Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Breiviks unerträglicher Auftritt

Attentäter inszeniert sich als Widerstandskämpfer

Anders Behring Breivik präsentiert im Zeugenstand im Gerichtssaal in Oslo sein wirres Weltbild. (picture alliance / dpa - Lise Aserud)
Anders Behring Breivik präsentiert im Zeugenstand im Gerichtssaal in Oslo sein wirres Weltbild. (picture alliance / dpa - Lise Aserud)

Der norwegische Attentäter Breivik hat in seiner ersten Aussage vor Gericht seine Ideologie zur Schau getragen. Die vorbereitete Rede war für Angehörige und Beobachter nur schwer auszuhalten. Neben reichlich Eigenlob zollte er Al-Kaida und dem Zwickauer Terror-Trio Anerkennung.

Wieder läuft alles nach seinem Plan. Die Richterin ermahnt den angeklagten Massenmörder Anders Behring Breivik wiederholt, seine Aussage abzukürzen. Statt 30 Minuten schildert Breivik in mehr als einer Stunde minutiös, wie er 77 Menschen im vergangenen Juli ermordet habe - erst die explodierte Autobombe im Osloer Regierungsviertel, dann der Amoklauf auf der Insel Utøya, wo sozialdemokratische Jugendliche debattiert hatten. Es scheint, als ob der Angeklagte die Regie dieses Prozesses führt - Unterhaltung auf dem Niveau eines TV-Krimis, kommentiert Brigitte Baetz.

Breivik "würde es wieder tun"

Der Angeklagte Anders Behring Breivik betritt den Zeugenstand in dem Gerichtssaal 250 in Oslo. (picture alliance / dpa - Lise Aserud)Der Angeklagte Anders Behring Breivik betritt den Zeugenstand im Gerichtssaal 250 in Oslo. (picture alliance / dpa - Lise Aserud)Die Belastung für die Opferfamilien steigt ins Unerträgliche, als Breivik seine Taten mit einer aberwitzigen Weltsicht zu erklären versucht. Er habe "aus Güte, nicht aus Boshaftigkeit" gehandelt. "70 Menschen zu töten, kann einen Bürgerkrieg verhindern", meint der 33-Jährige. Kopfschütteln im Zuschauerraum, Unruhe kommt auf. "Ja, ich würde es wieder tun." Die Anschläge seien "der spektakulärste politische Angriff eines Nationalisten seit dem Zweiten Weltkrieg".

Seine jugendlichen Opfer seien keine "unschuldigen Kinder", sondern "politische Kämpfer" gewesen, vergleichbar mit der Hitler-Jugend, fährt Breivik mit ruhiger Stimme fort. Der Doppelanschlag sei "präventiv" gewesen, um einen Kampf der Kulturen in Europa zu verhindern. "Multikulti" sei eine "selbstzerstörerische Ideologie", die Norwegen nur "Sushi und Flachbildschirme" bringen werde.

Anerkennung für Al-Kaida und deutsche Terrorzelle

Seine Aussage gleicht einer Hasspredigt gegen den Islam. Muslime seien für "Ströme von Blut" verantwortlich, die durch Europas Hauptstädte flössen. Als Belege nennt er die Anschläge von Madrid und London sowie die Attentate von Toulouse.

Die Täter dieser drei Terrorakte brachten sich in Verbindung mit Al-Kaida. Dieses radikalislamische Terrornetzwerk lobt Breivik als "erfolgreichste militante Gruppe der Welt", von der "militante Nationalisten" in Europa "viel lernen" könnten.

In seiner Verteidigungsrede bezieht sich Breivik auch auf die Zwickauer Terrorzelle NSU. Die Gegner von Einwanderung und Multikulturalismus hätten sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht frei äußern dürfen. "Es sind diese Ungerechtigkeiten, die mich (...) und die NSU in Deutschland schufen." In Deutschland wird die NSU beschuldigt, neun Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft sowie eine Polizistin ermordet zu haben.

Schöffe wegen Befangenheit ausgewechselt

Norwegen trauert um die Opfer der Anschläge (picture alliance / dpa)Trauer um die Opfer: Ganz Norwegen verfolgt den Prozess gegen Breivik (picture alliance / dpa)Der zweite Prozesstag hatte mit einem Eklat begonnen. Einer der Laienrichter wurde wegen Befangenheit vom Prozess ausgeschlossen. Er hatte im sozialen Netzwerk Facebook einen Tag nach dem Doppelanschlag die Meinung verbreitet: "Die Todesstrafe ist das einzig Gerechte in diesem Fall!".

Der Strafkammer im Breivik-Prozess gehören neben zwei Berufsrichtern auch drei Laienrichter an. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung und die Anwälte der Opfer waren sich einig, dass der Laienrichter Thomas Indrebö nicht weiter der fünfköpfigen Strafkammer angehören könne.

