Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Cromme verzichtet auf die Hälfte seiner Vergütung

Vorstand und Aufsichtsrat wegen Fehlinvestitionen im Stahlgeschäft in Kritik

Gerhard Cromme, Vorsitzender des Aufsichtsrates von ThyssenKrupp
Gerhard Cromme, Vorsitzender des Aufsichtsrates von ThyssenKrupp (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)

Der ThyssenKrupp-Aufsichtsrat verzichtet wegen der Milliardenverluste bei Deutschlands größtem Stahlkonzern für das vergangene Geschäftsjahr auf die Hälfte seiner Vergütung. Das kündigte Aufsichtsratschef Gerhard Cromme auf der Hauptversammlung des Stahlkonzerns in Bochum an.

"Wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können - oder müssen", sagte Cromme vor den Aktionären. Aus deren Reihen kamen dem ThyssenKrupp-Chefaufseher Buhrufe und Pfiffe entgegen. Aktionärsvertreter forderten mehrfach Crommes Rücktritt.

"Es ging ruppig zu", berichtet unser Reporter Andreas Kolbe aus Bochum. Cromme verwies auf eine veränderte Vorstandsbesetzung seit Dezember. Rechtlich, so der 69-Jährige, hätten Aufsichtsrat oder Vorstand nichts falsch gemacht.

Verlust von fünf Milliarden Euro im vergangenen Geschäftsjahr

Das Firmenlogo des Stahlkonzern ThyssenKrupp in EssenDas Firmenlogo des Stahlkonzern ThyssenKrupp in Essen (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)Manche Anteilseigner machen Cromme für das Desaster mit den neuen Stahlwerken in Übersee mitverantwortlich. Die Kosten für die Werke waren auf zwölf Milliarden Euro in die Höhe geschossen. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass ThyssenKrupp im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro eingefahren hat. Erstmals seit der Fusion von Thyssen und Krupp 1999 erhalten die Aktionäre keine Dividende. Cromme wird auch eine mangelnde Kontrolle des früheren Managements zur Last gelegt.

Das Unternehmen wird von Kartellverstößen, Luxusreisen auf Firmenkosten und vor allem dem Desaster mit den neuen Stahlwerken in Übersee erschüttert. Ende Dezember musste der halbe Vorstand gehen. ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger bekräftigte, die Stahlwerke in Übersee bis Ende September zu veräußern. Eine Trennung von der europäischen Stahlsparte sei nicht geplant. Die Kurzarbeit werde dort im laufenden Quartal aber fortgesetzt werden müssen. Mit dem Betriebsrat sei darüber hinaus bereits eine Verlängerung der Kurzarbeit bis Ende Juli vereinbart worden.

ThyssenKrupp-Chefaufseher Cromme verteidigt Arbeit des Aufsichtsrats

ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme verteidigte trotz selbstkritischer Töne die Arbeit des Kontrollgremiums. "Wir haben die Kraft gehabt, Fehler zu erkennen, zu korrigieren und die Weichen für die Zukunft zu stellen", sagte er. Ungeachtet aller Anstrengungen sei es in der Vergangenheit jedoch nicht gelungen, Fehlentwicklungen im Stahlgeschäft in Übersee zu verhindern.

Die in der Öffentlichkeit geäußerte Kritik bezeichnete Cromme als "bisweilen auch unberechtigt". "Was in den Medien steht, ist letztlich nicht maßgeblich", meinte er. An die Aktionäre appellierte der Aufsichtsratschef: "Lassen Sie sich nicht beirren." Als Geste der Betroffenheit und Solidarität mit den Anteilseignern des Konzerns habe der Aufsichtsrat beschlossen, für das Geschäftsjahr 2011/2012 auf die Hälfte seiner Vergütung zu verzichten, so Cromme.

Berthold BeitzDer starke Mann im Hintergrund: Berthold Beitz (dpa / picture alliance / Roland Weihrauch)

Größter Thyssen-Aktionär gibt Cromme Rückendeckung

Vorstandschef Heinrich Hiesinger stellte sich ebenso wie der Chef der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, hinter Cromme. Die Stiftung ist mit einem Anteil von 25,3 Prozent wichtigster Einzelaktionär bei ThyssenKrupp und verfügt über ein Entsenderecht für drei Mitglieder des Aufsichtsrats. Daher muss Cromme nicht um seinen Posten fürchten.

