WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
22.1.2005
Bewährtes mit Zukunft: "Hinter Gittern …"
Die Zukunft der Gefängnisse
Von Peter Kiefer

Gefängnisinsasse (Bild: AP)
Gefängnisinsasse (Bild: AP)
Elektronische Fußfessel oder ein Chip unter der Haut? Wie wird sie aussehen, die Zukunft der Gefängnisse? Auf der Suche nach Antworten kommen unter anderen ein Justiz-Staatssekretär, ein Dokumentarfilmer und eine Vollzugshelferin zu Wort. Einer der Vorschläge: Auf Menschen, die sich fehl verhalten, einen etwas anderen Blick zu richten.

Das Haus würde nicht weiter auffallen. Etwas verdeckt von einem blühenden Akazienbaum liegt es am Rande von Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina. Auf dem Rasen des Vorgartens stehen Blumentöpfe, auf der schmalen Veranda ein großer Ohrensessel und eine bunte Marienstatue aus Gips. Davor, unmittelbar an der Straße, und so, dass niemand es übersehen kann, steht ein Hinweisschild. Danger heißt es da, Gefahr! Und darunter: Hier lebt ein registrierter Triebtäter. Melden Sie jedes verdächtige Verhalten.

Pranger statt Knast. In den USA ersetzen solche Shame sanctions zuweilen einen Aufenthalt im Gefängnis. Einen Täter sozial herabzuwürdigen, ihn öffentlich zum Gespött zu machen, das hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck - bei ihm selbst und gewiss auch bei denen, die ähnliche Neigungen verspüren. Nicht nur im Namen des Volkes wird gehandelt, das Volk selbst schlüpft in die Rolle des Vollstreckers.

Haben diese oder ähnliche Arten von Vergeltung, die man in Europa eher dem Mittelalter zuordnen würde, bald auch wieder eine Zukunft bei uns?

Christoph Flügge: Ach, wissen Sie, ich bin nicht besonders optimistisch, dass das, was einmal Konsens unter Demokraten war, wirklich immer hält. Das Eis ist nach meinem Dafürhalten ziemlich dünn.

Christoph Flügge, Justiz-Staatssekretär in Berlin, beruft sich aufs Grundgesetz, sagt…

Selbst der Straftäter, und sei er der übelste, hat noch eine Menschenwürde. Wir müssen also so mit ihm umgehen, wie wir von ihm ein Verhalten unsererseits erwarten.

Was aber kann man von ihm erwarten? Was ist das für ein Mensch, den wir einsperren, disziplinieren, den wir bessern und wieder in die Gesellschaft eingliedern möchten?

Die Hirnfoschung hat sich in den letzten Jahren massiv in diese Diskussion eingeschaltet und gefordert, man solle - mit möglichen Folgen für den Strafvollzug -…

… auf Menschen, die sich fehl verhalten einen etwas anderen Blick richten.

Einer der bekanntesten Vertreter dieses Forschungszweiges ist Wolf Singer. Seine These lautet: Keiner kann anders, als er ist.

Damit soll gesagt sein, dass jemand, der etwas tut, dies aus ganz bestimmten Gründen tut, dass das, was ein Gehirn als nächsten Schritt in die Wege leitet, vorgegeben ist, dass wir in eine Kette von Handlungen eingebunden sind, wobei der jeweils vorausgehende Zustand den je nächsten festlegt.

Dass wir mithin Gefangene unserer selbst sind, gezwungen, den Windungen eines Gehirns zu folgen, das uns gleichsam zum Abgrund führen kann. Ist das Verbrechen wirklich eine Schicksalstat, die unausweichliche Folge eines nicht ausreichend vorhandenen Warnsystems im Gehirn?

Filmausschnitt aus "M - Eine Stadt sucht einen Mörder": Der Peter-Lorre-Monolog: "Immer muss ich durch die Straßen gehen und immer spür ich, es ist einer hinter mir her. Das bin ich selber! Manchmal ist mir, als ob ich selbst hinter mir herliefe! Aber ich kann nicht! Kann mir nicht entkommen!"

