WortSpiel - ZeitReisen
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Samstag • 19:05
25.2.2005
Raum als wichtigstes Baumaterial
Der russische Architekt Konstantin Melnikow

Wie ein Raumschiff der Außerirdischen aus den alten Schwarz-Weiß-Filmen stehen zwischen den Bäumen zwei graue Zylinder mit einem großen Fenster vorn wie bei einem Cockpit und vielen kleineren sechseckigen um den ganzen Rumpf herum - Bullaugen für die geheimnisvollen Wanderer aus dem All. Mit diesem Gefühl etwa entdeckt man in Zentrum Moskaus eines der bedeutendsten Architekturdenkmäler des sowjetischen Konstruktivismus.

Den Namen des Architekten braucht man nicht lange zu suchen, er ist auf der Wand des Hauses mit großen Reliefbuchstaben verewigt: Konstantin Melnikow - Architekt.
Melnikow entwickelte in den zwanziger Jahren eine revolutionäre neue Sicht in der Architektur - eine neue Ästhetik des architektonischen Raumes.

In seinen Entwürfen gibt es keine flächigen Fassaden; der Raum ist gleichsam gefaltet, mal spiralenförmig gewunden, mal in unüblichen Dimensionen gestaltet. Nicht der Stein, nicht der Ziegel, nicht der Eisenbeton, sondern der Raum selbst ist das wichtigste Baumaterial.

Die russische Avantgarde entstand in den zwanziger Jahren und verstand sich als Äußerung der neuen Weltordnung.
Dem Erbe des alten untergegangenen Russland standen die aufgeheizten Massen des Proletariats mit destruktiver Energie gegenüber. Nur auf leerem Platz ist die neue Welt zu erschaffen, in die die Menschheit von Lenin und der Sowjetmacht geführt würde:

Revolutionen an sich haben ein gewaltiges Schöpfungspotential, einen aufopferungsvollen und brutalen Romantismus. Das neue Russland wurde zum Übungsfeld für die Utopie. Sie forderte neue Formen und Namen: Suprematismus, linke Front der Kunst, Malewitsch, Majakowski, Eisenstein, Tatlin, Lissizki. Der Düsseldorfer Architekt Professor Wolfgang Döring

Döring: Die Architektur hat eine rein dienende Funktion, um ein neues Menschenbild auch zu schaffen. Lissitzki hat einmal gesagt also die neue Welt, die neue Perspektive, die wie jetzt vor uns haben ist die Spirale und in der Klassik hat man anders an Quadrat, an Würfel gedacht. Und unsere Perspektive liegt in der Spirale, etwas völlig anderes, losgelöst von der Erdschwere, dass man zu völlig neuen bis dahin völlig unbekannten Ufern geht. Das ist so die Grundhaltung gewesen.
Es ist auch einmalig gewesen, dass im Zuge von Demonstrationen und großen Umzügen sehr große Architekturmodelle in den Zügen mitgenommen worden sind. Man hat also den Turm Tatlins, dieses sehr große weltberühmte Skelett, hat man auf einem großen Planwagen gesetzt und hat ihm mit Triumph durch die Straßen Moskaus gezogen. Eine dynamische Architektur, was natürlich einer Immobilie widerspricht.


Konstantin Melnikow, einer der bedeutendsten Vertreter der russischen Avantgarde, wurde 1890 in einer Bauernfamilie geboren. Schon als kleiner Junge spielte er mit Lehm, zeichnete und genoß die Vielfalt der Formen in der ihn umgebenden Natur. Nach dem Besuch der russischen Kirchenschule fand er eine Anstellung in einer Handelsfirma für Heizungssysteme, zunächst als Laufbursche.
Der Besitzer der Firma erkannte sehr schnell das Talent des Jungen und schickte ihn auf eigene Kosten an die Moskauer Fachschule für Bildende Kunst und Architektur. Konstantin Melnikow erinnerte sich später:

Zu zeichnen, ein bescheidenes Blatt in der Hand und die Kohle zu halten - welche unbegrenzte Möglichkeit der Äußerung! In der Musik braucht man das Gehör, und hier die Augen. Was könnte faszinierender sein als die sichtbare Schönheit. Mein Name stand unter elf Glücklichen, aus 270 Bewerbern Auserwählten.

