Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Aufklärung über "Abhören von Freunden"

Deutsche Politiker empört über Ausmaß der US-Affäre

Ukrainische Internetaktivisten protestieren mit einem "US-Ohr" gegen den US-Abhörskandal (AFP/Sergei Supinsky)
Ukrainische Internetaktivisten protestieren mit einem "US-Ohr" gegen den US-Abhörskandal (AFP/Sergei Supinsky)

Die Bundesregierung zeigt sich befremdet, der Bundespräsident ist besorgt. Die Spähangriffe des US-Geheimdienstes müssten aufgeklärt werden, verlangte Joachim Gauck. Die SPD hat eine Sondersitzung des für die Kontrolle der Geheimdienste zuständigen Bundestagsgremiums anberaumt.

Er habe für Mittwoch eine Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKG) einberufen, erklärte dessen Vorsitzender, der SPD-Politiker Thomas Oppermann. Zu dieser Sitzung soll nach den Worten Oppermanns, der Parlamentarischer Geschäftsführer der Sozialdemokraten ist, auch Kanzleramtsminister Ronald Pofalla eingeladen werden. Pofalla ist im Kanzleramt für die Koordinierung der Geheimdienste zuständig.

Gauck äußerte sich auf einer Rundreise mit Diplomaten durch Baden-Württemberg. In Freiburg sagte er: "Ich halte es für unverzichtbar, dass diese Vorgänge aufgeklärt werden." Gefahrenabwehr durch die Geheimdienste müsse immer verhältnismäßig sein. Er verlangte auch einen internationalen Rechtsrahmen für das Internet und die neuen Kommunikationsformen, die keinen territorialen Grenzen kennen.

Der neue Regierungssprecher Steffen Seibert leitet seine erste Regierungspressekonferenz. (AP)Regierungssprecher Steffen Seibert (AP)Die Bundesregierung reagierte mit Befremden auf die mutmaßlichen Ausspähaktionen des US-Geheimdienstes NSA in Deutschland und der EU. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: "Wenn sich bestätigt, dass tatsächlich diplomatische Vertretungen der Europäischen Union und einzelner europäischer Länder ausgespäht worden sind, dann müssen wir ganz klar sagen: Abhören von Freunden, das ist inakzeptabel." Seibert kündigte an, dass Kanzlerin Merkel in Kürze darüber mit US-Präsident Barack Obama reden werde. Bereits am Wochenende habe die Regierung Kontakt mit Washington gehabt.

Politiker sprechen von Schock und Hilfslosigkeit

Elmar Brok, Europaabgeordneter der CDU (Deutschlandradio - Bettina Straub)Elmar Brok, Europaabgeordneter der CDU (Deutschlandradio - Bettina Straub)Auch von deutschen Politikern sowohl der schwarz-gelben Regierungskoalition als auch der Opposition kommt Kritik. Der CDU-Europapolitiker Elmar Brok äußerte sich im Deutschlandfunk enttäuscht: "Es ist wirklich ein Schock, ein Gefühl der Hilflosigkeit. Man hätte es nicht für möglich gehalten, wenn man 30 Jahre lang für die transatlantische Freundschaft gearbeitet hat". Brok sagte, er hoffe, dass die US-Regierung sich entschuldige und das Übermaß an Ausspitzelung beende. Auf die Frage, was er vom Enthüller der NSA-Praktiken, Edward Snowden, hält, sagte Brok: "Ich entwickle Sympathiegefühle."

Der CDU-Sicherheitspolitiker Clemens Binninger warnte vor einer Vertrauenskrise, sollten die USA die Vorwürfe der Spionage in EU-Einrichtungen nicht rasch aufklären. Sollten die Berichte zutreffen, sei eine Linie überschritten worden, sagte Binninger im Deutschlandfunk. Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, erklärte ebenfalls im Deutschlandfunk, so gehe man nicht mit engsten Partnern um. Der SPD-Politiker forderte Konsequenzen. Bei den geplanten Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen sollte auch über verbindliche Datenschutzelemente gesprochen werden.

38 NSA-Überwachungsziele in Dokumenten?

Nach Informationen der britischen Zeitung "The Guardian" spähte der US-Geheimdienst NSA auch die diplomatischen Vertretungen von Frankreich, Italien und Griechenland in Washington und bei den Vereinten Nationen aus. Die NSA habe in den Botschaften und UN-Vertretungen unter anderem Wanzen installiert und Kabel angezapft, berichtete die Zeitung am Sonntagabend auf ihrer Internetseite unter Berufung auf Dokumente des flüchtigen IT-Spezialisten Edward Snowden. Insgesamt seien in den NSA-Dokumenten 38 Überwachungsziele genannt worden, darunter auch Japan, Mexiko, Südkorea, Indien und die Türkei.

Zuvor hatte "Der Spiegel" unter Berufung auf Unterlagen Snowdens berichtet, die NSA spähe gezielt auch Einrichtungen der EU in Brüssel, Washington und New York aus. Über Wanzen und den Einbruch in Computer-Netzwerke könnten die Geheimdienstler Besprechungen belauschen und auf E-Mails und vertrauliche Dokumente zugreifen.