Peter Lorre in der Rolle eines Kindermörders versucht sich vor einem Lynchtribunal zu rechtfertigen. Fritz Langs Kinostück "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" von 1931 leuchtet ins seelische Dunkel eines Getriebenen und deutet gleichzeitig auf eine Gesellschaft, die sich ihrer Angst dadurch zu entledigen versucht, dass sie kurzen Prozess machen, das Böse in ihrer Mitte einfach beseitigen will.

Ist dieses Böse, Bedrohliche, wenn es dann zur Tat schreitet, aber ein Werk des Schicksals?

Es wird immer irgendwelche Determinanten geben, die dafür verantwortlich waren, dass einer gerade etwas getan hat. Das heißt nicht, dass man alle gleich belangen müsste oder niemanden mehr belangen sollte, weil er ohnehin nicht anders konnte, als er handelte. Wenn ich durch Zufall jemanden entdecke, der schon drei Jahre hinter Gittern sitzt, weil er eine Übersprungshandlung begangen hat und jemanden totgeschlagen, einen Totalhirntumor hat, dann würde der sofort entlassen und in klinische Umgebung gebracht, weil man argumentieren würde: Ja, der konnte ja nichts dafür, bei dem waren die Bahnen ja unterbrochen, die normalerweise das Du-sollst-nicht-Töten zum Hemmungssignal machen.

Schreie eines Gefangenen

Die Schreie, die zu hören sind, stammen von einem Häftling, den Wärter gerade überwältigen und in Fesseln gelegt. Vorausgegangen ist sein Versuch, zusammen mit weiteren Gefangenen eine Matratze vor die gläserne Tür der Gemeinschaftszelle zu schieben. Häftlinge haben freilich kein Recht auf eine Intimsphäre. Die Reaktion des Wachpersonals ist dann jedes Mal die gleiche: Die Zelle wird mit einem Reizgas ausgeräuchert und die Widerspenstigen in andere Zellen verbracht.

Die Aufnahmen stammen von Überwachungskameras aus Haftanstalten in den USA. Haroun Farocki hat sie gesammelt für seinen Film "Ich glaubte Gefangene zu sehen."

Die hatten Materialien aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Kalifornien, Corcorum heißt das, auf dem Häftlinge, die sich auf dem kahlen Gefängnishof prügeln, erst mit einem Warnschuss bedacht werden, so'n Gummigeschoss, und dann wird scharf geschossen und in einigen Fällen sind die auch danach tot. Man sieht, dass, wenn zwei sich prügeln, die anderen schon in Deckung gehen, weil sie wissen, das gibt jetzt furchtbaren Ärger, das kann ganz schreckliche Folgen haben.

In zehn Jahren sterben auf diese Weise in Corcorum fünf Menschen, zahlreiche erleiden zum Teil erhebliche Verletzungen.

Farocki: Schwer zu interpretieren, wozu das eigentlich gut sein soll, also wozu soll das übertriebene Justizsystem gut sein, das in einem Land wie den USA zwei Millionen einsperrt? Die Gefängnisbevölkerung, die prison population, wächst ja in den USA kontinuierlich, während die Straftaten eigentlich abnehmen.

Vielleicht ist es eine der möglichen Konsequenzen, die man - auch im Sinne einer entwickelten Hirnforschung - ziehen kann, dass man sagt: Wir haben die, die die Ordnung brechen, in ihrem Wesen endlich erkannt. Sie sind Teil von etwas Anderem, etwas Fremdartigem.

Farocki: Die kann man abschaffen, die stören bei dem Leben, das wir führen.

Zynisch ließe sich fragen: Was unterscheidet sie noch von wilden Tieren?

Farocki: Es gibt so Hinweise, dass die Wärter auch damit gespielt haben und Leute aus rivalisierenden Gangs zusammengesperrt haben, wo's Schlägereien geben musste.

Der Blick von den Wachtürmen ist dann der auf einen Menschenzoo.

Singer: Tiere genauso wie Menschen haben die natürliche Tendenz im Wettkampf ums Überleben den Gegner auszutricksen, zu schwindeln, zu lügen, sich Vorteile zu verschaffen auf nicht ganz lauterem Weg. Wir versuchen diesem offenbar angeborenen Trend entgegenzuwirken, indem wir solches Verhalten sanktionieren und durch Erziehung versuchen, unwahrscheinlich zu machen.

