Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Atomsicherheit wird zur innenpolitischen Kernfrage

Zwischen Landtagswahlkampf und Angst vor dem GAU

Das AKW Biblis in Hessen (picture alliance / dpa)
Das AKW Biblis in Hessen (picture alliance / dpa)

Nach dem ersten Schock über die nuklearen Unfälle in Japan streitet die deutsche Politik über die deutsche Atomsicherheit und Laufzeitverlängerungen: Vizekanzler Westerwelle schlägt ein "Aussetzen" vor.

Bundesaußenminister und Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) hält es für denkbar, die von der schwarz-gelben Koalition jüngst beschlossene Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke auszusetzen. Die Sicherheit habe Vorrang vor Wirtschaftsinteressen. Westerwelle forderte die Bildung einer Expertenkommission, die eine neue Risikoanalyse der Atomkraftnutzung erstellen solle. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) will ein schnelleres Umsteuern auf regenerative Energien prüfen. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) sprach sich dafür aus, das Restrisiko von Atomkraftwerken neu zu bewerten.

In Baden-Württemberg lässt Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) ab heute die Notstromversorgung der regionalen AKW prüfen - zwei Wochen vor der Landtagswahl am 27. März. SPD und Grüne haben gemeinsame Sonntagsumfragewerte von 45 Prozent , die die Stuttgart-21-geschädigte CDU (39 Prozent, Koalitionspartner FDP 7 Prozent) in Bedrängnis bringen werden.

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Stefan Mappus, kündigte bereits am Wochenende an, dass die Sicherheit der dort angesiedelten Atomkraftwerke unverzüglich überprüft werde (MP3-Audio): "Dabei werden alle denkbaren Möglichkeiten geprüft. Kernkraftwerke, die nicht den erforderlichen Sicherheitsansprüchen genügen, werden abgeschaltet - nicht in sieben Jahren, nicht in 15 Jahren, nicht in 20 Jahren, sondern sofort!"

EU-Energie-Kommissar Günther Oettinger fordert eine ergebnisoffene Prüfung aller europäischen AKWs: Atomare Sicherheit kenne keine Landesgrenzen.

Der Bremer Umweltsenator Reinhard Loske (Bündnis 90/Die Grünen) hat der Bundesregierung fehlende Glaubwürdigkeit in der Atomfrage vorgeworfen. Man wolle mit Beschwichtigungsgesten das Thema herunterspielen.

Wenn die Regierung es ernst meine, dann müsste sie die Atomkraftwerke stilllegen, bis alle erforderlichen Nachrüstungen getätigt seien, meint Physiker Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.

Auch der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hatte die Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisiert (MP3-Audio), dass alle deutschen Meiler einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen würden. Es liege der Verdacht nahe, dass es der Kanzlerin lediglich um die Beruhigung vor den Landtagswahlen gehe. Er betonte, das Atomzeitalter sei zu Ende. Gabriel verlangte die sofortige Abschaltung alter Kernkraftwerke. Die Landtagswahlen würden mit darüber entscheiden, ob sich beispielsweise in Baden-Württemberg der "absolute und ignorante Pro-Atomkurs" von Ministerpräsident Mappus durchsetze oder gestoppt werde.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit hat auf seiner Webseite Anforderungen und Maßnahmen aufgelistet (pdf-download), die in den bestehenden deutschen Kernkraftwerken bei einem kurz- oder mittel- / langfristigen Weiterbetrieb umzusetzen sind. Sie setzen auf eine Gesamtsicherheitsbewertung auf Basis von durchgeführten Sicherheitsüberprüfungen auf.

Restlaufzeiten der AKW in Deutschland

In Deutschland gibt es laut klima-media.de 17 Atomkraftwerke, deren Laufzeiten durch die schwarz-gelbe Regierung Ende 2010 bis mindestens 2019 (Neckarwestheim 1, Isar 1) verlängert wurden. Die Atomkraftwerke Emsland und Neckarwestheim 2 sollen erst 2034 bzw. 2036 vom Netz gehen.

Das Bundesamt für Strahlenschutz listet weitere Fakten zu den deutschen Kernkraftwerken auf: Reaktortyp, Leistung, Jahr der Inbetriebnahme und bisherige Anzahl der meldepflichtigen Ereignisse.

