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Biomasse statt Milchproduktion

Umsteigerland berichtet über das Artland und die Energiewende

Von Markus Dichmann

Statt auf MIlchproduktion setzen viele Bauern im Artland künftig auf Biomasse.  (AP)
Statt auf MIlchproduktion setzen viele Bauern im Artland künftig auf Biomasse. (AP)

Aus der Region, für die Region: Unter diesem Motto will das niedersächsische Artland bis 2020 energieautark werden. Statt auf Milchviehhaltung setzen viele Bauern in der Region um Osnabrück künftig auf Windkraft und Biomasse.

"Wir sehen hier ein Wasserrad. Dieses Wasserrad dreht sich schon sehr, sehr lange beziehungsweise hat sich viele Jahre zwischendurch nicht gedreht. Hier war ursprünglich mal eine Gerberei, eine Lederfabrik."

Das alte Fachwerkhaus steht mitten in Quakenbrück. Und das Wasserrad wird angetrieben von der Hase, dem kleinen Fluss, der sich in sieben Armen durch die Altstadt schlängelt. Seit 2002 läuft es wieder, ein Privatunternehmer aus der Region hat es finanziert.

"Jetzt werden keine Maschinen mehr angetrieben, sondern ein Generator, der Strom erzeugt. Wir wollen alle Elemente aufnehmen. Es hat zwar keine sonderlich große Leistung, gehört aber nichtsdestotrotz zum Gesamtsystem dazu."

Der Diplomingenieur Michael Burke hat sie erarbeitet: die Strategie, mit der das niedersächsische Artland bis 2020 energieautark werden will. Sonne, Wind und Biomasse sollen intelligent vernetzt den Bedarf decken. Energien aus der Region, für die Region.

"Aus dieser relativ kleinen Gemeinde gehen jedes Jahr circa 40 Millionen Euro für Energiekosten heraus. Davon hat diese Region gar nichts. Davon werden Gasrechnungen in Norwegen und in Russland bezahlt."

Fährt man durch das Artland, findet man im Minutentakt Solaranlagen, Windräder und Biomassekraftwerke - wie auf dem Hof von Landwirt Uwe Kamphaus. Er fährt mit seinem Traktor vor, kommt gerade von der Mais-Aussaat - verschwitzt, dreckig, aber mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

"Ich kann Ihnen das ja mal zeigen. Das hier ist jetzt Mais mit ein bisschen Mist, ich kann das ja mal anstellen, das ist jetzt richtig Silomais, genau das gleiche Produkt, das wir auch an unsere Kühe, an unsere Bullen verfüttern. Und eben auch an unsere Bakterien."

Mais und Mist werden in die beiden Kessel der Anlage gepumpt. Aus den Schweine- und Kuhställen kommen noch mehrere Tonnen Gülle dazu.

Die Bakterien im Innern lassen die Masse gären, und es entsteht Biogas. Die Anlage war am Anfang eine große Investition für den 40-jährigen Kamphaus. Aber:

"Wovon soll ich denn meine Zukunft gestalten? In der Milchvieh-Produktion? Wo in den Medien ständig zu hören ist, dass man Leuten in der dritten Welt die Produktionsebenen wegnimmt? Und wir hier Milchpulver produzieren und exportieren. Was meinen Sie, was das für einen Spaß macht, morgens aufzustehen und die Kühe zu melken?"

Zu Besuch auf dem Hof von Landwirt Kamphaus ist heute auch Dieter Schillingmann.

Man kennt sich, im Artland. Zusammen mit Michael Burke plant er den Weg in die Energieunabhängigkeit. Von unten sei die schon in vollem Gange, aber von oben - da hake es.

"Wichtig ist jetzt, dass mutige Politiker da sind, nicht wie jetzt Rösler und Röttgen, die beiden haben das sehr runter gefahren, das war also ein richtiger Schlag ins Kontor."

