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Das Phänomen Doping im Fußball

Das Anti-Doping-Programm der UEFA

Von Florian Bauer

Eine Laborantin untersucht im Kölner Institut für Biochemie eine Dopingprobe.
Eine Laborantin untersucht im Kölner Institut für Biochemie eine Dopingprobe. (AP)

Rund 300 Kontrollen will die UEFA (Europäische Fußballunion) bei der Fußball-Europameisterschaft durchführen. Nach jedem Spiel werden von jeder Mannschaft zwei Spieler ausgewählt, die auf das Wachstumshormon EPO hin getestet werden sollen. Damit startet die UEFA das größte Antidopingprogramm der Fußballgeschichte.

Der Lac Leman - der Genfer See, wie er nur im Deutschen heißt - ist still an diesem Tage. Ein paar Meter entfernt rund um den Glaskasten, in dem die UEFA, Europas Fußball-Organisation, residiert, windet es ein bisschen. Gar stürmisch könnte es bald werden, wenn das, was sie hier entwickelt haben, wirklich greift.

Nyon in der Schweiz, für die Europameisterschaft hat die UEFA nämlich das größte Anti-Doping-Programm in der Geschichte des Fußballs entwickelt. Und Caroline Thom, die Anti-Doping-Managerin sagt uns:

"Das Besondere an unserem Programm ist, dass wir damit neue Doping-Substanzen und -methoden entdecken können. Und so eben auch die Betrüger. Dieses Programm ist ein ziemlicher Schritt nach vorne im Kampf gegen Doping","

Sagt die UEFA. An die 300 Kontrollen will sie durchführen. Den Spielern dabei immer Urin und erstmals auch Blut abnehmen. Um Auffälligkeiten zu entdecken, die durch Blutdoping entstehen können. Allerdings nicht, wie es fälschlicherweise auf der UEFA-Internetseite heißt, um EPO ausfindig zu machen. Denn das findet man wenn im Urin. Kleiner Fehler im Detail.

Anders als bei der WM 2006 in Deutschland soll nicht nur jede vierte Probe, sondern jede Probe auf EPO getestet werden - und auf Wachstumshormon. Zum ersten Mal bei einem Sport-Großereignis seit Olympia 2004 in Athen. Das ist teuer. Knapp 350.000 Euro lässt sich die UEFA das Programm kosten.

Für 300 Kontrollen. Nach jedem Spiel werden zwei Spieler pro Mannschaft für die Dopingkontrolle ausgewählt. Außerdem wurden in den vier Wochen vor der EM zehn Spieler jeder Mannschaft in den Trainingslagern unangemeldet kontrolliert. Allerdings alle auf einmal und alle bis vor etwa einer Woche. Danach war also keine Kontrolle mehr zu erwarten. Die Deutschen waren vor eineinhalb Wochen dran.

Ein ambitioniertes Programm für das vermeintliche Nicht-Doping-Terrain Fußball.

Caroline Thom: ""Wir müssen einfach alles versuchen, um herauszufinden, wie die Doping-Situation im Fußball ist."

Doping in Deutschlands Lieblingssportart? Selbst Europas oberste Fußball-Organisation glaubt also wohl nicht mehr an die völlig saubere Sportart.

Der deutsche Fußball-Nationalmannschaftsarzt und Professor an der Universität Paderborn, Tim Meyer, sagt klar:

"Der Satz, dass Doping im Fußball keinen Sinn macht, ist falsch. das erkennt man schon daran, dass im Training, Ausdauer, Kraft Schnelligkeit, die durch Doping gefördert wird. Das heißt nicht, dass im Fußball systematisch gedopt wird, aber grundsätzlich ist die Anwendbarkeit der Substanzen schlecht zu bestreiten."

Und die Vergangenheit bestätigt ihn.

23. Mai 1993. Das Champions League-Endspiel, Olympique Marseille gegen den AC Milan. 1:0 gewinnt Olympique und ist gedopt. Voll mit Aufputschmittel, nur einer nicht - Marseilles Stürmer Rudi Völler.

So schreibt es der ehemalige Marseille-Spieler Jean-Jacques Eydelie in seinem Buch. Eingewechselt wurde er im Finale, und auch er bekam vorher die Spritze, sagt er uns:

"Die Order war ausgegeben, man wurde gar nicht gefragt, wir sollten uns aufstellen, und Rudi ist ausgeflippt, hat 'Skandal' geschrien, sich geweigert, die Spritze anzunehmen, ich kann mich noch genau an Rudi Völlers Reaktion erinnern."

