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Samstag • 19:05
29.1.2005
Einstein und die Kultur der Moderne
Von der Internationalen Einstein-Konferenz in Berlin
Von Anselm Weidner

Albert Einstein schreibt am 14. Januar 1931 eine Gleichung für die Dichte der Milchstraße an eine Tafel des Carnegie-Instituts in kalifornischen Pasadena (Bild: AP)
Albert Einstein schreibt am 14. Januar 1931 eine Gleichung für die Dichte der Milchstraße an eine Tafel des Carnegie-Instituts in kalifornischen Pasadena (Bild: AP)
Wo ich geh und wo ich steh
Stets ein Bild ich von mir seh
Auf dem Schreibtisch an der Wand
Um den Hals am schwarzen Band.
Männlein, Weiblein wundersam
Holen sich ein Autogramm,
Jeder muss ein Kritzel haben…


Woher kommt es, dass mich niemand versteht und jeder mag?

"Einstein und die Kultur der Moderne" sind das nicht die vielfältigen Versuche der Adaption Einsteinscher Theorie über Raumzeit und Gleichzeitigkeit in Musik, bildender Kunst, Literatur und Architektur: Picassos in diesem Zusammenhang viel zitierten Desmoiselles d'Avignon oder der Kubismus insgesamt, mit seinen unterschiedlichen Ansichten ein und desselben Objekt von verschiedenen Perspektiven oder Duchamps 'Nude descending a staircase', das die einzelnen Phasen der Körperbewegung wie in slow motion abbildet, die kinetischen Plastiken des russischen Bauhauskünstlers Naom Gabo's, lauter Einsteinkunst? Die Beispiele der Thematisierung der durch Einstein grundlegend veränderten Vorstellungen von Zeit und Raum von Thomas Manns 'Zauberberg' bis zu Phil Glas und Robert Wilsons Oper 'Einstein in the beach' sind Legion, aber, so die These der amerikanischen Kunsthistorikerin Linda Dalrymple Henderson - sie gilt als die Kennerin des Verhältnisses von Kunst und Wissenschaft in der Moderne:

Moderne Kunst antwortet im Grunde nicht auf das Einsteinjahrhundert. Sie weiß eigentlich nichts davon, existiert nur zur gleichen Zeit. Vielmehr wurden Einstein und die moderne Kunst gleichermaßen von denselben Fragen umgetrieben, die alle denkenden Individuen der städtischen Moderne bewegten, nämlich denen nach der Stabilität der Wahrnehmung der körperlichen Welt innerhalb der Zeit.

Auch in der Literatur vor allem des frühen 20. Jahrhunderts, in Musils 'Mann ohne Eigenschaften' oder James Joyce 'Ulysses' ist Zeit ein zentrales Thema. Aber all diese Werke der Kunst und Literatur kommen über Analogien zu Einstein nicht hinaus. Es gäb' sie auch ohne die Einsteinsche Revolution. Deren eigentliche kulturelle Dimension erklärt sich aus Einstein selbst, wie er gedacht und Wissenschaft betrieben hat.

Das Wunderjahr 1905: der Absolvent der Eidgenössischen Technischen Hochschule zu Zürich und kleine Berner Patentamtsangestellte Albert Einstein schickt als 26-Jähriger den 'Annalen der Physik', der damals bedeutendsten physikalischen Zeitschrift aus der damaligen Welthauptstadt der naturwissenschaftlichen Forschung Berlin, fünf kurze Schriften. Sie stellen das herkömmliche Weltbild der Physik auf den Kopf. Die Grundkategorien der Physik Raum und Zeit, Materie, Strahlung, Wellen, Masse Teilchen und Energie, alle sind sie von diesem Durchbruch betroffen. Heute, 100 Jahre nach dem 'annus mirabilis' und 50 Jahre nach Albert Einsteins Tod tritt an die Stelle der üblichen Stilisierungen des Pop-Idols allmählich ein differenzierteres Bild.