Ist demnach das Verhalten der Wärter die Rache der Zivilisation an denen, die ihr nicht folgen können, nicht folgen wollen? Sollten Strafen also künftig diesen kindlichen Lustfaktor berücksichtigen: auf jemanden mit dem Finger zeigen, ihn zu einem Spielball machen? Erziehungsarbeit ist gewiss das beschwerlichere Geschäft, zumal der Erfolg höchst ungewiss ist.

Anja Pech: Die Wirklichkeit sieht so aus, dass die Inhaftierten in einer Subkultur leben, die geprägt ist von Drogen und Gewalt. Und eine Subkultur hat ja auch eine Versorgungsstruktur. Und die Menschen aus einer Subkultur in das wirkliche Leben mit regulärer Arbeit heranzuführen, das ist eine ganz schwere Aufgabe.

Anja Pech arbeitet als ehrenamtliche Vollzugshelferin.

Jesus hat noch am Kreuz gesagt zu einem Verbrecher, der neben ihm hing: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Wer aus christlichen oder anderen Motiven heraus einen Straftäter für die Gemeinschaft nicht verloren geben will, für den ist es jedenfalls ein weiter und beschwerlicher Weg zum Paradies.

Pech: Man muss mit Frustrationen dahingehend leben, dass die besten Freunde sagen: Wir verstehen deine Arbeit, aber wir möchten uns nur in gewissem Rahmen oder gar nicht daran beteiligen. Ich muss auch damit umgehen und sagen: Das akzeptier ich, das lass ich stehn. Ich hab durchaus Verständnis, wenn bei euch eingebrochen wurde und ihr sagt, ihr möchtet nichts mit Straftätern zu tun haben. Bei mir ist auch eingebrochen worden und ich hab das dann dahingehend verarbeitet, dass ich mich mit Straftätern beschäftige.

Aber es dreht sich gar nicht um diejenigen, die von einer Straftat betroffen sind oder fürchten davon betroffen zu werden. Haroun Farocki meint, es gehe nicht einmal in erster Linie um die Straftäter selbst.

Farocki: Eine Gesellschaft, die so arbeitsteilig ist wie unsere, wo wir unsere Kinder fremdversorgen lassen müssen, unsre Alten abschieben und so weiter - natürlich schieben wir die Häftlinge auch ab.

Heißt: Wir schließen sie weg - oder täten es, wenn eine breite öffentliche Meinungsfront sich durchsetzen würde.

Natürlich ist das sehr populär.

…sagt Christoph Flügge, der Politiker.

Und alles, was populär ist, ist auch etwas, was Politiker dann gerne aufgreifen, wenn sie sich nicht zu sehr mit der Sache beschäftigen wollen. Das ist immer eine Gefährdung für den Strafvollzug und übrigens auch für die Sicherheit der Bevölkerung. Denn nichts ist schlimmer, als nur wegzusperren, nur wegzuschließen und anschließend dann doch irgendwann nach Ende einer Strafe einen Menschen unvorbereitet in die Freiheit zu entlassen, weil er dann für die Bevölkerung viel gefährlicher ist, als wenn man während seiner Haftzeit sich mit ihm beschäftigt hat, Behandlungsmaßnahmen versucht hat und ihn doch auf ein einigermaßen straffreies Leben nach der Haftentlassung vorbereitet.

Pech: Ja, ich wünsch mir für die Zukunft für den Jugendstrafvollzug, dass mehr Sportvereine, mehr Freizeitangebote in das Gefängnis hineingebracht werden, dass die Jugendlichen sozusagen abgeholt werden, dass sie feste Bezugspersonen erhalten, die sie auch noch haben, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen sind.

Was Anja Pech sich vorstellt, ist …

… mehr so die Idee eines Trainingscamps. Also man kann von einem Jugendlichen im Alter von 18 Jahren durchaus verlangen, dass er um fünf Uhr aufsteht und einen 800-Meter-Lauf macht.

Und damit schon auf dem Weg zu einer Resozialisierung ist?

Flügge: Wo schlicht nur angepasstes Verhalten gefordert wird: Ich glaube, das hält genau bis zum Tag der Entlassung, und dann ist es auch wieder vorbei, weil der äußere Druck wegfällt.

