Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

De Maizière grundsätzlich für Verhandlungen mit Taliban

Bundesverteidigungsminister zu Truppenbesuch in Afghanistan

Verteidigungsminister de Maizière bei seinem Besuch in Afghanistan (picture alliance / dpa / Fabrizio Bensch)
Verteidigungsminister de Maizière bei seinem Besuch in Afghanistan (picture alliance / dpa / Fabrizio Bensch)

Bundesverteidigungsminister de Maizière hat sich in Afghanistan für Friedensgespräche mit den Taliban ausgesprochen, allerdings Bedingungen gestellt. Zuletzt war ein Treffen zwischen den USA und Talibanvertretern nach Kritik von Afghanistans Präsident Karsai geplatzt.

"Provokationen jeder Art sollten vermieden werden", sagte Bundesverteidigungsminister de Maizière (CDU) bei einem Truppenbesuch in der Stadt Herat. Und er schob nach, dass Gespräche mit den Taliban vor allem durch die legitime afghanische Regierung geprägt sein müssten. Das ist wohl ein deutlicher Hinweis an US-Regierung, vorsichtiger vorzugehen. De Maizière hat vor allem die Verhandlungen mit der afghanischen Regierung im Blick. Es geht um die künftige Stärke von NATO-Truppen in dem Land. Diese Verhandlungen verzögern sich nun wegen der neuen Verstimmungen.

Auch der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Gernot Erler hält die Aufnahme offizieller Gespräche mit den Taliban für richtig. Bedingungen seien die Anerkennung der afghanischen Verfassung und die Trennung von der Terrororganisation Al-Kaida, sagte Erler im Deutschlandfunk. Man müsse versuchen, die Kämpfer in die politische Verantwortung zu nehmen.

US-Außenministerium betreibt Schadensbegrenzung

Die USA sind erweil bemüht, den Streit mit der afghanischen Regierung zu entschärfen. Nach Einschätzung unseres Korrespondenten Marcus Pindur hat das US-Außenministerium Fehler gemacht. In Kabul wurde jetzt mitgeteilt, der amerikanische Außenminister John Kerry habe Präsident Hamid Karsai in dieser Angelegenheit mehrfach angerufen.

Verbindungsbüro der Taliban in Doha / Katar (picture alliance / dpa / Str)Verbindungsbüro der Taliban in Doha / Katar (picture alliance / dpa / Str)Washington hatte zuletzt eigene Gespräche mit den Taliban in Katars Hauptstadt angekündigt. Dort hatten die Taliban in dieser Woche ein Verbindungsbüro eröffnet. Für Afghanistans Präsident Karsai ein Zeichen der Aufwertung der Taliban. Im Gegenzug schloss er daraufhin Gespräche über ein Sicherheitsabkommen erst einmal aus.

Karsai will Verhandlungen im eigenen Land und ohne Einmischung von außen: "Die Gespräche müssen nach ihrem Beginn in Katar sofort nach Afghanistan verlegt werden. Sie müssen ein Ende der Gewalt bringen. Und die Gespräche dürfen nicht von einem dritten Land für seine eigenen Interessen missbraucht werden." Der afghanische Präsident störte sich vor allem daran, dass die Taliban an ihrem Büro eine Plakette mit der Aufschrift "Islamisches Emirat Afghanistan" angebracht und die Taliban-Flagge gehisst hatten.

Taliban müssen in Friedenslösung eingebunden werden

Doch auch die Taliban geben sich selbstbewusst, berichtet Südasien-Korrespondent Christoph Heinzle. Wir kommen nicht als Verlierer an den Verhandlungstisch, sagte der Taliban-Vertreter in Katar, Mohammed Sohail Shaheen: "In den vergangenen zwölf Jahren konnten uns 150.000 ausländische Soldaten und 400.000 afghanische Sicherheitskräfte nicht besiegen. Wir sind mächtiger als vor zehn Jahren. Das ist die Realität vor Ort."

Der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes, bescheinigte den Taliban, sich tatsächlich ein stück weit gewandelt zu haben, seit sie 2001 von der Macht vertrieben worden seien. "Die Taliban wollen raus aus dem pakistanischen Exil, sie sind ähnlich ermüdet wie viele andere afghanische Akteure und sie wollen wieder Legitimität haben", sagte Perthes im Deutschlandfunk. Da sie wüssten, dass dies am leichtesten erreichbar sei, wenn sie neben ihren militärischen Aktivitäten auch auf politische setzten, müsse man ihre derzeitige Strategie schon als konsequent bezeichnen.

Möglicher Beginn eines Friedensprozesses

Ein offizielles Treffen von US-Vertretern und afghanischen Taliban könne nach zehn Jahren Kampf den Beginn eines Friedensprozesses bedeuten,betont der ehemalige UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan Tom Koenigs. Dennoch sei die Gemengelage schwierig. Die USA und ISAF, aber auch die Afghanen selbst seien an einem Waffenstillstand interessiert. Die Taliban stellten die Forderung, dass die in Guantánamo Inhaftierten freigelassen würden.