Melnikow studierte erst Malerei, dann Architektur; 1917 beendete er sein Studium. Drei Jahre später, nach der Revolution, erhielt er an seiner ehemaligen Schule eine Professur und gründete unter dem Titel "Neue Akademie" eine Kunstwerkstatt. Hier begann er mit geometrischen Formen, mit Dreieck, Trapez, Pyramide und Zylinder zu experimentieren:

Ich bekam den Titel eines Architekten und bin in ein Metier eingetreten, das vor dem Abgrund stand. Warum erwecken meine Arbeiten solche starke Neugier, die sich mit Besorgnis mischt? Warum entstehen Abneigung und Angst vor der Ungewöhnlichkeit dieser Arbeiten, und warum entsteht ein Gefühl der Frische, wenn man sie besser kennen lernt? Ich weiß: Ich bin in diesem Jahrhundert dazu berufen, das absterbende Gespür wieder zu beleben und neu in der Architektursprache zu reden.

Die Teilnahme an einem Wettbewerb, bei dem Projekte für Arbeiterwohnungen eingereicht werden sollten, brachte Melnikow einen ersten Erfolg. Im Februar 1924 erhielt er den ehrenvollen Auftrag, einen Sarkophag für Lenin im zweiten Mausoleum zu bauen. Kurzfristig und unter komplizierten technischen Bedingungen präsentierte er einen märchenhaften Glaskristall für den Leichnam des proletarischen Führers.
Noch im selben Jahr gewann er den Wettbewerb für den Entwurf des sowjetischen Pavillons auf der Weltausstellung in Paris.

Dass er kurzfristig in der Lage war kostengünstige Bauten zu errichten, hatte er bereits bewiesen. Dieser hölzerne Pavillon, farblich gestaltet von dem Freund Alexander Rodtschenko, wurde die Sensation der Ausstellung und ausgezeichnet mit dem Grand Prix.

Der in der Draufsicht rechteckige, vollständig mit Glas überdachte Bau in zwei Etagen, war in der Diagonale mit einer breiten Treppe versehen, die in die zweite Etage führte. Die in Glas ausgeführten Außenwände gaben der Konstruktion eine zu der Zeit ungewöhnliche Leichtigkeit und Transparenz. Innen trugen unter verschiedenen Winkeln gehängte Platten die Agitationssprüche von Alexander Rodtschenko. Der Pavillon war eingerichtet als Arbeiterklub und sollte als Agitationsmaschine fungieren:

In der erbauten Konstruktion soll sich eine Seele verbergen. Sie zu erwecken bedeutet, die Architektur zu erfinden. Die Größe der Kunst in der Architektur ist nicht in ihrer Höhe, ihrer Breite oder überhaupt in irgendwelchen Dimensionen zu messen.
Architektur erschließt sich im Spiel der Räume und nicht im Volumen des äußeren und inneren Raumes. Sie ist eine Schönheit, anderes kann sie nicht sein.


Melnikow lebte einige Jahre mit seiner Familie in Paris. Das Schicksal des Architekten hätte anders und erfolgreicher verlaufen können, wenn er in Frankreich geblieben wäre, aber wie sein Sohn, der 90-jährige Wiktor sagt, war das nicht denkbar:

Melnikow: In Paris wurde er sehr berühmt und die Familie war bei ihm, und ich auch, als zehnjährige Junge und auch die Schwester. Er blieb nicht in Frankreich, weil er ein russischer Mensch war mit russischem Glauben. Er liebte die Heimat unabhängig von den verschiedenen politischen Verhältnissen.

In seiner Paris Zeit erhielt Melnikow noch ein Angebot der Pariser Stadtverwaltung, eine Garage zu projektieren. Die Ausführung war überraschend neu, selbst für Paris - die Automobile übereinander in einem Parkhaus und noch dazu auf einer Brücke über die Seine zu stationieren. In allen Lehrbüchern ist das Projekt zu sehen - riesige Flügel der Garage werden von beiden Ufern mit Kariatiden unterstützt. Sie dienten aber nur als Dekoration, der Bau kann auch ohne sie stehen.
Triumphierend kam Melnikow nach Moskau zurück. Hier baut er zwei große Garagen für Busse und LKW und projektiert sieben Arbeiterklubs, von denen sechs gebaut wurden. Melnikow schrieb:

Ein Klub ist doch kein Tempel einer Gottheit. Man muss dort so eine Einrichtung schaffen, dass man den Arbeiter nicht mit Gewalt hinbringt, sondern, dass er selbst dahin läuft. An der Kneipe und seinem Haus vorbei. Der Klub soll zum Ausdruck des neuen Lebens werden.

