sie zurückgreifen werden.

Bereits heute ist Berlin die Hauptstadt der Singles,

…, sagt Thorsten Tonndorf, in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit der Entwicklungsplanung beschäftigt.

Tonndorf: Es gibt keine andere Großstadt in Deutschland, in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung Singlehaushalte sind. Heute, im Jahre 2004 hat Berlin über 50 Prozent Singlehaushalte, und Tendenz weiter kontinuierlich langsam steigend. Und es gibt natürlich unterschiedliche Typen von Singles. Es gibt die jungen Singles, die ihre Familie verlassen und ja eher unfreiwillige Single im Alter von über 55 - 65, die dann ihren Lebenspartner verlieren aufgrund von Tod oder die ihren Lebenspartner verlieren auf Grund von Trennung, und die dann "resignierte Alt-Singles" werden.
Vom "Nestflüchter" zum resignierten "Alt-Single" - wir werden immer einzelner und immer älter. Da kann man elektronische Haushaltshilfen schon brauchen. Selbst die, die Kinder haben, bilden keine Familien mehr - die Stadtplanung wird sich darauf einstellen müssen. Der Soziologe Klaus Schmals, Spezialgebiet Wohnsoziologie:

Allein erziehende Mütter oder Väter brauchen eine Hort-Infrastruktur, eine Kindergarten-Infrastruktur, sie brauchen eine vernünftige Verkehrsinfrastruktur, um ihr Leben mit den vielen unterschiedlichen Aspekten einfach managen zu können.

Das heißt - die Anforderungen an die einzelnen Wohnungen und an die Stadt werden sich in den kommenden 20 bis 30 Jahren dramatisch wandeln. Galt früher der Vier-bis-fünf-Personen-Haushalt als Maßstab für alles, wird es in der Zukunft ein ganzes Bündel von Maßstäben geben.

Wo soll er hin? Dies scheint Herrn Jordan die dringendste Frage zu sein. Von der Wahl des Stadtviertels hängt viel ab: Der tägliche Weg zur Arbeit, die Art, wie er einkaufen muss: Frische Ware in kleinen Mengen oder einmal im Monat Konserven wie für eine Betriebskantine, die Sicherheit seiner Wohnung und seines abendliches Ganges in die Eckkneipe. Wie will Herr Jordan wohnen?

Schmals: Wir Soziologen sprechen heute nicht mehr von einer Klassengesellschaft, wir sprechen auch nicht mehr von einer geschichteten Gesellschaft, sondern wir sprechen von einer Milieu- und Lebensstilgesellschaft. Entsprechend der Einkommenssituation, der Bildungssituation und der privaten persönlichen subjektiven Auffassung von leben, den subjektiven Normen und Werten bilden sich Lebensstilgruppen, Milieugruppen in unseren Städten aus.
Die alte Regel besagt, dass gleich und gleich sich gern gesellt - die zeitgenössische Stadtsoziologie kann das bestätigen. Es kommt zur Gettobildung - es bilden sich Trendviertel wie Berlin-Mitte für die künstlerischen Berufe oder Hamburg-Altona für die Kreativen aus Film und Werbung und München-Bogenhausen für die Reichen und vielleicht auch Schönen.

Schmals: In den meisten deutschen Städten kann man heute zehn bis zwölf nach Eigentumsverhältnissen, nach den Normen und Werten verschiedene Gruppen feststellen und diese verschiedenen Gruppen zieht es zueinander.
Es handelt sich dabei nicht um fest geschlossene Areale wie in den USA die gated communities, die mit Mauer und Wachmann die Exklusivität des Ortes schützen, sondern Wanderbewegungen, auf denen man die aufsucht, die einem am ähnlichsten sind. Diese Vorlieben können durchaus wechseln, dann packt man eben seine Sachen und zieht weiter.