Einstein war nicht der Einspänner, der einsame Gelehrte schlurft durch den Garten und denkt vor sich hin, das gibt ein falsches Bild von den Bedingungen, unter denen sich seine Kreativität in den Jugendjahren entfaltet hat und auch in den Berliner Jahren, als er dann nach Berlin berufen wurde. Einstein hat sehr gerne überlegt in einem offenen Gespräch mit Freunden, die ebenso rebellisch und querdenkerisch an die Dinge herangegangen sind wir er. Er hat sein Leben lang eine sehr enge intellektuelle und freundschaftliche Beziehung zu Michele Besso unterhalten, der ein im Grunde gescheiterter Ingenieur und wissenschaftlich sozusagen nicht ernst zu nehmender Mensch ist. Aber mit dem hat er über sein ganzes Leben lang einen wissenschaftlichen Austausch gepflegt.

Von wegen Einstein das einsame Genie, der grandiose Einzelne. Wer diese wissenschaftliche Revolution nachvollziehen will, so Jürgen Renn, Physiker und Direktor des Max-Planck-Forschungsinstituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin muss sich die Entstehungsbedingungen aus dem damaligen Wissen und wie Einstein und seine Freunde damit umgegangen sind, vergegenwärtigen. Hier, so der Berliner Wissenschaftler, liege der Schlüssel für Einsteins Beitrag zur Kultur der Moderne und die eigentliche Herausforderung gerade heute.

Zusammen mit den Brüdern Habicht gründete Albert Einstein 1902 die 'Akademie Olympia', zu der später auch Michele Besso stieß, ein Denkkollektiv, eine Alternative zum steifen akademischen Betrieb, den Einstein zeitlebens verabscheute. Man las und diskutierte bei den geselligen Treffen Spinoza und Hume, Mach und Poincaré, naturwissenschaftliche, philosophische und populärwissenschaftliche Werke. Letztere waren für das, was Jürgen Renn Einsteins Überblicks- oder Orientierungswissen nennt, von entscheidender Bedeutung, besonders durch sie wurde der fruchtbare Boden bereitet für die Einsteinschen Revolutionen:

In der Populärwissenschaft hat diese Tradition, die ja aus der Romantik kommt, nochmal die Teile zu einem Gesamten zusammenzufügen, da hat die überlebt, auf eine dem Stand des Wissens nicht mehr angemessenen Weise, aber doch gut genug, dass ein junger Mensch wie Einstein dann später Dinge zusammenbringen konnte, die in den Fachdisziplinen ausgeblendet waren, also die Revolution von 1905, die ja scheinbar disparate Gebiete der Physik betrifft von der Wärmestrahlung bis zur Relativitätstheorie bis zur Brownschen Bewegung. Aber wenn man dann zurückschaut, was Einstein gelesen hat, da spielte in seiner frühen Lektüre das alles schon, also Stichwort Atomismus, ein Rolle. Und Begriff wie Atome, Äther, die haben damals gedient, nicht mehr als Teile eines geschlossenen philosophischen Systems, sondern im Sinne eines Orientierungswissens. Für Einstein waren solche Begriffe Vehikel, mit denen er durch die Spezialgebiete gegangen ist und versucht hat, Wissenselemente miteinander zu verbinden, sei es um solche Begriffe wie den Äther aus der Physik rauszuschmeißen, sei es um Begriffe wie die Atome zu nichtklassischen Begriffe zu transformieren, die dann solche Vernetzungsleistungen vollbringen, wie die Tatsache, dass man Licht als ne Teilchenstruktur auffassen kann als auch die Materie aus Atomen aufgebaut.

Die Einsteinsche Revolution und damit das naturwissenschaftliche Weltbild der Kultur der Moderne beginnen mit einer Bohemien-Akademie und deren Präsident, der sich 'Albertus Ritter von Steißbein' nannte. Aufgrund ihres Wissensuniversums und des freien unakademischen Umgangs damit, war Einstein imstande, die Grenzen des damaligen Wissens und seine Widersprüchlichkeit zu erkennen und es dann neu zu integrieren. Dabei spielten politische Einstellungen als Teil der Wissenschaftsdebatte eine Rolle, wie Wissenschaftsgeschichtler Jürgen Renn herausgefunden hat:

Diese populärwissenschaftliche Literatur, insbesondere Bernsteins Volksbücher, die haben selber eine politische Vorgeschichte. Die politische Vorgeschichte ist die Revolution von 1848. Die Autoren haben sich zunächst einmal als Revolutionäre betätigt, haben Hoffnungen auf den Fortschritt der Zivilgesellschaft gesetzt, auf die Einkehr von Demokratie und konstitutionellen Gesellschaften und sind dann natürlich bitter enttäuscht worden und haben dann ihre Hoffnungen verlagert auf das Moment der Aufklärung und insbesondere auch der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Und deshalb sind ihre Texte, und das gilt besonders für Bernstein, aufgeladen mit politischem Gehalt

Aber, was die Alternativakademiker der Akademie Olympia bei den Aufklärern aus der bürgerlichen Revolution da über die Bedingungen für den Fortschritt von Wissenschaft lasen, das waren keine leblose Predigten, sie wurden als notwendiger Teil des Erkenntnisabenteuers Wissenschaft vermittelt und hinterließen tiefe Spuren, als Teil des Einstein'schen Orientierungswissen lieferte; da wurde Existenzielles vermittelt, ein umfassendes wissenschaftliches Weltbild in bester aufklärerischer Tradition.

Sie haben den Einstein fasziniert, weil sie die Anstrengung unternommen haben, noch ein Weltbild zu vermitteln, Inhalte zu vermitteln. Ein junge aufgeschlossenen Menschen wie Einstein an die Geheimnisse der Natur so heranzuführen, dass man das Gefühl hatte, da kann ich selber noch was finden, da kann ich einsteigen, da will ich mitmachen und gleichzeitig, dieses Abenteuer steht unter bestimmten Bedingungen, dazu gehört Internationalität, dazu gehört Offenheit und auch die Hoffnung, dass man aus solcher wissenschaftliche Lebensorientierung gewinnt.

Einstein selbst:

Ich bekenne mich zum Ideal der Demokratie, trotzdem wir die Nachteile der demokratischen Staatsform wohlbekannt sind. Sozialer Ausgleich und wirtschaftlicher Schutz des Individuums erschienen mir stets als wichtige Ziele der staatlichen Gemeinschaft.

Aus 'Mein Glaubensbekenntnis', aufgenommen am 10. November 1930 für die Deutsche Liga für Menschenrechte.

Ich achte stets das Individuum und hege eine unüberwindliche Abneigung gegen Gewalt und Vereinsmeierei. Aus allen diesen Motiven bin ich leidenschaftlicher Pazifist und Antimilitarist, lehne jeden Nationalismus ab, auch wenn er sich nur als Patriotismus gebärdet.

Einstein ein Alt-48er, einer der in seiner freien Art zu denken, seinem Respekt vor dem Individuum, engagierter Wissenschaftler, Weltbürger und Demokrat, demokratisches Urgestein in einer Zeit ist, da Hurrapatriotismus, imperiales Säbelrasseln und rassistisches Ressentiment längst auf den Sonderweg der verspäteten Nation geführt hatten. Wer über Einstein und die Kultur der Moderne nachdenkt, kann über die Barbarei des deutschen Sonderwegs, geboren aus dem tiefem Affekt gegen die Moderne, nicht schweigen.

Unglaubliches hat nun Europa in seinem Wahn begonnen. In solcher Zeit sieht man, welch trauriger Viehgattung man angehört. Ich döse ruhig hin in meinen friedlichen Grübeleien und empfinde nichts als eine Mischung von Mitleid und Abscheu.

Einstein in einem Brief an seinen Kollegen und Freund Paul Ehrenfest am 19.August 1914, knapp drei Wochen nach dem von Deutschland begonnenen 1. Weltkrieg. Der 36-jährige Einstein forscht seit fünf Monaten in Berlin. Mit Grauen wendet er sich von seinen wissenschaftlichen Kollegen ab, die mit ihrem 'Aufruf an die Kulturwelt' zu Beginn des 1. Weltkriegs nationalistischen Taumel und kriegslüsternen Imperialismus unterstützen, - die intellektuelle deutsche Elite von Max Planck bis Thomas Mann.
Es ist kein Werk der Kultur, das nicht zugleich Barbarei provozierte, könnte man in Abwandlung eines Dictums von Walter Benjamin über die 18 Jahre Einsteins in Deutschland setzen.

