Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Banken verzichten auf die Hälfte der Forderungen

Euro-Gipfel einig über Schuldenschnitt für Griechenland

Von Doris Simon

Bundeskanzlerin Angela Merkel erläutert die Ergebnisse des EU-Gipfels. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Bundeskanzlerin Angela Merkel erläutert die Ergebnisse des EU-Gipfels. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Die Staats- und Regierungschefs der Eurozone einigten sich beim Gipfel in Brüssel auf einen Schuldenschnitt Griechenlands. Die Banken erlassen dem Land die Hälfte der Schulden. Zudem wird der Euro-Rettungsschirm mit einem Finanzhebel auf eine Billion Euro erhöht und die Banken werden dazu verpflichtet ihr Kapital aufzustocken.

Dramatisches Finale in aller Früh: Die ganze Nacht über bis weit in den Morgen hinein hatten die Regierungschefs der Eurozone und die Banken über den Anteil der Privatanleger beim Rettungspaket für Griechenland gestritten: Die Regierungschefs verlangten mindestens 50 Prozent Schuldenerlass, der internationale Bankenverband beharrte lange auf höchstens 40 Prozent Forderungsverzicht. Erst um kurz vor vier Uhr morgens und massivem Druck der Eurostaaten stand fest: Die Banken erlassen Griechenland die Hälfte seiner Schulden.

Damit war am Ende einer sehr langen Nacht das Maßnahmenpaket perfekt, das Griechenland vor dem Totalabsturz retten und die Eurostaaten aus der Gefahrenzone führen soll. Mit müden Augen, aber sonst ziemlich munter äußerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zur erfolgreichen Verhandlungsstrategie gegenüber den Banken:

"Aus all den Verhandlungserfahrungen haben wir dann eigentlich auf unserer Ebene nur ein einziges Angebot gemacht, die Bankenvertreter sind damit zu ihren Vertretern wieder gegangen und dieses Angebot war dann auch so, weil wir auch gesagt haben, dass das unser letztes Wort ist, dass darauf eingegangen wurde."

Der Verzicht der Banken auf die Hälfte ihrer Forderungen ist die Voraussetzung für das Ziel der Eurozone, die Verschuldung Griechenlands von 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 120 Prozent bis zum Jahr 2020 zu drücken, ohne dass die öffentlichen Geldgeber mehr zahlen müssen. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy war nach den harten Verhandlungen sichtbar am Ende seiner Kräfte, aber stolz auf den Erfolg:

"Das war also unser Ziel, und wir haben durchdekliniert, was geschehen muss, damit Griechenland seine Schulden zurückzahlen kann. Und das hat am Ende zu einem Schuldenschnitt von 50 Prozent geführt. Das bedeutet, dass die privaten Gläubiger Griechenland 100 Milliarden Euro erlassen."

Im Gegenzug beschlossen die Euroregierungschefs, 30 Milliarden an Sicherheiten für neue Anleihen bereitzustellen. Der Anleihentausch soll im Januar stattfinden.

Zuvor hatten sich die 27 EU-Staaten darauf geeinigt, Europas führende Banken zu rekapitalisieren. Bis Juni 2012 müssen Europas 60 größte Banken nun ein Kernkapital von 9 Prozent aufweisen: Die dafür insgesamt erforderlichen 108 Milliarden Euro sollen sie sich am Markt besorgen. Nur wenn ihnen das nicht gelingt, springen die Regierungen ein, erst im allerletzten Fall der Rettungsschirm. Die Rekapitalisierung muss dafür sorgen, dass Europas größte Banken einen Schuldenschnitt für Griechenland ohne ernsthafte Probleme überstehen. Die 27 EU-Länder entschieden auch, dass Banken keine Dividenden und Boni auszahlen dürfen, solange sie nicht über das erforderliche Kernkapital verfügen. Die deutschen Großbanken brauchen voraussichtlich fünf Milliarden Euro, um die neun Prozent Vorgabe zu erreichen, diese Summe können sie sich wohl am Markt beschaffen.

Die Regierungschefs der Eurozone einigten sich danach auch auf eine deutliche Verstärkung des Rettungsschirms EFSF: Dazu gehört die sogenannte Teilkaskoversicherung: Danach werden Anleihen gefährdeter Euroländer künftig zu 25 Prozent vom Rettungsschirm versichert werden. Das soll beispielsweise spanische oder italienische Anleihen attraktiver machen, ohne dass diese Länder hohe Risikoaufschläge zahlen müssen. Über diesen Versicherungs-Hebel wird die Absicherungskraft des Rettungsschirms erhöht werden - von derzeit 270 Milliarden Euro um das Vier- bis Fünffache auf etwa eine Billion Euro. Bundeskanzlerin Angela Merkel:

"Es ist sehr schwer heute, ohne die Instrumente jemals angewendet zu haben, schon sagen zu können, was das dann wirklich bedeutet. Wir glauben, dass wir sehr viel Flexibilität haben und damit den Euro auch wirklich schützen können und die Ansteckungsgefahren vermeiden können."

Zur weiteren Verstärkung des Rettungsschirms soll auch ein Sonderfonds beitragen, an dem sich Privatinvestoren oder Staatsfonds anziehen sollen, etwa aus Norwegen oder Singapur. Dieser Sonderfonds könnte gefährdeten Euroländern finanziell unter die Arme greifen.

Frankreichs Staatspräsident Sarkozy will heute in einem Telefongespräch dem chinesischen Staatschef Hu Jintao das Modell dieses Sonderfonds vorstellen. China hat wegen seiner vielen Exporte nach Europa großes Interesse an einer Lösung der europäischen Schuldenkrise- und bereits signalisiert, dass es zur Hilfe bereit sei. Die deutschen Garantien in Höhe von 211Milliarden Euro erhöhen sich durch Verstärkung des Rettungsschirmes nicht.