Mit der Wahl seines Ortsteils, der Lage seiner Wohnung, wird Herr Jordan eine wichtige Entscheidung treffen, was seine Sicherheit anlangt. Im Augenblick wohnt Herr Jordan in einem zwar recht bunten, historisch gewachsenen Stadtteil, aber es ist ihm nicht ganz wohl dabei. Wenn er es recht bedenkt, gibt es hier zwei Quartiere: Eines ist saniert, die historischen Häuser gereinigt, aufgeputzt und modernisiert, gute Autos stehen auf der Straße. Im anderen sind die Häuser von den Zeitläuften angefressen, sind vollgesprüht mit Parolen und Symbolen, die Herrn Jordan gänzlich unverständlich sind, die Autos haben Beulen. Genau eine Straßenbreite trennt die beiden Quartiere. Herr Jordan ist sich nicht sicher, ob die Veränderungen der künftigen Jahre sich zu seinen Gunsten auswirken werden, sein düsterer Verdacht ist, dass eher das dunkle Quartier sich über die Straße ausbreiten wird, als dass das helle das dunkle übernimmt.
Thorsten Tonndorf von der Berliner Senatsverwaltung: Ich denke vor allem, das sind ja die unterschiedlichsten Wohnformen, die da gefragt sind. Was Berlin in zukunft wesentlich stärker kennzeichnen wird, ist eine höhere Mobilität. Bis Mitte der 90er Jahre war die Berliner Wohnbevölkerung dadurch gekennzeichnet, dass sie relativ selten ihre Wohnung gewechselt hat, während so in den letzten zehn Jahren mit Entspannung des Wohnungsmarktes überhaupt ist die Mobilität stark gestiegen. All diese unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen erwarten unterschiedliche Wohnformen und je nach Einkommen erwarten sie auch unterschiedliche Wohnlagen. Wir werden in Zukunft, stärker als wir das heute noch haben, ein auseinander klaffen der unterschiedlichen Quartiere in ihrem sozialen Umfeld haben.

Herr Jordan ist in Gedanken. Im Moment ist er allein. Nicht, dass es im Leben von Herrn Jordan keine Frauen gegeben hätte. Im Gegenteil, Herr Jordan schmeichelt sich mit der Vorstellung, auf das andere Geschlecht durchaus anziehend zu wirken. Wie auch immer, im Augenblick ist Herr Jordan solo. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung wäre also ausreichend für Herrn Jordan. Aber was, wenn Herr Jordan - beispielsweise abends in seiner Stammkneipe - sich in eine hübsche Weintrinkerin verlieben würde? Und es würde etwas Langfristiges entstehen? Würde Herr Jordan dann nicht eine größere Wohnung brauchen? Würde seine Weintrinkerin überhaupt zu ihm ziehen wollen? Oder wären sie ein Paar in zwei Wohnungen, Singles in dauerhafter Bindung? Vielleicht, denkt Herr Jordan auf einem gedanklichen Nebengleis, braucht man gar keine großen Wohnungen mehr.

Der Soziologe Klaus Schmals: Es kommen heute Familienformen zum Vorschein, living apart together, dass man zusammen getrennt lebt. Ein Beispiel an mir: meine Lebenspartnerin wohnt zwei Straßen weiter, hat ebenfalls eine eigene Wohnung, hat ihren Arbeitsplatz in ihrer Wohnung, wie ich auch einen großen teil meines Arbeitsplatzes in der Wohnung habe, also man kann seine Autonomie leben, aber man ist immer dann zusammen, wenn man zusammen sein möchte, und um diese Wohnungen rum, das ist auch das Konzept dieses living apart together, lebt zum Teil und zunehmend die Verwandtschaft, die Eltern, die Cousinen, die Neffen, die Nichten und so bildet sich gegenwärtig um die eigene Wohnung die nähere und ferne Verwandtschaft - das vor dem Hintergrund, man möchte seine Autonomie schützen, aber die Familie und die Verwandtschaft nicht meiden.