Die NATO will ihren Kampfeinsatz in Afghanistan 2014 beenden. Seit zwei Tagen liegt die Sicherheitsverantwortung für alle Landstriche Afghanistans wieder bei afghanischen Kräften.


Mehr zum Thema

Zwischen Aufbruch und Enttäuschung Zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban

Bilanz nach zehn Jahren Afghanistan Die Bundeswehr beginnt mit dem Abzug aus Kundus

Geschichte aktuell: Letzter Akt eines blutigen Abenteuers Vor 25 Jahren beendete Gorbatschow die sowjetische Afghanistan-Invasion

Abzug auf Raten Die Bundeswehr und das Afghanistan-Mandat

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:13 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Landlust/Landfrust (1/2)Dorfleben im Wandel

Zwei ältere Dame tragen nach einem Einkauf ihre Lebensmittel nach Hause. (picture alliance/ dpa/ David Ebener)

Die Sehnsucht nach Natur, Ruhe und Dorfidylle ist in der Gesellschaft groß. Mit der Realität hat diese Vorstellung des Landlebens oft wenig zu tun. Kerstin Faber hat sich intensiv mit ländlichen Regionen auseinandergesetzt. Ein Problem seien Dörfer mit großer Überalterung, sagte sie im DLF. "Da haben wir es mit einem Abbau der Daseinsvorsorge zu tun."

Berlinale 2017"Vollmundiger Jahrgang mit kratzigem Abgang"

Die Filmkritiker Peter Körte ("FAS") und Katja Nicodemus ("Zeit") nach ihrem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur auf der Berlinale 2017. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)

Das Gleichnis eines guten Weines fällt der Filmkritikerin Katja Nicodemus zum Wettbewerb des diesjährigen Berliner Filmfestivals ein. "Ich habe wenig gesehen, was mich umgehauen hätte", hält ihr Kollege Peter Körte dagegen.

Hanya Yanagihara: "Ein wenig Leben"Ein umwerfender und suspekter Roman

"Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara. Im Hintergrund: die Skyline von New York. (Hanser / picture-alliance / dpa)

Dieser Roman geht an Grenzen: Die amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara erzählt in "Ein wenig Leben" von exzessivem menschlichen Leid. Im Zentrum stehen vier Männer aus New York. Einer von ihnen, Jude, ist von einem düsteren Geheimnis umgeben, das seine Freunde, aber auch den Leser in Bann hält.

Deutscher KolonialismusUnheilvolle Kontinuitäten

A performance shows the treatment of Hereros in 1904 at a ceremony commemorating the killing of thousands of Hereros by German troops, at Okakarara, 250 km northwest of Windhoek, Namibia, Saturday, 14 August 2004. Germany on Saturday asked the Herero people of Namibia to forgive it for the massacres committed by its troops during a three year uprising 100 years ago. (picture alliance / dpa / WIEBKE GEBERT)

Prügel mit dem Tauende oder doch mit der Nilpferdpeitsche? Die Frage, wie die zwangsverpflichteten schwarzen Arbeiter in den deutschen Kolonien "zur Arbeit erzogen", "zivilisiert" werden sollen, diskutierten Politiker und Mediziner vor etwas mehr als hundert Jahren in aller Öffentlichkeit.

GewaltenteilungFinanz als vierte Gewalt?

Legislative, Exekutive, Judikative und Finanzwesen: So zählt der Kulturwissenschaftler und Philosoph Joseph Vogl die Gewaltenteilung auf. Das mit dem Finanzwesen kennen wir aber so nicht aus der Schule. Er sagt: Wer das Finanzwesen als vierte Macht im Staate nicht (an)erkennt, sitzt einer Legende auf.

Petras inszeniert O'NeillSippe mit unheilvoller Vergangenheit

Armin Petras, der Intendant des Schauspiels Stuttgart, steht am 02.06.2016 im Opernhaus in Stuttgart (Baden-Württemberg) im Foyer an einer Treppe. (picture alliance / dpa / Bernd Weißbrod)

Eine Familie steuert in den Untergang: Überraschend fein und intim inszeniert Armin Petras "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von Eugene O'Neill am Schauspiel Stuttgart. In der Rolle der schuldbeladenen Mutter glänzt - der Schauspieler Peter Kurth.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Diplomatie  US-Vizepräsident trifft in Brüssel EU- und Nato-Vertreter | mehr

Kulturnachrichten

Solidaritätsaktion: Berliner Autokorso für Deniz Yücel  | mehr

Wissensnachrichten

Trump-Rede  Schweden scherzen über angeblichen Anschlag | mehr