WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
5.2.2005
Segensreich
Die Zukunft der Gotteshäuser
Von Christiane Reymann

Die Frauenkirche in Dresden (Bild: AP)
Die Frauenkirche in Dresden (Bild: AP)
Zum letzten Mal rufen heute am Sonnabend vor dem 4. Advent die Glocken der Gnadenkirche in Hamburg zu einem evangelischen Gottesdienst.

Feierlich ziehen Pastorinnen, Pastoren in ihren schwarzen Talaren ein. Zum letzten Mal die Fürbitten, der Liedergesang der Gemeinde, die Predigt.

In diesem Abschiedsgottesdienst wird aus dem evangelisch-lutherischen ein russisch-katholisches Gotteshaus, aus der Gnadenkirche die Kirche des Heiligen Johann von Kronstadt.

Es ist eine ökumenische Feier. Nach dem evangelischen Beginn stimmen die russisch-orthodoxen Geistlichen ihre Liturgie an.

Vater Sergeij Boborin ist Priester der russisch-orthodoxen Gemeinde namens Heiliger Johann von Kronstadt in Hamburg.

Die Freude dominiert natürlich. Aber wir spüren gleichzeitig eine große Verantwortung, die die Stadt Hamburg auf uns gelegt hat, diese große Kirche zu betreuen, zu verwalten und zu führen im geistigen Sinn ein christliches Leben in Hamburg.

Die Gnadenkirche ist das erste Gotteshaus, das die nordelbische Landeskirche verkauft hat - zum symbolischen Preis von einem Euro. Dabei hat die Gemeinde noch Glück gehabt, die Kirche bleibt ein Gotteshaus.

Die Dorfkirche im brandenburgischen Mirow hingegen beherbergt inzwischen eine Sparkasse. In Berlin wurde die Martin-Luther-Kirche abgerissen, das Grundstück dient jetzt als Parkplatz. Und das Erzbischoftum der Hauptstadt hat altehrwürdige Kirchen wie St. Agnes, St. Clemens, St. Afra, St. Nikolai, St. Georg und Maria Himmelfahrt auf den Immobilienmarkt gebracht.

Beide, die evangelische und katholische Kirche trennen sich von Gotteshäusern. Der Verkauf ist kein Tabu mehr. In einigen Fällen liegt der Grund im unmittelbaren Umfeld - wie im Hamburger Carolinenviertel, in dem Sieghard Wilms Pastor an der Gnadenkirche war.

Hier gab es einen völligen Bevölkerungsumbruch. Das Caroviertel ist in der Gründerzeit entstanden, viele Menschen lebten hier auf engstem Raum. Heute sind die Ansprüche viel größer an Wohnungen. Dort, wo früher zwölf Personen lebten, leben heute zwei oder vielleicht vier Personen. Das heißt die Bevölkerung hat sich ausgedünnt. Aber auch Wohnraum, der unattraktiv geworden ist, wird von Migranten genutzt. Wir haben viele Migranten im Caroviertel. Die evangelisch-lutherischen haben den Stadtteil verlassen, viele von ihnen haben ihn verlassen.

Die Folge: Gemeinden werden zusammengelegt, manches Gotteshaus wird damit überflüssig.

Die Zahl der Austritte aus den beiden großen Kirchen bewegt sich seit Jahren jeweils im sechsstelligen Bereich. In den vergangenen 30 Jahren verloren sie fast acht Millionen Mitglieder.

Die Landeskirchen und Bistümer, die Gemeinden können ihre Kirchen nicht mehr bezahlen. Sie stecken in einer Finanzkrise, die an die Substanz geht.

Die demographische Entwicklung macht den Kirchen zu schaffen. Laut katholischer Bischofskonferenz trägt nur noch ein Drittel der Gläubigen zur Finanzierung bei - der Rest sind Kinder, Rentner, Erwerbslose oder Geringverdiener.

Die staatliche Steuerpolitik trifft die Kirchen zusätzlich und unerwartet.

Durch die Steuerreform verlieren allein die evangelischen Kirchen in Deutschland rund 700 Millionen Euro pro Jahr. Die Kirchensteuer ist an die Lohn- und Einkommenssteuer gekoppelt, sie macht acht bis neun Prozent davon aus, je nach Bundesland.

Dramatisch ist die Lage der Kirchen in der ehemaligen DDR.

Zu Mitteldeutschland gehört die paradoxe Situation: Es ist das Land mit den meisten Kirchen, weil es auch das Kernland der Reformation war.

Erklärt Klaus Tanner, Theologie-Professor an der Universität Halle/Wittenberg.