Pech: Die Jugendlichen sagen: Ich hab einen strukturierten Tag, den will ich draußen fortsetzen.

Flügge: Zeigen Sie mir ein System auf der Welt, das mit Drill, mit massivem Anpassungsdruck die Kriminalität in der Gesellschaft reduziert hätte.

Bestrafen und gleichzeitig bessern, zeigen …

Flügge: … dass es sich auch lohnt, sich anzustrengen …

- das Beispiel morgendlicher 800-Meter-Lauf beweist, wie rasch sich die Diskussion ins Grundsätzliche bewegen kann. In gleichem Sinne ließe sich festhalten, dass ein Gefängnis keine Sozialstation und dass derjenige, der zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, auch Teil einer Abschreckungsmaßnahme ist.

Flügge: Das sagen übrigens alle …

… meint Christoph Flügge …

… alle die, die noch nie damit Kontakt hatten. Denn in dem Moment, wo ein eigener Familienangehöriger in so eine Situation kommt, dann wird diese Position radikal geändert, dann ist es ein einziger Folterkeller und eine unmenschliche Institution, gegen die man sich wehren muss.

Pech: Also ich gehe hin zu dem Inhaftierten - der Wunsch ging von ihm aus, er möchte einen Vollzugshelfer, eine Vollzugshelferin - und man merkt, er hat ganz andere Vorstellungen, wie das Leben eigentlich ist. Er ist vielleicht schon vor der Wende inhaftiert worden, er hat den Euro überhaupt nicht erlebt, und ich komme und bringe meine Vorstellung des Lebens an ihn heran.

Der Straf- hat sich zu einem Behandlungsvollzug entwickelt.

Pech: Es gibt ein professionelles System im Gefängnis bestehend aus Vollzugsbediensteten, Sozialarbeitern und Psychologen, was es früher nicht gab. Aber wichtiger - in den Gesprächen ist mir das klar geworden -für die Inhaftierten sind ehrliche Menschen, die ihnen die Wahrheit sagen, sie regelmäßig besuchen, und das ist wirklich eine Investition. Die schnellen Erfolge, die gibt's nicht im Strafvollzug.

Farocki: Dieser so genannte Fortschritt, der in jeder Produktionsbranche existiert, dass also jedes Jahr etwas schneller, besser, effizienter oder weiter gehend gemacht werden kann, das ist natürlich beim Strafen nicht gegeben. Das macht die Gesellschaft ärgerlich, ratlos und so ähnlich wie man glaubt, dass die Schüler alle Computer haben müssen, glaubt man eben, dass, wenn man technische Mittel benutzt, überhaupt ein Feld hat, in das man investieren kann, dass man damit etwas erreicht.

Flügge: Die Sicherheitstechnik in unserer Gesellschaft boomt. Man sieht es überall, es ist auch attraktiv und man meint, damit die Kriminalität und das Böse im Menschen bekämpfen zu können.

Im Menschen vielleicht nicht, aber man hat das Böse immerhin schärfer unter Kontrolle.

5000 der aktivsten Gesetzesbrecher in Großbritannien werden nach einem Plan der dortigen Regierung künftig per Satellit überwacht werden, lückenlos. Eine solche Technologie ist bereits in mehreren Bundesstaaten der USA im Einsatz und soll nun die gestiegene Verbrechensrate im Vereinigten Königreich senken helfen. Freilich könnten bald auch Bagatelltäter ins Visier eines Großen Bruders geraten. Indem man ihnen eine elektronische Fußfessel verpasst, glaubt man ein weiteres Rezept gefunden zu haben, die überfüllten Gefängnisse zu entlasten.

Ist dies nicht auch ein Sicherheitsmodell für andere europäische Staaten?

Flügge: Mit Sicherheit nicht. Denn davon bin ich überzeugt: Technik bessert den Menschen nicht, außer dass man vielleicht hier oder da diszipliniert wird. Aus eigenem Antrieb pünktlich zur Arbeit zu gehen, morgens früh aufzustehen und Ähnliches mehr, das lernt man nur, wenn man ein Anreizsystem hat, und das ist auf alle Fälle möglich, ohne dass wir eine technische Überwachung dafür brauchen.

In Hessen, Hamburg und Baden-Württemberg hat man das anders gesehen und vor Jahren erste Modellversuche mit der Fußfessel gestartet.