Gründe, warum nach anfänglicher Flucht ins Umland jetzt die Stadt wieder attraktiver ist, sind unter anderem die soziale Infrastruktur und die Verkehrsverhältnisse. Die einen fanden nicht die Art Schulen, die sie gern gehabt hätten: Nicht jeder gewachsene Großstädter war zufrieden mit den Anreizen, die eine Dorfschule seinem Kind bieten kann. Anderen wiederum waren die täglichen Wege zur Arbeit zu lang und wurden als vergeudete Lebenszeit wahrgenommen. Auf der anderen Seite ist die Stadt aber auch nicht die Lösung des alten Ideals, Wohnen und Arbeiten in enger Nachbarschaft zu haben. Dies wäre aus verkehrstechnischen, umweltschützenden und oft auch sozialen Gründen wünschenswert, aber das ist für die Stadt der Zukunft kaum planbar.

Tonndorf: Allerdings glaube ich nicht, dass wir eine unmittelbare Wohnortnähe und Arbeitsplatznähe in größerem Umfange künftig erreichen können, dazu sind die übergeordneten Trends zu massiv. Wir werden immer im Arbeitsleben uns damit konfrontieren, dass die Zeit, in der man an einem Arbeitsplatz ist, beschränkt wird, und dass man kontinuierlich seinen Arbeitsplatz verändert, alle zwei bis fünf Jahre einen neuen job an neuem Ort hat, so dass es schwierig sein wird, den Wohn- und Arbeitsort zu kombinieren.

Womit wiederum der Trend zu größerer Mobilität sich selbst ein Bein stellt. Mit diesem Paradox werden wir wohl leben müssen.

Herr Jordan hat das Viertel gefunden, in dem er leben möchte. Gut gegliedert, schnelle Verkehrsanbindungen, gute Geschäfte, Restaurants und eine abendliche Eckkneipe, ein kleiner Park ist in der Nähe. Hier will er bleiben. Herr Jordan steht etwas verträumt vor dem Haus, in dem sich seine zukünftige Vierzimmerwohnung befindet, die sogar seiner eventuellen, zukünftigen Weintrinkerin Raum böte, und überlegt, wie er sich einrichten möchte. Für jetzt und alle Zeit. Sagen wir: fünf Jahre.

In den Städten, die keine ausgesprochene Wachstumsspitze zu verzeichnen haben, hat sich mittlerweile ein Wohnungsleerstand entwickelt, der die urbane Qualität der Stadtviertel verändert. Entweder man reißt rigoros leer stehende Häuser ab, wie dies bei vielen Plattenbauten im Osten geschah, oder man muss geeignete Maßnahmen ergreifen. Aber welche?

Schmals: Vor diesem Leerstand sind viele Wohnbauunternehmen dran interessiert zu erfahren, welche Bedürfnisse Wohnhaushalte haben der unterschiedlichen Lebensstilgruppen, sie möchten sehr viel elastischer und dynamischer auf nachfragen reagieren können und gehen prinzipiell von der These aus, dass im Individualisierungsprozess, im Emanzipierungsprozess unserer Gesellschaft die Konsumenten souveräner geworden ist.

Kompromisslos drängen diese souveränen Konsumenten auf den Wohnungsmarkt und verlangen genau das, was sie sich, jeder ganz individuell, als Wohnung und Wohnungsumfeld vorstellen. Und diese Klientel ist wählerisch und weit gefächert in ihren Wünschen. Sie wollen die Wohnungsgrößen nach ihrem Gutdünken und sie suchen eine Nachbarschaft, die ihre Werte und Vorlieben teilt. Die Häuser müssen ihrem Geschmack entsprechen, Freizeiteinrichtungen nach ihren Bedürfnissen müssen ebenfalls vorhanden sein. Die Zeiten, in denen man froh sein musste, wenn man günstig ein Wohnklo mit Kochnische ergattern konnte, sind vorbei.

Schmals: Und insgesamt ist in diesem Zusammenhang noch ein Aspekt von großer Wichtigkeit geworden: Im Individualisierungsprozess unserer Gesellschaft spielt die Wohnung eine immer wichtigere Rolle. Man möchte in der Wohnung den Status symbolisieren, den man in der Gesellschaft einnehmen möchte, den man den Freunden, der Bekanntschaft, den Arbeitskollegen vorführen möchte.

