WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
12.2.2005
Erste Hilfe
Die Zukunft der Krankenhäuser
Von Nana Brink

Moderner Operationssaal (Bild: AP)
Moderner Operationssaal (Bild: AP)
Das Krankenhaus der Zukunft erscheint wie ein Supermarkt für Patientenwünsche. Alles ist möglich: Das eigene Büro nimmt man mit ans Krankenbett, und wer möchte und das Geld hat, gönnt sich einen Service wie im Fünf-Sterne-Hotel. High-Tech-Medizin mit Dienstleistungscharakter.

Also es ist eine Vision, von der wir ... allerdings meinen, das sie zukünftig Realität werden wird ... denn wenn wir alles digitalisieren, dann haben wir auch die Möglichkeit, dem Patienten eine CD mitzugeben, wo seine ganzen Daten drauf sind ... (Musik) ... Das ist unserer Intensiv-Transport-Helikopter... Das I bei diesem Helikopter steht für Intensiv, so dass man eigentlich eine fliegende Intensivstation hat.... (Musik) ... Wir sind in der Medizin noch im Industriezeitalter und kommen jetzt so langsam in das Informationszeitalter (...) das Ort und Zeit verschmelzen.

Dr. Markus Müschenich, ConceptHospital: Wenn man über die Zukunft des Krankenhauses spricht, ist es nicht falsch (...) also das Krankenhaus, wie es traditionell da ist, hat keine Zukunft, eigentlich ist das Krankenhaus tot.

Keine freundliche Diagnose, die Dr. Markus Müschenich seinem Arbeitgeber stellt. Seit Jahren beschäftigt sich der Berliner Klinikarzt mit der Zukunft eines der letzten "Dinosaurier des 20. Jahrhunderts", wie er liebevoll das Krankenhaus beschreibt.

Heute stehen die mehr als 2200 Kliniken in Deutschland vor dem schwierigsten Kapitel ihrer Geschichte. Mit der schrittweisen Einführung der Fallpauschale droht vielen Krankenhäusern das Aus: Die Krankenkassen rechnen nicht mehr wie bisher pro Krankenhaustag, sondern pauschal für eine Behandlung ab. Eine im Mai 2004 veröffentlichte Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung und der Unternehmensberatung Admed brachte das Siechtum ans Licht: Rund 26 Prozent aller Kliniken sind bis 2008 von der Schließung bedroht. Die Anzahl der Konkurse wäre damit so hoch wie sonst nur in Bauwirtschaft. Der Westen ist übrigens stärker bedroht als der Osten, weil hier die Krankenhäuser moderner sind. Und: Private Kliniken wird es seltener treffen als öffentlich-rechtliche. Woran also krankt der Patient Krankenhaus?

Dr. Markus Müschenich, ConceptHospital: Na die Autoindustrie macht seit Jahren etwas, wo wir uns mindestens eine Scheibe abschneiden können, sie überlegt nämlich, wie die Zukunft aussehen kann, und blendet für kurze Zeit alte Hüte und Traditionen aus, nicht mit der Idee, ein Auto auszustellen, was 100 Prozent straßentauglich ist, sondern eine Idee zu konzipieren, wohl wissend, dass von 100 Ideen, die in so einem Auto stecken, 10 oder 5 Ideen realisiert werden können.

Was der Berliner Arzt Markus Müschenich damit sagen will: Zukunftsforschung ist im Gesundheitswesen und speziell im Krankenhaussektor noch ein Fremdwort. Anders als in den meisten großen Unternehmen haben selbst Krankenhauskonzerne keine eigene Abteilung für Forschung und Entwicklung. Zusammen mit ein paar engagierten Kollegen hat Müschenich vor ein paar Jahren einen Expertenzirkel gegründet und - ist bei der Autoindustrie in die Lehre gegangen. Herausgekommen ist das "ConceptHospital", eine sprachliche Anlehnung an das "ConceptCar", das viele Automobilkonzerne für große Messen entwerfen. Meist sind es futuristische Gebilde, die nur noch entfernt an ein Auto erinnern, manchmal ohne Lenkrad oder mit fünf Rädern und digitalem Cockpit.

