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Das moralische Gewissen der alten Bundesrepublik

Der Philologe Walter Jens ist tot

Der deutsche Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Walter Jens (AP)
Der deutsche Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Walter Jens (AP)

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Walter Jens ist im Alter von 90 Jahren in Tübingen gestorben. Jens engagierte sich nach dem Krieg in der "Gruppe 47", war Professor für Rhetorik und unter anderem Präsident der Akademie der Künste. 2003 erkrankte er an Demenz

Walter Jens hatte von 1963 bis 1988 den bundesweit ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen inne. Er war außerdem Präsident des deutschen PEN-Zentrums sowie von 1989 bis 1997 Präsident der Akademie der Künste.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Jens als Dozent an der Uni Tübingen und versuchte sich zugleich als Schriftsteller: Unter dem Pseudonym Walter Freiburger veröffentlichte er die Erzählung "Das weiße Taschentuch", eine Aufarbeitung seiner Erfahrungen mit der Diktatur. Ab 1950 nahm Jens an den Treffen der "Gruppe 47" teil und tat sich dort als scharfer Kritiker hervor.

Walter Jens wurde am 8. März 1923 in Hamburg als Sohn eines Bankdirektors und einer Lehrerin geboren. Er studierte Germanistik und Klassische Philologie an den Universitäten Freiburg und Hamburg. 1944 promovierte er über Sophokles.

Grenzgänger der Geisteswissenschaft

Neben literaturhistorischen Themen beschäftigten Jens auch religiöse Fragen. So gab er 1972 eine Neuübersetzung des Matthäusevangeliums unter dem Titel "Am Anfang der Stall - Am Ende der Galgen. Jesus von Nazareth" heraus. Mit dem katholischen Tübinger Theologen Hans Küng verfasste der Protestant 1995 das Buch "Menschenwürdig sterben", in dem sich beide für aktive Sterbehilfe unter gewissen engen Voraussetzungen aussprachen.

Der katholische Theologe Hans Küng (l) bedankt sich für die Laudatio seines Freundes Walter Jens zu seiner Verabschiedung von der Universität Tübingen im Jahr 1996. (picture alliance / dpa / Bernd Weisbrod)Hans Küng (l) bedankt sich für die Laudatio seines Freundes Walter Jens zu seiner Verabschiedung im Jahr 1996. (picture alliance / dpa / Bernd Weisbrod)Küng würdigte den verstorbenen Philologen als "unerschrockenen Kämpfer für Demokratie und freie Meinungsäußerung". Er bezeichnete den langjährigen Weggefährten als "ehrliche Haut" und "couragierten Freund". Er habe mit Jens darin übereingestimmt, dass der Mensch selbst verantwortlich sei für sein Sterben, sagte Küng. Er habe deswegen gehofft, Jens würde einen Weg finden, um ein "gnädiges Ende" zu finden.

"Was mich tief beeindruckt hat, war seine große Bildung. Er war fähig, alles herbeizurufen aus seinem Gedächtnis, und das zeigte sich dann auch, als er Präsident der Berliner Akademie der Künste wurde und sozusagen Verbindungsmann zwischen den einzelnen Abteilungen, zwischen der Baukunst, der Musik, der bildenden Kunst und der Literatur", sagte der Schriftsteller Peter Härtling.

Der heutige Präsident der Akademie der Künste in Berlin, Klaus Staeck, sieht in Walter Jens einen großen Demokraten. Staeck sagte im Deutschlandradio Kultur, Jens habe die seltene Gabe besessen, den Menschen Lust auf Demokratie zu machen.

Walter Jens habe die Bundesrepublik zu einem lebenswerteren Ort gemacht, als sie es am Anfang war, erinnerte der Literaturkritiker Denis Scheck. Er habe Schönheit und Schrecken des Schicksals der Intellektuellen verkörpert.

Der unbequeme Bürger
In den 1970er Jahren engagierte sich Walter Jens für den Wahlkampf Willy Brandts und wurde aktiv in der Friedensbewegung. Anfang der 1980er-Jahre strengte er eine Verfassungsklage gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen an und beteiligte sich an einer Sitzblockade vor dem Atomwaffendepot Mutlangen. Er versteckte während des ersten Golfkriegs desertierte US-Soldaten in seinem Haus und protestierte gegen das NATO-Bombardement im Jugoslawienkrieg.

NSDAP-Mitgliedschaft
Das von Christoph König herausgegebene "Germanistenlexikon" sorgte im November 2003 für Aufsehen, da dort angegeben wurde, Walter Jens sei NSDAP-Mitglied gewesen. Jens bestritt dies zunächst und warf dem Herausgeber mangelnde Sorgfalt vor. Als der "Spiegel" jedoch Mitgliedskarten der NSDAP-Kartei mit Jens' Namen präsentierte, bedauerte er kurz darauf, nach dem Krieg die eigenen Irrtümer "nicht entschiedener, differenzierter und nachdrücklicher" betont zu haben.

Demenzerkrankung
2003 erkrankte Walter Jens an Demenz und zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Sein Sohn Tilman verarbeitete die Erkrankung des Vaters in dem Buch "Demenz. Abschied von meinem Vater".


"Links zum Thema:"
Ein wilder Wurf
Tilmann Jens: "Vatermord. Wider einen Generalverdacht", Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, 192 Seiten

Ein couragiertes Leben
Inge Jens: "Unvollständige Erinnerungen", Rowohlt Verlag

Engagierter Publizist und Christ
Karl-Josef Kuschel: "Walter Jens. Literat und Protestant". Attempto Verlag Tübingen 2008, 247 Seiten

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:12 Uhr

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