Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Bauern dürfen alte Gemüsesorten verkaufen

EU-Gericht kippt Oligopol von Saatgut-Konzernen

Vielfalt bei Kartoffeln: Ein Bildungsprojekt stärkt das Bewusstsein bei Nahrungsmitteln (dpa / Friso Gentsch)
Vielfalt bei Kartoffeln: Ein Bildungsprojekt stärkt das Bewusstsein bei Nahrungsmitteln (dpa / Friso Gentsch)

Europas Bauern dürfen Saatgut für Gemüse und Getreide herstellen und verkaufen, auch wenn es amtlich nicht zugelassen ist. Das entschied der Europäische Gerichtshof. Er kippte damit die Vormachtstellung großer Pflanzenkonzerne. Landwirte und die Grünen jubeln.

Kartoffel ist nicht gleich Kartoffel. Vor einigen Jahren gab es Streit um die beliebte festkochende Sorte "Linda". Die Staatgutfirma Europlant wollte sie vom Markt nehmen, um zu verhindern, dass Bauern sie weiterhin anbauen und dafür mit dem Saatgut handeln. Mit "Belana" als Nachfolgesorte wollte die Firma weiter Geld verdienen. "Wer das Saatgut kontrolliert, beherrscht die Welt", soll der frühere US-Außenminister Henry Kissinger gesagt haben.

Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg (AP Archiv)Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg (AP Archiv)Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat nun die Rechte von Kleinbauern gestärkt. Nach einem Urteil des EU-Gerichts dürfen die Landwirte selbst Saatgut aus "alten" und amtlich nicht zugelassenen Pflanzensorten herstellen und vermarkten. Dabei geht es nicht nur um "Linda", sondern auch um die Stangenbohne "Napoleon", um den Apfel "Schöner aus Wiltshire", um die Kartoffel "Rosalie": Wer Saatgut solcher teils alten Sorten vermehren und verkaufen wollte, hatte das bislang illegal getan.

Gericht hebt Bedeutung der Vielfalt hervor

Die umstrittenen EU-Richtlinien würden den Handel mit etablierten oder traditionellen Saatgutsorten nicht verbieten, entschieden die Richter. Nach ihrer Ansicht berücksichtigen die EU-Richtlinien die wirtschaftlichen Interessen der Verkäufer alter Sorten, weil sie die Vermarktung unter bestimmten Voraussetzungen erlauben. Auf diese Weise steige die Produktivität, bleibe ein vielfältiges Angebot erhalten und wachse der Markt für Saatgut.

Gemüsevielfalt: Stand in einem Hofladen im Knoblauchsland bei Nürnberg (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)Gemüsevielfalt: Stand in einem Hofladen im Anbaugebiet Knoblauchsland bei Nürnberg (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)Im konkreten Fall ging es um eine Klage des industriellen Züchters Graines Baumaux gegen die französische Bauernkommune Kokopelli. Das Netzwerk hatte Saatgut von mehr als 461 Sorten im Angebot, die nicht in offiziellen Sortenkatalogen eingetragen waren. Graines Baumaux klagte wegen unlauteren Wettbewerbs auf Schadenersatz und ein Vermarktungsverbot der Sorten.

Der Markt für Saatgut ist hart umkämpft. Große Anbieter dominieren laut Bauernverband zwei Drittel des Marktes, darunter Monsanto, Syngenta, Dupont sowie Bayer und BASF. Die notwendige amtliche Zertifizierung ist ein so aufwändiges und teures Verfahren, dass es sich meist nur große Unternehmen leisten können. Weil die Kartoffel "Linda" letztlich in Schottland zertifiziert wurde, gelangte die Sorte auch wieder zurück auf deutsche Äcker.

Landwirte feiern Urteil

Vor allem Ökobauern feierten die Gerichtsentscheidung als Durchbruch. Das Urteil sei "ein Sieg für die Artenvielfalt und für die kleinen Züchter", sagte der Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft, Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf im Deutschlandradio Kultur. "Es tobt ein riesiger Kampf im Züchtungsbereich - die großen Firmen, vor allen Dingen die großen Chemiefirmen, wollen sich die Züchterhoheit unter den Nagel reißen."

Der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Helmut Born, sprach im Deutschlandfunk von einer Richtungsentscheidung für das allgemeine Recht auf Saatgut. "Züchtung machen wir nun seit 2000 Jahren, und was hinter dem Sortenschutzrecht steckt, ist auf der einen Seite das Recht des Landwirts, mit dieser Sorte Anbau zu betreiben und sie auch wieder neu anzubauen, Nachbau zu betreiben, gleichzeitig aber auch das Recht des Züchters, sich bestehende Sorten, alte wie neue, zu nehmen, eine neue Sorte zu züchten, und die kann er aber erst dann an den Landwirt verkaufen."

