WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
19.2.2005
"Ruhe sanft"
Die Zukunft der Friedhöfe
Von Beate Ziegs

Friedhof im Herbst (Bild: AP Archiv)
Friedhof im Herbst (Bild: AP Archiv)
Friedhöfe sind Orte der Erinnerung, der Kommunikation und Begegnung. Wie kaum ein anderes Kulturgut dokumentieren diese steinernen Archive den Wandel geistiger Haltungen, die Herausbildung neuer Ideen. Friedwälder statt Friedhöfen ist ein zukunftsweisender Trend und die Forderung nach mehr Gestaltungsmöglichkeiten und weniger Reglementierung.

Hic iacet corpus / animae carcer / materia mundi.
Hier liegt der Körper / die Seele eingesperrt / Urstoff der Welt.

Der Friedhof für die Beamten des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit. Angelegt zwischen 1842 und 1845. Eine Zeitinsel im Lärm des Großstadtverkehrs. Verwunschen. Verwahrlost. Überwuchert von knietiefem Unkraut und Efeu noch ein paar Grabsteine. Umgefallen, umgeworfen. Zerstört. Die letzte Ruhefrist ist 1978 abgelaufen.

Wer heutzutage in Moabit stirbt, kommt meist im Berliner Stadtteil Wedding unter die Erde. Auf dem Friedhof der "königlichen Strafanstaltsaufseher" gibt es seit 1958 keine Beerdigungen mehr. Der Friedhof steht unter Denkmalschutz - und ist somit Teil der schweren Last, an der die Hauptstadt trägt. Eine Last, unter der zunehmend auch die Kirchen stöhnen. Denn so reich und weltweit einzigartig das historische Erbe der Berliner Friedhofslandschaft sein mag, so arm stehen die Erben selbst da.

Arne Ziekow: Einfach weil das Geld für den Unterhalt insbesondere historischer Friedhöfe - es ist nicht da. Es ist nicht da auf kirchlicher Seite. Und es ist nicht da auf staatlicher Seite.

Arne Ziekow vom Konsistorium der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz stehen die Sorgen ins Gesicht geschrieben. Hier und da eine Grabpatenschaft? Arne Ziekow winkt ab: Das sind Tropfen auf den heißen Stein.

Arne Ziekow: Das Gesamtproblem ist einfach sehr viel größer als dieser Lösungsstrang.

Gut, dann eben aufs Ganze gehen: Warum nicht für die Berliner Friedhöfe den Status als Weltkulturerbe beantragen? Bis jetzt gibt es unter den 563 Kulturdenkmälern der UNESCO mit dem Skogskyrkogärden in Stockholm nur einen einzigen abendländischen Friedhof. Eingetragen sind außerdem noch der Friedhof in der chinesischen Provinz Qufu mit dem Grab von Konfuzius, der frühchristliche Friedhof im ungarischen Pecs und der bronzezeitliche Friedhof Sammallahdenmäki in Finnland. Damit sind nicht nur die Begräbnisstätten grundsätzlich unterrepräsentiert, sondern es fehlt vor allem eine Friedhofslandschaft in ihrem städtebaulichen Kontext.

Arne Ziekow: Das sind natürlich faszinierende Gedanken. Aber sie helfen uns und unseren Trägern heute nicht, aus ihren Schwierigkeiten, die sie mit ihrem historischen Erbe haben, herauszukommen. Also da bewegen wir uns einfach auf zwei Stufen tiefer.

Auf einer Stufe, wo keine Zukunftsmusik gespielt wird, sondern nackte Zahlen den Ton vorgeben: 105 der insgesamt 189 Berliner Friedhöfe sind in der Hand der evangelischen Kirche. Das sind fast 800 Hektar, die es zu bewirtschaften gilt. Aber seitdem die Sterberate rückläufig ist und seitdem der Trend zu Platz und damit Kosten sparenden Urnenbestattungen geht, wachsen die Leerflächen und sinken die Gebühreneinnahmen. Fast die Hälfte der etwa 1500 Hektar Bestattungsfläche wird bis zum Jahr 2015 überflüssig sein. Laut Berliner Friedhofsgesetz dürfen diese Flächen allerdings nur in öffentliche Grünflächen umgewandelt werden.

