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Den Verlockungen widerstehen

Eine Initiative von Medizinern kämpft gegen Käuflichkeit

Von Ulrich Gineiger

Die "Mezis" wehren sich gegen Bestechung. (picture alliance / dpa / Jürgen Effner)
Die "Mezis" wehren sich gegen Bestechung. (picture alliance / dpa / Jürgen Effner)

Die Ärzte sind in der Kritik: Einigen gelingt es nicht, Geschäftssinn und ethischen Anspruch auseinanderzuhalten. Die Initiative "Mezis" kämpft für die Unabhängigkeit von der Pharmaindustrie - und klärt auf über Interessenkonflikte und kleine Psychotricks.

Eine bescheidene wie geschmackvoll möblierte HNO-Praxis am Kölner Barbarossaplatz. Der Besucher wird ins Wartezimmer gebeten, und auch hier wie in der gesamten Praxis gibt es keinen Hinweis auf die Tatsache, dass Dr. Thomas Disselbeck ein Mezis ist, einer von mittlerweile 450 in Deutschland, die Mitgliederzahlen gehen rasant nach oben.

Mezis empfangen keine Pharmavertreter. Und der naive Patient mag annehmen: Woher will mein Arzt dann wissen, welche neuen Entwicklungen derzeit die Pharmazie nimmt? Solche Fragen lassen Thomas Disselbeck ungerührt:

"Der Patient, der kommt, muss natürlich erwarten, dass ich fachlich auf dem - vielleicht nicht allerneuesten, aber doch neuesten Stand bin. Das eine ist durch die Literatur, das andere wäre in dem Fall, dass ich mich unter Umständen über das Internet auch belese. Und die dritte Möglichkeit ist, dass ich auf die hiesige Fachklinik, die Universitätsklinik, zurückgreife."

"Mezis" steht übrigens für "Mein Essen zahl ich selbst" – eine Absage an potenzielle Einladungen durch Pharma-Vertreter.

"Es ist so, dass meine persönliche Einstellung ist, dass ich gerne auf zu engen Kontakt mit der Pharmaindustrie verzichte und mir einen möglichst objektiven Überblick selbst verschaffe. Ich finde, diese Essenseinladungen auf Kosten der Pharmaindustrie und möglicherweise also auch auf Kosten der Versichertengemeinschaft - das ist schräg. Also mir passt das nicht. Wir verdienen eigentlich genug Geld. Und wenn wir Essen gehen, dann können wir das auch mit unserer Familie auf unsere eigenen Kosten machen."

Was steckt hinter dieser Idee, was dem normal sterblichen Patienten verborgen bleibt? Welche Interessen, welche Verlockungen? Wir starten nach Bielefeld in die August-Bebel-Straße. Hier formierten sich im Jahr 2006 Mediziner zu einer Organisation, die der Pharmaindustrie den Fehde-Handschuh hinwarf. Hier recherchierte John Le Carree die Hintergründe zu dem Roman "Der ewige Gärtner", in dem es um Machenschaften der Pharmaindustrie in der dritten Welt ging. Und hier erwarten uns zwei Ärzte – Echehard Schreiber-Weber mit dem Spezialgebiet "Einflußnahme der Pharmaindustrie auf ärztliches Verordnungsverhalten" und Christiane Fischer mit dem Spezialgebiet "Korruption im Gesundheitswesen":

"Es läuft zu viel mit Bestechung, es läuft zu viel, weil es bezahlt wird, es läuft zu viel, weil es Interessen gibt, bestimmte Medikamente zu vermarkten. Ich will ihnen ein Beispiel geben aus meinem Bereich 'Schlafkrankheiten', eine weltweit wahnsinnig häufige Krankheit: Das beste Medikament, Eflornithin, wurde vom Markt genommen, weil es sich nicht rechnet. Als dann rauskam, es wirkt auch gegen den Damenbart - das ist kein Witz - kam es wieder auf den Markt."

Ein anderes Thema: Warum müssen Fortbildungsveranstaltungen, von der Industrie bezahlt, immer in Luxushotels stattfinden? Ist Bildung nicht auch unter bescheidenen Dächern vermittelbar? Als Christiane Fischer mit diesem Vorschlag Kollegen konfrontierte, gab es wütende bis fassungslose Reaktionen:

"Es war out-of-discussion, es war einfach nicht denkbar, dass man an einem einfachen Ort eine gute Fortbildungsveranstaltung durchführt, weil: Dazu gehört ein Vier-Sterne-Hotel und ein Vier-Sterne-Menü."

Das Mezis-Vorstandsmitgied Eckehard Schreiber-Weber sitzt ihr wissend lächelnd gegenüber. Da war doch noch mehr: die Schlagzeilen über großherzige Zuwendungen der Pharmaindustrie an Ärzte, die Flugreisen, die Luxushotels, die lukrativen Honorare. Erst Mitte vergangenen Jahres hat der Bundesgerichtshof entschieden: Ärzte können gar nicht korrupt sein, weil sie einen freien Beruf ausüben. Ein Pharmavertreter, der Ärzte mit Schecks über 18.000 Euro bedacht hatte, wurde freigesprochen. Für all jene, die diese Vorgänge und Einsichten für verwirrend halten, hat der Allgemeinmediziner ein klärendes Beispiel parat. Alles beginnt mit einer harmlosen Einladung zum Abendessen:

"Sie dürfen nach Gesetz nur noch kleine Geschenke geben. Aber ich denke, dass sich in der Praxis an dem Effekt, den Geschenke haben, nicht so viel geändert hat, denn Geschenke machen häufig eine positive Stimmung. Ich will ihnen das an einem Beispiel erläutern: Es gibt Lehrbücher für Pharmareferenten und in so einem Lehrbuch wird erklärt, was die reziproke Regel ist: Wenn mich zum Beispiel eine nette Pharmavertreterin zum Essen einlädt - das gilt als ein eher kleines Geschenk -, dann erzeugt das beim mir innerlich so eine ganz verständliche menschliche Regung: Ich will das irgendwie wieder gutmachen. Und wie mache ich das wieder gut? Lade ich die nette Pharmavertreterin ebenfalls zum Essen ein? Nein, aber ich verordne ihre Medikament von ihrer Firma. Und das ist eine Ebene, die funktioniert wunderbar."

Ist es denn so verwerflich, eine gute Stimmung zu erzeugen?

"Nein, aber die gute Stimmung, die die Pharmavertreterin oder der Pharmavertreter erzeugen, wird ganz gezielt dazu eingesetzt, ein Medikament in den Rezeptblock des Arztes zu bringen, was dem Patienten nicht guttut."


Mehr zum Thema:

Bahr will korrupte Ärzte ins Visier nehmen
Bundesregierung prüft gesetzliche Regelung gegen Bestechlichkeit (DLF)

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

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