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Datsche, urst und EOS

Reihe Ansichtssache Deutsche Einheit (12): Sprache: Ost-Vokabeln im West-Gebrauch und umgekehrt

Von Axel Flemming

Sprechen Ost- und Westdeutsche eine unterschiedliche Sprache? (AP)
Sprechen Ost- und Westdeutsche eine unterschiedliche Sprache? (AP)

Der Sprachgebrauch in der DDR unterschied sich von dem in der BRD. Einige Wörter und Abkürzungen waren nur in Ostdeutschland gängig, andere nur in Westdeutschland. Manche Wörter gab es gar auf beiden Seiten der Grenze - etwa "Mechanisator" - sie hatten aber unterschiedliche Bedeutungen. Wie hat sich der Sprachgebrauch weiter entwickelt?

"Chef, der kann keen Ostdeutsch, der ist doch von Drüben!"
Was?"

Hier ist es nur eine Parodie, aber sind wir, Ostdeutsche und Westdeutsche 20 Jahre nach der Vereinigung - frei nach Mark Twain - noch getrennt durch die gemeinsame Sprache? Westdeutsch und Ostdeutsch, das früher natürlich DDR-Deutsch hieß, ging mit dem Staat auch die Sprache als Fußnote in die Geschichte ein?

Matthias Krauß ist Journalist und Buchautor - aus Ostdeutschland.

"Aufgewachsen ist der Ostdeutsche so in den philosophischen Kategorien: Sprache, Denken und Arbeit bedingen einander. Und der Mensch hat sich aus dem Tierreich halt herausgearbeitet, was er aber nicht ohne Denken und Sprache vermocht hätte."

Dafür mussten sich nun viele damit abfinden, keine Arbeit zu haben. Krauss macht sich also so seine Gedanken über die neue alte deutsche Sprache und beobachtet:

"Ostdeutscher Sprachgebrauch: Zielstellung. Und wer jetzt etwas auf sich hält, achtet darauf, dass er Zielsetzung sagt."

Eigentlich sind es Einzelheiten und kleine Worte, die sich verändert haben, natürlich nicht die gesamte Sprache.

Das Kollektiv wurde, wenn überhaupt, durch das Team ersetzt. Ostdeutsche Abkürzungen wie EOS, ABF oder ABV verschwanden, andere wie Jahresendflügelpuppe für Weihnachtsengel hat es eigentlich nie im Sprachgebrauch gegeben.

Es geht ja nicht um eine Fremdsprache, es ist im Prinzip die gemeinsame Muttersprache und natürlich gab und gibt es da auch regionale Unterschiede.

"Wo gib'sn sowas? Die ganze Karre is verpfriemelt. Und Fettbremmenfressen gibs hier ooch nich! Ich mach hier noch die Frecke."

Im Osten hervorstechend: sächsisch. Und Berlinisch.

In West-Berlin übrigens, nach dem Willen der DDR-Staatsführung "selbständige politische Einheit WB", galt die Muttersprache nicht als Dialekt, sondern als Soziolekt: feine Leute sprechen so nicht! Deshalb wurde versucht, schon den Schülern dit balinan abzujewöhn'n.

Im Osten, vielleicht als Tribut an den Arbeiter- und Bauernstatus, sah man das anders. Und so kehrte nach der Wende die Berlinische Zahl Ölf (so wie eben zwölf) an den runden Tüsch zurück.

Dabei stammt der echte Berliner inzwischen nicht mehr, wie noch Tucholsky spottete, aus Breslau, sondern aus dem Umland:

"Nach meiner Wahrnehmung ist es inzwischen so, dass in den brandenburgischen Provinzen stärker berlinert wird als in der Hauptstadt selbst."

"Ich spreche Ostdeutsch, ich habe einen Dialekt, und zwar einen Forster Dialekt, in den ich doch hin und wieder verfalle. Ich geb mir zwar Mühe, Hochdeutsch zu reden, aber manchmal kommt's doch durch, das 'Forschter Deutsch'"

Dietmar Woidke, Fraktionschef der Sozialdemokraten in Brandenburg.

"Früher gab's noch Sachen wie Mechanisator, den in Bayern niemand kannte, der Mechanisator war in Bayern der Schlepperfahrer, Treckerfahrer. Zootechniker war nicht jemand, der im Zoo gearbeitet hat, sondern das war jemand, der Kühe gemolken hat in der DDR - also das sind alles Begriffe, die Leute, die hier aufgewachsen sind, kennen, aber sie verschwinden ja doch mehr und mehr aussem Wortschatz."

Die Wessis hielten Einzug bei den Ossis, manche kamen sogar aus dem Süden. Der Bayer Axel Vogel ist seit 1991 hier, eines seiner ersten Erlebnisse fand beim Bürgermeister von Groß-Ziethen statt:

"Wir haben uns wunderbar unterhalten in seinem Büro über so einen geplanten Kiesabbau. Und zum Schluss, als ich wieder rausgeh aus der Tür, sagt er: 'Wunderbar, dass ich endlich mal wieder einen vernünftigen Einheimischen getroffen habe, weil eins kann ich Ihnen sagen: Ein Wessi kommt mir hier nicht in dieses Zimmer rein!'"

Jetzt ist er Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/die Grünen in Brandenburg und bedauert, dass bestimmte Vokabeln verschwunden sind:

"Man hat immer von Technik gesprochen, wo also der Wessi erst sehr umfangreich erklären musste, was er eigentlich meint: große Lastwagen oder kleine Lastwagen, Feuerwehrautos, wie auch immer. Es gab viele Begriffe, die leider nicht übergegangen sind in den gesamtdeutschen Sprachgebrauch und ich vermisse die. Ich fand immer sehr süß: 'urst', was leider auch völlig ausgestorben ist. Ansonsten würde ich es gerne verwenden."

... denn es war der Beweis, dass sich das Urdeutsche Wort "Ur" auch noch steigern lässt, wenn man jedenfalls urst will.

Aber auch die Wessis lernten vom ostdeutschen Sprachgebrauch.

Matthias Krauß: "Was ist übernommen worden? Sicherlich die Datsche. Spielt jetzt noch ne Rolle, auch bei Westdeutschen, die das mitunter gerne verwenden."

Was ja gut zum real existierenden Materialismus passt, oder wie der Volksmund sagt: die Basis ist das Fundament jeder Grundlage.

"Über 60 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig Ostdeutsch."
"Da muss man doch was machen!"
"Schreib dich nicht ab, lerne Ostdeutsch!"

Übersicht "Ansichtssache Deutsche Einheit"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:38 Uhr

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