Arne Ziekow: Das ist natürlich nicht unbedingt Aufgabe von Kirchengemeinden, öffentliche Grünflächen zu unterhalten. Und sie haben damit natürlich auch weiterhin eine finanzielle Last zu tragen, ohne wirtschaftlich entsprechende Einnahmen erzielen zu können.

35 bis 40 Millionen Gräber gibt es in Deutschland, die sich auf knapp über
33.000 Friedhöfe verteilen: Orte der Erinnerung, der Kommunikation und Begegnung. Wie kaum ein anderes Kulturgut dokumentieren diese steinernen Archive den Wandel geistiger Haltungen, die Herausbildung neuer Ideen.

Die geöffneten Augen der Toten auf den mittelalterlichen Grabplatten zum Beispiel, die stets im idealen Alter von 30 Jahren das Zeitliche gesegnet zu haben scheinen: im selben Alter, in dem Jesus gestorben ist. Mit der Aufklärung verliert diese christliche Jenseitserwartung ihre Selbstverständlichkeit. Steinerne Engel bewachen von nun an ein mehr oder minder finsteres Totenreich.

Im 19. Jahrhundert lässt das auf den Friedhöfen herrschende Individualrecht Prachtalleen mit imposanten Mausoleen entstehen. Zur gleichen Zeit werden in Gotha, Heidelberg und Hamburg allerdings auch die ersten Krematorien gebaut. Hygienisch, Raum sparend und preiswert: die Feuerbestattung als Spiegelbild des Industriezeitalters.

Als erste Stadt erlässt Hamburg im Mai 1884 für den Ohlsdorfer Friedhof eine Satzung, um mit Gestaltungsvorschriften für einen Ausgleich zwischen pietistischer Strenge und dem wildwüchsigen Darstellungstrieb reicher Familien zu sorgen. Der Erste Weltkrieg bestärkt europaweit diese Abkehr vom Personenkult: Immer nüchterner wird seitdem die Darstellung von Schmerz, immer stiller die Trauer.

Aber wie wechselhaft die Geschichte auch gewesen sein mag: In keiner historischen Phase war die Existenz von Friedhöfen an sich ernsthaft gefährdet. Das hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert.

Rolf-Peter Lange: Es geht darum, dass die ganze Trauerkultur nicht mehr da steht, wo sie vor 20, 30 Jahren stand. Die Bestattungskultur ist nun mal der Nukleus der Kultur seit es Menschen gibt, Leben und Tod waren immer abendfüllend, so dass wir bzgl. der Friedhöfe vor einer Revolution stehen.

Rolf-Peter Lange ist Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Bestattungsunternehmen. Seiner Meinung nach ist die Revolution auf den deutschen Friedhöfen nicht nur ausgebrochen, weil weniger Menschen sterben, weil der Anteil der Feuerbestattungen bundesweit bei fast 40 Prozent liegt - Tendenz steigend - oder weil der Trend zu anonymen Urnengräbern ungebrochen anhält. Rolf-Peter Lange sieht den Grund vor allem in einem Mentalitätswandel der Deutschen.

Rolf-Peter Lange: Man ist unzufrieden mit den Grabgestaltungsmöglichkeiten auf den Friedhöfen. Wir Deutschen sind ja Weltmeister im Reglementieren. Und wenn Sie in Friedhofsordnungen manchmal schauen, dann ist das schon teilweise skurril, was dort alles geregelt ist: die Heckenhöhe, der Neigungswinkel der Grabsteine, die Höhe der Engelsstatue etc. Es ist also alles normiert, so dass jetzt zu beobachten ist der Trend: Nach dem Lebensende so wie gelebt - individuell, unverwechselbar - eben auch beigesetzt. Der Wunsch, dass ein Teil der Asche in den Weltraum verbracht wird; die Seebestattung erfreut sich wachsender Beliebtheit; die Bestattung, dass die Asche in die vier Winde verweht wird, dass mit der Ballonfahrt über dem Elsaß eben dort die Asche verstreut.