Atomkraft - nun doch (dradio.de-Sammelportal)
Energiepolitik am Scheideweg (dradio.de-Sammelportal)

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 20:30 Uhr Lesezeit

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr Konzert

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 20:00 Uhr Eine Stunde Talk

Aus unseren drei Programmen

EU-ErmittlungenStrafe für Le Pen wegen illegaler Parteienfinanzierung

Sie sehen die Vorsitzende des Front National, Marine Le Pen, kurz nach ihrer Ankunft auf einer Wahlkampf-Veranstaltung in Lyon. (AFP / Jeff Pachoud)

Die Front National-Chefin und EU-Abgeordnete Marine Le Pen hat Betrugsvorwürfe bestritten, Partei-Mitarbeiter auf EU-Kosten beschäftigt zu haben. Sie weigert sich, der EU die unrechtmäßig gezahlten Gelder zurück zu erstatten. Ab März wird sie nun auf die Hälfte ihrer Diäten verzichten müssen.

Berliner Zoos im Kalten KriegElefanten für den Klassenkampf

Elefanten im Tierpark Berlin (dpa / picture-alliance / Berliner_Kurier)

Die Systemkonkurrenz zwischen BRD und DDR machte vor exotischen Tieren nicht Halt. In Berlin war die Frage: Wer hat mehr Krokodile und Elefanten, der Zoo im Westen oder der Tierpark im Osten? Jan Mohnhaupt hat ein Buch über den absurden Kampf der Zoodirektoren und die "Nachrüstung mit Pandas" geschrieben.

Die Zeichnerin Sarah Glidden Comics gegen die Spaltung der Gesellschaft

Die Comiczeichnerin Sarah Glidden (Sarah Shannon / Reprodukt)

Die Comic-Zeichnerin Sarah Glidden versucht mit ihren Anti-Trump-Cartoons, Aussagen des US-Präsidenten zu Muslimen und Flüchtlingen zu widerlegen. Auf ihrer Lesereise durch Deutschland stellt Glidden zudem ihre Comic-Reportage aus dem Nahen Osten vor.

Berlin-NeuköllnDer rätselhafte Mord an Burak Bektaş

Eine Demonstrantin hat sich am 05.04.2014 in Berlin bei einer Demonstration zum Gedenken an den 22-jährigen Burak Bektas ein Portrait des Ermordeten an das Kopftuch gehängt. (picture alliance / dpa / Florian Schuh)

2012 wird in Berlin-Neukölln der 22-jährige Burak Bektaş erschossen. Der Mord ist bis heute ungeklärt. Hinweise deuten auf einen rechtsextremen Tathintergrund, konkrete Beweise fehlen jedoch.

Nachhaltige ProduktionDas Prinzip Cradle to Cradle

Schaufensterpuppen stehen im Foyer des Textil-Unternehmens Beysun, aufgenommen am Montag (09.05.2011) in Berlin vor dem Firmensitz. Allein 40.000 Selbständige nichtdeutscher Herkunft sind in Berlin gemeldet, davon 6.500 aus der Türkei.  (picture-alliance / Soeren Stache)

Mit dem Konzept Cradle to Cradle, englisch für "von der Wiege zur Wiege", verfolgen Umweltschützer und Produktdesigner das Ziel, Materialien und Nährstoffe endlos zirkulieren zu lassen. Kein Rest soll zurückbleiben. Bereits bei der Produktentwicklung muss daher ganzheitlich und zukunftsorientiert gedacht werden.

Zum Tod von Stanisław SkrowaczewskiEin kollegialer Mitschöpfer

Der Dirigent Stanislaw Skrowaczewski (picture alliance / dpa / Hermann-Josef Wöstmann)

Er war einer der ältesten aktiven Dirigenten im internationalen Konzertleben: Stanisław Skrowaczewski. Der polnisch-amerikanische Maestro ist am 21.Februar im Alter von 93 Jahren in Minnesota gestorben. Seine musikalischen Abende erhielten stets eine besondere Aura.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Stahlindustrie  Erste Tarifrunde bleibt ohne Ergebnis | mehr

Kulturnachrichten

Kuba: Bücher des Ch. Links Verlag beschlagnahmt  | mehr

Wissensnachrichten

Lebenserwartung  Männer holen auf | mehr