Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Beifall für Gauck in den Niederlanden

Rede des Bundespräsidenten zum Befreiungstag

Bundespräsident Joachim Gauck spricht zum "Tag der Befreiung" in den Niederlanden (picture alliance / dpa / Koen Van Weel)
Bundespräsident Joachim Gauck spricht zum "Tag der Befreiung" in den Niederlanden (picture alliance / dpa / Koen Van Weel)

Bundespräsident Joachim Gauck hat als erstes ausländisches Staatsoberhaupt eine Rede zum Befreiungstag in den Niederlanden gehalten. Er erinnerte an die Ermordung von 100.000 niederländischen Juden und bedankte sich für das "Geschenk", an diesem Gedenktag sprechen zu dürfen.

Für das deutsche Staatsoberhaupt dürfte der Besuch in der niederländischen Stadt Breda der bislang bewegendste Moment in seiner knapp siebenwöchigen Amtszeit sein. Wo die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg fünf Jahre lang Besatzungsmacht war, durfte ein ausländisches Staatsoberhaupt erstmals die zentrale Rede zum niederländischen Nationalfeiertag halten: Bundespräsident Joachim Gauck. Die Niederländer quittierten Gaucks halbstündiges Plädoyer für die Freiheit mit viel Applaus (MP3-Audio), berichtete Ludger Kazmierczak im Deutschlandradio Kultur.

Gauck erinnerte bei seiner Rede in der Grote Kerk, der großen Kirche, in Breda an die Ermordung von mehr als 100.000 niederländischen Juden und die Deportation von Widerstandskämpfern. "Gerade weil wir Deutsche uns der Last und der Schuld der Geschichte gestellt haben, gilt für uns, gilt auch für mich: Wir feiern gemeinsam mit allen die Befreiung vom nationalsozialistischen Joch", sagte der frühere Pastor mit zitternder Stimme. "Und: Wir fühlen mit allen, die gerade heute in anderen Teilen der Welt die Freiheit entdecken oder auch wieder entdecken." (MP3Audio-Audio)

Vertrauen und Freiheit

Bundespräsident Joachim Gauck spricht in der Grote Kerk in Breda in Holland während eines Festaktes zum "Tag der Befreiung" (dpa / Wolfgang Kumm)"Befreiung feiern - Verantwortung leben", so der Titel von Gaucks Rede (dpa / Wolfgang Kumm)Der gebürtige Rostocker verwies darauf, dass er 1940 geboren wurde, "dem Jahr, in dem die Niederlande Opfer der deutschen Großmachtpolitik und des deutschen Rassenwahns wurden". Es sei für wie ihn nicht selbstverständlich, dass er als Deutscher diese Ansprache halten dürfe. Das ihm und Deutschland entgegengebrachte Vertrauen sei "ein Geschenk, das wir nicht vergessen werden".

In seiner Rede "Befreiung feiern - Verantwortung leben" kritisierte der Bundespräsident, dass viele Menschen in Europa den Segen der Freiheit "nur noch begrenzt erfassen" könnten. "Sie missverstehen Freiheit als Libertinage, als das Versprechen auf ein hedonistisches Lebensmodell, als politische oder ethische Beliebigkeit oder als Aufforderung zum Verzicht auf Mitgestaltung." Dabei fehle, "was besonders viele junge Menschen auf die Straßen und zum Protest treibt - Verantwortlichkeit, Verlässlichkeit, auch Gemeinsinn und Solidarität".

Bundespräsident Joachim Gauck wird von Kronprinz Willem Alexander empfangen (dpa / Wolfgang Kumm)Bundespräsident Gauck wird von Kronprinz Willem Alexander empfangen (dpa / Wolfgang Kumm)Die Feier steht in diesem Jahr unter dem Motto "Freiheit gibt man weiter". Der Bundespräsident wird von Kronprinz Willem Alexander empfangen.

Die meisten Niederländer meinen, nach 67 Jahren müsse ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen werden (mp3), berichtete Michael Goetschenberg im Deutschlandradio Kultur. Andere hingegen fühlen sich verletzt dadurch, dass ein Deutscher sprechen durfte: "Ich finde der Tag gehört den Niederländern. Ich habe Familienmitglieder verloren, die im Widerstand waren. Ich denke, die Zeit ist noch nicht reif dafür." Andernorts war zu hören, Gauck sei "nicht willkommen".

Erinnerung und Freiheit

Mit dem Gedenktag erinnern die Niederländer seit 1995 an die Befreiung von der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg am 5. Mai 1945. Die Einladung des niederländischen Nationalen Komitees an den Bundespräsidenten, die Rede zu halten, war Ende 2011 an Christian Wulff adressiert. Das Nationale Komitee 4./5. Mai erneuerte seine Einladung an dem Tag, an dem Gauck zu Wulffs Nachfolger gewählt wurde. Das Bundespräsidialamt ließ darauf den Niederländern ausrichten, es empfinde die Einladung als große Ehre.