Zwei weitere Spieler bestätigten Eydelies Aussagen. Jean-Jacques Eydelie, bei knapp einem Dutzend Vereinen in Europa hat er gespielt, und überall, sagt er, habe er Doping miterlebt.

"In Sion war ich drei Jahre, und vor dem ersten Spiel, vor meinem ersten Spiel, kam ich in die Kabine, und die zwei jüngsten Spieler lagen da und bekamen Infusionen mit Rinderblut, Rinderblut, das war unfassbar."

Das nächste Doping-Beispiel. Italien, die 90er Jahre. Juventus Turin wird dreimal Meister, erreicht dreimal das Champions League-Finale, wird Weltpokalsieger. Und das alles gedopt. Es ist der erste Fall von systematischem Doping im Fußball. Juve, Italiens Stolz, steht vor Gericht und der Fußball im Zwielicht. Alle Stars werden geladen, Vialli, Zidane, Del Pierro. Am Ende des Prozesses steht fest. Fast alle haben gedopt.

Die Serie A, ein Dopingmoloch?

In der Saison 2000/2001 gibt es dort in 13 Monaten elf Dopingfälle mit anabolen Steroiden. Darunter auch portugiesische und holländische Nationalspieler.

Und der vielleicht beste Spieler aller Zeiten? Zinedine Zidane, bei Juve wohl Doping mit EPO. Später Blutdoping in der Schweiz? Die französische Rocklegende Johnny Hallyday erzählt 2003 im französischen Fernsehen, er gehe zur Blutauffrischung in die Schweiz. Den Tipp habe er von seinem Freund Zidane - der mache das zweimal im Jahr. Das wäre verbotenes Blutdoping.

Der letzte Fall. Spanien. Die Opercion Puerto, die Affaire um den spanischen Frauenarzt Fuentes. An die 200 Sportler soll er mit Dopingmitteln und -methoden versorgt haben. Bisher sind nur Radsportler bekannt. Aber auch Fußballer sollen seine Kunden gewesen sein.

Das schrieb vor eineinhalb Jahren Stéphane Mandard, der Sportchef der renommiertesten französischen Tageszeitung, Le Monde. Fuentes, so sagt uns Mandard in Paris, habe ihm mehrere Dokumente gezeigt, demnach soll Fuentes Spieler von Real Madrid und dem FC Barcelona gedopt haben.

"Diese Dokumente waren die Medikations-Pläne für eine ganze Saison, da standen keine bestimmten Spielernamen, aber Nummern. Und da stand beispielsweise auch Saison 2005/2006 FC Barcelona. Und in diesen Plänen hatte Fuentes Zeichen aufgemalt, IG, einen Kreis oder einen Kreis mit einem Punkt."

Diese Zeichen hat die spanische Polizei, die Guardia civil, entschlüsselt. Sie stehen für Wachstumshormon, anabole Steroide und EPO. Also doch beim Heiligtum Fußball Doping Realität?

Wir fahren nach Aigle, ebenfalls wie die UEFA am Genfer See gelegen. Pat McQuaid, der Präsident des Weltradsportverbandes, bestätigt uns erstmals, dass auch Fußballer Fuentes' Kunden gewesen sein sollen. McQuaid erzählt von einem Treffen in Madrid vor zwei Jahren mit dem spanischen Sportminister Lissavetzky und den zuständigen Ermittlern:

"Da wurde mir gesagt, es seien keine 200 Radfahrer Fuentes-Kunden gewesen, nur etwa 50 bis 60. Es seien nämlich auch andere Sportarten involviert. Welche Sportarten fragte ich? Und die Antwort war, Fußball. Leichtathletik, Schwimmen und Tennis."

Gegenüber der UEFA sagte das spanische Sportministerium dann aber, Fußballer seien nicht bei Fuentes gewesen. Gedächtnisverlust oder Vertuschungstaktik?

Die Affäre Fuentes und das Anti-Doping-Programm der Europameisterschaft. Beides könnte noch ziemlich stürmisch für den Fußball enden. Durch weitere Enthüllungen und positive Fälle in Sachen Doping. Die Ruhe des Lac Leman - des Genfer Sees - wird das nicht verändern.

Dieser Beitrag lief in der Sendung "Sport am Samstag" im Deutschlandfunk am 7.6. um 19.10 Uhr.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:29 Uhr

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