Einer der bekanntesten Bauten dieser Art ist der Ende der zwanziger Jahre entstandene Russakow - Klub. Ein riesiges Zahnrad wurde zwischen ärmlichen Holzhäuschen hingestellt. Auf alten Fotos sieht der Klub wirklich wie ein Symbol des Sieges von Fortschritt und Vernunft aus. Die herausragenden Zähne des Rades sind nach außen getragene Teile des großen Zuschauerraums, sie lassen sich aber mit den beweglichen Wänden abtrennen und bilden damit kleinere selbständige Räume.
In diesen Jahren bauten die Architekten mit billigen und kurzlebigen Materialien und keines dieser Häuser hat bis jetzt eine gründliche Restaurierung erlebt. Konstantin Melnikow erinnerte sich später

Ich verachte das Material! Was bedeutet das Material im Vergleich zur Form? In meinen Bauten gibt es die Linie - schon ein halbes Jahrhundert ist vergangen und keiner hat es verstanden. Damals in den 20er Jahren dachten wir mehr an die Kunst als an die Materialien. Und die Architektur hat sich bei uns in den modernsten Formen unserer Zeit ausgedrückt. Das, was wir im Osten damals erlebt haben, findet jetzt im Westen statt.

In Sowjetrussland plante man den Alltag und das Leben des neuen sowjetischen Menschen. In einem Projekt "Die grüne Stadt" sollten die Wettbewerber einen Park für Kultur und Erholung schaffen. In seinem Wettbewerbsprojekt stellte Konstantin Melnikow sich die Aufgabe, den gesunden Schlaf in den Mittelpunkt zu stellen. Seine "Grüne Stadt" sollte den Menschen bessere Schlafmöglichkeiten anbieten.

In absehbarer Zeit brauchen wir Einrichtungen mit zwölf Wohnkörpern, jeder für 4000 Übernachtende. Hier sollen nicht nur verschiedene mechanische Betten installiert werden, hier sollen die Schlafkammern auch mit verdünnter bzw. verdichteter Luft versorgt werden. Schlafkammern mit irgendwelchem Äther gesättigt, oder Kammern, in denen der Schlaf die höchste Qualität erreicht, weil hier die von Spezialisten entsprechend erarbeitete Musik zu hören sein wird.

Das Projekt begleitete Melnikow mit folgenden Plakattexten:

Der Schlaf ist ein Heilfaktor! Andersdenkende sind krank!
Schlafen muss man nach der Zunftangehörigkeit!


Dieses Projekt wie auch andere sind nicht realisiert worden, aber die sowjetische Wirklichkeit hatte diese utopischen Gedanken auf eigene Weise verwirklicht. In den 60er und 70 Jahren wurden die so genannten Schlafstädte am Rande Moskaus und anderer Städte mit großen Betonsiedlungen bebaut.
Bunter Rauch, von den nahe stehenden Betrieben - verdichtet und verdünnt - füllt kleine und stickige Wohnungen. Tausende unausgeschlafene Menschen stürmen die U-Bahnzüge im Morgengrauen, um in 2 Stunden zur Arbeit zu kommen.

Konstantin Melnikow war kein Arbeiter, er gehörte zur Elite Moskaus, war ein gefragter Architekt und bekam 1927 vom Rat der Volkskommissare die Genehmigung, im Zentrum der Stadt ein Eigenheim zu bauen. 1929 zog die Familie in das neue Atelierhaus ein. Das aus den berühmten zwei Zylindern bestehende Haus war auch als Prototyp für große Wohnhäuser gedacht, bei denen die Zahl der Zylindemodule je nach Bedarf erhöht werden konnte. In einem Zylinder befindet sich der größte Raum, die Werkstatt, mit den berühmten 38 sechseckigen Fenstern, die das Licht des ganzen Tages aufnehmen, im anderen Zylinder befindet sich ein rundes Schlafzimmer mit zwölf Fenstern. Hier sollte die ganze Familie zusammen übernachten. Melnikows Auffassung vom Schlaf hat hier ihren Ausdruck gefunden. Die kurzen Wände, die wie Schirme das Elternbett abgrenzen, geben diesem einfachen runden Raum eine unerwartete Vielfalt. Ein suprematistischer Ofen oder eine gradlinige Treppe im runden Gang nach oben, eine Tür, die zwei verschiedene Eingänge verschließt. Man muss hier wirklich etwas länger bleiben, um alle Geheimnisse zu entdecken.

Melnikow: Das ist wahrhaftig ein Märchenhaus. Papa besaß ein Gespür für die menschliche Wahrnehmung des Blickwinkels. Das ist auch eine seltene Begabung, wovon viele möglicherweise gar nichts wissen. Ich wohne hier 74 Jahre und auch heute entdecke ich solche Blickwinkel, die ich früher nicht gesehen habe. Es hat einen ungewöhnlichen Reichtum an Formen.
Mit diesem Haus beweist er, dass man mit solcher einfachen primitiven Form einen Reichtum an Einzelheiten erschaffen kann.