Will: Im Eingangsbereich werden wir einen Bildschirm finden, der als interaktives Messageboard genutzt wird, ich sag mal dazu, das ist ein schwarzes Brett herkömmlicher Art oder eine Magnethafttafel herkömmlicher Art, aber das mit einem Flachbildschirm realisiert, und die Videobotschaft, die vorhin unser Gast aufgesprochen hat, die bekomme ich als Eigentümer dieses Hauses vorgespielt, sobald ich das abfordere. Ich kann das Messageboard auch anders nutzen, mein Sohn, meine Tochter will mir eine Mitteilung machen: "Ich geh heut zum Sport, komme spät nach Hause" - spricht das als Videobotschaft auf dieses interaktive Messageboard auf, und wenn ich nach Hause komme, weiß ich ganz genau Bescheid und habe diese persönliche Mitteilung für mich.

Man muss sich vor Augen halten, dass dieses Musterhaus der T-Com nur die technischen Möglichkeiten aufzeigt, die das Haus der nahen Zukunft bieten wird. Dass man ein ganzes Haus vom Schließen der Jalousie bis zur Filmauswahl am Ehebett mit einer Handkonsole bewirtschaften kann, heißt nicht zwangsläufig, dass die Zukunft einen allgemeinen Trend zur Bewegungsunfähigkeit und Fettsucht bringt. Jedenfalls wäre er nicht technisch bedingt.

Jürgen Will: Ja jetzt sind wir im Obergeschoss, wir stehen jetzt auf der Galerie, in dieser Galerie werden wir ein Fitnessstudio einrichten, auch natürlich hochmodern. Wir werden nicht einfach einen Hometrainer als Fahrrad dort hinstellen, sondern werden das gleich mit einem Bildschirm verbinden, auf dem zum Beispiel die Tour de france nachgestellt werden kann und der Radfahrer, der auch seinen Puls gemessen bekommt, kann dann die Tour de france nachfahren und ergometrisch trainieren.

Die technische Lösung ist da, jetzt brauchen wir nur noch das soziale Problem dazu - muss ich in jedem Zimmer einen Bildschirm haben, brauche Videokameras in allen Zimmern? Wäre es nicht sinnvoller, die Kinder lernen ordentlich schreiben, statt vor dem Messageboard ein Sprüchlein aufzusagen? Man wird sehen, die aktiven Konsumenten werden wählen, was sie wirklich haben wollen, immerhin haben sie die Chance der Wahl.

Die eigene Wohnung hat eine ganz hohe Priorität, das ist sozusagen das wichtigste.

Hans-Liudger Dienel ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Zentrums für Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin.

Und ältere Menschen ziehen oft unfreiwillig aus ihrer eigenen Wohnung aus, weil die eigene Wohnung für die Selbstständigkeit ausschlaggebend ist und die Individualisierung der Gesellschaft wird auch weiter zunehmen mit allen problematischen Randerscheinungen, und eine der problematischen Randerscheinungen ist die Isolation. Und dagegen anzukämpfen, dafür gibt es eine Reihe von eben auch technischen Möglichkeiten: E-mailen, Besuche, Mobilität, das sind technisch unterstützte Möglichkeiten des Kontakts, die von älteren zunehmend in Anspruch genommen werden.

Das Zentrum für Technik und Gesellschaft an der TU hat darüber geforscht, wie die Wohnungen älterer Mitbürger ausgestattet sein sollen.

Dienel: Ganz überwiegend möchten ältere Menschen nicht mit anderen Menschen, mit denen sie nicht vorher ihr Leben geteilt haben, zusammenwohnen. Vor allen Dingen sind Häuser, in denen ältere Menschen und junge Menschen gemischt wohnen, kein besonderes Erfolgsmodell gewesen. Was dort gebaut worden ist, ist in der Regel in der Umsetzung schwierig gewesen. Man ist lieber in seiner eigenen Generation, das spricht natürlich für die Alten-WG, so wie sie und ich auch gern mit Gleichaltrigen zusammen sind, das gilt auch für ältere Menschen.