Insofern hat es eine enorme historische Bausubstanz, zugleich die geringste Kirchenmitgliedschaft. So dass die Frage ist: Was kann da erhalten werden?

Während die Kirche als Institution diese Frage noch hitzig, kontrovers, auch schmerzhaft diskutiert - beginnen ausgerechnet Menschen in den am meisten säkularisierten Landstrichen, sie praktisch zu lösen. In Sachen, Sachsen-Anhalt, in Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern - überall haben Menschen Erbarmen mit kaputten Kirchendächern, einsturzgefährdeten Mauern. Sie bilden Kirchenbaufördervereine. Klaus Tanner untersucht sie.

Das ist ein faszinierendes Phänomen, wo etwas Neues entsteht, wo Leute sich selbständig engagieren. Was in der Beschreibungssprache der Soziologie oder Politikwissenschaft Zivilgesellschaft, bürgerschaftliches Engagement heißt, das passiert da konkret.
Es ist keine Erfindung der Kirchen. Pfarrer spielen an manchen Stellen eine Rolle. Es kommt aber auch oft zu Spannungen zwischen der Gemeinde, dem Pfarrer, und denjenigen, die so einen Kirchenbauverein anfangen, weil die Nutzungsinteressen und die Perspektive der Wahrnehmung unterschiedlich sind.


Die einen wollen ihr Gotteshaus - die anderen nur die Kirche im Dorf lassen. Sie soll aus Ruinen auferstehen.

Der Mensch ist ja nicht nur ein eindimensional, rational kalkulierendes Wesen, Homo Ökonomikus. Er hat ästhetische Bedürfnisse, er hat das Bedürfnis nach sozialer Beheimatung. Das Engagement in einem solchen Verein kann für den einen bedeuten, dass sich hier ein neuer sozialer Zusammenhang aufbaut, wo es schön ist, bestimmte Leute zu treffen. Das kann für den Handwerksmeister interessant sein mit der Langzeitperspektive auf mögliche Kundschaft. Es kann für jemanden, der arbeitslos ist, ein Substitut sein: Ich habe eine sinnvolle Tätigkeit. Und das kann für irgendeinen Manager - das soll man ja auch nicht unterschätzen - bedeuten: Ich will auch Gutes tun. Und man sieht dann auch ein Bauwerk. Das ist auch eine enorme Befriedigung.

Und eine Gegenbewegung zur Globalisierung. Die rastlose Jagd nach Geld, Profit, Waren um den Erdball lässt bei Menschen das Bedürfnis nach lokaler Bindung, nach Bodenhaftung entstehen. Kirchgebäude sind Zeugen der Beständigkeit. Oft liegen sie zentral, ihre Silhouette prägt das typische Bild eines Ortes, einer Stadt. Sie sind, in den Worten von Klaus Tanner, besonders geeignet als "symbolische Mitte des Ortes".

Ein Symbol ist offen für verschiedene Deutungen. Da kann sich - das macht ein Symbol aus - verschiedenes anlagern. Verschiedene Erwartungshorizonte können da mitspielen. Und das kann man nicht mehr kirchlich domestizieren.

Die Kirche würde dann weniger vom Glauben an Gott Zeugnis ablegen, sondern vom Lebensgefühl moderner Menschen. Sie stellen sich in geschichtliche und soziale Bezüge, indem sie achtsam mit den übrig gebliebenen Zeugnissen umgehen. Sie legen ihre verschüttete Herkunftsgeschichte frei. Die Zivilgesellschaft bewahrt das kulturelle Gedächtnis.

Am besten bekannt ist das bürgerschaftliche Engagement für den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden. Von außen ist sie schon fertig, die Innenarbeiten sind noch nicht abgeschlossen.

Heinz Wissenbach kennt jeden Stein der Kirche. Der Banker aus Hessen ist Finanzdirektor der Stiftung Frauenkirche.

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder hier hereinkomme und die Sonne scheint. Denn die ganzen Farben kommen erst richtig zur Geltung mit dem Sonnenschein und die Arbeiten kommen zügig voran.
Das sind alles hier Handwerker aus der Umgebung. Bei den Steinmetzen ist das so, dass sie spezialisiert waren auf den Elbsandstein und bei den Handwerkern merkt man das große Engagement der Leute für den Wiederaufbau und auch für die Frauenkirche.


Noch in den neunziger Jahren war die Frauenkirche eine Ruine, kaum mehr als ein Haufen Steine. Jetzt erstrahlt sie im alten Glanz; dank einer Bürgerinitiative, der Stiftung Frauenkirche - Gesellschafter sind das Land und die Landeskirche Sachsen sowie die Stadt Dresden - und dank großer Summen privater Spenden.

