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Der Boom des Göttlichen

Immer mehr Comic-Künstler setzen statt plumper Parodie auf eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Religion

Von Christian Möller

Apostel Paulus ist eine der Figuren, die in Ralf Königs Bibelcomic "Antityp" auftauchen. (Burkhard Schmidt, klick14.de)
Apostel Paulus ist eine der Figuren, die in Ralf Königs Bibelcomic "Antityp" auftauchen. (Burkhard Schmidt, klick14.de)

"Du sollst dir kein Bildnis machen", heißt es im zweiten Gebot. Dass diese alttestamentarische Anweisung nur selten eingehalten wurde, ist nichts Neues. Dass auch Comics sich mit dem Thema Religion auseinandersetzen, ist eine neuere Entwicklung. Selbst Theologen sehen darin eine ernsthafte, kritische Auseinandersetzung.

"Ähm ... Ihr Heiden! Hört mich an! Euer Zeus ist ein Götze! Ja, ein Götze, denn ... äh ..."

Griechenland im Jahr 50 nach Christus. Auf dem Marktplatz der Hafenstadt Beröa versucht ein Prediger, sein Publikum zu überzeugen. Der Apostel Paulus, ein kleines, dürres Kerlchen, steht wild fuchtelnd auf einem Seesack, um den Heiden frohe Kunde zu bringen (fahrig, faselnd):

"... und der Sohn, der Gott im Grunde selber ist und doch wieder nicht ... äh ... kommt mittels des heiligen Geistes, einer weiteren, einer dritten Person des einen Gottes aus einer ... einer Schreinermeistersgattin"

"Das war wirklich so, das steht in der Bibel, dass Paulus vor den Stoikern und den Epikuräern von seinem Christus predigte und die haben ihn ausgelacht und nicht für voll genommen",

erklärt Comic-Autor Ralf König:

"Und das fand ich so schön, weil er sonst immer gesteinigt, verprügelt, verjagt wurde, ausgepeitscht wurde. Die Griechen haben den einfach stehen lassen, die fanden den einfach nur verrückt."

Dass das, was für den einen unumstößliche Wahrheit des Glaubens ist, für den anderen einfach nur klingen mag wie wirres Gefasel, ist nur eine Erkenntnis, die man aus Königs neuem Bibelcomic "Antityp" mitnehmen kann. Bereits zum wiederholten Mal nimmt sich der Zeichner damit eines religiösen Themas an. Und er ist nicht der einzige, sagt Thomas Hausmanninger. Der Professor für christliche Sozialethik an der Uni Augsburg erforscht den"religiösen Diskurs der Comics" und spricht von einer regelrechten Welle von Religions-Comics in letzter Zeit:

"Das hängt sicher zusammen damit, dass in den modernen westlichen Gesellschaften Religion mindestens seit den 90er-Jahren wieder zu einem Thema geworden ist. Das wird in den Sozialwissenschaften und auch in der Theologie zurzeit sehr stark erforscht und unter dem Begriff der 'Postsäkularität' behandelt. Was dahinter steht, ist die Idee, dass sich offensichtlich Religion nicht hat aus dieser Welt hat vertreiben lassen. Dass sie nicht ein Relikt einer vergangenen Zeit darstellt, sondern eine Lebensmacht bildet, die für die Menschen bedeutsam geblieben ist."

Und das, so Hausmanninger, spiegele sich auch in der Welt der Bildergeschichte wider. Etwa in den Geschichten des Nordiren Garth Ennis, der sich seit den 90er-Jahren am Thema in erfolgreichen Serien wie "The Preacher" und "Hellblazer" regelrecht abarbeitet.

"In 'Hellblazer' geht's um die Frage, warum Gott das Leid in der Welt zulässt. Das ist ein ganz großes theologisches Thema, das unter dem Signum 'Theodizee' bei uns verhandelt wird. Und das spießt Garth Ennis recht kundig auf, der kennt auch die angelsächsische Theologie dazu dann doch recht gut."

Wie Hausmanninger überhaupt den jüngeren Comic-Autoren große theologische Kompetenz bescheinigt. Vor allem im Frankreich und Belgien, wo der Comic, anders als in Deutschland, nie im Ruf stand, bloß knallbunte Unterhaltung für Kinder und Jugendliche zu sein:

"Deswegen können da immer ernste Themen verhandelt werden. Und die Autoren und Zeichner setzen sich sehr ernsthaft mit der Religionsgeschichte, der Religionswissenschaft und der Theologie auch auseinander. Die wollen zum Diskurs anregen, die beziehen auch bewusst Position und fordern selber zur Stellungnahme heraus."

Zum Beispiel Marc-Antoine Mathieu, der in seiner neuen Graphic Novel "Gott höchstselbst" den Schöpfer auf die Erde zurückkehren lässt. Bei ihm wird der Allmächtige zum Angeklagten. In einem gigantischen Gerichtsverfahren soll er für alles Übel auf Erden zur Verantwortung gezogen werden. Vorher wird Gott allerdings erstmal zum Medienstar. Damit berührt der Mathieu auch aus Sicht der Theologen eine wichtige Frage:

"Was ich bei Mathieu schön fand, ist dass er zumindest zwischen den Zeilen die Frage stellt, ob in unserer modernen Zeit Religion nicht selber so etwas wie ein mediales Ereignis geworden ist, ohne die Medien gar nicht bestehen könnte."

Ein Umstand, der sich auch an den sogenannten "Chick-Gospels" zeigt - Comics, aus einem evangelikal-fundamentalistischen Verlag in den USA, die übers Internet auch auf deutsch vertrieben werden. Ob Homosexualität, Evolutionstheorie oder vorehelicher Sex – für all das, lernt der Leser, lande man unweigerlich in der Hölle. Da ist man doch erleichtert, dass sich Ralf König in seinen Comics herausnimmt, Gott eine ganz andere Botschaft in den Mund zu legen:

"Vertragt euch! Macht euch nicht so'n Stress! Seht zu dass ihr diesen Planeten schützt, vermehrt euch nicht wahnsinnig und ziellos, achtet die Tiere und so. Das würde Gott wahrscheinlich sagen. Und wenn die Kirchen das auch sagen würden, hätt' ich gar kein Problem damit."

Ralf König: "Antityp"
Rowohlt-Verlag,
160 gebundene Seiten,
16,95 Euro

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:38 Uhr

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