Immer wieder ist von unterschiedlichen Modellen die Rede: In Schweden hat man ein Altersheim mit einer Kindertagesstätte kombiniert, um so die Kluft zwischen den Generationen zu überbrücken. Andere Modelle in Deutschland propagieren ebenfalls das Zusammenwohnen oder zumindest die enge Nachbarschaft unterschiedlicher Altersgruppen, aber im Augenblick scheint die Propaganda noch die Lebenswirklichkeit zu übertreffen. So richtig klappt es nicht.

Dienel: Die Tendenz geht aus meiner Sicht in die Richtung, jetzt in der Architektur, dass es eine neue Mischung von öffentlich und privat gibt, dass es Wohnungen gibt, die sind privat, das eigene Zimmer und zugleich aber auch Möglichkeiten, sich zu treffen wie in einer Seniorenresidenz etwa Gemeinschaftsräume. Und in diese Richtung wird aus meiner Sicht schon die Tendenz gehen, vielleicht nicht im Sinne Seniorenresidenz so organisiert, sondern mehr selbst organisiert, ein neue Mischung, von den eigenen privaten Räumen und dem gemeinsamen Bereich, den man mit anderen Seniorinnen und Senioren teilt.

Womit wir bei der Ausstattung wären - bislang waren altengerechte Wohnungen sofort daran zu erkennen, dass es überall Haltegriffe gab und Türen, die so breit waren, dass man ein Bett in alle Zimmer schieben konnte. Ekkehard Feddersen ist als Architekt seit Jahren mit sozialen Bauten beschäftigt und hat sich naturgemäß Gedanken über die Wohnungseinrichtung gemacht.

Feddersen: Ich glaube, dass geht in eine Richtung der Qualität, das bedeutet, dass wir in Zukunft keinem mehr anbieten können eine altersgerechte Wohnung. Das ist nämlich eine Behindertenwohnung, und wenn ich nicht behindert bin, will ich doch bei Gott nicht einer Diskriminierung ausgesetzt sein und nur ein Duschbad haben.

Und wenn jemand doch behindert ist oder es wird: Feddersen bietet eine Umbaulösung an, in der aus einer normalen, komfortablen Eckbadewanne in kurzer Zeit eine behindertengerechte Badewanne wird. Solche Herausforderungen an die Flexibilität einer Wohnung müssen weder aufwendig noch teuer sein.

Feddersen: Ich will auch eine Badewanne haben so wie eine ordentliche Wohnung eben auszusehen hat, und dann will ich auch nicht mehr wie im Pflegewohnen Linoleum auf dem Fußboden haben, dann will ich ein ordentliches Parkett haben. (...) Und dann will ich auch einen ebenen gleichen Ausgang von jedem Zimmer auf meinen Balkon haben, denn das ist für kleine Kinder genauso gut wie einen Menschen mit einer Behinderung. Und das ist "universal design" und in die Richtung muss es schon gehen.

Das Fachwort ist ein Schlagwort, das die Debatte beherrscht. Wie gesagt, ohne Englisch keine Zukunft.

Feddersen: "Universal design" ist ein Begriff, der aus Amerika kommt und in Deutschland ein bisschen abgewandelt wurde in "design for all".

Wie gesagt, ohne Englisch gar keine Zukunft.

Feddersen: Und bedeutet, dass nichts gut ist, was nicht für alle gut ist. Und es bedeutet, dass eine Wohnung immer auch für einen alten Menschen genauso gut sein muss wie für eine junge Familie, und dass Qualität des Wohnens im Vordergrund steht.

Wenn nun alles nicht gleich, aber ähnlich sein soll, wenn die Wohnungen für unterschiedliche, anspruchsvolle Nutzergruppen attraktiv sein sollen, dann ergeben sich daraus hohe Anforderungen an die Gestaltbarkeit und Um-Gestaltbarkeit von Wohnungen.