Profis haben neue Maßstäbe im Fundraising und kirchlichen Merchandising gesetzt - damit in Dresden wieder so etwas entsteht wie die "symbolische Mitte des Ortes".

Wir haben eine Kirche wieder aufgebaut, das steht für die Kirche. Wir haben aber auch einen Teil der Stadt Dresden wieder aufgebaut. Dresden war einfach unvollständig ohne die Frauenkirche. Und diese Idee, auch etwas zu bewegen, das ist auch ein Teil der Frauenkirche.
Weil wir das große Echo in der Welt hatten, stehen wir auch für Versöhnung. Wir denken, dass viele Leute uns gespendet haben und uns helfen, weil sie meinen, das ist ein Zeichen dafür, dass der Krieg vorbei ist; dass der Krieg die Völker entzweit hat, dass es aber auch nach dem Krieg Projekte gibt, die die Völker wieder zusammen bringen.


Vier Säulen der Nutzung sind geplant: Als Gotteshaus, als Konzertsaal, als Ort für Bauinteressierte und endlich für Touristen. Die Konzerte müssen Überschüsse einspielen, die Führungen Geld bringen, damit die Kirche gepflegt und erhalten werden kann. Eine Kirche, die nur am Sonntag genutzt wird, kann sich die Stiftung gar nicht leisten.

Vielleicht werden wir mal ein Modell, dass man sagt, ein Kirchengebäude ist auch ein Kulturgut. Man muss versuchen, die Zeit, wo es leer steht, möglichst gering zu halten. Da hat man die Chance, dass sich Leute, die sich vielleicht schon von der Kirche abgewandt haben, wieder zurückkommen, weil sie sehen: In der Kirche tut sich etwas, da ist Leben drin.

Dresden ist die Stadt der spektakulären Kirchen-Bauten. Unweit der Frauenkirche, bei den Brühl'schen Terassen und nahe der Stelle, an der einst die Synagoge stand, fällt seit gut drei Jahren ein hoch moderner Bau auf. Synagoge und Bet Hamidrasch, das Haus des Lernens, sind durch einen Innenhof miteinander verbunden.

Der Gemeindesaal ist voll. 150 Menschen oder mehr sitzen an den Tischen, die gedeckt sind mit eingelegten Pilzen, Kuchen, Knabbereien und natürlich Sufganiot, jenen Kreppeln, die unbedingt zu Chanukka dazu gehören. Das jüdische Lichterfest feiern sie mit dem Landesrabbiner von Sachsen, Salomon Almekías-Siegl.

Vor der Wende, da gab es zwischen 32 und 36.000 Juden in Gesamtdeutschland. Heute haben wir 80.000, 100 bis 110 000 Juden in Deutschland. Die Gemeinden haben sich verbreitert, vergrößert. Man braucht Platz.

Die Gemeinden werden größer vor allem durch Zuwanderung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. In der jüdischen Gemeinde Dresden machen sie schon 90 Prozent aus.

Die meisten von den Zuwanderern haben ihre Identität daraus bezogen, dass in ihrem Pass stand, sie sind Juden, weil das als Nationalität betrachtet wurde.

Das Wissen um Religion und jüdisches Leben haben sie verloren. Eine schwierige Aufgabe für die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Dresden, Nora Goldenbogen.
Sie selbst stammt aus einer Familie, die zwar nicht gläubig war, aber die Traditionen des Judentums lebte.

Man wusste: Es gehört dazu, das macht man, es gibt bestimmte Speisen, bestimmte Gerüche, es gibt bestimmte Lieder. Das weiß man dann. Aber viele von denen, die jetzt hier her kommen, haben noch nicht einmal das. Und dieses Gebäude hier und die Tatsache, dass wir als Gemeinde hier leben können, bietet die Chance, Judentum zu lernen, wenn man es will. Das kann man nicht verordnen.

Noch stimmen nur wenige der Menschen, die im Gemeindesaal Chanukka feiern, in das traditionelle Lied ein. Sie haben es noch nicht gelernt. Der Landesrabbiner singt fast allein.

Die meisten Leute, die bei uns sind, - und ich denke, das gilt für ganz Ostdeutschland - sind ältere Leute über 60. Das sind keine jungen Leute mehr.
Sicherlich, wir haben auch in Sachsen 150 Kinder und Jugendliche. Aber sie gehen nach Westdeutschland an die Universitäten und sie kommen nicht wieder. Für mich ist das der größte Traum, dass die Jugend wieder kommt und die Gemeinden weiter leitet später.


