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Das zweite Leben in der DDR

Serie zum "Deutschen Herbst", Teil 5

Von Dorothea Jung

Prozess m Berliner Landgericht: Stasi-Major Hans-Hermann Petzold soll zusammen mit drei weiteren Angeklagten RAF-Aussteigern in der DDR Unterschlupf verschafft haben. (AP Archiv)
Prozess m Berliner Landgericht: Stasi-Major Hans-Hermann Petzold soll zusammen mit drei weiteren Angeklagten RAF-Aussteigern in der DDR Unterschlupf verschafft haben. (AP Archiv)

Die Geschichte des RAF-Terrorismus in der Bundesrepublik wurde nach 1989 in einigen Punkten entscheidend umgeschrieben. Denn erst mit dem Ende der DDR wurde bekannt, wie eng der SED-Staat mit westdeutschen Terroristen kooperiert hatte.

"Nach Susanne Albrecht wurde jetzt in der DDR eine zweite mutmaßliche RAF-Terroristin verhaftet, ihr richtiger Name ist Inge Viett."

"Die mutmaßliche RAF-Terroristin Sigrid Sternebeck ist gestern Nachmittag …"

"In der DDR sind mit Silke Meier Witt und Henning Beer wieder zwei hochkarätige RAF-Mitglieder ..."

Insgesamt zehn RAF-Mitglieder hatten Anfang der 80er Jahre im SED-Staat Unterschlupf gefunden. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte alle mit perfekten Legenden ausgestattet. Dazu gehörten falsche Namen und Geburtsdaten sowie ausgeklügelt konstruierte Lebensläufe und Familiengeschichten. Die Staatssicherheit nannte die Angelegenheit "Resozialisierung von Mitgliedern einer westlichen Terrororganisation".

"Sie sind eingegliedert worden; sie hatten auch durch die Betreuung und durch die Kontrollen, die hier erfolgten, auch keinerlei Verbindung mehr zu dieser Organisation; davon gehe ich aus."

So rechtfertigte Gerhard Neiber 1990 den Vorgang. Der Generalleutnant des MfS war Leiter der zuständigen Hauptabteilung XXII. Ihm zufolge hatte Stasi-Chef Erich Mielke das Aussteigerprogramm befohlen. Aber Neiber ist sicher, dass Erich Honecker den Befehl bestätigt hat. Der jedoch bestritt im Oktober '91 seine Mitwisserschaft und antwortete einem Fernsehreporter in Moskau:

"Das weiß ich nicht, da ist man jetzt dabei, das festzustellen."

"Und Sie hätten es unterbunden, wenn Sie es gewusst hätten?"

"Auf alle Fälle. Auf alle Fälle."

Bereits in den 70er Jahren bestanden zwischen MfS und Roter Armee Fraktion Kontakte. "Das Haupt-Motiv der Staatssicherheit war die Ausspähung der linksterroristischen Szene Westdeutschlands", sagt der Historiker Tobias Wunschik von der Birthler-Behörde. Regelmäßig hätten RAF-Terroristen als Transitstation den Ostberliner Flughafen Schönefeld genutzt - eine Domäne der Stasi.

"Manchmal unerkannt, manchmal aber auch identifiziert, durften sie - im Westen bereits steckbrieflich gesucht - in den Nahen Osten entkommen. Als Gegenleistung verlangte die Staatssicherheit dafür Informationen über Mitglieder und Absichten der aktiven Linksterroristen im Untergrund."

Auf diese Weise machte auch Inge Viett Bekanntschaft mit der Staatssicherheit und knüpfte zum Mielke-Ministerium gute Beziehungen. Die sollten sich im Herbst '79 als nützlich erweisen. Damals gehörte Inge Viett noch zur "Bewegung 2. Juni" und wollte der Roten Armee Fraktion beitreten. Dabei stellte sie fest, dass einige RAF-Mitglieder vom Leben im Untergrund die Nase voll hatten. "Sie suchten ein Versteck mit Perspektive", erinnert sich Inge Viett.

"Persönlich habe ich die Leute als sehr defensiv, teilweise auch depressiv erfahren, und in dieser Situation sind wir auf meine damaligen Kontakte zur DDR, zum MfS zurückgekommen, Und dann kam die Idee auf, einfach mal anzufragen, ob die uns nicht helfen könnten."

Die Aussteiger hatten bereits Fluchtpläne nach Angola oder Mosambik geschmiedet. Doch die Staatssicherheit riet ab und schlug ein Asylland jenseits von Afrika vor: die DDR.

"Das war eine unglaubliche Überraschung für mich, aber ich fand das dann gleich sehr interessant und vor allen Dingen enorm einfach. Damit wäre die Lösung des Problems in einer Weise für uns geregelt wie sie besser nicht sein konnte."