Feddersen: Die großen Wohnungsbaugesellschaften wachen gerade auf. Das ist wie ein Leviathan, der gerade seine Muskeln anfängt ein bisschen zu stretchen, weil die haben bisher immer abgewartet, und jetzt merken sie, die besten, treuesten Zahler verlieren sie, wenn sie nichts tun. Und unter diesem Druck kommt dieser ganze Markt in Gang, und die sind ja auch nicht dumm, die Wohnungsbaugesellschaften, dann, wenn sie Geld in die Hand nehmen, dann wollen sie auch etwas tun, was für 20 Jahre gut ist, denn dazwischen wollen sie nicht wieder investieren. Und unter diesem Druck fängt langsam an der Wohnungsmarkt sich zu verändern, und da gibt es das Stichwort "universal design", und das kommt im Augenblick auf dem ganzen Wohnungsmarkt bestens an, da hören alle hin, in diese Richtung wird's gehen.

Der Soziologe Klaus Schmals berichtet, dass Wohnungsbaugesellschaften in ihren Untersuchungen festgestellt haben, dass Kinder gern in der Nähe der Eltern bleiben. Die Eltern fühlen sich sicherer, und die Kinder müssen sich ohnehin um die Eltern kümmern. Also haben sie gezielt ihre Leerstände daraufhin untersucht, wie sich - in bequemer Nähe, aber auch ausreichender Distanz - Familien zusammenführen lassen. Der Erfolg spricht für sich.

In der Zukunft wird hier das Internet eine größere Rolle spielen, zum Beispiel, indem allein lebende Senioren über eine Videobotschaft täglichen Kontakt mit der Familie oder mit einem Pflegedienst aufnehmen können.

Dienel: Wir selbst haben ja ein Verfahren entwickelt, wo Sensoren in Wohnungen älterer Menschen installiert sind, Bewegungsmelder, die einfach nur ein Signal geben "Kühlschrank geöffnet", und das wird aufbereitet durch Software, und dann den Kindern in erster Linie, die eventuell ganz woanders wohnen, zur Verfügung gestellt, so dass die auf ihrem Bildschirm sehen können, ist bei meinen Eltern grundsätzlich noch alles in Ordnung, quasi: Kommt noch rauch aus dem schornstein? Solche Verfahren werden in Zukunft zunehmen, technisch unterstützte hilfsmittel für den Kontakt zwischen Senioren und ihren Kindern auch über große Distanz.

Es klingelt. Herr Jordan öffnet. Vor ihm steht seine Weintrinkerin aus der abendlichen Eckkneipe. Sie hält einen kleinen Jungen an der Hand. Hinter den beiden stehen mehrere Möbelpacker. Herr Jordan sieht sich die Bescherung an. Er atmet tief durch. Vom Platz her wird's gehen, denkt Herr Jordan, aber er wird wohl noch eine Spielekonsole für das Kinderzimmer kaufen müssen.

Schmals: Wir werden Schritt für Schritt aus einer Angebotsgesellschaft in eine Nachfragegesellschaft hineinwachsen und diese Nachfragegesellschaft könnte in einer Demokratie und in historisch gewachsenen Städten zu sehr viel mehr Vielfalt, zu sehr viel mehr Abwechslungsreichtum führen, wie wir bisher meinen.

Feddersen: Ich wag eine Prognose: Es wird eine solche Vielfalt geben, wie wir sie uns überhaupt nicht vorstellen können, weil keiner wird sich vorschreiben lassen wollen, wie er im Alter zu leben hat, und wir alle haben ein längeres Leben hinter uns und wir haben dort ganz viele Eigenheiten entwickelt, und die wollen wir im Alter auch leben, und deswegen wird es ein wunderbares buntes bild geben.

Schmals: Und technische Entwicklungen, technische Ausstattungen in einzelnen Wohnungen werden sicher nicht der Treibriemen für diese Entwicklungen sein. Man findet sicher in den Wohnungen heute auf ganz hohem technologischen Niveau Ausstattungsstandards, aber das wird nicht der Anschub sein, sondern ich glaube, Individualisierung, die Entstehung von neuen Lebensstilgruppen in Verbindung mit Stadttypen, das wird das Neue in unseren Städten sein und das wird unsere Städte auch wieder attraktiv machen.

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