Wie bitte? Doch nicht in Deutschland! "Werft die Asche fort" - diese Verfügung eines Albert Einstein, der nicht wollte, dass "die Leute auf eine Stelle in der Erde zeigen und sagen: Da liegt er", diese Verfügung wäre kläglich am deutschen Friedhofszwang gescheitert. Damit ist nichts anderes gemeint, als dass die Asche eines Verstorbenen in eine Urne gehört und diese Urne - erst recht aber ein Sarg mit Leiche - auf einer eingefriedeten Fläche vergraben werden muss: einem Friedhof eben. Ähnlich rigoros wird außer in Deutschland nur noch in Österreich und der Slowakei mit den sterblichen Überresten eines Menschen verfahren.

Das Schengener Abkommen lässt jedoch zahlreiche Umwege offen, über die auch der letzte Wille eines Albert Einstein erfüllt werden könnte. Wer die Urne zu Hause im Bücherregal stehen haben möchte, lässt die Leiche zum Beispiel in den Niederlanden verbrennen und nimmt die Urne im Handgepäck mit nach Hause; wer die Asche in alle vier Winde verstreuen möchte, kann dies über einer im Elsaß extra für diesen Zweck ausgewiesenen Rasenfläche tun.

"Leichentourismus" nennen bösartige Zungen diesen Ausbruch aus deutscher Überreglementierung. Im vergangenen Jahr machten mindestens 10.000 Tote diese Reise, die noch am Rande der Legalität verläuft. Aber so wie die bürgerlich-christliche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, wird auch der Friedhofszwang immer löchriger.

Rolf-Peter Lange: Die Kölner Bestattergemeinschaft ringt jetzt seit Wochen und Monaten mit den zuständigen Behörden, dass möglich sein möchte, in Einzelfällen auch Asche von der Rheinbrücke zu verstreuen. Das ist eine Frage der Zeit, wann wir im zusammenwachsenden Europa die Gesetzesänderung betreiben. Und wenn ich zu Lebzeiten verfüge "Meine Enkelkinder sind mir besonders ans Herz gewachsen, ich möchte, dass sie mich mitnehmen", dann ist das eine Frage des Selbstbestimmungsrechts des Menschen. Und dann kommt immer das Argument der Traditionalisten bei uns: "Ja, was ist denn, wenn die 2., 3. Generation Oma und Opa nicht mehr beim nächsten Umzug mitnehmen wollen?" Na, dann setze ich die Urne eben auf dem nächstgelegenen Friedhof bei.

Das berühmte Beispiel, dass dann ab und zu in den Grachten von Amsterdam eine herrenlose Urne gefunden wird, das ist so wie wir vor ein paar Monaten festgestellt haben, dass auf einem katholischen Friedhof hinter der Friedhofsmauer 200 Urnen standen, die nicht beigesetzt worden waren. Missbrauch ist nie ausgeschlossen. Da die anderen Länder mit dieser Möglichkeit zum Teil seit Jahrzehnten leben, kann man nicht uns Deutschen unterstellen, wir sind vom Grundsatz pietätloser und würden sofort dann massenhaft Urnen in die deutschen Mülltonnen - vielleicht noch getrennt nach Sondermüll und Spezialmüll - entsorgen. Das ist einfach abwegig. Dann werden die eben friedlich beigesetzt.

Eine normale Gruft für einen normalen Sarg auf dem Waldfriedhof Heerstraße in Berlin-Spandau. Zwei Meter zwanzig lang, einen Meter achtzig tief und einen Meter breit. Einen vollen Arbeitstag hat es gedauert, bis die Gruft ausgehoben war, jetzt ist sie innerhalb kurzer Zeit zugeschüttet. Drei Kubikmeter Erde per Hand. Die meisten Wege sind zu schmal für den Bagger. Keines der etwa 15.000 Gräber ist eingefasst, damit der Waldcharakter nicht gestört wird.

