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Auszeit von der Gewalt

Das "Freedom Theatre" aus Jenin auf Deutschlandtournee

Von Hans-Joachim Neubauer

Gewalt und Angst bestimmt das Leben der Menschen in Jenin. (AP)
Gewalt und Angst bestimmt das Leben der Menschen in Jenin. (AP)

"Das Theater hat mein Leben geändert", sagt ein Darsteller des palästinensischen "Freedom Theatres" aus Jenin. Auf der Bühne erhalten die Menschen, die täglich im Westjordanland mit Gewalt, Armut und mangelnder Hygiene zu kämpfen haben, einen anderen Blick auf die Wirklichkeit.

Dunkelheit. Kaum zu erkennen: Ein paar junge Männer in schwarzen Hosen und Unterhemden: Muskulös sind sie, ihr Blick ist starr, die Gesichter verzerrt vor Wut – oder ist es Angst? Zwei halten einen dritten fest, drehen ihm die Arme nach hinten, ein anderer kommt, schlägt den Wehrlosen, tritt ihn, schlägt wieder und wieder auf ihn ein. Flüche, Schreie, hämisches Lachen – nein, das Freedom Theatre aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Jenin ist nichts für Feinsinnige. Und von Freiheit, Freedom, ist auch nichts zu spüren, hier, in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz. Oder doch?

"Freiheit ist für mich so wichtig wie Wasser. Ohne Wasser kann kein Mensch leben. Und auch nicht ohne Freiheit."

Faisal Abul Heischa ist zweiundzwanzig. Der große, sportliche Mann lebt in Jenin im besetzten Westjordanland. Derzeit tourt er mit seinen Schauspieler-Kollegen durch Deutschland und Österreich. In einem Nebenraum der Schaubühne erzählt er von der Arbeit im Theater, von den Proben, davon, wie die Bühne ihm eine andere Haltung zur Welt eröffnet:

"Das Theater hat mein Leben geändert, um hundertachtzig Grad, es hat mir mehr Selbstbewusstsein gegeben, mehr Mut, meine Meinung zu sagen. Ich kann durch das Theater viel besser über mich, mein Leben, meine Gefühle reden."

In Jenin leben 16.000 Menschen auf einem Quadratkilometer, es fehlt an Platz, Hygiene, Ruhe, Hoffnung. Während der zweiten Intifada waren die Leute über Jahre eingeschlossen, zur äußeren Bedrängung durch die Israelis kam der innerpalästinensische Machtkampf, kamen Korruption, Verzweiflung, Ausweglosigkeit. Und Gewalt, immer wieder Gewalt, jeden Tag, überall. Gewalt füllt die Bühne mit derbem Bildertheater, symbolhaft, eindringlich, laut. Personen lassen sich nicht unterscheiden. Eine archaische, primitive Welt: Jede Szene endet mit Schlägen, Folter, Lärm, Mord.

Und doch: Auch solches Theater kann verändern. Zumindest die, die es angeht, die palästinensischen Schauspieler und Zuschauer. Durch die Bühne lernen sie ihre Wirklichkeit mit anderen Augen zu sehen, sagt Regisseur Nabil al Rhaei:

"Das Theater gibt ihrem Leben einen anderen Rhythmus. Wenn auch nicht allen in Jenin, einige kommen nie zu uns, mit anderen haben wir Probleme. Aber viele kommen doch und durchbrechen den Kreislauf, in dem sie leben. Sie schauen sich ein Stück an und sehen etwas Anderes. Die Imagination kehrt zurück. Für das Publikum ist das auch eine Art von Erziehung."

Erziehung zur Fantasie, das war die Vision des Juliano Mer Khamis: Jahrelang leitete der charismatische Theatermann, Sohn einer jüdischen Israeli und eines christlichen Palästinensers, sein Theater. Den israelischen Behörden war der provokante Profi ein Dorn im Auge, die palästinensischen Hardliner hassten ihn: Wer Theater spielt, schmeißt nicht mit Steinen. Die nächste Intifada werde eine kulturelle sein, kündigte Mer Khamis an, ein Aufstand der Poesie, des Theaters, der Musik, der freien Presse. Jetzt ist er tot: Am 4. April wurde er von Unbekannten vor seinem Theater erschossen.