Wird möglicher Weise die Synagoge in Dresden dereinst leer stehen, verwaist, nicht mehr gebraucht? Oder werden Synagogen zu den Gotteshäusern gehören, die in Deutschland wieder und mehr neu gebaut werden?

Ich hätte vor ein paar Jahren gesagt: Natürlich!

Jetzt wird Nora Goldenbogen nachdenklicher; nicht in erster Linie wegen der Abwanderung von Ost nach West.

Hier in Sachsen merkt man es ganz stark spätestens durch die Wahlerfolge der NPD. Und man merkt es in der Veränderung des Klimas, was bestimmte Themen betrifft. Nicht vordergründig Antisemitismus. Aber Furcht vor Fremden oder Abwehr von Fremdem und Anderem, das muss ja nicht unbedingt fremd sein. Jüdisch ist ja nicht fremd, sondern anders. Das reicht auch schon.
Ich bin ja auch Historikerin. Und manche Entwicklungen sind ganz eigenartig. Die größte Blüte jüdischen Lebens war in der Weimarer Republik in Deutschland. Und danach die Hitler-Diktatur. Ich wünsche mir, dass die Synagogen eine Zukunft haben in Deutschland für die Juden, die hier leben. Nicht nur hier leben, sondern dass sie Teil der Gesellschaft sind als deutsche Bürger oder als neu einwandernde Bürger. Aber es ist nicht eindeutig, was wird.


Vor allem für einige Gruppen von Migranten ist ihre Kirche mehr als ein Haus zum Beten. Sie ist identiätsstiftend. In der jüdischen Synagoge in Dresden etwa lernen die Gemeindemitglieder jüdisches Leben, hier lernen sie deutsch, hebräisch, sie feiern ihre Feste, sie helfen sich im Alltag. Eine ähnliche Funktion nehmen Moscheen für Muslime ein oder auch Kirchengemeinden der ersten Generation von Einwanderern aus Italien oder Spanien.

Unter Deutschen sei der Zusammenhang von Identität und christlichen Gemeindeleben weitgehend verloren, verallgemeinert Klaus Tanner.

In asiatischen Kulturen und Sprachen gibt es keinen Begriff für Religion. Das ist Alltagsleben, Ahnenverehrung und so.
Unser Religionsbegriff ist ein Begriff aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert und da hat man eines gemacht, was für die Moderne charakteristisch ist. Man hat gesagt: Das ist religiös. Und dann hat man einen davon separaten Bereich.
Warum sind die Leute früher in die Kirche gegangen? Nicht nur, weil sie religiöse Gefühle hatten, sondern weil sie der Ort des sozialen Lebens war. Da hat man die Menschen getroffen, die einem wichtig sind, mit denen man sprechen konnte, wo man vielleicht als junger Mensch die hübsche Frau gesehen hat und umgekehrt.


Diese Funktionen sind heute auf andere Institutionen übergegangen, auf Vereine, Verbände, Schulen, Universitäten, Gemeinschaften. Sie alle sind stark differenziert nach sozialen Milieus. Ein Beispiel:

Wenn sie sich die PDS-Wählerschaft anschauen, da gibt es ganz klare soziale Orte, zum Beispiel die Trabantenstädte Halle-Neustadt, Berlin-Marzahn. Da hat die PDS die Funktion übernommen, das gesamte soziale Leben zu strukturieren. Und Sie haben die Leute wie den humanistischen Verband, die bis hin zur Sterbebegleitung alles machen. Die haben gleichsam die Kenntnis, die früher der Pfarrer hatte vor Ort: Wem geht es wie und wer braucht Hilfe?

Ihre Eheschließungen finden nicht mehr in der Kirche statt, sondern im Hochzeitszimmer des Rathauses. Die Jugendweihe feiern sie im Theater, der Aula oder in der Mehrzeckhalle.

Wir erleben im Hinblick auf das gesamte religiöse Feld so etwas wie einen Zeitenwandel.

Die Zeiten, als Religion ihre Relevanz über Politisierung behauptete, sind vorbei.

Zeitenwandel deswegen, weil in der kirchlichen Arbeit an vielen Stellen deutlich wird, dass das nicht mehr das ist, was attraktiv ist, meinetwegen gegen Wackersdorf zu demonstrieren oder in der Friedensbewegung zu sein, sondern genau solche Elemente der Meditation, der Ruhe, der Einkehr auch im alten Sinn. Und das Bedürfnis nach so einem Ort, an dem das auch möglich ist, das wird sehr viel stärker.

