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Christiane Habermalz

Alles ist Kultur

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)
Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)

Zum Vögelbeobachten taugt auch mein neues Büro im Haus der Bundespressekonferenz. Im Frühjahr und Herbst fliegen Kraniche und Gänse über das Regierungsviertel. Aus dem sechsten Stock des Hauptstadtstudios vom Deutschlandradio kann man sie wunderbar über dem Bundeskanzleramt ziehen sehen. Außerhalb der Zugzeit beschränkt sich die Sicht allerdings auf die politischen Vorgänge.

Viele Jahre lang habe ich die ornithologische Vogelwoche ›Die große Vogelschau‹ für das ›Radiofeuilleton‹ im Deutschlandradio Kultur geplant  – neben vielen anderen Themen aus Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft. Seit etwa einem Jahr berichte ich für meinen Sender als Korrespondentin über Kultur- und Bildungspolitik.

Viele Themen liegen ganz offen auf den Straßen Berlins, sei es die Sanierung der Neuen Nationalgalerie, die große Ai-Weiwei-Ausstellung im Gropius-Bau oder die Frage, wer das Humboldtforum  in Zukunft leiten wird:  Fast täglich bin ich mit dem Mikrofon und unserem Deutschlandradio-Dienstfahrrad zwischen dem Bundestag und Berlins Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen unterwegs.  Andere thematische Schätze müssen erst gehoben und aufbereitet werden. Was verbirgt sich hinter Wortungetümen wie dem Kooperationsverbot in der Bildung, TTIP oder dem drögen Dauerstreit um die Urheberrechtsreform? Es ist immer wieder eine Herausforderung, den Hörerinnen und Hörern nahezubringen, was das mit uns, mit ihnen zu tun hat. Nämlich nicht weniger als die wichtige Frage, ob man Kultur vor den Kräften des freien Marktes schützen muss. Oder: wem geistiges Eigentum gehört in einer Zeit, in der alles im Netz frei downloadbar ist. Und hinter manch trocken klingender Druckvorlage des Bundestages steckt eine unerwartet spannende Geschichte. Etwa die geplante Novelle des Kulturgutschutzgesetzes: Damit will Kulturstaatsministerin Monika Grütters den illegalen Handel mit geraubten Antiken aus Syrien oder dem Irak einschränken - lukrativer Nebeneffekt eines unbarmherzig geführten Krieges. Profit daraus schlägt aber auch seit Jahren der Kunsthandel in Deutschland, und auch deutsche Museen haben durchaus Grund zur Selbstkritik. 

Frei nach dem Motto ›Alles ist Kultur‹ wildere ich auch gern in den Bereichen meiner Politik-Kollegen. Denn auf den Blickwinkel kommt es an. Wer legt fest, wie viel Islam unsere Gesellschaft verträgt? Die Politik, die Medien, die Islamverbände oder die Pegida-Demonstranten? Kultur ist immer auch: Auseinandersetzung, Debatte, Meinung. Ich bin froh, dass ich in diesem Spannungsfeld als Korrespondentin unterwegs sein kann. Und es gibt auch immer noch kurze Momente ornithologischen Glücks – wie neulich, als vor dem Bundesbildungsministerium ein Haubentaucherpärchen balzte: ein perfektes Ballett. Kultur ist überall.

Christiane Habermalz

Christiane Habermalz ist Kulturkorrespondentin im Hauptstadtstudio von Deutschlandradio

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