1919 musste General Hindenburg als Zeuge aussagen, warum Deutschland den Krieg verloren hat. Er gab eine Antwort, die noch für Jahrzehnte nachhallte: Deutschlands tapferen Soldaten wurden verraten, von hinten erdolcht durch Kommunisten, Juden und Frauen. Und 1920 schrieb der deutsche Botschafter in London vertraulich an sein Ministerium: Professor Einstein ist im Augenblick für Deutschland ein kultureller Faktor erster Güte. Wir sollten so einen Mann deshalb nicht aus Deutschland vertreiben, mit dem wir unsere Kulturpropaganda hervorragend weiter betreiben können.

Gerald Holton, Harvard Physik- und Wissenschaftsgeschichtsprofessor erinnerte in seinem auf der Internationalen Einsteinkonferenz letzte Woche in Berlin gehaltenen Vortag 'Who was Einstein? Why is he still so alive?' an die verhängnisvolle Dolchstoßlegende. Und keine 20 Jahre später, der deutschen Vernichtung entronnen, gerät Einstein in den USA in Verdacht, Kommunist zu sein. Das FBI legte ein 1500-Seiten-Dossier mit den absurdesten Unterstellungen über ihn an - auch das ein Aspekt der Dialektik der Moderne, der Aufklärung, der sich Einstein so sehr verpflichtet wusste. Einstein in einem Brief vom 6. Januar 1951:

Nachdem es mit so schweren Opfern gelungen ist, die Deutschen unterzukriegen, haben nun meine lieben Amerikaner temperamentvoll deren Erbe angetreten. Es ist dasselbe Bild wie damals in Deutschland; die Menschen fallen um wie die Fliegen.

Aber alle Rückfälle in die Barbarei haben Einstein nur umso mehr herausgefordert, seinem Glaubensbekenntnis zu folgen.

Zu den Menschen zu gehören, die ihre besten Kräfte der Betrachtung und Erforschung objektiver, nicht zeitgebundener Dinge widmen dürfen und können, bedeutet eine besondere Gnade.... die weitgehend vom persönlichen Schicksal und vom Verhalten der Nebenmenschen unabhängig macht. Aber diese Unabhängigkeit darf uns nicht blind machen gegen die Erkenntnis der Pflichten, die uns unaufhörlich an die frühere, gegenwärtige und zukünftige Menschheit bindet.

Aus aufklärerischer Überzeugung hat Einstein den Zusammenhang von Freiheit und Bindung, sprich Verantwortung in der Wissenschaft immer ernst genommen und vorgelebt, entschieden und in praktischer Solidarität mit den Bedrängten. Damit Wissenschaft in die Tiefe dringen kann, muss sie frei, überpersönlich sein, damit sie frei sein kann, muss sie Verantwortung übernehmen, sonst wäre sie nur blinde, instrumentelle Vernunft! Da gilt es angesichts des heutigen Wissenschafts-Betriebs viel von Einstein zu lernen, mahnte der Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in seinem Vortrag 'Von Einstein lernen - Innovation in der Wissenschaft' auf der Internationalen Einsteinkonferenz:

Auch in methodischer Hinsicht steht sein Werk für die Befreiung von methodischen Zwängen ebenso wie verborgenen Innovationspotentialen, die in einer solchen Befreiung liegen. Heute haben Reflexionsdefizite der Wissenschaft ein gefährliches Vakuum von Skepsis und Ignoranz hinterlassen, das nur gefüllt werden kann, wenn die Wissenschaft bereit ist, neue Brücken über die von der Spezialisierung gesetzten Grenzen zu schlagen und verstärkt zur Lebensorientierung beizutragen. Die heutigen Herausforderungen betreffen allerdings nicht mehr nur das lokale Schicksal von Stadtstaaten oder Nationen sondern unsere Zivilisation als Ganze, wie die Klimaentwicklung, die Ernährungsfrage, die Bedrohung durch globale Epidemien oder Naturkatastrophen.