Der Bundesverband der Deutschen Pflanzenzüchter bezeichnete das Urteil als "wegweisende Entscheidung zum Schutz der Landwirte und der Endverbraucher". Auch weiterhin sei sichergestellt, dass "nur Sorten von guter Qualität und Leistungsfähigkeit" in den Handel gelangten.

Grüne begrüßen Etappensieg

Die rheinland-pfälzische Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Ulrike Höfken bezeichnete das Urteil im Deutschlandradio Kultur als "Etappensieg" für die alten Saatgutsorten. "Es ist natürlich trotzdem zu befürchten, dass mit den nationalen und europäischen Gesetzen die Verfügbarkeit des Saatguts weiter eingeschränkt wird. Da geht es schon auch an unsere Lebensgrundlagen."

Renate Künast, Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen (Deutschlandradio - Bettina Straub)Grünen-Faktionschefin Renate Künast (Deutschlandradio - Bettina Straub)Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, vormals Verbraucherschutzministerin, wertete die Entscheidung als Befreiungsschlag für Ökobauern. Die Richter hätten sich "für den Erhalt der genetischen Vielfalt und gegen die internationalen Saatgutkonzerne entschieden, die wie Biopiraten weltweit Patente für die Hauptnahrungsmittel kapern", sagte Künast. Die Saatgut-Industrie setze auf eine Reduzierung der Angebotspalette und mache Bauern von ihren genetisch veränderten Produkten abhängig.

Verwandte Audiobeiträge:

Die Saatgutbank

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:55 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 04:05 Uhr Die neue Platte XL

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 04:05 Uhr Tonart

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Nach Yücel-Freilassung"Viele andere sind nach wie vor inhaftiert"

Ein Mann klebt ein Plakat mit der Aufschrift "#FreeThemAll" und "FreeTurkeyMedia" vor dem Start eines Autokorsos für den "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel an einen Pkw.  (PA/dpa/Bodo Marks)

Der Bochumer Politikwissenschaftler Ismail Küpeli mahnt trotz aller Freude über die Freilassung Deniz Yücels, die Lage der Menschenrechte in der Türkei nicht aus dem Blick zu verlieren. Er befürchte, dass andere in der Türkei Inhaftierte vergessen werden könnten, sagte er im Dlf.

Hologram Maya KodesStar aus dem Cyberspace

Nichts an Maya Kodes ist echt. Sie ist eine virtuelle Figur und trotzdem ist sie ein Star in Kanada. Ganz ohne menschliche Unterstützung geht es aber bei den Live-Auftritten nicht: Ihre Stimme leiht ihr eine Sängerin und ihre Bewegungen stammen von einer Tänzerin.

Jonathan McMillan: "Das Ende der Banken"Ist eine Welt ohne Banken möglich?

Das Cover von Jonathan McMillans Buch "Das Ende der Banken", im Hintergrund sind Hände zu sehen, die Münzen auf den Boden werfen. (campus / imago stock&people)

Banken sollen verboten, Bargeld abgeschafft werden und die Bürger kostenlose Finanzspritzen bekommen. Das klingt erst einmal ziemlich utopisch. Doch tatsächlich werden in "Das Ende der Banken" interessante Ideen für eine Zukunft ohne Geldinstitute entwickelt.

Berlinale: DokumentarfilmeBilder für die Gefahr von rechts

Der Dokumentarfilm "When the War comes" von Jan Gebert wird auf der Berlinale in der Reihe "Panorama" gezeigt. (Stanislav Krupař )

Die Gefahr durch rechtspopulistische und -extreme Bewegungen in Europa schlägt sich auch im Programm der Berlinale wider. Vollbild stellt drei Dokumentarfilme vor, die versuchen die Gefahr, die von solchen Stimmungen ausgeht, adäquat abzubilden.

SyrienZwischen roten Linien und internationalen Konflikten

Das Krankenhaus "Sham Surgical" in der syrischen Provinz Idlib wurde durch einen Luftangriff zerstört (AFP / Omar Haj Kadour)

Frankreichs Präsident Macron droht mit einem Militärschlag in Syrien. Sollte Assad der Einsatz von Giftgas nachgewiesen werden, sei für ihn die rote Linie überschritten. Eine Linie, die auch US-Präsident Barack Obama einst beschwor und über die er stolperte.

Geld für Posts und LikesPersönliche Daten als Währung

Menschen kommunizieren mit drahtlosen Technologien  (imago stock&people)

Daten sind das neue Öl. Eine Weisheit des letzten Internetjahrzehnts. Und die Arbeiter auf den neuen "Ölplattformen", das sind wir alle. Sollen wir dafür bezahlt werden? Zumindest ein soziales Netzwerk macht es jetzt vor.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Abgas-Affäre  Daimler durch US-Unterlagen unter Druck | mehr

Kulturnachrichten

Nationalisten dringen in russisches Kulturzentrum ein | mehr

 

| mehr