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Der erste Super-GAU

25. Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl

Greenpeace projizierte einen Totenkopf an eine Reaktorwand in Tschernobyl.
Greenpeace projizierte einen Totenkopf an eine Reaktorwand in Tschernobyl. (picture alliance / dpa)

Vor 25 Jahren explodierte der Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks in Tschernobyl bei einer Notfallübung. Durch die aktuelle Atomkatastrophe im japanischen Fukushima gewinnt der heutige Gedenktag weltweit an Bedeutung.

In der Ukraine haben schon in der Nacht die Gedenkfeiern für die Tausenden Opfer des Super-GAUs begonnen. 25 Mal läutete um 1.23 Uhr Ortszeit die Tschernobylglocke zum Gedenken. Die Präsidenten der am stärksten betroffenen Länder, Ukraine und Russland, gedenken heute in der Sperrzone der Katastrophe (Audio-Beitrag) und ihren Folgen. Der ukrainische Präsident Janukowitsch rief zu weiteren Spenden für eine neue Ummantelung des Reaktors auf. Kein Land könne die Konsequenzen eines Unglücks solchen Ausmaßes alleine bewältigen. Auch nach den Zusagen der internationalen Geberkonferenz benötige sein Land noch gut 200 Millionen Euro für das Vorhaben.

Medwedew kündigt Initiative für nächstes G8-Treffen an

Der russische Vize-Regierungschef Dmitri Medwedew in MoskauDmitri Medwedew (AP)Russlands Präsident Medwedew fordert verbindliche Sicherheitsstandards für den Betrieb von Atomkraftwerken in aller Welt. In einer Botschaft zum Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl heißt es, es gehe um eine größere Verantwortung der Länder, die Kraftwerke betrieben sowie um Notfallpläne. Medwedew kündigte eine Initiative für das nächste G8-Treffen Ende Mai in Frankreich an.

Greenpeace projizierte in der Nacht per Lichtinstallation einen Totenkopf auf den havarierten Reaktorblock 4. Noch viele Generationen werden mit den gravierenden Folgen von Tschernobyl kämpfen müssen, sagt Tobias Münchmeyer, Atomexperte bei Greenpeace.

Wie viele Menschen infolge der Atomkatastrophe starben, ist bislang noch immer nicht geklärt. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 10.000 und 100.000 Opfern. Die Strahlenwolke breitete sich damals auch über Teile Westeuropas aus. Millionen Hektar Land sind noch immer verstrahlt.

Boris Rogoschkin war am 26. April 1986 der Schichtleiter im Atomkraftwerk von Tschernobyl. Seine Erinnerungen hat Reinhard Schneider für das Kalenderblatt im Deutschlandradio Kultur festgehalten.

Um Gelder für eine neue Schutzhülle, den sogenannten Sarkophag, zu bekommen, übertreiben die zuständigen Behörden nach Einschätrzung der Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS) die Angaben über die noch im Unglücksreaktor befindliche Menge an Kernbrennstoff. Dies sagte GfS-Präsident Sebastian Pflugbeil im Interview mit Deutschlandradio Kultur.

Sperrzone als touristisches Highlight

Die sowjetische Führung setzte damals zunächst alles daran, den Unfall zu vertuschen (Audio-Beitrag), berichtet Christina Nagel im Deutschlandfunk. Eine Nachrichtensperre wurde verhängt. Zunächst wurden auch die Einwohner der Stadt Pripjat in der Nähe des Atomkraftwerks im Unklaren gelassen.

Hals über Kopf mussten die 50.000 Einwohner die Stadt dann aber verlassen. Fast alle waren Angestellte des Kernkraftwerks in Tschernobyl. Heute kann man die Geisterstadt besichtigen, wie Robert Baag im Deutschlandfunk berichtet. Entgegen der behördlichen Empfehlung sind seit damals einige Menschen in ihre alte Heimat, in das Sperrgebiet um den explodierten Reaktor von Tschernobyl, zurückgekehrt. Sie leben nun einen Alltag mit Bequerel- und Cäsiumwerten, berichtet Axel P. Schröder im Deutschlandfunk.

Der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU), aufgenommen in Leverkusen.Der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) (picture alliance / dpa)Die schwarz-gelbe Bundesregierung hielt damals an der Atomkraft fest. Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister, bewertet im Interview mit dem Deutschlandfunk die jetzige Kehrtwende nicht als "kopflos", sondern als Chance durch die erneuerbaren Energien.

Wolodimir Usatenko ist einer der Liquidatoren von Tschernobyl (Audio-Beitrag). Er ist auf Besuch in Berlin und schildert unter anderem den Abgeordneten im Bundestag die Situation in Tschernobyl, berichtet Hanna Oshchypok im Deutschlandradio Kultur. Gute Nachrichten bringt er nicht mit.

Immernoch weist jedes zweite Wildschwein im süddeutschen Raum zu hohe Strahlenwerte auf, einige Waldpilz-Chargen sind weiter belastet. Strahlenbiologe Thomas Jung rät im Deutschlandfunk, sich vor dem Pilzverzehr beraten zu lassen - und sagt, wann die Belastung aufhört.

Die Kunst und die Katastrophe

Die Schwarzweiß-Aufnahme vom 13.12.2010 zeigt den Fotografen Rüdiger Lubricht (64) mit einer Plattenkamera in der Nähe von Tschernobyl.Rüdiger Lubricht fotografierte die Liquidatoren von Tschernobyl. (picture alliance / dpa)Tschernobyl hat weltweit auch die Künstler bewegt, sich mit der Katastrophe auseinanderzusetzen: Swetlana Alexijewitsch hat ein Buch über den Reaktorunfall von Tschernobyl geschrieben. Angesichts von Fukushima sagt die Autorin im Deutschlandradio Kultur: Die Menschheit hat nichts gelernt - und kann die Atomtechnologie nicht beherrschen. Kritik kommt auch von dem ukrainischen Schriftsteller Andrej Kurkow. Er bedauert, dass es in der Ukraine 25 Jahre nach dem Atomunglück von Tschernobyl keine gesellschaftliche Debatte über die Nutzung der Kernkraft gibt. Die 46 Millionen Ukrainer versuchen, "Tschernobyl zu vergessen und nicht viel darüber zu sprechen".

Seit 2003 reist der Fotograf Rüdiger Lubricht in das Sperrgebiet um den havarierten Reaktor in Tschernobyl, fotografiert Landschaften und oft auch Heimkehrer, die trotz der Strahlung ihre Heimat nicht aufgeben wollen. Die Schweizer Künstlerin Cornelia Hesse-Honegger fuhr für ein ungewöhnliches Projekt nach Tschernobyl. Sie hat dort Wanzen gesammelt - um sie zu malen.


Programmtipp:
Feature am 27.04.2011 um 00.05 Uhr im Deutschlandradio Kultur: Happy Birthday, Tschernobyl - Oder: Wie ich der Atomwolke entging, weil ich das Glück hatte, in Frankreich zu leben


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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:41 Uhr

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