Das Einsteinsche Erbe annehmen heißt beides, innerwissenschaftliche Erkenntnisbarrieren überwinden, dazu müsse Wissenschaft verstärkt wieder selber, wie Einstein, über Wissenschaft nachdenken und globale Verantwortung übernehmen, das wäre die Einlösung des Einsteinschen Vermächtnisses. Yehuda Elkana, Physiker, Wissenschaftsgeschichtler und Rektor der Zentraleuropäischen Universität in Budapest, übersetzte das zur Eröffnung des Einsteinjahres letzte Woche im Deutschen Historischen Museum Berlin in einen Fünf-Punkte-Katalog für die Renaissance einer wissenschaftlichen Moderne heute:

Der erste Punkt: schaffen wir Möglichkeiten der Phantasie in allen Lebensbereichen freien Lauf zu lassen, aber halten wir das Ergebnis unter der Kontrolle der Erfahrung. Zweite Punkt: machen wir uns die Idee des engagierten Wissenschaftlers, des caring scientist zu eigen, um den Anachronismus einer wertfreien Wissenschaft zu überwinden. Dritter Punkt: Es führt kein Weg zu Innovation oder Kreativität ohne Wissen in Zusammenhänge zu stellen. Wissenschaftliches Arbeiten und nachdenken über Wissenschaft sind dein- und dieselbe Tätigkeiten. Vierter Punkt: Universitäten und Forschungsinstitutionen müssen mehr Ressourcen erhalten, aber sie haben selbst die Aufgabe, ihre Administration zu entbürokratisieren und ein antihierarchisches intellektuelles Klima zu entwickeln. Es zählt, was gesagt wird und nicht wer es sagt. Und fünftens, dieses Jahr Albert Einstein zu widmen heißt zugleich zu einer kritischen Haltung gegenüber Wissenschaft, Gesellschaft, Kultur und v.a. gegenüber Krieg zu ermutigen. Eine frei ausgreifende Phantasie, begleitet von Reflexion, gestützt auf die Überzeugungskraft eines kritischen Geistes wird der Nährboden sein, auf dem Liebe zur Wissenschaft, Technologie, Innovation unter den Menschen und besonders der Jugend wachsen kann.

Der Rede war, ganz im Sinne des von Einstein verkörperten Typus des engagierten Wissenschaftlers, eine warnende Bemerkung zur aktuellen politischen Situation über einen neuen Sonderweg vorausgegangen.

Heute gibt es einen ähnlichen Sonderweg, der unglaublich gefährlich ist. Und dieser Sonderweg kommt von den neokonservativen Kräften, die lehren und wieder und wieder sagen, wir brauchen keine Tatsachen, wir schaffen Realität. Das gilt für den Irak-Krieg; das gilt für manche Sachen, die noch kommen können, und ich finde da ist eine unglaubliche Gefahr, die zu einer menschlichen Tragöde werden kann.

Auch ein Resultat der in den letzten Jahrzehnten verstärkt zu beobachtenden Schwächung der Demokratien weltweit. Dazu könnte Einsteins Physik beigetragen haben, eine These, die der Politologe Yaron Ezrahi aus Tel Aviv auf der Internationalen Einstein-Konferenz vortrug.

Newtonsche Physik, die experimentelle Wissenschaft war für Demokraten wie Benjamin Franklin, Condorcet, Thomas Jefferson und andere ein Eckpfeiler der Demokratie. Dahinter stand die Vorstellung, dass das gesamte Wissen der Welt grundsätzlich für jedermann zugänglich und überprüfbar ist. Und darum könnten, nach dieser Annahme, die Bürger einer Demokratie nicht so leicht getäuscht werden. Und die damalige Physik war ein wesentlicher Beitrag zu der Überzeugung, dass sinnliche Erfahrung und Wirklichkeit übereinstimmen, also auch übertragen auf die soziale Welt, dass die sinnliche Erfahrung objektiv ist. Die Einsteinsche Physik und was folgte in der Quantenphysik und darüber hinaus, entzieht wissenschaftliches Wissen der alltäglichen Erfahrung. Ich glaube es gibt heute keinen Physiker mehr, der noch behaupten könnte, dass das Wissen der physikalischen Welt wie vor 200 Jahren ein der Öffentlichkeit zugängliches Wissen sei. Mann kann also sagen: Einstein hat, ohne es zu beabsichtigen, ein wesentliches Fundament demokratischer Politik untergraben durch die Abkoppelung der Physik von der Erfahrung und damit von demokratischer Politik.