Ein beidseitiger Dialog

Edward Snowden (picture alliance / dpa / The Guardian Newspaper / FILE)Edward Snowden (picture alliance / dpa / The Guardian Newspaper / FILE)"Die US-Regierung wird der Europäischen Union angemessen über unsere diplomatischen Kanäle antworten", erklärte das Büro des obersten Chefs der US-Geheimdienste, James Clapper. Klärung werde es auch in dem beidseitigen Experten-Dialog über die Geheimdienste geben, den die USA vor Wochen angekündigt haben. "Wir werden diese Themen auch bilateral mit EU-Mitgliedsstaaten besprechen."


Mehr auf dradio.de:

USA drohen Ecuador mit Konsequenzen - Fall Snowden wird zur diplomatischen Belastungsprobe
Ecuador kündigt Zollabkommen mit den USA - Affäre um Ex-Geheimdienstmitarbeiter Snowden zieht weitere Kreise
Snowden im Niemandsland - Ex-Agent im Transitbereich des Flughafens Moskau
Putin: Snowden ist noch in Moskau - Russland will den Enthüller aber nicht an die USA ausliefern

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:13 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:30 Uhr Tag für Tag

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Neuer Büchner-Preisträger "Ich bedaure Autoren, die nur Romane schreiben"

Der Schriftsteller Marcel Beyer (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Gerne nimmt sich der neue Georg-Büchner-Preisträger Marcel Beyer der Nachkriegszeit in Bundesrepublik und DDR an - stets mit Rückbezügen auf die NS-Zeit. Auslöser, sich mit Geschichte zu befassen, war Beyer zufolge die Fernsehberichterstattung über den Fall der Mauer. "Geschichte ist etwas, was sich ganz akut in dieser Sekunde vollziehen kann", sagte der Schriftsteller im Deutschlandfunk.

Nobelpreisträgertagung in LindauKluge Köpfe am Bodensee

Das Handout vom 26.06.2016 zeigt das Publikum bei der Eröffnung der Nobelpreisträgertagung im Lindauer Stadttheater. (Christian Flemming  /Lindau Nobel Laureate Meetings / dpa)

Noch bis Ende der Woche läuft in Lindau das 66. Treffen der Nobelpreisträger, in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt Physik. Dass die Teilnehmer neben ihrem wissenschaftlichen "Know How" einen Sinn für Humor haben, das erfuhr Thomas Wagner bei seinem Besuch.

Arabische Clans in Berlin-NeuköllnVon falschen und enttäuschten Hoffnungen

Polizisten führen bei einem Einsatz eine Person in Handschellen aus einem Haus in Berlin im Bezirk Neukölln. (dpa/ picture-alliance/ Gregor Fischer)

Im April haben Sondereinsatzkommandos der Polizei bei Razzien in Berliner Wohnungen acht Männer festgenommen. Sie gehörten zu kurdisch-arabischen Clans, die speziell im Berliner Stadtteil Neukölln für schwere und organisierte Kriminalität bekannt sind. Wer sich auf die Suche nach Gründen dafür macht, stößt auf Geschichten von Entwurzelung und enttäuschten Hoffnungen. Für den deutschen Staat wird es Zeit, aus Fehlern zu lernen.

Malawi zwischen Dürre und FlutHunger im Land der Wetterextreme

Menschen erhalten am 15.3.2016 an einem Verteilungspunkt des UN World Food Programme nordwestlich von Lilongwe, Malawi, Lebensmittelhilfe. (picture alliance / dpa / Unicef / Chipiliro Khonje)

Im April hat die Regierung in Malawi wegen der Hungerkrise den Notstand ausgerufen: Derzeit sind mehr als acht Millionen Menschen in dem afrikanischen Land von Lebensmittelhilfe abhängig. Diszipliniert stehen sie in der brennenden Sonne Schlange.

RaumfahrtWeltraumbahnhof, teilmöbliert, in ruhiger Lage zu vermieten

Spaceport America. Das klingt nach Raumfahrt, Rakten, Weltall. Die Raumfahrtsache im ganz großen Stil. Tatsächlicher aber warten und hoffen sie dort auf irgend wen, der den Spaceport nutzen will. Für den Flug ins All, als Partylocation oder auch als Filmkulisse. Hauptsache Geld kommt rein.

Kriminalität im PflegesystemGut gepflegt - oder gepflegt betrogen?

Krankenhaus (imago/Gerhard Leber)

Rund 14.000 ambulante Pflegedienste gibt es in Deutschland, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen zu alten oder kranken Menschen ins Haus und pflegen sie dort. Doch nicht immer wird geleistet, was bezahlt wird. Der Abrechnungsbetrug ist so lukrativ, dass sich schon die organisierte Kriminalität dafür interessiert. Eine Gesetzesänderung soll Abhilfe schaffen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Brexit  IWF erwartet geringeres Wachstum in Deutschland | mehr

Kulturnachrichten

Neuer Förderfonds für zeitgenössische Musik  | mehr

Wissensnachrichten

Computer  10.000 Dollar, weil Windows 10 den Rechner lahmlegt | mehr