Der Architekt Prof. Wolfgang Döring:

Döring: Einmal ist das ein kleines Haus und dann ist es ein Haus, das durch den Rückgriff auf eine geometrische Form, den Zylinder, eigentlich auch Korrespondenzen hat , in dem was im Zuge der französischen Revolution Leute wie Ledoux propagiert haben. Nämlich eine Architektur, die zurückgeführt wird auf reine mathematisch Körper, den Zylinder die Pyramide, den Würfel.
Es ist vergleichbar, natürlich mit den Häusern die Corbusier gebaut hat, diese berühmte Villenfolge in Paris, oder Mallet Stevens auch in Paris ... und ein kleines Beispiel einer solchen Villa in Moskau ist eben witzigerweise dieses Atelier - und Zylinderhaus und deswegen muss das einfach da bleiben. In diesem Zylinderhaus ist die innere Struktur immer noch so erhalten wie es mal vor bald 80 Jahren gebaut worden ist.


Noch einmal 1933 während der Triennale in Mailand ist Konstantin Melnikow international aufgetreten. Er war der einzige Russe unter den berühmten Meistern wie Walter Gropius, Mies van der Rohe, Le Corbusier, Mendelssohn, Frank Lloyd Write. Die Projekte, die Melnikows für diese Ausstellung entworfen hatte, sind aber nur auf dem Papier geblieben und dienen heute als Lehrmaterial für die Baugeschichte:

Melnikow: Als mein Vater noch lebte, kamen Leute und fragten, wie er sich in der "..triennale di milano" unter den elf größten Architekten der Welt fühlte. Papa wollte nicht polemisieren, und als er gezwungen wurde sich zu äußern, sagte er - "Als einen Schöpfer hätte ich Frank Lloyd Wright genannt. " Und wie die anderen?!" fragte man ihn, er schwieg lange, dann gab er folgende Antwort - "Die anderen haben den Titel eines Architekten gegen die Bezeichnung eines Ingenieurs eingetauscht." Sie machen diese Hochhäuser, die uns in Ameisen verwandeln.

Die großen Architekten des Westens wirkten in unsere Zeiten hinein, es gab keine Unterbrechung der Entwicklung.
In der Sowjetunion ging die Blütezeit der Avantgarde in den dreißiger Jahren zu Ende. Diese Explosion der künstlerischen Energie konnte nur kurze zehn Jahre andauern. Der Stalinismus duldete keine Experimente mehr und sah in der Kunst nur seine Sklavin.

Melnikow und die anderen Vertreter des russischen Konstruktivismus wurden in den dreißiger Jahren als Formalisten gebrandmarkt und fielen in Ungnade. Sie bekamen Berufsverbot und warteten wie Abertausende Landsleute auf ihre Verhaftung. Viele Architekten überlebten, nur einen "musste man erschießen" - er hatte Stalins Datscha gebaut und wurde dadurch gefährlich.

Melnikow selbst lebte bis zuletzt in seinem eigenen Haus, konnte unterrichten, malen und 1972 bekam er sogar einen Ehrentitel - den eines "verdienten Architekten der Russischen Föderation". Bauen durfte er all diese Zeiten nicht mehr.
Als Triumph der neuen Epoche der 30 Jahre erhebt sich in der Nähe von Melnikows Haus einer der sieben gigantischen Stalintürme, in dem sich das Außenministerium Russlands befindet. Aber nicht nur Politik und Ideologie sind ein Feind der Kunst, meinte Konstantin Melnikow:

Nicht die Begabung des Architekten wird dessen beste Werke retten können. Architektur hat viele Feinde, die die andere Künste nicht haben: die Technik, die Grafik, den Alltag, die Dienstleistungen und die Millionen von Rubel...

Diese Millionen von Rubel beherrschen heute das Leben in Russland und in der Hauptstadt. Das alte historische Zentrum ist in den Augen der neuen Kapitalisten wertlos. So beginnt man zum Beispiel die Rekonstruktion eines Häuschens mit zwei Etagen, das unter Denkmalschutz steht und zum Schluss entsteht auf diesem Platz ein Businesszentrum mit 22 Etagen und Tiefgarage. Man hat oft keine Gewissensbisse, daran noch eine Tafel anzubringen, auf der zu lesen steht, dass diese Gebäude ein "Denkmal der Architektur" sei. Oder man sieht auf einem Handelszentrum aus Beton und Glas eine andere Tafel mit dem Hinweis, dass hier Anton Tschechow gearbeitet hatte:

Die Bauten aus der Zeit der russischen Avantgarde der 20er Jahre erlebten ihre letzten Tage. Sie waren ein wichtiger Beitrag Russlands zur Entwicklung der Architektur. Die heute in Moskau praktizierte Baupolitik ist in ihrem Wesen verbrecherisch, antisozial und antistaatlich. Sie nimmt den kommenden Generationen der russischen Staatsbürger das historische Gedächtnis.