So sehr bezweifelt werden kann, dass der scheinbar sichere Grund der Naturwissenschaft oder Wissenschaft überhaupt jemals viel zur Legitimation von Demokratie beigetragen hat, mit der Relativitätstheorie verliert die Physik fundamental an der Anschaulichkeit, die die Menschen bis dahin gewohnt waren. Aber, betont der israelische Politologe, es gibt auch eine beachtliche positive Wirkung von Einstein für das öffentliche Bewusstsein in freiheitlichen Gesellschaften:

Indirekt hat Einstein einen großen Beitrag zur liberalen Demokratie geleistet: Einstein hat als Einzelner 26-jähriger das Bild des Universums so verändert, dass dadurch die alte Newton'sche Vorstellungen vollkommen über den Haufen geworfen wurden - eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, welche Macht ein einzelner Geist haben kann. Und das beweist, dass der Einzelne Recht haben kann, während die übrige Menschheit im Unrecht ist. In unserer Zeit der Massenkultur und der Massendemokratie ist das letztlich ein äußerst wichtiger Beitrag Einsteins zu Demokratie.

Einstein und die Kultur der Moderne: Einstein spielte, so Leon Botstein, ein New Yorker Musikologe auf der Einstein-Konferenz, ganz gut Geige, möglicherweise auch dieses frühe Beethovenquartett.

Das Interessante bei Einstein ist, seine Ansichten über Musik waren extrem konservativ. Wagner, Strauß, Schönberg, Busoni, all das interessierte ihn überhaupt nicht. Sei Musikgeschmack war primitiv, rückständig, alles andere als modern. Seine bevorzugten Komponisten waren Mozart, Haydn, Bach, Corelli und der frühe Beethoven.

Einstein, der mit langen ungekämmten Haaren und ohne Strümpfe zum Empfang beim amerikanischen Präsidenten ins Weiße Haus geht, der Welt auf seinem wohl berühmtesten Foto, die Zunge rausstreckt' gegen alles Steife, Konventionelle, vor allem gegen alles Militärische, der antiautoritäre Rebell - mit konservativem Musikgeschmack. Einfach zu erklären, meint Leon Botstein: diese Musik gehörte zum Bildungskanon des assimilierten deutschen Judentums der mittleren Schichten und sie war geeignet, wie Einstein immer wieder bezeugte, ihn beim Nachdenken über die Naturgesetze des Universums zu unterstützen:

Mozarts Musik ist so rein und schön, dass ich sie als die innere Schönheit des Universums selbst ansehe,

wird als Einstein-Satz von Albert Herrmann, einem seiner Biographen, überliefert und in einem Einstein-Brief vom 23.Oktober 1928 heißt es:

Die Musik wirkt nicht auf die Forschungsarbeit, sondern beide werden aus derselben Sehnsuchtsquelle gespeist und ergänzen sich bezüglich der durch sie gewährten Auslösung.

Musik und Wissenschaft kommen von und führen zu derselben Quelle, sie sind nur verschiedene Seiten einer göttlichen Ordnung, die sich hinter beiden verbirgt. Einstein der antiautoritäre Rebell als Narr und Heiliger, oder doch jenseits der Konventionen dauernd auf der Suche, auf dem Weg zur Sehnsuchtsquelle - ein Credo, eine pantheistische Grundhaltung wie sie allen seinen großen Vorgängern Kopernikus, Galilei, Kepler, Newton eigen wart und wie sie dem Bildungsbürgertum am eindringlichsten von Goethe überliefert wurde. Zum Thema Gott gibt es unzählige Einsteinzitate. Welche Rolle spielt die Vorstellung von Gott im Einsteinschen Erkenntnisprozess und Denken, hatte sich Yehuda Elkana in seinem Vortrag 'Einstein and God' auf der Einsteinkonferenz gefragt:

Und die wirklich interessante psychologische Frage ist, in welchen Begriffen denkt derjenige, der Schöpfer neuer Ideen ist, in den alten Begriffen geht's nicht, wo kommen die neuen her. Und wenn man sich dann mit Gott berät, so wie Einstein das von sich sagt, in welchen Begriffen findet dann diese Beratung statt. Hier ist die einzige Antwort möglicherweise, dass da eine Kommunikation ohne Worte und jenseits logischer Regeln stattfindet. Das es eine Situation des Überganges von altem und neuem Wissen gibt, das wissen wir, aber was dann passiert, das wissen nur Einstein und Gott.
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