Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Bundesministerin Schavan tritt zurück

Konsequenz aus Plagiatsaffäre und Doktortitelentzug

Bildungsministerin Schavan erklärt Bundeskanzlerin Merkel den Rücktritt (dpa / Wolfgang Kumm)
Bildungsministerin Schavan erklärt Bundeskanzlerin Merkel den Rücktritt (dpa / Wolfgang Kumm)

Bundesbildungsministerin Annette Schavan ist zurückgetreten. Das erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Sie habe das Rücktrittsgesuch "sehr schweren Herzens angenommen". Schavan war zuvor der Doktorgrad wegen Plagiaten in ihrer Dissertation aberkannt worden. Nachfolgerin wird Niedersachsens Wissenschaftsministerin Johanna Wanka.

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan (CDU), ist weniger als acht Monate vor der Bundestagswahl zurückgetreten. Sie zog damit die Konsequenz aus der Aberkennung ihres Doktorgrades durch die Universität Düsseldorf. Die Hochschule hatte erklärt, die Doktorandin habe "systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt" plagiiert. Damit steht Schavan ohne Hochschulabschluss da.

Die Brandenburger Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (AP)Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (AP)Schavans Nachfolgerin wird Niedersachsens Wissenschaftsministerin Johanna Wanka, die nach dem Wahlsieg von Rot-Grün in Hannover ausscheiden wird. Bundespräsident Joachim Gauck wird am Donnerstag den Ministerwechsel offiziell vollziehen.

Damit wurden in der schwarz-gelben Koalition seit 2009 acht Minister ausgetauscht. Es ist die fünfte Kabinettsumbildung.

Merkel würdigt Schavan

Bundeskanzlerin Merkel würdigte Schavan als "im Grunde die anerkannteste und profilierteste Bildungs- und Forschungsministerin". Schavan habe sieben Jahre als Bundesministerin und zuvor bereits zehn Jahre als Kultusministerin in Baden-Württemberg "im Dienste des Bildungs- und Forschungsstandortes Deutschland gestanden - das sucht seinesgleichen", sagte Merkel im Bundeskanzleramt. "Die Einrichtungen von Forschung und Wissenschaft verdanken ihr viel." Mit ihrer Rücktrittsentscheidung stelle sie ihr persönliches Wohl hinter das Gemeinwohl. "Diese Haltung macht Annette Schavan aus. Ich danke ihr von ganzem Herzen."

Schavan begründete ihren Rücktritt damit, dass "das Amt nicht beschädigt" werden dürfe. "Wenn eine Forschungsministerin gegen eine Universität (wegen der Aberkennung des Doktorgrades) klagt, dann ist das mit Konsequenzen verbunden, für das Amt, das Ministerium, die Regierung und die CDU - das geht nicht." Sie wolle sich nun auf ihr Mandat im Bundestag konzentrieren. Der Kanzlerin dankte der Ministerin "für Vertrauen und Freundschaft über viele Jahre - die Freundschaft wirkt aber über das Amt, über diesen Tag hinaus".

Nach ihrem Ausscheiden aus Merkels Kabinett hat Schavan Pensionsansprüche von 13.000 Euro im Monat sowie Ansprüche für den Übergang von maximal 186.000 Euro für zwei Jahre erworben.

Die Plagiatsaffäre

Die Opposition und einige Vertreter der Wissenschaft hatten Schavan zum Rücktritt aufgefordert. Am 19. Februar soll die Bundesbildungsministerin - nun in persona Wanka - Europas größte Bildungsmesse Didacta in Köln eröffnen. Im Mittelpunkt steht dort in diesem Jahr das Thema "Abschreiben unerwünscht! Wissenschaftliches Fehlverhalten in Hochschule und Schule".