Thomas Engel: Ist ja so'ne Art Oase, so'n Friedhof, so'n abgeteiltes Stück von der Restwelt.

Thomas Engel hat fast 30 Jahre auf dem Friedhof Heerstraße gearbeitet: Gruben ausgehoben und wieder zugeschüttet, Bäume beschnitten, Urnen zum Grab getragen, Menschen in ihrer Konfrontation mit dem Tod erlebt.

Thomas Engel: Und wenn dann halt ein Kind kommt, das weiß, dass es in sechs Wochen sterben wird und sich das eigene Grab aussucht, dann ist das schon - und locker ist, also nicht heult, sondern ganz locker und gefasst ist und sagt: "Ja, da möchte ich liegen, das ist in der Sonne. Das wird mein Platz sein, wo ich den Körper hinbringe." Da stutzt man dann erstmal, ne.

Also dadurch, dass man ja wirklich den Menschen in den unterschiedlichen Aggregatzuständen angetroffen hat, bekommt man auch Abstand dazu. Und gerade, wenn man eine Weile Urnen getragen hat, ist es immer wieder erstaunlich, wenn man hinter sich hört: "Das war nun Walter gewesen." Der war vielleicht zwei Zentner, und plötzlich ist er also auf diese kleine Kapsel begrenzt. Und wenn man dann sagt: Naja, das ist ja wirklich nur der Körper. Es kann ja nicht die Seele sein. Das geht ja nicht. Und das, was uns ausmacht, ist ja nicht der Körper in der Regel, sondern die Seele. Und so schließt sich der Kreis dann: Geburt, Tod - alles eins.

"Eins" mag es tatsächlich sein, keineswegs jedoch einerlei. Jedenfalls nicht, wenn es um einen lukrativen Anteil an den etwa 8 Milliarden Euro geht, die jährlich auf dem Bestattungsmarkt umgesetzt werden. Es ist ein stark umkämpfter Markt, auf dem Steinmetze, Gärtnereien, Friedhofsverwaltungen, Krematorien oder Bestattungsunternehmen ihre Angebote nach zwei gegenläufigen Tendenzen ausrichten müssen: Einerseits lassen Discountbegräbnisse mit Billigsärgen aus stabiler Pappe - so genannten "Peace Boxes", wie sie in der Schweiz und Großbritannien verwendet werden - die Preise in den Keller purzeln. Aber dann darf es auf der anderen Seite auch schon mal die aufwendig gestaltete Urne in Erdbeerform mit Leuchtherz sein.

Spaziergänge erhalten die Lebenskraft - und können mitunter zu neuen Impulsen für die vor sich hinsiechende Friedhofskultur anregen. Am Blauen See im Habichtswald bei Kassel zum Beispiel: Entlang dem etwa anderthalb Kilometer langen Rundweg können sich ausgewählte Künstlerinnen und Künstler von internationalem Rang ihre letzte Ruhestätte aussuchen und sie bereits zu Lebzeiten ohne inhaltliche Vorgaben gestalten. Die einzige Bedingung ist, dass sie frei zugänglich bleibt. Acht Grabkunstwerke gibt es bereits, darunter das des Malers Ugo Dossi.

Unkonventionell geht es auch auf dem Friedhof in Ahrensburg bei Hamburg zu. Dort hat die Friedhofsleitung fünf- und sechsjährige Kinder eingeladen, ein neues Grabfeld mitzugestalten, das insbesondere für tot geborene Säuglinge vorgesehen ist. Ein lichter Ort sollte es werden - und ist es tatsächlich geworden: Auf Anregung der Kinder wurden eine Schaukel und eine Picknick-Bank aufgestellt. Und auf der Wiese hinter dem Grabfeld wachsen Obstbäume. Was noch fehlt, ist eine Art Kummerkasten. Den wünschten sich die Kinder, um Botschaften für die Geister der Verstorbenen hinterlegen zu können.

