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Aufräumen mit einem Mythos

Studie zeigt Verstrickung des Auswärtigen Amtes in NS-Verbrechen

Oktober 1933: Joseph Goebbels und der damalige Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath bei einer Sitzung des Völkerbundes in Genf. (AP)
Oktober 1933: Joseph Goebbels und der damalige Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath bei einer Sitzung des Völkerbundes in Genf. (AP)

Das Auswärtige Amt (AA) hat seine Rolle während der Nazizeit gern beschönigt und das Image gepflegt, hier sei ein Ort des Widerstands gewesen. Ein ganz anderes Bild zeigt jedoch eine jetzt veröffentlichte Studie: Das AA war demnach aktiv an der Verfolgung und Entrechtung von Juden und Regimegegnern beteiligt.

Die Studie wurde von einer fünfköpfigen Historikerkommission erarbeitet. In Auftrag gegeben hatte sie 2005 der damalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne).

Der Leiter der Historikerkommission, der Marburger Geschichtsprofessor Eckart Conze, sagte im Deutschlandradio Kultur:

"Das Auswärtige Amt hat als Institution, als Ministerium von 1933 an sich aktiv an der Gewaltpolitik des Nationalsozialismus beteiligt, und es hat insbesondere auch die Politik der Judenverfolgung, die dann in den Judenmord einmündete, aktiv unterstützt und mit umgesetzt."

Dass nach 1945 versucht wurde, die Beteiligung des AA am Holocaust auf das sogenannte Judenreferat zu reduzieren, sei "Teil einer Legende", so Conze, die zum Zweck hatte, den Großteil des Amtes zu entlasten.

Ex-Außenminister Joschka Fischer zeigte sich im Deutschlandradio Kultur entsetzt über die Ergebnisse. Vor allem darüber, dass deutsche Diplomaten früher und viel stärker in die NS-Verbrechen, insbesondere die Judenverfolgung, verstrickt waren als bisher angenommen:

"Es ist offensichtlich, dass das Auswärtige Amt Teil der Vernichtungsmaschinerie gegenüber dem europäischen Judentum war, und zwar vor allen Dingen in den Ländern, die damals mit Deutschland verbündet waren oder besetzt waren, vor allen Dingen im Westen."

Auch Steinmeier reagierte empört

Auch der Amtsnachfolger von Joschka Fischer, Frank-Walter Steinmeier, empörte sich darüber, dass es fast 60 Jahre gedauert habe, die Vergangenheit systematisch aufzuarbeiten. Der amtierende Außenminister Guido Westerwelle sprach von einem "gewichtigen Werk" und kündigte an: "Es wird eine feste Größe in unserer Diplomatenausbildung werden".

Der ehemalige parlamentarische Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Christoph Zöpel, forderte unterdessen im Deutschlandradio Kultur, die Ausbildung im AA zu reformieren.

Dass sich die Diplomaten im auswärtigen Dienst und auch die Mitarbeiter des Ministeriums aktiv an Verbrechen des NS-Regimes beteiligt hatten, bestätigte auch Conzes Co-Autor, der Historiker Moshe Zimmermann im Deutschlandfunk. So habe zum Beispiel Ernst von Weizsäcker - der Vater des späteren Bundespräsidenten - in seiner Zeit als Diplomat in der Schweiz dafür gesorgt, dass Thomas Mann ausgebürgert wurde, sagt Eckart Conze.

Im Auswärtigen Amt gab es nach dem Krieg eine große personelle Kontinuität: Von den 137 Mitarbeitern des höheren Dienstes war 1950 knapp die Hälfte NSDAP-Mitglieder gewesen. Zugleich wurde an der Legende gestrickt, das Auswärtige Amt sei ein Hort des Widerstandes gewesen. Dieser Mythos sei gepflegt worden, sagt der Co-Autor der Studie, Norbert Frei, im Deutschlandfunk. Nach 1945 sei systematisch ein Korpsgeist entwickelt worden, so Frei weiter.

Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes warnten deutsche Kriegsverbrecher auch vor Festnahmen in anderen Ländern. Eine unrühmliche Rolle spielte dabei die "zentrale Rechtsschutzstelle" des AA. So habe es laut Conze "regelrechte Warnlisten" gegeben, die den Gesuchten helfen sollten, sich dem Zugriff zu entziehen.

Programmtipp:

27. Oktober 2010, 08:10 Uhr Interview:

Das Auswärtige Amt und seine Verstrickung in NS-Verbrechen - Neubewertung nach Historiker-Publikation notwendig? - Fragen an Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen)

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:38 Uhr

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