Einen Täter zu Hause "wie einen Tiger im Käfig" zu halten, stößt allerdings in der Mehrheit auf Ablehnung. Es führe letztlich nur zu Aggressionen gegenüber Ehefrauen und Kindern. Besser also einen klaren Schnitt machen.

Zurückhaltung ist auch angesichts finanzieller Investitionen geboten: Wenn diese Technologie einmal vorhanden ist, dürfte es nämlich schwierig sein, sie wieder los zu werden. Dies kann man wörtlich verstehen.

Im Oktober 2000 präsentiert der US-amerikanische Hersteller ADS einen so genannten "digitalen Engel", von dem sein Chefkonstrukteur behauptet, er werde einmal so populär sein wie ein Handy oder eine Schutzimpfung, er sei ein Hybrid aus elektronischer Intelligenz und - wörtlich - "deiner Seele".

Dieser digital angel ist ein Mikrochip. Er funktioniert nicht nur wie die Fußfessel innerhalb einer begrenzten Reichweite, sondern weltweit und auf den Meter genau.

Und - a propos Schutzimpfung: Der Chip wird in einen Körperteil implantiert. Er eignet sich beispielsweise dazu, verloren gegangene Kinder oder Tiere aufzufinden. Potenzielle beziehungsweise verurteilte Straftäter natürlich auch. Um ihren Beobachtern zu entgehen, müssten sie sich ihren "Engel" regelrecht aus dem Fleisch schneiden. Gefängnis geht also regelrecht unter die Haut.

Farocki: Das ist natürlich das viel avanciertere und aus der Logik der sonstigen technischen Entwicklung das viel bessere Verfahren. Es ist aber nicht gesagt, dass sich dieses Verfahren durchsetzen muss. Das Bestrafen hat ja viel mehr mit der Ideologie einer Gesellschaft, ihrem eigenen Begriff zu tun als mit Rationalität.

Gesetzt nun den Fall, dass technologische Kunststücke à la digital angel sich trotzdem weiter durchsetzen - und es gibt bereits Folgemodelle -, könnte der herkömmliche Begriff des Strafens immerhin aufgeweicht, die sichtbare Grenze zwischen Gut und Böse allmählich verwischt werden. Nur dass es eben Freie und Unfreie gäbe. Wird der soziale Raum zu einem potenziellen Gefängnis oder - umgekehrt - das Gefängnis mit dem Einsatz der Technik sozial?

Farocki: Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Man versucht doch im Augenblick nicht einzusperren, sondern auszusperren.

In den USA, wo Haroun Farocki mit der Kamera unterwegs war, werden Gefängnisse in gewisser Weise zu Raumstationen …

Farocki: … liegen überhaupt nicht mehr innerhalb der Zivilisation, liegen in Wüsten, in Gebieten, die sich darum reißen, weil sie damit sichere Arbeitsplätze bekommen.

Die Angehörigen müssen größere Tagesfahrten unternehmen, um zu den Gefangenen zu gelangen.

Farocki: Man fängt schon an, Videostationen aufzubauen, wo (die Frauen) nur noch über Video mit ihren Männern im Gefängnis kommunizieren. Womit sich auch vieles ändert. Dieses berühmte Bild des Gefängnisbesuches, wo man die Hände halten kann, wo man durch eine Glasscheibe getrennt ist, und all diese Bilder gehören wahrscheinlich bald der Vergangenheit an.

Flügge: Ein Gefängnis, das nur noch über Monitore und Kameras läuft, kann ich mir nicht vorstellen.

… wendet der Rechtspolitiker ein.

Flügge: Da möchte ich auch keine Verantwortung mehr für einen solchen Bereich tragen. Soziale Sicherheit geht nur herzustellen über sozialen menschlichen Kontakt. Dazu gehören auch Berührungen.

Die häufig als besonders zukunftsoffen dargestellten Modellknäste mit ihren familienfreundlichen Zonen und den in diesem Zusammenhang so oft genannten "Sex-Zellen" sind in etlichen Bundesländern bereits zur Norm geworden. Also vielleicht nicht bei der sinnlichen, dafür jedoch bei der sozialen Berührung tritt etwas zu Tage, was auf das Verständnis des Strafvollzugs nachhaltig abfärbt.