Eine Trauergemeinschaft lässt am offenen Grab bunte Luftballons fliegen - ein Ritual des gemeinsamen Loslassens, das seinen Ursprung der Aids-Bewegung in den USA verdankt. Andere lassen Champagnerkorken knallen. Solche Bilder sind inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr auf deutschen Friedhöfen. Aber nachts bei Wein und Musik auf den Grabplatten sitzen, wie es einige Urlauber von den Totenfeiern auf Mallorca kennen? Rolf-Peter Lange vom Bestatterverband schätzt, dass sich mindestens drei Prozent der Bevölkerung eine Beisetzungsform wünscht, die bislang verboten ist. Drei Prozent: Das sind ungefähr 25.000 Sterbefälle pro Jahr.

Rolf-Peter Lange: An diesen 25.000 Sterbefällen hängen einige Hunderttausend, wenn nicht Millionen Freunde, Bekannte, Familienangehörige etc., die im Augenblick nicht die Chance bekommen, nach ihrer Façon selig zu werden. Deshalb fordern wir beispielsweise neben den klassischen bestehenden Friedhöfen auch Friedhöfe in privater Trägerschaft, wo eben dann Vielfalt möglich ist: Da gibt es einen reglementierten, traditionellen Bereich. Dann kommt ein Bereich ohne Kreuz. Dann kann ein Bereich kommen, wo Mensch und Tier beigesetzt werden. Ein riesiges Problem für alte Menschen. Wenn diese Tiere versterben, an denen sie hängen, dann sehen sie: "Es wird mir verboten - von wem auch immer - diese kleine Aschenkapsel", das ist die Größe einer Nagellackentfernerflasche, "die auf der Grabstelle beizusetzen." Warum gibt es nicht Friedhofsbereiche, wo Mensch und Tier möglich sind? Also, das ist einiges im Busch.

Büsche gibt es im Friedwald Hasbruch bei Hude zwar auch. An diesem stürmischen Samstagnachmittag sind die Leute aber vor allem wegen der Bäume aus Oldenburg und Bremen angereist.

"Also, ich habe das jetzt richtig verstanden. Ich könnte jetzt schon hier mir einen Platz kaufen, könnte dann eben noch 20 Jahre, maximal 30 leben. Würde nichts ausmachen? Käme ich trotzdem dahin?" - "Kein Problem, ja."

Unscheinbare Plaketten am Stamm einer Eiche oder einer Buche weisen auf die Toten hin. Manchmal nicht einmal das. Keine religiösen Symbole, keine Kränze, keine Grabsteine oder "ewigen" Lichter.

"Bei einem Familienbaum wie viel maximal?" - "Der Teuerste ist 7000 Euro." - "Nein, ich meine, wie viele Mitglieder können da -?" - "Zehn ..."

Beigesetzt im Wurzelwerk. Die Asche dem Kreislauf der Natur zurückgegeben. Als Nahrung für das Leben.

"Das Loch ist normalerweise 50 bis 70 Zentimeter tief ..."

Das Konzept, sich zu Lebzeiten einen Baum auszusuchen und auf 99 Jahre zu pachten, stammt aus der Schweiz. In Deutschland gibt es inzwischen acht Friedwälder, bundesweit sind Genehmigungsverfahren für mindestens 20 weitere anhängig.

Seit der Eröffnung des Hasbrucher Friedwaldes im Juni 2004 hat Förster Heino Tielking bereits über 40 Bestattungen durchgeführt und etwa 100 zukünftige Bestattungsplätze verkauft.

Heino Tielking: Da geht es nicht nach forstlichen Gesichtspunkten, sondern rein nach Schönheit. Und "schön" ist ein Baum, wenn er auch mal etwas krumm ist, etwas zwieselig ist. Denn hier pflegt die Natur. Wenn hier mal etwas abgelegt worden ist, entfernen wir das. Das weiß jeder, das soll nicht sein. Und jeder, der hier ist, der möchte das auch nicht, dass hier irgendwas hingelegt wird.

Menschen durch den Wald zu führen und ihnen die Natur näher zu bringen, das gehört zum Alltag eines Försters. Die Aufgabe eines Friedwald-Försters ist allerdings neu.