Januar 2020: Paul B. öffnet die Schleuse zum Empfangsmodul 1a per Touch Screen. Sein Fingerabdruck wird digitalisiert, seine Anmeldung gespeichert, seine Krankenakte geladen. Die Empfangsdame gibt ihm ein Klinikhandy. Auf dem Display erscheint sein Untersuchungstermin. 10 Uhr 03 in Untersuchungsmodel 7b. Noch bevor Paul B. den Doktor sieht, geht er durch eine Röntgenschleuse. Als er das Untersuchungszimmer betritt, sieht Dr. S. auf seinem Laptop die letzten Röntgenbilder.

Dr. Markus Müschenich: Wir leben in einer Informationsgesellschaft und wir sollten auch bei den Daten eines Menschen nicht halt machen und ich prognostiziere, dass ein Marketingaspekt eines Krankenhauses die Bereitstellung von Speicherkapazität ist, wo sämtliche Informationen eines Patienten, wie ist er geimpft worden, welche Erkrankungen, Besonderheiten, wie waren die letzten Röntgenaufnahmen, das Elektrokardiogramm, wie waren die Herzuntersuchungen, dass alle diese Informationen auf der Datenbank des Krankenhaus eingespielt werden und der Patient kann sich, natürlich unter Berücksichtigung aller Datenschutzbestimmungen von jedem Ort der Welt in die Datenbank des Krankenhauses einwählen, also wenn er im Urlaub eine Verletzung hat, und Daten für eine Impfung benötigt, kann er sich die Daten zu jeder Tages- und Nachtzeit von jedem Ort der Welt abrufen, ... das wird die Zukunft im Bereich der Informations-, der virtuellen Krankenakte als Marketingaspekt eines Krankenhauses sein.


Was noch etwas unwirklich klingt, ist in einigen wenigen Kliniken in Deutschland bereits Realität. Im Remscheid baut der Klinikkonzern Sana derzeit das "Krankenhaus der Zukunft". Über 60 Millionen kostet der Neubau, allein zwei Millionen fließen in den Aufbau eines eigenständigen IT-Netzes, über das Telefon und sämtliche medizinische wie verwaltungstechnische Daten laufen. In einem digitalen Rundgang durch das Modell erlebt der künftige Patient die schöne neue Welt des Krankenhauses: Operationssäle wie Designerstudios, Krankenzimmer wie Hotelappartements, lichtdurchflutete Innenhöfe, ein Welcome-Desk, nur erstaunlich wenige Büros ...

Michael Willmann, IT-Leiter am Sana-Klinikum Remscheid: Es gibt schon noch Büros, aber tatsächlich ist es so, dass wir demnächst alle Bilder, alle Laborwerte digital vorhalten werden, d.h. der Arzt wird mit seinem Notebook frei durch die Stationen gehen, sich frei im Gelände bewegen können und dort, wo er die Daten braucht, also am Patientenbett oder im Untersuchungszimmer kann er sich auf dem Laptop die Daten anschauen, die Röntgenbilder anschauen und hat alles immer dann zur Verfügung, wenn er es braucht.

Die Daten-Adern für das Krankenhaus der Zukunft hat das Düsseldorfer Telekommunikationsunternehmen ISIS entwickelt. Stephan Schneider, Projektleiter bei ISIS, geht noch einen Schritt weiter: Warum soll der Patient im Bett liegen, wenn er nicht muss?