Farocki: Dass man sagt: Wie es sonst in der Welt zugeht, das ist ja bedauerlich und so weiter, aber hier soll es nicht so sein.

Hier, in meiner gutbürgerlichen Welt, meinem sauberen Stadtteil. Die Ausgrenzung der Strafgefangenen ist gewissermaßen ein Nebenprodukt jener Ausgrenzung, die ein Teil unserer sozialen Wirklichkeit geworden ist. Und wenn der eine sagt …

Flügge: Das Gefängnis ist ein Teil unserer Gesellschaft und darf auch nicht aus unserem Blick, aus der Erinnerung verschwinden.

… dann könnte ein anderer behaupten, dass diese Erinnerung eher als Parodie wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückt.

Farocki: Der eine Aspekt ist natürlich auch, dass das Gefängnis ein attraktiver Ort ist, daher gibt es ja auch sicher bald die Gefängnisshows, die es ja im Ausland schon gibt, "Superstar" im Gefängnis. Vielleicht gelingt das hier nicht so gleich, vielleicht müsste dann der entsprechende Sender noch das entsprechende Land finden, vielleicht Mallorca, wo die Mallorca-Deutschen einsitzen.

Sobald aber die lustigen Knastbrüder wieder hinter den Gefängnismauern verschwinden, sind es andere, die sich an sie erinnern. Kleinunternehmer zum Beispiel. Paragraf 41 des Strafvollzugsgesetzes bestimmt, dass Häftlinge, auch jugendliche Untersuchungshäftlinge, zur Arbeit verpflichtet sind. Sie tun es für Tageslöhne, die sich zwischen 4 Euro 35 und 13 Euro 04 bewegen.

Dass ein Kinderschänder dann Teddybären, ein Einbrecher Küchenschürzen produziert, wird den späteren Käufern gegenüber mit Bedacht verschwiegen.

Preisgünstige Produktionen im Gefängnis sind eine andere Art von Schattenwirtschaft, die in Ländern wie Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Bayern jeweils ein Volumen von zirka 25 Millionen Euro erreichen …

… und in Zeiten des Billiglohnprinzips sogar im Trend liegen. Über den im Gesetz veranschlagten therapeutischen Nutzen dieser Arbeit mag man freilich streiten. Weniger hingegen über den Satz …

Flügge: Alles, was nicht im Gefängnis stattfinden muss, ist eigentlich besser.

Tatsächlich endet nur ein kleiner Bruchteil, nämlich weit unter zehn Prozent der strafrechtlich verhandelten Fälle, mit einem Gefängnisurteil. Wenn aber doch, dann ist jemand …

Flügge: … nicht zu Hunger, nicht zur Isolation, nicht zu schlechten Lebensbedingungen, zu Kälte oder so verurteilt, sondern zu einem Leben, das nur eine Einschränkung hat: Die Freiheit ist entzogen.

Könnte, was dann wieder für die Freiheit zurück gewonnen werden soll, nicht auch eine Herausforderung sein für die Hirnforschung?

Singer (lacht): Da möchte ich mich nicht festlegen wollen. Es gab eine sehr unglücksselige Zeit in der Psychochirurgie, wo man versucht hat, durch Eingriffe ins Gehirn Zwangsneurosen zu behandeln oder die Triebstruktur von Sexualstraftätern zu verändern, das sind aber alles irreversible Eingriffe gewesen, die ethisch außerordentlich problematisch sind und die deshalb auch weltweit geächtet sind.

Die aus der Science-Fiction-Literatur bekannten Bilder einer disziplinierten Gesellschaft ohne Verbrechen, ohne Gefängnisse üben auf Wolf Singer daher keinen besonderen Reiz aus.

Singer: Warum wollen Sie da die Neurobiologie bemühen? Das Programmieren von Gehirnen ist viel einfacher, indem man die Massenmedien einsetzt, Menschen zu Handlungen zu bringen über Argumente, über Motivation, was ja nix anderes ist als die Umprogrammierung von Hirnfunktionen. Denn die Argumente werden ja im Gehirn gespeichert und werden dann zum Belohnungssystem, und da tun Menschen etwas, wovon sie Jahre vorher nie geträumt hätten.



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