Annette Schavans Doktorarbeit (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)Annette Schavans Doktorarbeit "Person und Gewissen" (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)Die Ministerin räumte zwar Flüchtigkeitsfehler bei ihrer Dissertation mit dem Titel "Person und Gewissen" ein. Den Vorwurf, sie habe plagiiert, weist sie jedoch zurück und will deshalb gegen den Universitätsbeschluss klagen. Die Entscheidung hatte sie während einer Dienstreise in Südafrika erhalten. Nach ihrer Rückkehr gestern Abend in Berlin hatte sich Schavan im Fonds ihres Dienstwagens eine Jacke über den Kopf gehalten, um sich vor dem Blitzlichtgewitter der Fotografen zu schützen.

Merkels "volles Vertrauen"

Die Bundeskanzlerin und ihre Bildungsministerin, zwei Vertraute (dpa / Tim Brakemeier)Die Bundeskanzlerin und ihre Bildungsministerin, zwei Vertraute (dpa / Tim Brakemeier)Merkel hatte über ihren Sprecher ausrichten lassen, sie habe "volles Vertrauen" in Schavan. Solche Bekundungen hatten zuvor schon Karl-Theodor zu Guttenberg und Franz-Josef Jung wenige Tage vor ihren Rücktritten von der CDU-Vorsitzenden erhalten. Bei Guttenberg war es gar "vollstes Vertrauen", wie Blogger Sascha Lobo anmerkt.

Merkel und Schavan, die 58-jährige aus dem Osten und die 57-Jährige aus dem Westen, haben gewaltige Umbrüche in der CDU zusammengeschweißt. In der CDU-Spendenaffäre sucht die frisch gewählte CDU-Generalsekretärin Merkel 1999 nach Verbündeten und vertraut Schavans guten Kontakten in die konservativen Landesverbände im Westen. Ein Jahr später ermutigt Schavan Merkel, für den Parteivorsitz zu kandidieren.

Sehr hohe Maßstäbe

Gerade im Fall Guttenberg legte Schavan selbst sehr hohe Maßstäbe an. "Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich", hatte die Bildungsministerin seinerzeit der "Süddeutschen Zeitung" gesagt. "Jedenfalls weiß ich, dass, wer viele Jahre an seiner Doktorarbeit sitzt, sich darin auch verirren kann."

"Wissenschaftliche Integrität ist ein hohes Gut", hatte Schavan auf Deutschlandradio Kultur damals gesagt. "Und dazu gehört, die Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens zu kennen und konsequent anzuwenden."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:06 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 11:45 Uhr Rubrik: Weltmusik

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Atomkatastrophe vor 32 JahrenDie Kinder von Tschernobyl

Kinder winken auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen (Niedersachsen) zur Begrüßung, nachdem sie zuvor aus der Republik Belarus (Weissrussland) eingetroffen sind (picture alliance/ dpa/ Holger Hollemann)

Nach der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl gründeten sich Hilfsvereine, die Kinder in deutsche, österreichische und Schweizer Gastfamilien holten. Noch heute reisen Jungen und Mädchen aus dem verstrahlten Gebiet regelmäßig nach Deutschland. In der Heimat haben sie mit den Folgen des GAUs zu kämpfen.

Frank Schätzing über künstliche Intelligenz"Sie kann uns das Paradies bereiten oder uns alle abmurksen"

Ein Porträt von Bestsellerautor Frank Schätzing (imago / Future Image)

In seinem neuen Buch "Die Tyrannei des Schmetterlings" beschäftigt sich Frank Schätzing mit künstlicher Intelligenz. Schätzing hält KI für das derzeit interessanteste Forschungsfeld überhaupt - und fragt sich, was noch vom Menschen bleibt, wenn die von ihm gebauten Maschinen Bewusstsein entwickeln.

Aus für den EchoGut für die Glaubwürdigkeit, schlecht für den Jazz

Die Echo-Trophäe (Bild aus dem Jahr 2015) (dpa-Bildfunk / Matthias Balk)

Der Echo ist Geschichte. Politisch wird das begrüßt, doch es sind auch andere Töne zu hören: Martin Krüger, Präsident des Deutschen Musikrats, bedauert das Aus für den Musikpreis.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Bundestag  Abgeordnete würdigen Staatsgründung Israels | mehr

Kulturnachrichten

Kinofilm über Fall Harvey Weinstein geplant  | mehr

 

| mehr