Aus Sicht des Wirtschaftshistorikers Werner Abelshauser geht die Kritik der Aktionäre bei Cromme an die falsche Adresse. Der Aufsichtsrat werde zwar - ähnlich wie am neuen Flughafen Berlin - prominent in die Verantwortung gezogen. "Er muss natürlich einschreiten, wenn ein Problem auftaucht, aber er kann selbstverständlich nicht das operationale Geschäft des Vorstandes in jeder Einzelheit überprüfen und beaufsichtigen", so der Bielefelder Wissenschaftler im Deutschlandradio Kultur.

Mehr dazu auf dradio.de:

Massenentlassung beim ThyssenKrupp-Vorstand - Aufsichtsratsvorsitzender Cromme feuert drei von sechs Vorständen
ThyssenKrupp macht Milliardenverluste - Fehlinvestitionen und Schwierigkeiten in Übersee



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:00 Uhr Nachrichten

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Ebola-Berichterstattung"Die üblichen Klischees von Afrika"

Ein afrikanischer Arzt hilft seinem Kollegen, dessen Atemschutzmaske anzupassen.

Durch die Ebola-Berichterstattung wird das überzeichnete Bild von Afrika als Krisenkontinent gestärkt - das sagte Annette Lohmann, Vertreterin der Friedrich-Ebert-Stiftung im Senegal, im Deutschlandfunk. Neben der akuten Krisenberichterstattung müssten die Medien stärker die strukturellen Ursachen analysieren.

Homosexuelle MuslimeGlaube ohne Selbstverleugnung

Ein pakistanischer Muslim liest den Koran während des Fastenmonats Ramadan in Peshawar.

Muslimisch und homosexuell - Muhsin Hendricks sieht das nicht als Widerspruch. Der Imam stammt aus einer tiefreligiösen muslimischen Familie und hat in Pakistan islamische Theologie studiert. In seinem Heimatland Südafrika lebt er offen in einer homosexuellen Partnerschaft.

Einigung im E-Book-Streit"Amazon wird sich den nächsten Verlag vornehmen"

Die Krimi- und Sachbuchautorin Nina George

Monatelang stritten Amazon und die Bonnier-Verlagsgruppe um Preise für E-Books. Jetzt haben sich beide Seiten offenbar geeinigt. Doch schon bald könnte das Unternehmen andere Verlage ins Visier nehmen, warnt die Autorin Nina George.

EU-Klimagipfel"Bundesregierung gibt Vorreiterrolle auf"

Simone Peter, Grüne

Vor dem Beginn des EU-Klimagipfels hat Grünen-Chefin Simone Peter der EU und der Bundesregierung mangelnden Ehrgeiz vorgeworfen. Im Deutschlandfunk forderte sie eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes um 55 Prozent bis 2030 und mehr Investitionen in erneuerbare Energien.

Religion und GewaltHollywood näher als dem Propheten

Unterstützer der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) mit Fahne. 

Indem man Tätern wie den IS-Anhängern ihre Behauptung, sie handelten aus religiösen Motiven, abnimmt, sitzt man willig ihrer Selbstinszenierung auf, so Rainer Kampling. Dem müsse vielmehr vehement widersprochen werden.

Flüchtlinge in Deutschland"Positive Stimmung erhalten"

Flüchtlinge aus Syrien auf einem Hof vor einem Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf

Barbara John (CDU), ehemalige Berliner Ausländerbeauftragte, hat Bund und Länder vor dem Flüchtlingsgipfel in Berlin aufgefordert, schnell für ausreichend Flüchtlingsunterkünfte zu sorgen. "Der Winter kommt, sie brauchen ein Dach, sie brauchen Wärme", sagte sie im Deutschlandfunk.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Steinmeier  bestürzt über Anschlag in Ottawa | mehr

Kulturnachrichten

Umstrittene Warhol-Versteigerung:  Deutscher Museumsbund fordert Kulturschutz | mehr

Wissensnachrichten

Familienrecht  London ist beliebt für Scheidungen | mehr