Religion - so die These von Klaus Tanner - ist auch noch im Leben von Menschen, die sich nicht als religiös verstehen.

Was ist vorhanden? Eine Menge, was wir heute gewohnt sind, Esoterik zu nennen. Die Leute fahren dahin, kaufen irgendwelche Steine, denen man Heilkraft zuspricht. Ist das säkularisiert, ist das atheistisch? Die Leute glauben lieber an Fitsligutsli oder sonst was als eine gepflegte Religion.

Und die gepflegte Kirche nebenan bleibt leer. Dabei ist ihr Bau, ihre Architektur, ihre Kunst von einem Jahrhunderte alten Wissen um die menschliche Seele geprägt. Kirchengebäude haben die besten Voraussetzungen, die Bedürfnisse nach Stille, Mystik, Spiritualität zu erfüllen.

Die Leute gehen lieber zu einem Meditationsanbieter als zu einem kirchlichen Angestellten. Deswegen, meine ich, Kirche ist oft ein Kommunikationshindernis für diese Fragen. Die Zukunft der Kirchen wird sich auch daran entscheiden, wie offen sie für solche Bewegungen ist. Denn die Gebäude sind da und auch eine lange Kenntnis des Umgangs mit diesem Phänomen. Das will ja auch gestaltet sein.

Im Michaeliskloster in Hildesheim arbeitet Kirchemusiker Wolfgang Teichmann mit Obertönen und Gongsn.

Und wir sehen, da sind Leute, die sehr, sehr massiv darauf ansprechen. Oder Veranstaltungen mit Taizee-Gesängen, repetetiven Gesängen, die sich durch die permanenten Wiederholungen gut dazu eignen, zur Ruhe zu kommen oder in Kreisschwingungen zu geraten.

Im Michaeliskloster, einem romanischen Bau aus dem 11. Jahrhundert, hat die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover ein neues Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik eingerichtet. Seine Aufgabe: Festgefahrenes in Liturgie, Kirchenmusik, Gottesdiensten zu überwinden ohne die Fäden in die Geschichte und Traditionen zu kappen.

In den Gemeinden ist neben den Posaunenchor schon der Gospelchor getreten, neben das Orgelkonzert von Bach die moderne Zwölftonmusik. In ihre Gottesdienste integrieren sie Tänze und Musik jeder Art.

Alle Musik, die ernsthaft betrieben wird und mit Passion, kann auch Kirchenmusik sein.

Davon ist Wolfgang Teichmann überzeugt.

Von daher sehe ich eine große Bandbreite von Musik, die in der Kirche stattfinden kann vom Mainstreampop bis Freejazz ist alles möglich. Und das Tolle ist, dass Kirchenräume das transportieren und hergeben. Dass Kirchenräume eine Aura haben, die Leute zum Zuhören bringt. Aber auch für lebendige Musik, die mit Ekstase stattfinden kann wie beispielsweise die Gospelszene, die ja zurzeit sehr blüht in Kirche.

Das ist Interesse ist so groß, dass immer noch neue Gospelchöre entstehen. Dieser Boom ist och nicht zu Ende. Und das ist auch ein Auftrag an Kirchenmusik zu sagen, wir machen auch Musik, die auch sinnlich ist, die nicht bloß das Wort transportiert, sondern auf eigne Art und Weise auch Gefühle t5ransportiert. Das brauchen die Leute. Da haben sie auch ein Recht drauf. Da sind wir als Kirchenmusiker verpflichtet, den Leuten ein Stück weit entgegen zu kommen.

In der Musik bleiben Kirchen mit dem Lebensgefühl der Menschen von heute verbunden. Im christlichen Kirchenbau hingegen werden Traditionslinien unterbrochen, wenn sie sich nicht gar verlieren.

Jeder Kirchenraum hat schon eine Botschaft, die sich nicht durch Sprache vermittelt, sondern durch den Raum, das, was an den Wänden hängt, durch die Atmosphäre. Wir müssen gar nicht so viel reden und gar nicht so viel predigen. Wir können den Raum auch sprechen lassen. Das ist unser Kapital. Wir müssen es nur ganz vielseitig und offen nutzen.

Die Zeitenwende von einer christlich geprägten zu einer säkularen Gesellschaft macht die Zukunft der 35.000 christlichen Kirchen in Deutschland ungewiss. Dabei sind sie doch mehr als Häuser für religiöse Riten. Sie laden zur Einkehr ein. Sie sind Zeugen von Beständigkeit, symbolische Mitte des Ortes, kulturelles Gedächtnis.
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