Heino Tielking: Weil wir auch im Walde immer mit Leben und Sterben zu tun haben, ist es zwar etwas Außergewöhnliches. Nur, es ist auch, wenn man dem Gedanken positiv gegenüber steht, etwas sehr Soziales. Es sind manchmal sehr schwierige Gespräche. Wir sind aber geschult worden von dem Friedwald-Team. Man muss auch mit sich im reinen sein, ob man das will und kann. Und sicherlich, das ist eine Bereicherung.

Die deutschen Friedwälder werden von einer privaten GmbH mit Sitz in Darmstadt betrieben. Ihr Erfolg hat die Friedhofsbranche aufgeschreckt und einige kommunalen Friedhofsverwaltungen zum Umdenken bewogen. Einen Baum für die letzte Ruhe kann man sich inzwischen auch auf den Hauptfriedhöfen Kassel und Karlsruhe, auf dem Westhausener Friedhof in Frankfurt am Main oder auf dem Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof auswählen.

Erkannt haben die Zeichen der Zeit auch die kirchlichen Friedhofsträger. Als "tektonische Verschiebung" bezeichnet zum Beispiel die Evangelische Kirchensynode den dramatischen Kompetenzverlust der Kirchen in Sachen Trauerkultur. In ihrem jüngst herausgegebenen Handbüchlein "Herausforderungen evangelischer Bestattungskultur", heißt es, bei Bestattungen sei es - ebenso wie bei Taufen, Trauungen und Konfirmationen - "wie im Zugverkehr: Eine einzelne Verspätung richtet mehr 'Imageschaden' an als 50 pünktliche Bahnfahrten." Mit anderen Worten: Den Zug verpasst? Beziehungsweise den Dialog mit Menschen über ihre unerfüllten spirituellen Bedürfnisse, über die leere Routine vieler traditioneller Trauergottesdienste?

Arne Ziekow: Das würde ich bejahen wollen, dass wir als kirchliche Friedhofsträger uns sicherlich mit einigen Entwicklungen einfach noch schwerer tun, weil wir nicht nur einen bestattungskulturellen Hintergrund, sondern eben auch noch einen geistigen, theologischen Überbau in dieser Frage des Umgangs mit dem Tod und des Umgangs mit den Toten haben. Deswegen sind sicherlich all diese Formen, die in Richtung einer endgültigen Auslöschung des Toten, eben auch hinsichtlich seines Namens zielen, aus kirchlicher Sicht noch sehr viel schwerer zu "verdauen" (lacht etwas) und erfordern eine andere Herangehensweise, um einerseits diesem von uns nicht weg zu diskutierendem Bedürfnis entgegenkommen zu können, ohne aber gewisse Grundpositionen aufgeben zu müssen.

Mit dem denkbar extremsten Gegenteil von Anonymität, den weltweit abrufbaren Trauerhallen im Internet, tun sich die Kirchen jedoch nicht minder schwer. Auf dem "World Wide Cemetery" zum Beispiel reiht sich ein Grabstein an den anderen. Ausführliche Lebensläufe, Fotos, manchmal sogar bewegte Bilder und Tondokumente halten die Erinnerung an die Toten lebendig.

Das "ewige Gedächtnis der Toten", bisher eine allein Gott vorbehaltene Fähigkeit und als Glaubenstrost verkündet: In seiner virtuellen, computeranimierten Variante macht es den tatsächlichen Verbleib des Leichnams inzwischen gänzlich unwichtig.

Der Abschied vom konkreten Grabmal ermöglicht aber auch völlig neue Formen der individuellen Vernetzung mit den Verstorbenen. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes: So kann man über das französische Portal "Cyberia" die Pariser Friedhöfe Montparnasse und Père Lachaise besuchen und an den Gräbern von Beaudelaire oder Simone de Beauvoir Blumen ablegen, die niemals welken.
"Le Mort n'est pas une Fin" lautet denn auch das Motto von Cyberia: Der Tod ist nicht das Ende.
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