Spanien und Italien sagten den übrigen Euro-Mitgliedsstaaten auf dem Gipfel konkrete Reformen zu, in Italien will die Regierung den Schuldenstand Italiens von derzeit 120 auf 113 Prozent bis 2013 senken. Für Griechenland beschlossen die Euro-Regierungschefs eine dauernde Überwachung des Reformprogramms durch Experten europäischer Institutionen und des Internationalen Währungsfonds. Die Regierungschefs einigten sich auch auf die Verankerung einer Schuldenbremse in ihren Verfassungen bis Ende nächsten Jahres. Die Rettung der Eurozone, so bilanzierte EU-Kommissionspräsident Barroso diesen Gipfel und kommende Anstrengungen, sei eben ein Marathon, und kein Sprint.

Mehr zum Thema:
Sammelportal dradio.de: Euro in der Krise

Keine Bankenkrise, sondern eine Staatsschuldenkrise - Bankmanager Uwe Fröhlich: Banken und Politik können nicht ohne einander, (Interview, DLF)
"In allerletzter Sekunde eine Wende um 180 Grad" in der Finanzkrise - SPD-Vorsitzender begrüßt Entscheidungen des EU-Gipfels, (Interview, DLF)
"Moment der Freiwilligkeit ist von vornherein eine Schwäche" - Joachim Fritz-Vannahme: Abmachungen des EU-Gipfels sind nicht einklagbar, (Inteview, DLF)
"Banken haben keine andere Chance" - CDU-Europolitiker: Haltbarkeit des Euros wird mit neuen EFSF glaubhaft, (Interview, DLF)
SPD-Chef bezeichnet Beteiligung privater Investoren am EFSF als Risiko - Sigmar Gabriel fordert Wachstumsprogramm für Südeuropa,(Interview, DKultur)
"Das Problem Nummer eins bleibt Berlusconi" - Italienische Abgeordnete: Unglaubwürdigkeit der Regierung führt zur Abstufung, (Interview, DKultur)

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 09:10 Uhr Die neue Platte

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 09:05 Uhr Sonntagmorgen

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

PolitikerPlötzlich Populist

Wo kommen auf einmal die vielen Populisten her? In den USA hat sich Donald Trump mit seinen extremen Positionen durchgesetzt. In Frankreich bringt sich Marine Le Pen in Stellung für den Präsidentschaftswahlkampf 2017. Geert Wilders macht die Niederlande unsicher und in Ungarn hat sich der selbstbewusste Viktor Orbán festgesetzt.

Referendum in Italien"Diese Unsicherheit ist es, die Europa bewegt"

Die Flagge der Europäischen Union weht vor wolkenverhangenem Himmel. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Wenn Italien nein sagt zur Verfassungsreform, wären die Folgen für die EU nicht absehbar, sagte Florian Eder vom Onlinemagazin "Politico" im DLF. Die größte Sorge sei die Frage, wie die Märkte reagieren. Die schlimmste Furcht wäre, wenn die Eurokrise mit aller Macht zurückkäme.

Hackerangriff auf die Telekom Raus aus der digitalen Unmündigkeit

Ein Passwort wird auf einem Laptop über die Tastatur eingegeben. Die Hände auf der Tastatur tragen schwarze Stulpen. Auf dem Monitor sind die Worte "Enter Password" zu lesen. Im Hintergrund erkennt man verschwommen weitere Bildschirme.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Der Hackerangriff auf die Telekom-Router war ein Warnschuss. Er zeigt: Wir müssen uns besser wappnen gegen die Bedrohung durch Cyber-Kriminelle und Spionage. Dazu braucht es mehr digitale Bildung und mehr Haftung von Herstellern, meint Philip Banse.

Ruth Klüger über Österreich"Entsetzlich, dass es so weit gekommen ist"

Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger spricht am 27.01.2016 in Berlin im Bundestag bei der Gedenkveranstaltung. (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)

Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger betrachtet den Aufstieg der Rechtspopulisten in ihrem Geburtsland Österreich mit Sorge. Auch Jahrzehnte nach ihrer Emigration sei ihr die Entwicklung dort noch wichtig, sagte sie mit Blick auf die morgige Präsidentenwahl im DLF. Für gefährlicher hält Klüger jedoch die Lage in ihrer Wahlheimat: den USA.

Carmen Maja-Antoni über Gisela May"Ich habe immer ihre Haltung bewundert"

Gisela May, Schauspielerin und berühmte Brechtinterpretin zu Gast im Studentenkeller "Zur Rosen" in Jena (dpa / picture alliance / Universität Jena )

Beim Singen auch die Geschichte eines Liedes zu erzählen - diese Lektion habe sie von Gisela May gelernt, so die Schauspielerin Carmen Maja-Antoni. May sei eine große Frauenfigur des Berliner Ensembles gewesen: "Und eine Haltung hatte sie immer".

Trump und die Deutsche BankEin juristisches Minenfeld

Hochhaus der Deutschen Bank in Frankfurt (dpa - Wolfram Steinberg )

Sechs Wochen vor dem Amtsantritt des Immobilienunternehmers Donald Trump als US-Präsident ist noch unklar, wie mögliche Interessenskonflikte vermieden werden sollen. Das ist auch für die Deutsche Bank ein Problem: Sie ist Gläubiger von Trump - dessen Regierung bald über ein milliardenschweres Bußgeld gegen das Geldinstitut entscheiden wird.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Italien  Verfassungsreferendum angelaufen | mehr

Kulturnachrichten

Originalausgabe von "Der kleine Prinz" für knapp 90.000 Euro versteigert  | mehr

Wissensnachrichten

Steigende Nachfrage  Der Kirche fehlen die Exorzisten | mehr