Stephan Schneider, Projektleiter ISIS: Also im Prinzip sind wir in der Lage heute, dass wir Sprach- und Datennetze vereinen auf einen Datenhighway, die Möglichkeit haben durch die Ausrichtung der Drahtlostechnologie, also Wireless Lan, dem Patienten, dem Kunden ein Endgerät in die Hand geben, dass er sich auch außerhalb der Räumlichkeiten des Krankenhauses bewegen kann, in die Cafeteria gehen kann, und wenn sein weiterfolgender Untersuchungsvorgang startet, er informiert werden kann, und dann in eine jeweilige Station gerufen.

Überhaupt legt man im Sana-Klinikum Wert auf Service, ein wichtiger Aspekt im künftigen Konkurrenzkampf der Krankenhäuser. Da die Standardleistungen in allen modernen Kliniken ähnlich sind, zählt die außermedizinische Dienstleistung, für die der Patient auch zahlen muss, zum Beispiel für die Internetnutzung. Der Patient soll Kunde sein, noch lieber Gast, den es bei Laune zu halten gilt.

Michael Willmann, IT-Leiter am Sana-Klinikum Remscheid: Ein Patient, der bei uns ins Krankenhaus kommt, hat ja mehrere Facetten, er ist gleichzeitig Kunde, er ist Patient, er ist Gast, und je nach Schweregrad der Erkrankung verschieben sich die Facetten, ein Sportler, der sich nur die Sehne gerissen hat, der hat ganz andere Bedürfnisse, als jemand, der mit einer schweren Krankheit kommt, und für besonders dieses Klientel, die kommen und auch unterhalten werden wollen, bieten wir jetzt auch in diesem Krankenhaus Entertainmentmöglichkeiten an, Video on Demand ist das Stichwort, also der Patient kann sich Videofilme aus einer Auswahl anschauen und jederzeit unterbrechen, wenn er die Visite durchführen lassen kann und den Film weiterschauen kann.

Ein Krankenhaus zum Vergnügen, - vielleicht auch mit Wellness-Bereich? Kein abwegiger Gedanke.

Das Krankenhaus der Zukunft hat bald nur noch wenig gemein mit den trutzigen Backsteingebäuden städtischer Kliniken. Die Universitätsklinik Frankfurt arbeitet bereits mit dem Fünf-Sterne-Hotel Intercontinental zusammen. Operation im Krankenhaus plus Nachbehandlung in der Luxussuite. Zielgruppe: Kranke, aber reiche arabische Patienten, die in den letzten Jahren verstärkt den Service deutscher Krankenhäuser zu schätzen wissen. Eine rentable Einnahmequelle, da ein herzkranker Scheich nebst Begleitung rund 30.000 Euro für einen einwöchigen Aufenthalt auszugeben bereit ist, wie das hessische Wirtschaftsministerium ausgerechnet hat.

Eine schöne, aber wohl eher seltene Marketingidee. Der Berliner Arzt Markus Müschenich, der über das Modellkrankenhaus namens "ConceptHospital" philosophiert, fordert ein ganz anderes Nachdenken über medizinische Dienstleistung:

Wir haben sehr früh gesagt, ein Krankenhaus muss eigentlich über die Grenzen seiner eigenen Fachabteilungen hinausschauen, muss also Leistungen anbieten, die vielleicht nicht in der ursprünglichen Planung enthalten waren, wenn man die Möglichkeit hat, mehrere Krankenhäuser in einer Stadt zu betreiben, dann ist es eigentlich Verschwendung, Spezialleistungen nur an einem Ort anzubieten und so haben wir das als Satellitenmodell so realisiert, dass Fachleute aus Spezialkliniken auch hier arbeiten... sodass die Patienten nicht zu dem Spezialarzt gehen müssen, sondern in einem ganz normalen Krankenhaus den Spezialarzt treffen, der zu den Patienten kommt, eine Dienstleistung, die in der Medizin eher ungewöhnlich war.

