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Chancen und Probleme der Inklusion

Lernbehinderter Kinder in rheinland-pfälzischen Regelschulen

Von Ludger Fittkau

Eine Grundschule praktiziert das Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kinder. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Eine Grundschule praktiziert das Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kinder. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Eine UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen aus dem Jahr 2008 verlangt den schrittweisen Aufbau eines Schulsystems, in dem behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam lernen. Inklusion nennen Pädagogen und Bildungspolitiker diesen Ansatz. Was dahinter steckt, zeigt ein Besuch in Rheinland-Pfalz.

"Wer war diese Meg Finn und warum war sie auf einmal die begehrteste Seele im ganzen Universum?"

Deutschunterricht in der Förderschule des Schulzentrums am Donnersberg im pfälzischen Rockenhausen. In der Klasse 8 und 9 liest ein lernbehinderter Schüler, nennen wir ihn Klaus, aus einem beliebten Jugendbuch. Gleich zwei Lehrer sitzen hinter dem Pult der Förderklasse, ein Mann und eine Frau:

"Das Buch heißt 'Meg Finn und die Liste der vier Wünsche' von Eion Colfer. Kurz gesagt, die Meg Finn und ihr Freund die machen einen Einbruch. Dieser geht schief und das klingt jetzt vielleicht ein bissen brutal. Sie sterben bei dem Einbruch. Und die Meg Finn, das Mädchen bekommt eine zweite Chance. Da sind wir gerade, sie ist auf dem Weg in den Himmel und das ist jetzt so der Status quo, wo wir gerade sind."

Klaus liest eine Stelle vor, in der ein Dämon trickreich versucht, Petrus an der Himmelspforte die Seele der Romanheldin abzujagen:

"Gut er hatte Petrus belogen, aber was machte das schon? Schließlich war er ein Dämon. Was erwartete dieser weiß gekleidete Tugendbolzen denn?"

Klassenlehrer Udo Rühl erklärt, dass in dieser Gruppe lernbehinderte und körperbehinderte Schüler gemischten Alters gemeinsam lernen.

"Das ist eine 8 und 9, eigentlich sogar eine 7, 8, 9. Ich habe einen Schüler aus der 7. Klasse drin und der älteste Schüler müsste eigentlich in der 10. Klasse sein. Allerdings ist es trotzdem eine homogene Klasse, muss ich sagen. Vom Leistungsstand her gibt es zwar Unterschiede, die passen einfach zusammen, die kennen sich schon jahrelang."

Gut möglich, dass einige Schüler dieser Klasse in ein bis zwei Jahren gemeinsam noch einmal die Schule wechseln – in die 10. Klasse der benachbarten Integrierten Gesamtschule Rockenhausen. Diese Klasse ist von beiden Schulen gemeinsam eingerichtet worden, um Schülerinnen und Schüler mit Lernproblemen zusammen zum Hauptschulabschluss zu bringen – mit besonders intensiver Förderung durch sonderpädagogisch geschultes Personal. Bei dem langjährigen Förderschüler Adrian Miedtke hat das geklappt, erzählt er beim gemeinsamen Mittagessen mit ehemaligen Klassenkameraden in der Mensa der Integrierten Gesamtschule – kurz IGS:

"Ich mache gerade eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker. Dezember, Januar ist Abschlussprüfung. Ich war Schüler der Förderschule und habe diese bis zur 9. Klasse besucht und bin dann auf die 10 P der IGS gewechselt. Und habe dann da meinen Hauptschulabschluss nachgeholt, die Chance genutzt. Die Unterstützung von den Leuten der Förderschule und der IGS. Und habe dann so meinen Traumberuf lernen können."

Neben Adrian Mielke wickelt Leslie Krauss in der Schulmensa die Spaghetti um die Gabel. Auch sie hat als ehemalige Förderschülerin schließlich die 10. Klasse der Gesamtschule erfolgreich absolviert. Dennoch sei für sie der Sprung von der Lernbehindertenschule zur Regelschule nebenan schwer gewesen, erzählt Leslie Kraus. Weil in den rheinland-pfälzischen Förderschulen normalerweise kein Englischunterricht gegeben wird:

"Mir fehlen ja durch die Förderschule acht Jahre Englischunterricht. Da muss man halt viel mit Nachhilfe machen und eben zu Hause viel lernen ohne Lernen geht da gar nichts mehr."

In der integrativen Realschule im rheinhessischen Städtchen Gau-Algesheim bei Bingen bekommen auch lernbehinderte Kinder von Beginn an Englischunterricht. Gemeinsam mit den sogenannten "Regelschülern" in einer Klasse. Immer unterrichten dort zwei Lehrer zusammen - ein Fachlehrer und eine ausgebildete Förderschullehrerin wie Judith Hartfiel. Sobald Kinder mit dem Lerntempo Probleme kriegen, kann sie reagieren und mit ihnen eigenständig arbeiten:

"Wir machen sowohl Team-Teaching in der Klasse, als auch in manchen Fächern, in denen der Abstand zu groß ist zu den Regelschülern, nehme ich die Förderschüler mit raus und wir arbeiten in Kleingruppen und arbeiten eben dann nach einem individuellen Förderplan an ihren Entwicklungsbereichen, das ist oft in Mathe der Fall und auch in Englisch."

Marcel und Chantal sind beide "Förderschüler" in der 6. Klasse. Es ist ihnen bewusst,

".. dass wir in Mathe oder in Englisch mehr Probleme haben als andere Kinder. Dass wir da auch geholfen bekommen."

Marcel: "Ja, im Prinzip werden wir gefördert in Mathe, Deutsch, Englisch. Da werden wir auch rausgenommen aus den Fächern."

Chantal: "Aber nicht in Deutsch, da werden wir nur rausgenommen, wenn wir Geschichten schreiben oder so was, dann werden wir rausgenommen."

Carmen Schweikert hat gleich zwei ihrer Söhne in die integrative Realschule von Gau-Algesheim geschickt – beide sind Regelschüler. Die Angst vieler Eltern, dass ihre Kinder wegen der Rücksicht auf die Förderschüler zu langsam und zu wenig lernen könnten, hat sie nicht. Im Gegenteil. In den Klassen mit lernbehinderten Kindern werde mehr wiederholt. Deshalb bleibe bei ihren Söhnen einfach mehr hängen, beobachtet Carmen Schweikert. Und das Sozialverhalten ihrer Kinder werde ohnehin durch den Umgang mit Behinderten besser trainiert, glaubt sie:

"Das ist auf jeden Fall wichtig, auch in der heutigen Zeit. Man sieht es schon im Vergleich zu anderen Schulen. Unsere Kinder dürfen sich schon anhören, ihr habt Kinder dabei, die sind dumm und blöd und behindert. Und da ist es immer auffallend, dass unsere Kinder das als vollkommen normal ansehen. Für die ist eine Behinderung kein Makel, für die ist eine Behinderung ganz normal. Und wenn es ein Kind in der Klasse gibt, das ein bisschen mehr Unterstützung braucht, kommt es ihnen zugute, sie fühlen sich gut dabei, wenn sie helfen können und ansonsten ist es für sie ein Kumpel wie jeder andere auch."

Chantal findet es schön, dass in ihrer Schule beim gemeinsamen Unterricht die Grenzen durchlässig sind, wenn es darum geht, wer ganz konkret mal zusätzliche Hilfe braucht und wer nicht:

"Dass wir Förderlehrer haben, dass wenn wir Probleme haben oder Kinder in der Klasse Probleme haben, dass dann alle geholfen bekommen – nicht nur die Förderkinder."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:02 Uhr

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