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Bankenansturm in Zypern ausgeblieben

Anastasiades will, dass sein Land im Euro-Raum bleibt

Insbesondere ältere Menschen warteten geduldig vor den Banken, hier in Nikosia (picture alliance / dpa / EPA / STR)
Insbesondere ältere Menschen warteten geduldig vor den Banken, hier in Nikosia (picture alliance / dpa / EPA / STR)

Kein Massensturm, keine Hysterie - die Wiedereröffnung der fast zwei Wochen geschlossenen Geldhäuser auf Zypern ist ohne Hindernisse verlaufen. Die Filialen öffneten am Freitag den zweiten Tag in Folge. Zyperns Präsident Anastasiades machte noch einmal deutlich, dass sein Land in der Euro-Zone bleiben wolle.

Er und seine Regierung werden "auf keinen Fall Experimente mit der Zukunft des Landes machen", erklärte Nikos Anastasiades in Nikosia. Zypern will der Euro-Gruppe bis zum 4. April das mit den Geldgebern vereinbarte Sparprogramm vorlegen. Dies kündigte Arbeitsminister Charis Georgiades im Fernsehen an. Erst dann könnten die Parlamente in der Eurozone das Konzept billigen. Zypern solle ein Rettungspaket in Höhe von zehn Milliarden Euro erhalten. Das Land muss im Gegenzug das Bankensystem umbauen, sowie zahlreiche Privatisierungen umsetzen sowie Renten, Pensionen und Löhne der Staatsbediensteten kürzen.

Kein Ansturm an den Bankschaltern

Die Banken öffneten am Freitag zu den normalen Schalterzeiten um 08.30 Uhr Ortszeit. Wie am Vortag blieb ein Massenansturm aus, wie unser Korrespondent Reinhard Baumgarten im Deutschlandfunk berichtete. "Alles läuft normal", bestätigte auch Dimiris Antoniou, Chef der Zweigstelle der Bank of Cyprus am zentralen Elefterias Platz von Nikosia. Nach seinen Informationen seien am ersten Tag der Wiederöffnung etwa 300 Millionen Euro abgehoben worden, etwa das Dreifache eines normalen Tages vor der Krisen.

Die Banken hatten sich auf die Eröffnung am Donnerstag gut vorbereitet: Die EZB flog Milliarden Euro ein, 1000 Polizisten wurden eingesetzt, Radio und Fernsehen warnten vor einer Panik. Doch der erwartete Ansturm auf die Finanzinstitute blieb bislang aus.Vor den Zweigstellen vieler Banken in der Hauptstadt Nikosia hatten am Donnerstag zwar viele Menschen ungeduldig auf Einlass gewartet. Dank der Aufrufe, die seit dem Vortag im Radio und im Fernsehen ausgestrahlt wurden, bewahrten die Zyprer aber Ruhe. Seit Mitte März konnten sie sich nur noch an Automaten in kleinen Summen mit Bargeld versorgen. Andere Bankgeschäfte ruhten.

Die Regierung befürchtete ein Chaos und wollte ein massenhaftes Leerräumen der Konten verhindern. Um Geldabflüsse in größerem Stil zu verhindern, bleibt der Geldhahn weiter gedrosselt. Zyprer dürfen pro Tag nur 300 Euro in bar abheben und auf Auslandsreisen höchstens 1000 Euro Bargeld mit sich führen. Auslandsüberweisungen und Zahlungen mit Kreditkarten im Ausland sollen auf 5000 Euro beschränkt werden. Für Immobilienverkäufe und die Abwicklung von Exportgeschäften gibt es ebenfalls Auflagen.

Unternehmen sollen ihre normalen Transaktionen unbegrenzt fortsetzen können, müssen sie aber ab 500 Euro genau dokumentieren. Geldtransfers im Inland sollen uneingeschränkt möglich sein, allerdings dürfen Schecks nicht mehr gegen Bargeld eingelöst werden. Die Beschränkungen im Zahlungsverkehr sind eine Maßnahme der Behörden zum Schutz gegen Kapitalflucht.

Kapitalverkehrskontrollen dauern an

"Wir glauben, dass gewisse Kontrollen den Abfluss des Kapitals regulieren und wieder Vertrauen herstellen", zitiert Reinhard Baumgarten den zyprischen Finanzminister Michael Sarris im Deutschlandfunk. Nach einer relativ kurzen Zeitspanne würden die Kontrollen wieder abgebaut. Wie lang "eine relativ kurze Zeitspanne" in der gegenwärtigen Krise sein kann, ist aber völlig unklar.

Außenminister Ioannis Kasoulides erklärte, die Kapitalverkehrskontrollen würden schrittweise aufgehoben. Bis zur völligen Freigabe könne aber noch etwa ein Monat vergehen.

Bankenverbandschef Kemmer: Keine Auswirkungen auf Deutschland

Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer bankenverband (Pressefoto: Bundesverband deutscher Banken)Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Verbands deutscher Banken (Pressefoto: Bundesverband deutscher Banken)Michael Kemmer, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Banken, rechnet damit, dass sich die Lage nach einem ersten Ansturm beruhigen wird. Auf das deutsche Bankensystem habe die Zypernkrise keine Auswirkung. "Die deutschen Banken sind stabil", sagte er im Deutschlandfunk. Das gelte auch für das System der Einlagensicherung.

Zypern ist vor allem wegen seines überdimensionierten Finanzsektors in die Schieflage geraten. Spätestens seit dem Schuldenschnitt für Griechenland sind die Banken marode. Nun sollen sie - als Gegenleistung für die zehn Milliarden Euro schweren Hilfen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) - radikal schrumpfen. Zyperns zweitgrößtes Kreditinstitut Laiki wird sogar geschlossen. Wie man eine Bank schließt, erklärt Autorin Ursula Mayer fürs Deutschlandradio Kultur.

Chef der Bank of Cyprus wurde entlassen

Die noch zu rettenden Guthaben sollen an die Bank of Cyprus übergehen. Deren Exekutivdirektor Yiannis Kypri wurde laut der zyprischen Nachrichtenagentur CNA auf Druck der internationalen Geldgeber entlassen. Es sei Teil der Vereinbarungen mit der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, dass Kypri seinen Platz räumen müsse. Die Führungsebene der Bank of Cyprus, des mit Abstand größten Kreditinstituts der Mittelmeerinsel, ist nachhaltig erschüttert: Am Dienstag erklärte der Vorsitzende des Verwaltungsrates, Andreas Artemis, seinen Rücktritt. Dieser wurde vom Aufsichtsrat der Bank vorerst nicht angenommen.

Reiche Bankkunden sollen einen Großteil ihres Geldes verlieren und damit einen Sanierungsbeitrag leisten. Guthaben unter 100.000 Euro bleiben außen vor. Mit der Beteiligung der Anleger an der Sanierung des Staatshaushaltes zusammen mit den Hilfsgeldern der EU sollen die insgesamt fehlenden 17 Milliarden Euro zusammenkommen.

Vor der Bankenschließung zogen Anleger möglicherweise im großen Stil Geld ab. Der zyprische Parlamentspräsident Giannakis Omirou will entsprechende Meldungen überprüfen. Wirtschaftswissenschaftler Max Otte vermutet Betrügereien, vor allem über die Londoner Filialen. "Es ist ein offenes Geheimnis, dass Zypern kriminelle Machenschaften gedeckt hat", sagte Otte im Deutschlandfunk. Die meisten Türen seien jetzt aber zu.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:08 Uhr

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