Vernetztes Denken? Im zumeist streng hierarchisch gegliederten Krankenhausapparat des letzten Jahrhundert undenkbar. Entweder Krankenhausarzt oder niedergelassener Arzt: Zwei Systeme, die in der Regel nichts miteinander zu tun hatten. Da grenzte es schon fast an eine Sensation, als das Berliner Unfallkrankenhaus in Marzahn ein Tabu brach:

Professor Axel Ekkernkamp, Chefarzt Unfallkrankenhaus Berlin: Wir haben eine Vernetzung mit einer Gruppe, die heißt "Helma", das Helma steht für Hellersdorf, Marzahner Ärzte, sind etwa 140 Kollegen und Kolleginnen mit eigener Praxis, die mit uns zusammen Dienst in der Rettungsstelle oder Notaufnahme machen, an jedem Wochenende und an jedem Feiertag, und interessant, diese niedergelassenen Ärzte lernen bei täglichen Geschäft von den Krankenhausärzten, was gibt es an modernster Diagnostik zum Beispiel und die Krankenhausärzte lernen, wie kann ich eigentlich mit einfachsten Mitteln, also z.B. mit Blickdiagnose, rausfinden, ob einer was hat (...) und wir ergänzen uns da sehr sehr gut.

Professor Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor des Unfallkrankenhaus Berlin und Leiter des Deutschen Ärzteforums, gilt als Vorreiter eines modernen Krankenhauskonzeptes. Der Chefarzt, der sich gleichzeitig als Manager versteht, hat aus seinem 1997 eröffneten Haus eine Art klinischen Baukasten gemacht:

Wir haben alle OP gleich ausgestattet, es gibt da nicht mein OP und dein OP, sondern es gibt 13 Operationssäle und die können gemeinsam genutzt werden nach Bedarf und es gilt selbstverständlich für alle Stationen, dahinter steckt eine Idee, dass das Krankenhaus genutzt werden soll nach Bedarf, und nicht genutzt werden muss, dass der eine Doktor 30 Betten hat, egal ob die leer stehen oder voll stehen und der andere hat 20 Betten, das hat sich sehr gut eingespielt, wir haben am Anfang gedacht, dass wird überhaupt nicht klappen, weil man ja immer von Erbhöfen spricht und strammen Hierarchien in der Krankenhauslandschaft, das hat aber wunderbar funktioniert, vielleicht weil wir alle an einem Tag angefangen haben.

Was klingt wie eine Vorabend-Doku-Soap, ist das neue Präsentationsvideo des Unfallkrankenhauses. Und es ist noch nicht mal übertrieben.

Der Besucher betritt die helle Empfangshalle und fühlt sich schon im Krankenhaus der Zukunft: Lächelndes Personal in weißer Dienstuniform, helle Sitzmöbel, eine freundliche Cafeteria, Bildschirme an den Wänden mit kryptischen Zahlenreihen. Selbst der Weg in die Notaufnahme durch leise sich öffnende Glastüren, an blitzsauberen hellen Wänden mit Kunstdrucken entlang, lässt den Besucher noch glauben, er befände sich auf dem Weg in den Wellness-Bereich. Es riecht kein bisschen nach Krankenhaus.

Auf einmal leuchtet ein rotes Signal auf. Und in die Stille dringt ein Geräusch ...

Professor Axel Ekkernkamp, Chefarzt Unfallkrankenhaus Berlin: Das ist unser (...) Intensiv-Transport-Helikopter (...) das I bei diesem Helikopter steht für Intensiv, so dass man eigentlich eine fliegende Intensivstation hat.

In einem Einzugsgebiet von rund 8 Millionen Menschen rund um Berlin hat sich das Unfallkrankenhaus Berlin auf zwei Bereiche spezialisiert: Schwere Verbrennungen und Rückenmarkverletzungen. Die Brandopfer des Anschlages in Djerba wurden hierher ausgeflogen; der verunglückte Kunstturner Ronnie Ziesmer wird hier behandelt und regelmäßig parkt die Wagenkolonne von Wolfgang Schäuble am Hintereingang. Ohne medizinische Spezialisierung wird sich kein Krankenhaus in Zukunft behaupten.

