Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Bloß nicht krank werden

Eine Reinigungsfirma formuliert rabiate Methoden

Von Christina Selzer

Eine Gebäudereinigerin reinigt in Suhl die Räume eines Gebäudes. (AP)
Eine Gebäudereinigerin reinigt in Suhl die Räume eines Gebäudes. (AP)

In einem internen Dokument fordert die Reinigungsfirma Perfekta den Rausschmiss von kranken Mitarbeitern. Nach Angaben der Firma kam es zwar nie zu einer solchen Kündigung. Die Gewerkschaft IG Bau spricht jedoch von Fällen in der gesamten Branche.

Geplant war es mit Sicherheit nicht, dass die interne Arbeitsanweisung bekannt wurde. Aber der Gewerkschaft Bauen Agrar Umwelt geriet die Dienstanweisung der Reinigungsfirma Perfekta aus Langenhagen in die Hände. Darin werden die sogenannten Objektleiter bundesweit aufgerufen, ihren Mitarbeitern im Krankheitsfall sofort zu kündigen. In dem Schreiben, das dem Deutschlandfunk vorliegt, heißt es wörtlich:

Ab sofort wird jeder Arbeitnehmer, der innerhalb der Probezeit erkrankt, gekündigt.

Und an anderer Stelle:

Arbeitnehmer, bei denen die Krankheiten von vornherein absehbar sind (Langzeiterkrankungen) werden ab sofort personenbedingt gekündigt.

Und weiter:

Ab sofort soll jeder Arbeitnehmer ab zehn Kranktagen gekündigt werden.

Gesetzeswidrige Methoden seien das, schimpft Wolfgang Jägers. Er ist SPD-Abgeordneter und Chef der Bremer Gewerkschaft IG Bau. Dass solche Drohungen auch noch schriftlich festgehalten werden, ist ihm aber noch nicht untergekommen.

"Es ist außergewöhnlich, dass das so offen passiert. Ich kenne das aus anderen Reinigungsbetrieben, dass Menschen in der Probezeit sind, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall erhalten oder rausgeschmissen werden. Das gibt es in Bremen, das gibt es auch bundesweit."

Auch der Bundesverband der IG Bau spricht von einem Problem, das in der gesamten Reinigungsbranche in Deutschland auftritt.

Als der Bremer Wolfgang Jägers das Papier las, glaubte er zunächst an eine Fälschung, so haarsträubend fand er die Formulierungen. Doch ein Anruf bei der Firma Perfekta bestätigte: Das Schreiben vom September 2010 ist echt. Die Personalleiterin räumte auch gegenüber dem Deutschlandfunk ein, dass sie das Papier mit den gesetzeswidrigen Formulierungen tatsächlich verfasst habe. Es sei aber nie angewendet worden, da man damit "arbeitsrechtlich sowieso nicht durchkomme". Es sei auch nicht gültig, weil die Geschäftsführung es nicht autorisiert habe. Eine offizielle Stellungsnahme des Unternehmens liegt bis heute nicht vor.

Offen bleibt damit auch die Frage, warum überhaupt solche Anweisungen geschrieben wurden. Das interessiert nun auch den Qualitätsverbund Gebäudedienste, bei dem die Perfekta Mitglied ist.

Pikant ist dabei auch, für wen die Reinigungsfirma tätig ist: Unter anderem für die Bremer Universitätsbibliothek und ausgerechnet die Agenturen für Arbeit. Beide öffentlichen Auftraggeber wollen sich nun mit dem Fall befassen.

Ruprecht Hammerschmidt von der Bundeszentrale der IG Bau betont: Viele Unternehmen verhalten sich zwar korrekt.

"Uns werden immer wieder Fälle berichtet von Kollegen bei Unternehmen. Das sind Einzelfälle, es gibt in der Branche schwarze Schafe, aber es ist selten, dass man das belegen kann, weil kaum schriftliche Unterlagen dazu existieren. Es gibt hin und wieder in Einzelfällen Arbeitsprozesse. Meistens endet das aber in einem Vergleich, sodass auch kein Urteil gesprochen wird, und deswegen auch kein Nachweis entsteht."