Das Freedom Theatre hat eine eigene Schauspielschule, hat Helfer aus aller Welt, hier kommen nicht nur junge Frauen und Männer auf der Bühne zusammen, hier treffen sich auch die Religionen und Bekenntnisse. Ästhetische Erziehung heißt vor allem: Erziehung zur religiösen Toleranz.

"Im Theater sind nicht alle Muslime, es sind da sehr unterschiedliche Religionen, es gibt da Christen und Christinnen, es gibt da Muslime, es gibt da Juden","

sagt Tsafrir Cohen, der die Arbeit des Freedom Theatre für die Hilfsorganisation "medico international" begleitet:

""Die Christen kommen aus dem Ausland, die Christen sind palästinensische Christen aus Israel, also israelische Staatsbürger christlichen Glaubens, das sind Palästinenser aus den besetzten Gebieten, die christlich sind, es sind Juden, -- mal Israelis, aber auch schwedische Juden, englische Juden, amerikanische Juden, alles Mögliche ist da zu finden."

Im Theater tritt der religiöse Zwist zurück hinter das Ziel, die Mauern zwischen den Lagern einzureißen. Das klingt pathetisch, aber in einem Land der Gräben und Zäune ist das mehr als ein symbolischer Kampf. Regisseur Nabeel al Rhaei weiß, wie Religion propagandistisch missbraucht wird:

"Es geht nicht um Religion. Ich bin Moslem und Palästinenser, und ich habe viele jüdische Freunde. Auch das Judentum ist mir heilig, ich sehe es voller Hochachtung. Bei unserem Konflikt geht es um Gleichberechtigung, es geht darum, dass wir als Menschen gleiche Rechte haben und für etwas kämpfen, an das wir glauben."

Extremisten beider Seiten schüren ethnischen und religiösen Hass. Das Freedom Theatre bricht mit den gewohnten Feindbildern. Nicht nur israelische Soldaten drangsalieren die Bewohner der Lager. Auch palästinensische Ideologen gehen unbarmherzig gegen alle vor, die ihren Kurs nicht teilen. Sie kämpfen um Macht, sie streiten um das Geld der Hilfsorganisationen – auf Kosten der jungen Leute, auf Kosten der Kinder. Dazu missbrauchen sie die Religion, sagt Tsafrir Cohen von "medico international":

"Also die fast perfekten Aus- und Einschlussmechanismen in Israel und Palästina laufen entlang nationaler und religiöser Grenzen. Die gilt es zu sprengen, und das ist das, was das Freedom Theatre tut. Auf der Basis einer gemeinsamen politischen Agenda können Juden, Christen, Muslime zusammen kämpfen für die Befreiung, für das Ende der Ausgrenzung und -- gegen diese -- Ausschlussmechanismen arbeiten. Und das ist, glaube ich, der Clou, und das ist das Symbolische an der sehr konkreten Arbeit des Freedom Theatres."

Es bleibt dunkel auf der Bühne. Sechs Schauspieler stehen beisammen mit hängenden Schultern. Sie heben die Köpfe, in einer Fantasiesprache rufen sie Worte in den Saal. Ist das der Aufbruch? Ein siebter Mann betritt die Szene, leichtfüßig, gewandt, schnell. Mit einem Schlag streckt er den ersten nieder, den zweiten wirft er zu Boden, brutal tritt er auf einen dritten ein. Schläge, Ächzen, Stöhnen, Schreie. Es gibt keine Transzendenz, es gibt keine Hoffnung, es gibt keinen Trost durch Religion. Hier herrscht das totale Diesseits. Dabei könnte es ganz anders sein, sagt Schauspieler Faisal:

"Die Menschen verstehen die Religion falsch. Viele wollen die Religion nicht so verstehen, wie sie ist, sie machen sie zu kompliziert. Der Islam war nie gegen Kunst, gegen Meinungsfreiheit. Nicht die Religion ist das Problem, sondern die Menschen."

Weitere Informationen zur Deutschlandtour finden Sie auf der Homepage des
Freedom Theatres.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

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