Professor Axel Ekkernkamp, Chefarzt Unfallkrankenhaus Berlin: Und etwas, worauf wir großen Wert legen, dass wir alle modernen Techniken nutzen, die auch Sinn machen, nicht, dass man alle modernen Techniken nutzt, die es gibt, sondern dass die, die Sinn machen, dass wir die auch haben, nicht weil wir meinen, wir hätten zuviel Geld oder wir sind spinnert und sammeln irgendwelche besonderen Geräte...Konkretes Beispiel: Wenn jemand schwere Gesichtsschädelverletzungen hat, schwerer Unfall, vielleicht auch ein nichtangeschnallter Fahrer mal in die Windschutzscheibe gegangen ist, wird der Schädel rekonstruiert und man macht genaue grafische Darstellungen, dreidimensionale Modelle, und der Patient und die Angehörigen können sich dann genau angucken, wie nachher diese Rekonstruktion mal aussieht, - wir machen es eher nach Unfällen, denkbar ist es eher in der kosmetisch-ästhetischen Chirurgie, die ja in aller Munde ist, aber das wird in jedem Falle kommen.

Und was wird noch kommen? Die Patientenchipkarte? Der Chefarzt mit Notebook auf digitaler Visite? Alles schon Realität. Für den Berliner Arzt Markus Müschenich, der am Evangelischen Gemeinschaftskrankenhaus neue Modelle erprobt, hat das Zeitalter des virtuellen Krankenhauses gerade erst begonnen:

Dazu gehört in der Banalvariante der Internetanschluss am Bett, Telefon und Fernsehen, aber es gehört dazu, und dass ist die entwickelte Variante, eine Internetpräsenz des Krankenhauses, wo nicht nur Informationen über das Krankenhaus, sondern wo der Patient, und das ist Zukunftsmusik, seinen Behandlungsverlauf schon planen, bevor er überhaupt ins Krankenhaus kommt, also beispielsweise die virtuelle Therapieplanung, der Patient gibt sein Problem per Internet in die Datenbank ein, beschreibt kurz seine Symptome, sich selber, Größe, Gewicht, verschiedenen Risikofaktoren und bekommt dann vom Krankenhaus die Informationen, wie die Behandlung am besten zuplanen ist, und wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Beschwerden zu 100 oder vielleicht auch nur zu 90 Prozent behoben werden. Das ist dann die Weiterentwicklung des Internetanschlusses am Bett.

Das Krankenhaus der Zukunft erscheint fast wie ein Supermarkt für Patientenwünsche. Alles ist möglich: Jeder Eingriff wird minutiös in den Alltag eingeplant, das eigene Büro nimmt man mit ans Krankenbett - und wer möchte, gönnt sich einen Service wie im Fünf-Sterne-Hotel, für den dann allerdings auch bezahlen muss. High-Tech-Medizin mit Dienstleistungscharakter: In den neuen Konzepten wimmelt es von Worten wie Kundenorientierung, Kostenfaktor, Wertschöpfung und Rentabilität. Einige Worte kommen selten vor, wie - Schmerz:

Dr. Christof Müller-Busch, Ltd. Arzt Palliativmedizin Havelhöhe: Ich denke, wir haben in der Medizin ein Problem, dass wir die Patienten oder die Krankheiten da nach beurteilen, was wir aus unserem fachspezifischen Blickwinkel für sie tun können, und nicht gelernt haben, auf sie als Menschen zu zugehen mit ihren individuellen Bedürfnissen, ihren Fragen und Schmerzen, Schmerz ist ein Phänomen, was in vielen Bereichen des Krankenhauses nicht ausreichend beachtet wird, auch das ist eine Aufgabe für die Zukunft, ein Programm zum Beispiel "Schmerzfreies Krankenhaus", an dem sich einige beteiligen, dass eben diese Bereiche, die den Menschen in seiner Gesamtheit betreffen, mehr beachtet werden.