Die Rede des Bundespräsidenten sei für die Niederlande von historischer Bedeutung, sagte der Direktor des Nationalen Komiteen 4./5. Mai, Jan van Kooten, im Deutschlandfunk. Kritiker des Gauck-Auftritts müssten unterscheiden zwischen dem Tag der Erinnerung am 4. Mai und dem Tag der Freiheit am 5. Mai.

Der "Tag der Befreiung" sei "international" ausgerichtet "und deshalb ist es auch gut, sehr gut, dass der Bundespräsident nach Holland kommt", sagte van Kooten. "Ich denke, dass der Bundespräsident auch etwas sagen wird, wie schwierig es ist für ihn, aber vielleicht auch für ganz Deutschland, um zu reden in einem Land, was besetzt gewesen ist und viele Opfer gehabt hatte."

Nach der Feier hat der zurückgetretene Ministerpräsident Mark Rutte im Beisein des deutschen Bundespräsidenten das Freiheitsfeuer auf dem Schlossplatz entzündet. Weiterer Programmpunkt am Abend: Bundespräsident Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt wurden in Amsterdam von Königin Beatrix, dem niederländischen Staatsoberhaupt, empfangen.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:30 Uhr Eine Welt

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:05 Uhr Breitband

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Lola 2016"Fritz Bauer" räumt beim Deutschen Filmpreis ab

Schauspieler Ronald Zehrfeld bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises, der Lola 2016. Zehrfeld hat für seineRolle in "Der Saat gegen Fritz Bauer" die Auszeichnung in der Kategorie "Bestes männliche Nebenrolle" erhalten. Bernd von Jutrczenka (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Der Politthriller "Der Staat gegen Fritz Bauer" ist beim 66. Deutschen Filmpreis mehrfach mit der Goldenen Lola ausgezeichnet worden. Die Schulkomödie "Fack ju Göhte 2"erhielt die Trophäe für den besucherstärksten Film des Jahres.

Bassam Tibi"Muslime nicht als Kollektiv ansehen"

Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi (imago stock&people)

Die Forderung nach einem flächendeckenden Islamunterricht führt aus Sicht des Politikwissenschaftlers Bassam Tibi in eine falsche Richtung. Er bekomme Angst, wenn ein christlicher Kirchenvater über den Islam rede, ohne eine Ahnung davon zu haben, sagte Tibi im Deutschlandfunk. Er wünsche sich Islamunterricht für Kirchenväter und Politiker.

Schlacht von Verdun 1916"Das Gedenken der Franzosen war nie nationalistisch"

Vor dem Jahrestag anlässlich von 100 Jahren Erster Weltkrieg (1914 - 1918) - Schlacht von Verdun. Ein Mann und ein Junge durchstreifen die Gedenkkreuze für die gefallenen Soldaten. Anlässlich der Hundertjahrfeier der Schlacht von Verdun soll das neue "Verdun Memorial" eröffnet werden.  (picture alliance / dpa / MAXPPP)

Die Schlacht von Verdun steht für das Grauen des Krieges. Dort findet am Sonntag die offizielle Gedenkfeier statt. Die Erinnerung an Verdun sei heute in Frankreich mehr in die Richtung eines allgemeinen Kriegsdenkens gerückt, meint der Historiker Gerd Krumeich.

Ermittlungen der UNUkraine verweigert Antifolterkomitee den Zutritt

Ein Keller in Dscherhinsk - hier wurden Zivilisten und Angehörige der ukrainsichen Armee bzw. Freiwilligen-Bataillone festgehalten und gefoltert. (Von der Hilfsorganisationen "Recht auf Frieden im Donbass" zur Verfügung gestellt)

Die Menschenrechtsverletzungen im Kriegsgebiet in der Ostukraine halten an. Die Verbrechen sollen geahndet werden, die Dokumente stapeln sich in Den Haag und Straßburg. Die Ukraine will die Strafverfolgung - doch von Kontrollen auf ihrem Territorium hält sie offenbar nicht viel.

Bastei Lübbe für höhere Buchpreise"Für Kunden ist der Preis zweitrangig"

Buchhandlung (picture alliance / dpa / Foto: Ralf Hirschberger)

Bücher müssen teurer werden: Das fordert Klaus Kluge, Vorstand im Verlag Bastei Lübbe. Dabei gehe es vor allem um das Einkommen von Autoren und die Existenz von Buchläden. Für Käufer sei der Preis nicht entscheidend, sagt er.

KatholikentagAls Mann und Frau und … schuf er sie

Hochzeitstorte mit zwei Frauenfiguren (AFP / Gabriel Bouys)

Gender ist gerade für konservative Christen ein Reizwort, denn sie sehen dadurch Gottes Schöpfungsplan in Frage gestellt. Doch die Veränderungen der Geschlechterbilder machen nicht vor den Toren der Kirche Halt. Zwei große Podien widmen sich auf dem Katholikentag in Leipzig dem Thema Gender und lassen kontroverse Diskussionen erwarten.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Linken-Parteitag  Wagenknecht mit Torte beworfen | mehr

Kulturnachrichten

Spanien: Sieben Verdächtige nach Bacon-Kunstraub festgenommen | mehr

Wissensnachrichten

Hate-Speech  Studie: Hälfte aller frauenfeindlichen Tweets von Frauen | mehr