Insofern ist die Gewerkschaft froh, dass jetzt einmal eine rechtswidrige Anweisung bekannt wurde, auch wenn der Eindruck entsteht, dass die Firma Perfekta sie als absurden Alleingang einer nicht autorisierten Angestellten herunterspielt. Die Unternehmensleitung hat der Gewerkschaft nun Gespräche angeboten. Die IG Bau fordert: Perfekta soll die Arbeitsanweisung schriftlich zurücknehmen. Das sei eine Frage der Glaubwürdigkeit.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 17:05 Uhr Wirtschaft und Gesellschaft

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 17:07 Uhr Studio 9

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Herbstlaub richtig entsorgenBiotonne oder Kompost

Frau fegt Laub in Richtung der Kamera. (dpa/picture alliance/Sebastian Kahnert)

Jedes Jahr im Herbst heißt es aufs Neue: Wohin mit dem Laub, das auf Wegen und Wiesen liegt? Kann es da bleiben oder muss es entsorgt werden? Praktisch ist die Kompostierung im eigenen Garten. Ansonsten gehören die alten Blätter in die Biotonne.

Jörg Schindler: "Panikmache"Die Lust an der Angst

Elektroschocker (picture alliance/dpa/Foto: Boris Roessler)

Aus Angst vor Gewalt und Terror decken sich Menschen mit Waffen ein und fliegen nicht mehr ins Ausland, schreibt Jörg Schindler in "Panikmache". Völlig irrational wird es, wenn es um die eigenen Kinder geht, heißt es in dem Sachbuch, das in den Bestsellerlisten steht.

Jelinek an der SchaubühneLustvolle Entzauberung der Traumfabrik

Jule Böwe, Renato Schuch, Nadja Krüger in "Schatten (Eurydike sagt)" an der Berliner Schaubühne (Foto: Gianmarco Bresadola/Schaubühne)

In "Schatten (Eurydike sagt)", Elfriede Jelineks Version des Eurydike-Mythos, ist die Hauptfigur eine Schriftstellerin, die stets im Schatten ihres Geliebten Orpheus stand. Katie Mitchell zeigt die beiden mittels Videosequenzen wie ein Hollywood-Paar.

Europäische Zentralbank"Die Ausweitung der Liquidität braucht ein Ende"

Hans Michelbach von der CSU (imago stock&people)

Nach Ansicht des Obmannes der Union im Finanzausschuss, Hans Michelbach, ist EZB-Chef Mario Draghi mit seiner umstrittenen Geldpolitik gescheitert. Die Ausweitung der Liquidität durch den Kauf von Staatsanleihen führe in eine Haftungs- und Schuldenunion, sagte der CSU-Politiker Hans Michelbach im Deutschlandfunk.

Massaker von Babi Jar Der Massenmord begann nicht erst in Auschwitz

Blumen liegen auf Grabsteinen an der Gedenkstätte von Babi Jar, in der Nähe von Kiew (picture alliance / dpa / Andreas Stein)

In der Schlucht von Babi Jar in der Nähe von Kiew begann am 29. September 1941 eine der größten Massenexekutionen des Zweiten Weltkriegs. Einsatzgruppen der SS trieben die jüdischen Einwohner aus der Stadt und erschossen mehr als 30.000 Menschen.

Folgen des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei "Zuckerbrot für Diktaturen"

Afrikanische Flüchtlinge auf Sizilien sind in Wärmedecken eingehüllt. (picture alliance / dpa / Olivier Corsan)

Die EU tue alles, um Asylsuchende von Europa fernzuhalten, ist der Gründer des italienischen Flüchtlingsrates Christopher Hein überzeugt. Dies geschehe nach dem Vorbild des Türkei-Deals. Hein kritisiert, dass dabei auch Gelder an Diktaturen in Afrika fließen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Lage in Syrien  Erdogan telefoniert mit Merkel | mehr

Kulturnachrichten

Philipp Demandt übernimmt Frankfurter Museen  | mehr

Wissensnachrichten

Thailand  Kein Handel mehr mit Seepferdchen | mehr