Während der erste Prozesstag weltweit auf vielen Fernsehsendern live übertragen wurde, waren am Dienstag keine Kameras im Gerichtssaal zugelassen. Vor dem Prozess hatten viele kritisiert, Breivik erhalte eine öffentliche Bühne für seine menschenverachtenden Thesen. Die Leiterin des Erlanger Instituts für Medienverantwortung, Sabine Schiffer, hat im Deutschlandradio Kultur davor gewarnt, dem norwegischen Attentäter Breivik eine zu große Medienpräsenz zu gestatten.

Zum Prozessauftakt hatte sich der Angeklagte für "nicht schuldig" erklärt und gesagt, er habe aus Notwehr gehandelt. Das Gericht wolle der rechtsradikale Islamhasser nicht anerkennen.


Wie sollen die Medien mit dem Prozess umgehen? Ausführlich berichten oder weitgehend ignorieren? Diskutieren Sie mit auf unserer Facebook-Seite

Mehr zum Thema bei dradio.de:
Das abgrundtief Böse - Themenwoche im Radiofeuilleton
Hintergrund: Norwegen nach den Anschlägen
Weltzeit: Das Ende der Unbekümmertheit
Hintergrund: Quellen des Bösen - Breiviks Feindbilder
Europa heute: Angriff auf den skandinavischen Traum

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 05:07 Uhr Studio 9

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Neuer Büchner-Preisträger "Ich bedaure Autoren, die nur Romane schreiben"

Der Schriftsteller Marcel Beyer (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Gerne nimmt sich der neue Georg-Büchner-Preisträger Marcel Beyer der Nachkriegszeit in Bundesrepublik und DDR an - stets mit Rückbezügen auf die NS-Zeit. Auslöser, sich mit Geschichte zu befassen, war Beyer zufolge die Fernsehberichterstattung über den Fall der Mauer. "Geschichte ist etwas, was sich ganz akut in dieser Sekunde vollziehen kann", sagte der Schriftsteller im Deutschlandfunk.

Nobelpreisträgertagung in LindauKluge Köpfe am Bodensee

Das Handout vom 26.06.2016 zeigt das Publikum bei der Eröffnung der Nobelpreisträgertagung im Lindauer Stadttheater. (Christian Flemming  /Lindau Nobel Laureate Meetings / dpa)

Noch bis Ende der Woche läuft in Lindau das 66. Treffen der Nobelpreisträger, in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt Physik. Dass die Teilnehmer neben ihrem wissenschaftlichen "Know How" einen Sinn für Humor haben, das erfuhr Thomas Wagner bei seinem Besuch.

Arabische Clans in Berlin-NeuköllnVon falschen und enttäuschten Hoffnungen

Polizisten führen bei einem Einsatz eine Person in Handschellen aus einem Haus in Berlin im Bezirk Neukölln. (dpa/ picture-alliance/ Gregor Fischer)

Im April haben Sondereinsatzkommandos der Polizei bei Razzien in Berliner Wohnungen acht Männer festgenommen. Sie gehörten zu kurdisch-arabischen Clans, die speziell im Berliner Stadtteil Neukölln für schwere und organisierte Kriminalität bekannt sind. Wer sich auf die Suche nach Gründen dafür macht, stößt auf Geschichten von Entwurzelung und enttäuschten Hoffnungen. Für den deutschen Staat wird es Zeit, aus Fehlern zu lernen.

Malawi zwischen Dürre und FlutHunger im Land der Wetterextreme

Menschen erhalten am 15.3.2016 an einem Verteilungspunkt des UN World Food Programme nordwestlich von Lilongwe, Malawi, Lebensmittelhilfe. (picture alliance / dpa / Unicef / Chipiliro Khonje)

Im April hat die Regierung in Malawi wegen der Hungerkrise den Notstand ausgerufen: Derzeit sind mehr als acht Millionen Menschen in dem afrikanischen Land von Lebensmittelhilfe abhängig. Diszipliniert stehen sie in der brennenden Sonne Schlange.

RaumfahrtWeltraumbahnhof, teilmöbliert, in ruhiger Lage zu vermieten

Spaceport America. Das klingt nach Raumfahrt, Rakten, Weltall. Die Raumfahrtsache im ganz großen Stil. Tatsächlicher aber warten und hoffen sie dort auf irgend wen, der den Spaceport nutzen will. Für den Flug ins All, als Partylocation oder auch als Filmkulisse. Hauptsache Geld kommt rein.

Kriminalität im PflegesystemGut gepflegt - oder gepflegt betrogen?

Krankenhaus (imago/Gerhard Leber)

Rund 14.000 ambulante Pflegedienste gibt es in Deutschland, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen zu alten oder kranken Menschen ins Haus und pflegen sie dort. Doch nicht immer wird geleistet, was bezahlt wird. Der Abrechnungsbetrug ist so lukrativ, dass sich schon die organisierte Kriminalität dafür interessiert. Eine Gesetzesänderung soll Abhilfe schaffen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Tories  Britische Innenministerin May kandidiert für Cameron-Nachfolge | mehr

Kulturnachrichten

Neuer Förderfonds für zeitgenössische Musik  | mehr

Wissensnachrichten

Computer  10.000 Dollar, weil Windows 10 den Rechner lahmlegt | mehr