Auch der Moskauer Architekt Juri Awwakumow unterzeichnete diesen Brief an den russischen Präsidenten, den etwa 3000 Intellektuelle Moskaus unterschrieben hatten, darunter nur 75 Architekten:

Awwakumow: ... Klar, wir haben heute eine neue Wirtschaftsordnung. Plötzlich begannen wir dort zu leben, wo ein Quadratmeter der Bodenfläche viel Geld kostet. Mich aber betrübt viel mehr die Situation in unserer Architektur-Zunft. Wenn alle Architekten - davon gibt es etwa 5000 lizenzierte in Moskau - wenn sie eine Verabredung getroffen hätten, nicht an den Stellen zu bauen, an denen Architekturdenkmäler zerstört werden, und wenn es ein Charta der Architektur oder der Architekten Moskaus gäbe, sagen wir mal, dann könnte ich Ihnen jetzt sagen, dass der Feind nicht durchdringen würde.

Das sind Träume. Es gibt kein öffentliches Interesse daran, diese Architektur zu retten. Diese übrig gebliebenen Denkmäler, die sich oft in schrecklichem Zustand befinden, findet man eher hässlich. Dazu stehen sie noch auf teuren Grundstücken, wie zum Beispiel auch das Wohnhaus des Architekten Moses Ginsburg hinter der neuen amerikanischen Botschaft. Ringsum Stalins Pracht und neuer Kitsch aus Glas und Beton. Es ist in den letzten Jahren ein ästhetischer Begriff entstanden, der nennt sich "Ewroremont" - "Eurorenovierung" aus westlichen Baustoffen also. Man will eine moderne Stadt haben, aber immer wieder nach dem Geschmack der ehemaligen Kioskbesitzer und Parteifunktionäre, die heute an der Macht sind. Bald wird die alte Stadt nur auf den Fotos zu sehen sein.

Palmin: Melnikow hat einen ziemlich großen Platz in meinen sozusagen architektonischen Empfindungen und in den, - klingt wahrscheinlich seltsam, menschlichen.... Ich habe Melnikows Werk nicht einfach fotografiert sondern erlebt.

Der Fotograf Igor Palmin ist ein bekannter Künstler und beschäftigt sich viel mit der Architektur. Sein Fotoalbum "Der russische Jugendstil" hatte ihn bekannt gemacht. Zu Melnikows Haus hat er eine besondere Beziehung:

Melnikow ist für mich eine doppelseitige, widersprüchliche Figur. Einerseits ist dieses Haus eine Konstruktion, wie seine Garagen, die Skizzen dafür, In diesen Dingen gibt es kein "sich-zur-Schau-stellen", was auf einen Effekt zielt. Alles ist notwendig und sehr genau. Und in den anderen Dingen fühle ich Melnikow nicht als einen Architekten sondern als einen Konstrukteur. Das sind seine Wettbewerbsprojekte - Haus der Verwaltung für schwere Industrie, Kolumbusdenkmal aus zwei Konen mit riesigen Flügeln oder Segeln, die die Konstruktion in Bewegung bringen - das sind alles fantastische Dinge. Diese Konstruktionen waren für ihn mehr eine Erfindung. Ich vermute, das wusste Melnikow genau - sie werden nie gebaut.

Das Melnikow-Haus steht heute so wie es vor fast 80 Jahren gebaut wurde. Der alt gewordener Sohn des Architekten erhält alles im ursprünglichen Zustand und zeigt den Gästen die Ikonen seines Vaters, die Bilder an den Wänden, die Venus von Milo, die Fotos. Man denkt, hier hat die Zeit keine Spuren hinterlassen. Aber doch ist die Decke kaputt gegangen, die neuen Häuser für die neuen Reichen sind viel zu nah gebaut, klagt der Sohn, dadurch wird das Fundament durch Grundwasser langsam vernichtet, die Vibration der Lüftungsanlagen erschüttert das Haus und so weiter und so weiter. Alle diese Klagen muss man eigentlich, wie es immer in der alten heiligen Rus gewesen war, ganz nach oben richten:

Döring: Ich nehme an, wenn hier nicht der Herr Schröder zu Putin in Eisenbahnabteil mal sagen würde - Hör mal, Du musst das Familienhaus erhalten, sonst fallen dort die Räume durch und dann ist die Bude weg... also wird das eigentlich sein...
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