Dr. Christof Müller-Busch leitet die Abteilung Palliativmedizin am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Die anthroposophisch ausgerichtete Klinik beschäftigt sich eingehend mit Schmerztherapien. Das Projekt "Schmerzfreies Krankenhaus" zielt auf eine postoperative Behandlung, denn die Vorstellung, Schmerz aushalten zu müssen, ist immer noch weit verbreitet.

Dr. Christof Müller-Busch: Man muss Schmerz nicht aushalten, es ist natürlich auch ein Illusion, zu sagen, man könnte alles ganz schmerzfrei gestalten, aber es muss nicht so sein, dass das Problem Schmerz zum wesentlichen Leidenselement eines Krankenhausaufenthaltes wird.

Der Schmerztherapeut Müller-Busch geht noch einen Schritt weiter. In den Modellen der schönen neuen Klinikwelten vermisst er vor allem einen Raum: Für den Tod gibt es keinen Platz im Krankenhaus der Zukunft.

Dr. Christof Müller-Busch: Ich denke, dass der Tod im Krankenhaus durchaus noch ein Schattendasein fristet, wenn man mal davon ausgeht, dass in Deutschland jährlich 850.000 Menschen sterben, davon die Hälfte im Krankenhaus und die wenigsten Krankenhäuser räumlich dazu eingerichtet sind, Sterbesituationen zu begleiten, das zweite ist auch, dass die zeitliche Dimension fehlt, mit solchen existentiellen Situationen umzugehen, das Dritte ist, dass das Thema Sterben und Tod im Krankenhaus sowohl bei Ärzten wie bei vielen Pflegenden ein Tabuthema ist, man scheut sich davor, Sterben und Tod ...von vielen wird das sogar als Unfall angesehen, als ein Versagen der Medizin und nicht als ein Phänomen, was zu unser aller Leben dazu gehört, mit dem wir auch umgehen müssen und das auch im Krankenhaus ein größere Bedeutung haben sollte. Es kann nicht sein, dass 75 Prozent der Menschen der Ansicht sind, dass im Krankenhaus nicht würdig gestorben werden kann.

Trotz aller Kommunikationstechnik fehlt dem Krankenhaus der Zukunft vor allem eines: Ein Raum zum Sprechen. Über Tod, Schmerz, Krankheit oder - über das Leben. Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid fährt jedes Jahr für zwei Wochen in eine Schweizer Klinik. Die Ärzte haben ihn eingeladen. Sein Job besteht darin, zuzuhören. Den Patienten, dem Pflegepersonal, den Ärzten. Jetzt weiß er, woran das System Krankenhaus wirklich krankt.

Wilhelm Schmid, Philosoph: Daran, dass sie keine Philosophen in ihren Reihen haben....das heißt, dass sie über grundlegende Dinge zu wenig nachdenken und auch nicht auf den Gedanken kommen, sich den entsprechenden Sachverstand heranzuholen, grundlegende Zusammenhänge, z.B. was ist eigentlich Glück? Sie denken, dass hat mit dem Krankenhaus nichts zu tun, aber das hat extrem viel mit dem Krankenhaus zu tun, denn die moderne Auffassung von Glück ist, dass Schmerzen eliminiert werden müssen, dass Krankheiten eliminiert werden müssen... aber Krankheit und Schmerzen lassen sich nicht eliminieren, sie sind grundlegende Bestandteile von Leben, das waren sie zu allen Zeiten und werden sie zu allen Zeiten sein. Das soll nicht heißen, dass Krankheiten nicht bekämpft werden sollen, das soll nur heißen, es hat keinen Sinn, Krankheiten zu bekämpfen mit der Zielvorstellung, die irgendwann total eliminiert zu haben (...) und sich als Gesundheitssystem und sich als Individuum unter diese Zielstellung zu stellen, dass man vollständig frei von allem Negativen sein muss, das überfordert den einzelnen Menschen, das überfordert den Arzt und das überfordert Krankenhäuser.


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