Erich Mielkes Team gewährte den Aussteigern einen ähnlichen Schutz wie heimgekehrten Agenten. Als beispielsweise die wahre Identität von Inge Viett, Susanne Albrecht und Silke Meier Witt aufzufliegen drohte, setzte die Stasi ihr geballtes Geheimdienst-Wissen ein, um den drei Frauen abermals eine neue DDR-Existenz zu ermöglichen. Wolbert Smidt vom Bundesnachrichtendienst sagte nach der Wende, die Bundesregierung sei Hinweisen auf RAF-Mitglieder in der DDR nicht sehr engagiert nachgegangen. Man habe die Entspannungspolitik nicht aufs Spiel setzen wollen.

"Wir konnten uns wegen dieser Annäherung zwischen DDR und Bundesrepublik nur schwer vorstellen, dass Honecker so - ja ich möchte es mal so formulieren - so verrückt sein könnte, diese sich anbahnenden neuen Beziehungen zu gefährden."

Dass jedoch die Hauptabteilung XXII nicht nur kampfesmüde, sondern auch aktive RAF-Terroristen betreute, das hätte sich niemand vorstellen können, meint Butz Peters. Nach Auskunft des Journalisten und RAF-Experten hat die Staatssicherheit zwischen 1979 und '84 für kämpfende Terroristen der Roten Armee Fraktion in der DDR regelrechte Erholungs- und Fortbildungsprogramme organisiert.

"Das heißt, die aktive RAF, Christian Klar und andere, hatten halt die Möglichkeit, dem Fahndungsdruck im Westen eine Weile zu entgehen und praktisch wieder zu Kräften zu kommen und sich dort auch noch an Waffen für ihre Anschläge ausbilden lassen zu können."

Wegen der Hilfestellung bei Schieß- und Sprengstoffübungen der RAF mussten sich MfS-Mitarbeiter nach der Wende vor Gericht verantworten. Doch das Verfahren wurde eingestellt, weil nicht bewiesen werden konnte, dass dieses Training der Vorbereitung eines Anschlages gedient hatte.

Auch den Stasi-Offizieren des Aussteigerprogramms wurde der Prozess gemacht. Das Urteil: ein Strafvorbehalt. Butz Peters, von Haus aus Jurist, nennt dieses Urteil ein Knöllchen, das nichts kostet.

"So sozusagen das Niedrigste, was das Strafrecht vorsieht. Und der Bundesgerichtshof hat dann später diese Entscheidung aufgehoben und hat mit einer komplizierten Argumentation letzten Endes aus dem Völkerrecht erklärt, dass hier keine Strafe zulässig ist."

Die Aussteiger selbst kamen in den Genuss der Kronzeugenregelung und wurden bis auf Christine Dümlein und Eckehard von Seckendorf zu Haftstrafen verurteilt. Alle legten Geständnisse ab. Werner Lotze, der wie andere Aussteiger auch in der DDR eine Familie gegründet hatte, kommentierte 1990 seine Aussagebereitschaft mit den Worten:

"Das wichtigste Motiv war gewesen, dass ich gewusst habe, irgendwann mal mit meiner Tochter darüber sprechen zu müssen, und dass es dabei dann auch um so etwas wie die ganze Wahrheit gegangen wäre."

Für Tobias Wunschik von der Birthler-Behörde gehören zur ganzen Wahrheit aber nicht nur sämtliche Verbrechen der Aussteiger, sondern auch die der anderen RAF-Mitglieder.

"Letztlich waren die zehn RAF-Aussteiger ein Klotz am Bein derer, die weiterhin den bewaffneten Kampf führen wollten. Das bedeutete, dass die Staatssicherheit der aktiven RAF im Westen durch die Aufnahme der kampfesmüden Linksterroristen das weitere Agieren erleichtert hat."

Während die Schützlinge der Staatssicherheit zu einem Leben ohne Gewalt finden konnten, formierte sich im Westen ungestört die dritte Generation der Roten Armee Fraktion.

Quellen:

1) Interview mit Dr. Gerhard Neiber, dem Stellvertreter des letzten Ministers für Staatssicherheit der DDR, zur Verwicklung der Stasi mit der RAF. Sendung: Klartext, DFF 1, 21.06.1990, wiederholt in DFF 2, Interviewer: Peter Krüger. Deutsches Rundfunkarchiv Potsdam

2) Zitiert nach NDR Schwerin 4.7.2007 'Der Feind des Feindes ist mein Freund. Über die Zusammenarbeit von Stasi und RAF' Archivnr. S025310

3) Quelle: Dokumentarfilm "Fluchtpunkt DDR" von Angi Welz-Rommel und Hanna Blösser, Hessischer Rundfunk,

4) Quelle: Dokumentarfilm "Fluchtpunkt DDR" von Angi Welz-Rommel und Hanna Blösser, Hessischer Rundfunk, Reihe Im Fadenkreuz ARD Fernsehen 1997

5) Quelle: SWR Stuttgart Südfunk aktuell vom 21.11.1990, Christoph Lütgert: "RAF - eine Gruppe ohne Moral", Archivnr.: 6328925

Übersicht zur Serie "30 Jahre Deutscher Herbst"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:24 Uhr

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