Er spricht die letzte Novelle im "Erneuerbare Energien Gesetz" an – die neuerlichen Kürzungen in der Solarförderung. Denn auch die Solarenergie ist ein wichtiger Baustein im Energiekonzept des Artlands. Noch müssten über das EEG Anreize geschaffen werden, auf die Erneuerbaren zu setzen.

"Denn wir müssen ja mit allen Technologien unter den Strompreis, wir brauchen den Strompreis nach Angebot und Nachfrage, wir müssen dezentralisieren, wir brauchen aus der Region, für die Region. Und wir können es nicht schaffen, aus der Wüste den Strom hierhin zu holen."

Das beherzigt Landwirt Kamphaus. Er gewinnt Biogas aus seinem Mais und seiner Gülle, verfeuert das Gas in einem Blockheizkraftwerk und versorgt so nicht nur sich, sondern auch die Nachbarfamilien mit Wärme und Strom.

"Also die Konzepte müssen passen. Es geht nicht, dass man Biogasanlagen baut und aus Polen Substrat herholt und 200 Kilometer transportiert, nur weil sich’s rechnet. Also da sollte man ein bisschen weiterschauen."

Das gleiche Prinzip funktioniert etwas weiter entfernt auch in Menslage.

Hier steht in einer umgebauten Fabrikhalle ein größeres Blockheizkraftwerk, man hört es durch die dicken Betonwände hindurcharbeiten. Angeschlossen sind bereits viele Haushalte im Umkreis, die Leitungen hierfür - baut ein Privatunternehmer aus der Region. Drinnen schaut sich heute auch Bürgermeister Jürgen Kruse die Anlage an.

"Wir als Gemeinde stehen voll hinter der Idee. Und tun eigentlich alles dafür, hier das umsetzen zu können. Man muss die Leute mitnehmen, die überzeugen und sagen: Komm’, wenn ihr das macht, dann tut ihr was für die Umwelt und für euer Portemonnaie tut ihr auch noch was. Das ist eine schwierige Geschichte, und wir versuchen das zu regeln."

Denn trotz aller Goldgräberstimmung in der Gemeinde: Es sind nicht alle überzeugt. Manche fürchten üblen Geruch aus den Biogasanlagen, andere hohe Strompreise, Anschlussgebühren oder Unsicherheiten bei der Stromversorgung.

"Wir kämpfen hier natürlich mit der klassischen Energie, das Öl und das Gas sind natürlich immer noch da. Es steigt jedes Jahr ein bisschen. Da ist natürlich immer noch Verlass drauf, aber wer weiß, wo der Preis in zehn Jahren ist."

Das Ingenieursduo aus Dieter Schillingmann und Michael Burke plant weiter an der Energiestruktur des Artlands. In Zukunft soll auch Smart-Grid-Technologie eingesetzt werden: Der Stromverbrauch wird dann über eine Software intelligent gesteuert. Waschmaschinen und Trockner laufen nur dann, wenn das Netz genügend Strom hergibt. Bringen Sonne, Wind und Biogas nicht genügend ein, schalten sich die Geräte gar nicht erst an.

2020 ist das Stichjahr für all diese ehrgeizigen Pläne. Gelingt es, wird das Artland die größte Selbstversorger-Region ganz Deutschlands sein.

"Wenn man von heute auf morgen die Welt revolutionieren will, dann gehen die Leute auch nicht mit, dann haben sie Angst, das funktioniert nicht. Hier entsteht was, dort entsteht was, und irgendwann wächst das Ganze mal zusammen. Und deshalb haben wir jetzt die Strategie beschrieben, damit das Ganze auch irgendwann mal zusammenfindet."

"Wenn Sie überlegen: Leonardo Da Vinci hat 450 Jahre gewartet, bis der Hubschrauber überhaupt mal anfing, zu fliegen. Einige Ideen, die brauchen halt ein bisschen länger."

"Umsteigerland": Auf der Suche nach der Energiewende

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr

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